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16.12.1898 Zweites Blatt
 
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Nr 2S5 Zweites Blatt Freitag den 16. December 189S

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Deutschland und Frankreich.

Schon oft ist die Frage erörtert worden, ob jemals eine intime Annäherung zwt'chen Deutichland und Frankreich »Szlich sei, und nicht unr tu deu beiden uächstdethetligteu Ländern ist fle lebhaft b haudelt worden, nein, auch die Prefie des Auslands bat sich deu Ropf darüber zerbrochen. Das ist freilich letcht erklärlich, da ja zum großen Tdeil auf den Beziehungen zwischen Berlin und Paris der europäiiche Friede bafirt. Fast unser ganzer Erdtheil würde voraussichtlich in ein Kriegslager verwandelt werden, wenn Deutschland oder Frankreich losschlageu würden.

Wer noch vor 10 Jahren gesagt hätte, daß man an der Seine jene Frage ernstlich bejahen könnte, wäre als reif erklärt für längeren Aufenthalt tu einem maieon de eante. Heute aber mehren sich doch schon die Stimmen, welche dasür eintreten, daß Geschehenes zu vergessen sei, daß man mit den Lhatsacheu rechnen müsse, und daß ein iorrgesetztes Schmollen gar nicht trn Interesse der grande nation liege. Diese An­sicht hat freilich noch nicht die Ooerhaad, aber sie findet doch mehr und mehr Anhänger, und es ist deshalb begründete Aussicht vorhanden, daß die bisher immer noch vorhandene Gefahr, eine schwache frauzöfische Regierung könne von der öffentlichen Meinung gezwungen werden, einen Krieg mit Deutschland vom Zaune zu brechen, geringer wird.

«au muß es den in letzter Zeit am Ruder gewesenen Regierungen der Nachdarrrpudlik ehrlich nachsagen, daß ihre Haltung gegen nns stets correet war. Wir erinnern unr an die Logo Angelegenheit, welche leicht zu Differenzen führen konnte, wenn der gute W lle auf einer Seite gefehlt hätte. Zu beiderseitiger Befriedigung ift diese Affaire er­ledigt worden, und Deutschland ist wahrlich nicht schlecht dabei gefahren.

Dir Juterefien der beiden Länder, wenigstens soweit fie dte internationale Politik betreffen, kreuzen fich nirgends, und mehrfach hat fich gezeigt, daß ein Zusammengehen sehr gut mV glich ist. Als es fich darum handelte, nach dem chinesisch- japanischen Kriege die Ausp.üche Japans auf das richtige Maß zurückzuführen, da machten bekanntlich Deutschland, Frankreich und Rußland gewein'arnr Sache, und fie setzten «ach ihren Willen durch- ebenso haben F-aukreich und Deutsch- land in einzelnen Phasen der Orientfrage gemeinsame An­schauungen vertreten. Den einzigen Differenzpunkt zwischen beiden Ländern bildet eben Elsaß Lothringen, und es ist kaum anzunehmen, daß jemals das B> streben der Franzosen, die verlorearu Piovinzeu wiederzugewinnen, ganz verschwinden wird, ebenso wie vielleicht noch Jahrhunderte lang eine Partei der Welfen, Dänen und Polen extftireu wird, welche die W ederherstellung der alten Verhältnisse herbtiwünscht.

Alles in Allem vertreten wir die Anschauung, daß wir neben unserem rQhbfeiube' sehr gut fortleben können, ohne daß ernstliche Reibungen entstehen, umsomehr, da heute der­jenige Staat, welcher leichtfertig einen Krieg beginnt, eine furchtbare Verantwortung auf fich nimmt, welche io leicht keine Regierung tragen wird. (XX)

Versuches Reich.

Darmstadt. 14 December. Seine Königliche Hoheit der Großherzig empfingen heute den Präftdeuteu der Ober- rechuungskammer Lord ach er, den Geheimen Juftizrath Römheld, deu Kirchrnrath Deean Heß aus Crumstadt, deu Oberbaurath Schneider, den Regiernngs- und Bau­rath Winkler und den Eisenbahudtreetor Farw'ck aus Mainz, deu Bhmnafiallehrer Ploseffor Pro sch aus Offenbach, den Commerzieurath Georgi auS Gießen, den Steuerrath Lehr aus Heppenheim, den Theaterdirector Simons und den Oberpostseeretär Meule ans Mainz, den Pfarrer Freieusehnrr ans Lindenfels, den Lehrer Ustugrr auf Fauerbach v. d. H, deu Pfarrer Hainebach ans Wersau, den Bürgermeister Resch auf Mörlenbach, den Ortsgerichts­mann Weis aus Heppenheim, den Gemeindeeinnehmer Schorck auS Hambach, den Polizeiwachtmeister Kasper auf Gießen, deu Gemriudeeinuehmer März aus Waschenbach, deu Kleisstraßeumeister Engel aus Oppruhrim, den I. Guth mann ans Eich, die Christine Storck aus R.eder-Klingen; zum Vortrag deu Staatsminifter Rothe, den Cab'netsrath Römheld, den Cabinetsbibliothekar Dr. Lennert.

Berlin, 14. December. Der Kaiser hat fich heute früh um 8 Uhr zur Hofjagd nach Springe begeben, wo« selbst er Nachmittags um l/j Uhr eingetroffen ist. Au der Hosjagd nimmt auf Einladung des Kaisers auch der Reichs­kanzler Fürst Hohenlohe Thtil.

Berlin. 14. Dicembtr. Der Seniorenconvent deS Reichstags trat heute nach Schluß der Pleuarfitzung zu­sammen und wurde dahiu schlüsfig, daß morgen, Donnerstag, die Weihnachtsferien beginnen und fich bis zum 10. Januar erstrecken sollen. Im neuen Jahre wird alt erster Gegen­stand die MtltiSrvorlage auf die Tagesordnung gesetzt werden. Die Commisfionen werden nach dem Stärkeverhältniß der Parteien besetzt werden, nach denselben Grundsätzen, die früher maßgebend waren. Für die ständigen Commisfionen sollen die Vorfitzenden der vorigen Sesfiou, soweit fie wiedergewählt find, beibehalten werden.

Balte, 14. December. Ueber Ausweisungen spricht fich Heinrich v. Treitschke in dem demnächst erscheinenden zweiten Band der »Politik" folgendermaßen au«: Wie schwierig diese Dinge stad, wird sofort klar, wenn man das Gebiet des internationalen Privatrechts näher betrachtet. Da kommt man sofort wieder auf die Wahrnehmung, daß all; solche iuternationalen Verpflichtungen immer einen Vorbehalt in fich schließen: den der Sicherung des eigenen StaaiS. Mözen wir noch so viele Verträge schließen Über internationales Privatrecht, immer ist der Vorbehalt: vorausgesetzt, daß uns ein Ausländer nicht lästig wird. Ausländer, die ihm lästig fallen, muß ein Staat ausweisen, und zwar ohne Angabe der Stünde, auch wenn er einen Vertrag geschloffen hat, welcher der Regel nach den Untertanen des anderen Staates den Aufenthalt sichert. So pflegt «an Leute anszuweisen, welche «an als Spione oder halbe Agenten beargwöhnt; wollte «au

sich darüber erst noch in E v ternngen etnlaffen, so würden die meist sehr unangenehmer Natur fein und nur das ver- HSltniß der Staaten verschlimmern. Dtßhalb ist eS ein ganz vernünftiger Grundsatz, daß jeder Fremde sofort anSgewieseu werden kann mit der einfachen Erklärung: Du bist nuS un­angenehm. Mau muß an diesem Recht unbedingt fefihalteu, weil sonst die ehrlichen Leute im Auslande nicht unbeiästigt blieben; was hart erscheint aus den ersten Blick, läuft so da Sache nach auf wirkliche Humanität hinaus.

Cecalet unb provinzielles»

+ Echzell L d. w., 15. December. Gestern feierte» unser Bürgermeister H. Reitz und seine Gattin Katharina geb. Muth das silberne Hochzeitsjubiläum. Die von Einheimischen und vielen Auswärtigen dargebrachten Glückwünsche und Geschenke, sowie Ovationen am Abend lieferten einen schönen Beweis dafür, daß die Genann­ten allenthalben fich großer Achtung und Beliebtheit er­freuen. Die zu Nieder Mockstadt ausgebrocheu gewesene Viehseuche ist erloschen, und find die Sperrmahregel» wieder aufgehoben worden.

N. Ans de« Ridderthale, 14. December. Aus unsere» großen und V c ualstratzen herrscht Taunenduft und Harz­geruch, ein Zeichen dafür, daß das Christfest herannaht, denn tausend und übermal tausend Weihnachtsbäumcheu gehen jetzt vorn Vogelsberge in die Welt hinaus. Die Bohrungen in der Forstwartei Fivkrnloch, wo im Laufe des Sommers Silbererze zu Tage gefördert wurden, die natürlich mit großer Freude und großen Hoffnungen begrüßt wurden, find auf ungeahnte Schwierigkciten gestoßen. Der Bohrer fitzt auf Fels und der Wasserzudraug ist so stark, daß er mit einer Dampfpumpe bewältigt werden muß. Auf dem sog. Kouradskloster (1191 vou Graf Hartmann von Büdingen reich auSgestattei) wird jetzt eine neue Wasser­leitung auf herrschaftliche Kosten angelegt. Schon vor 700 Jahren klagten die Llosterlente über Waffermangel, obgleich fie einen tiefen, werten Brunnen g'g aben hatten, der heute noch vorhanden ist, aber nicht genügend Waffer gibt Die alte Klosterkirche, in welcher fich noch etliche alte, intereflante Grabdenkmäler befinden, wird als Pferdestall benutzt. Schade drum!

Bad-Nauhei«, 14. December. Die Eingabeder Stadt Bad Nauheim betriff! Gewinnung des neu zu formireudeu 3. Bataillons des 5. Großh. Hessischen Infanterie Regiments Nr. 168 wurde heute durch Herrn Bürgermeister Wömer an doS König!. Preußische Kriegsministerium noch Berlin ab­gesandt. In dem Gesuch wird hervorgehoben, daß unsere Stadt mit Wasserleitung, Kanalisation und Klärbtckeuanlage versehen ist. Weiter wird darin betont unsere vorzügliche Volksschule, die Realschule in dem nahen Friedberg und Butz­bach, ebenso daS humanistische Gymnafium tn Friedberg. Hin­sichtlich der Erbauung einer Kaserne macht die Stadt die weitgehendsten Coueesfionen, ebenso bezüglich des anzulegende» Exerzierplatzes, wozu die günstigsten Terraiuverhältniffe vor-

Feuilleton.

Areie öffentliche Iiöklotyekeir.

Die Bewegung, »Freie öffentliche vtbl othrken (Bücher- hallen)" tu Deutschland zu begründen, nimmt ihren Fortgang. Langsam zwar, wie dies bei allen tief einschneidenden «entr­ungen der Fall zu fein pflegt, aber unaufhaltsam bricht fich d e Ueberzeugnug Bahn, daß uofer aus seine Bildung mit Recht stolzes Volk nicht länger zögern dürfe, die in England vnd Amerika so glänzend bewährte Einrichtung der Free Public Libraries auch hierzüande «inzuführeu, wenn anders es nicht Gefahr laufen will, auf einen wichtigen Gebiete des volksdildnngswefens nicht überholt dies ist bereits geschehen, sondern dauernd tn den Schatten gestellt zu werde».

Nach Männern, die, wie dies in den genannten Ländern so Überraschend häufig geschieht, mit fürstlicher Freigebig- leit die öffentlichen Bibliotheken fördern, schauen wir uns in Deutschland noch vergeblich um. Es fehlt durchweg zu sehr das verstäudniß für die Wichtigkeit der Einrichtung, nament- sich auch in socialer Beziehung.

Daß die freien öffentliche« Bibliotheken unter Anderem nicht nnr gegen die Verrohung der Heranwachsenden Jugend vielfach einen wirksamen Dam« bilden, sondern selbst dem Alkoholismus mit seinen verderbliche» Folge» erfahrungs­

gemäß anderswo Abbruch thnu, sieht man bei uns noch ebenso wenig ein, wie die segensreichen Wirkungen jener Anstalten auf die Bildung des Volkes überhaupt, «och glauben viele, es handle fich bei der ganzen Bewegung um eine neue, wenig veränderte Auflage der »volksbibliothek". Nichts ist verfehlter. Die Bolksbibliothek der alten Schule hat ab- gewirtbichaitet Eine Leihaustalt für Unbemittelte ist keine Free Public Library. Was fich diese zum Z'el setzt, kommt dem ganzen Volke zu gute, de« Armen und Reichen, dem Hohen und Niedrigen. Und auf diese Weise wird fle zu eine« bedeutsamen Factor im nationalen Leben des Volkes, der auch die Schule ergänzt und für gewiffe Altersstufen ersetzt.

Eiufichtige haben die Anregung') mit Freuden begrüßt, man möge der für Posen geplanten »Kaiser Wilhelm-Viblio- thek-, der die deutschen Verleger eine so hochherzige Theil- uahme entgegenbringen, den Charakter einer freien öffent­lichen Bibliothek geben, in der »intet steter Berück­sichtigung der wissenschaftlichen Literatur, aber unter Ausschluß der für femliegenbe Specialstudieu berechneten Werke die volksthümliche Literatur, die Jugendschrifteu mit ein­begriffen, einen hervorragende» Platz einuegmen, deutsche Geschichte und Literatur .tm Mittelpunkt stehen würden". Der Zweck der zu begrüudeudeu Bibliothek, das Deutschthum

) Ernst Jeep in der .Tägliche» Rnebf^tn* vom 3. Sep­tember 1898.

zu stärken, würde dadurch am sichersten erreicht; die 8e- sorguiß, der Delbrück*) Ausdruck verliehen hat, daß eine rein wissenschaftliche Bibliothek de« Polenthurn eher als de« Deutschthum förderlich sein könnte, wie tm »Centralblatt für Bibliothekswesen" (1898, S. 519) mit Recht hervor- gehoben wird, gegenstandslos werden. Die Verwirklichung jenes Gedankens aber würde zur Popularifirnng der Idee, freie öffentliche Bibliotheken zn schaffen, tm Laufe der Zeit mehr beitragen, als dies tausend Wanderpredtger zu thun vermöchten, und sprächen fie mit EagelSzungen. vorlänsig freilich « noch ein Echo gesucht werden für jede Stimme, die fich mit guten Gründen und praktischen Vorschläge» z» Gunsten freier öffentlicher Bibliotheken vernehmen läßt. Darum möge an dieser Stelle auf die Ausführungen htn- gewiesen fein, die der um die Bewegung, freie öffentliche Bibliotheken in Deutschland zu begründen, verdiente Dr. Ernst Jeep") von der Königlichen Bibliothek zn Berlin tn eine« zu Steglitz gehaltenen Vortrag) »Die Reform bes deutschen Bibliothekswesens", entwickelt hat.

»Ja dem Stolze auf ihre Public Libraries" sagt Jeep, »finden fich Engländer und Amerikaner zusammen,

*) In deu »Preußischen Jahrbüchern" 1898, (Septemberbeft

) Sir verweisen besonders tut feine Schrift: Central-Lolks- bibliotfrf 1896, bie jetzt tn ben CommisfionS-Derlag von 5«L Zwißler tn Wolfenbüttel Übergebungen ist.

*) Ausführlich wiedergegeben tm .Steglitzer Anzeiger" 1898, Nr. 241 u. folg.