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Nr. 190 Erstes Blatt. Dienstag den 16 Augü'i 1893
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Darmstadt, 13. August, «eine Königliche Hoheit der 'Grvßheizog werden sich nächsten Freitag nach Mainz be» geben, um dort am SamStag, 20 August, Seine Majestät den Kaiser zu empfangen und mit Allerhöchstdemselben der Truppenübung ans dem Großen Sand beizuwohnen, nach deren Beendigung tm GroßherzogUchen Palais Tafel statt- findet.
Kastel. 14. August. Der Kaiser hat gestern Nach, mittag bet einem Spazierritt einen Unfall erlitten, welcher glücklicherweise keine nachteiligen Folgen gehabt hat. In der Nähe bei Herkules drängten sich Damen an den Monarchen heran, um ihm Blumensträuße zu überreichen. Als der Kaiser dieselben nehmen wollte, bäumte sich plötzlich das Reitpferd hoch auf, so daß der Kaiser zu Fall kam. Er hat keinerlei Schaden erlitten. Urder den Unfall scherzend, be« stieg der Kaiser ein anderes Pferd und ritt nach dem Schlosse zurück.
Berlin. 13. August. DerAusschuß der Studenten. Bereinigungen tritt heute hier zusammen, um über die Maßnahmen zu berathen, die anläßlich der Beisetzung des Fürsten Bismarck in dem neuen Mausoleum in Friedrtchsruh zu tri ff tu sein werden.
Berlin, 13. August. Arbeiterversicherungs. Gesetz. Daß dem Rrichstage in seiner nächsten Tagung eine Novelle zum Jnvalibitäts» und Alrersverficherungsgesetz zugehen wird, ist vom Staatssekretär des RelchSamts des Jauern, Staatsmintster Graf von Posadowsky schon In der ReichStagsfitzung vom 16. December 1897 ganz bestimmt in Aussicht gestellt worden. Dagegen kann als ziemlich sicher angesehen werden, daß eine Unfallversicherung-Novelle dem Reichstage in der nächsten Tagung nicht vorgelegt werden wird. Abgesehen von anderen Gründen spricht dafür der, daß man in der vorletzten Reichstagstagung zu schlechte Er. fahrungen mit der Vorlegung zweier umfassender Novellen zu Lrbeiterversicherungsgesetzen gewacht hat, um den Versuch zu wiederholen.
Berlin. 13. August. Die Rechtsverhältnisse im Kiautschougebiet. Nach einer beim RetchSmarineamt eingegangenen Meldung ist der Amtsrichter Dr. Gelpcke, der zum kaiserlichen Richter für da- Kiautschougebiet ervavnt wurde und gleichzeitig die Garnison-Auditeurgeschäfte beim dortigen Gouvernement auSznüben hat, am 11. Juli nach Beendigung der Ausreise an seinem Bestimmungsort eingetroffen und hat sein neues Amt als kaiserlicher Richter u. s. w. tm Schutzgebiet angetreten. Die Rechtsverhältnisse im Kiautschougebiet find gesttzzeberisch bereits durch eine 'kaiserliche Verordnung vom 27. April dieses Jahres geregelt,- letztere beruht auf dem Gesetze betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete vom Jahre 1888, sodaß tu Kiautschou alle Personen mit Ausnahme der Chinesen dem deutschen Rechte und Gerichte unterstehen. Inwieweit auch die Letzteren der Rechtsprechung durch da- kaiserliche Gericht unterliegen, bestimmt der Gouverneur- eS wird dies namenr- lich dann der Fall sein, wenn In Stcettsacheu zwischen Europäern und Chinesen zu entscheiden ist. Im Uebrigen laßt die Regierung deS Schutzgebiet- den namentlich für die chinesischer, Verhältnisse berechtigten Grundsatz gelten, daß man die Eingeborenen ihren altgewohnten Sitten und Rechts- formen überläßt. Die Chinesen verknüpfen besonders mit ihrem Familien, und Erbrechte uralte, ihnen heilige An- i schauungen religiöser Natur, die es unseren Juristen nahezu unmöglich machen würden, den Traditionen des Landes Rechnung zu tragen. DaS Gouvernement beabsichtigt deshalb, eine gesonderte chinesische Gerichtsorganisation im Schutzgebiet herbeizuführen, letzteres in mindestens drei GerichtSbezirke rinzutheilen und für diese Chinesen als Richter der Ein. geborenen zu bestellen, sobald e- gelungen sein wird, geeignete Persönlichkeiten hierfür ausfindig zu machen. Durch diese Maßnahmen wird ein weiterer, nicht zu unterschätzender Schritt zur friedlichen Entwickelung von Ktaulschou gethan.
Berlin. 13. August. BiSmarckstiftung de- Alldeutschen Verbände-. Bon einem Mitglied? de- Verbandes, dessen Name zur Zeit noch nicht genannt werden kann, ging dem Vorsitzenden des Verbandes folgendes Schreiben zu: „Anläßlich deS Hinscheidens unseres National. Helden möchte ich die Anregung dazu geben, daß ein Fonds gesammelt werde, aus dessen Mitteln das Demschthum, die Stellung Deutschlands in der Welt, die wir BiSmarck verdanken, gefördert und gestärkt werden können. ES wäre schön, wenn der Alldeutsche Verband die Initiative zu einer solchen Sammlung ergriffe. Der gesammelte Betrog wüßte dann aber unter eine gesonderte Verwaltung gestellt werken
und seine Verwendung statutarisch festgelegt werden. Ich selbst würde, wenn Sie meinen, daß der Verband mit aller Kraft in die Sache eintreten kann, bereit sein, mit 10,000 M. den Reigen zu eröffnen." Die Angelegenheit wird den ge« schästsführenden Ausschuß in seiner nächsten Sitzung beschäftigen und voraussichtlich besten Zustimmung finden. Schon heute bittet der Verband Freunde, die sich an dem Unternehmen betheiligen wollen, um ihre Erklärungen. Im Anschluß an diese erfreuliche Mittheilung können wir eine weitere ebensolche machen. Eines der opferwilligsten Mit. glteder des verbandel erklärte dem Vorfitzenden des Verbandes an demselben Tage, an dem der obige Brief eingtng, daß er beabsichtige, der Deutschen Volksbank für Böhmen in Leitmeritz einen größeren Betrag als Darlrhu, die Zinsen aber und später das Capital selbst dem Waisenhause in Neuzedlitz zur versügung zu stellen.
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Budapest, 14. August. Aus Ischl wird hierher ge- meldet: Der Empfang Banffhs beim Kaiser sei äußerst mäßig gewesen. Wie verlautet, wird die eudgiltige Ent- schetdung über die schwebenden Fragen erst Ende dieses Monats erfolgen. Allseitig wird aber bestätigt, daß sich die politische Lage bedeutend gebessert habe. Eine baldige Lösung der KcifiS soll in Aussicht stehen.
Rom, 14. August. Das Programm des Marine- Ministers verwirft den wetteren Ban großer Kriegsschiffe, wie „Duilio" und „Davbolo", und empfiehlt die Vermehrung der Panzerkreuzer vom Typus der Varese und Garibaldi, den Bau einer sehr schnellen Torpedojäger-Flottille und einer Anzahl sehr schneller Kreuzer von der Art des „Beuedetti" und „Brin". Einige Torpedojäger sollen bei Schtchau in Danzig in Auftrag gegeben werden, andere in Italien gebaut werden
Brüste!, 14. August. Bei der gestrigen Gruben. Katastrophe in Mariemont find 14 Bergleute ver- unglückt. Ein 19jähriger Arbeiter wurde tobt heraufbefördert, ein anderer ist seinen Wunden erlegen. Die übrigen zwölf Bergleute befinden sich tm Hospital.
Paris, 14. August. Der Marineminister Lockroy be- nbfichtigt, tm September an den Flottenmanövern des Mittel« meer>GeschwaoerS thrilzunehmen, welche zwischen Toulon, Corfica und Biserta stattfinten, und bei dieser Gelegenheit alle Berthe,digungSwerke der französischen Mittelmeerküste zu besichtigen.
Paris, 14. August. Im Velodrom im Parque de France begann gestern Abend um 6 Uhr daS internationale 72 - Stundenrennen. Bet der Abfahrt zählte man
35 Teilnehmer. Die Sonnenhitze vertrieb heute Über die Hälfte der Theilnehmer. Um 6 Uhr Abends liefen nur noch 15 Den 500 Franc- Preis für die ersten 24 Stunden errang der Schweizer Frederique mit 696 Km. Zweiter war der Amerikaner Müller. Bisher waren leichte Unfälle durch Stürze zu verzeichnen. Der hier anwesende Botschafter Marquis be NoailleS weilte eine Zeitlang unter ben Zuschauern.
Loudon, 13. August. Die gesamwte Presse organisier einen energischen Felbzug gegen das belgische Synbtkar in China wegen der Concession und des Baues der Eisenbahn Peking-Hankau. Alle Blätter fordern die Regierung ans, gegen das von Rußland und Frankreich umerstütz'e Syndikat energisch Front zu machen und die Con. cesfion rückgängig zu machen.
Sofia, 13. August. Infolge einer Weisung aus Peters- bürg wird die Nachricht vom Abschluß einer Allianz zwischen Bulgarien und Montenegro in hiesigen amtlichen Kreisen entschieden bestritten. Die reelle Union, von welcher Fürst Nikita in seinem Toaste gesprochen, sei nni eine überschwengliche Redewendung, ans welche Fürst Ferdinand in seiner Antwort in keiner Weise reagirt habe.
Konstantinopel, 13. August. Die Pforte richtete an Ihre Botschafter in Wien, Parts, London und Petersburg neuerdings eine Note betreffend Kreta.
New-York, 13. August. Frieden-sttmmung in Nordamerika. Im Allgemeinen hat das amerikanische Publikum im Augenblick nicht viel danach gefragt, die Einzelheiten über die FriedenSuuterhaudlnngen zu erfahren. DaS ersehute Wort „Friede" genügte ihm. E- hätte eine große Enttäuschung gegeben, wenn sich die Hoffnungen der letzten Tage nicht erfüllt hätten. Die Gründe find mehr al- bloß empfindsamer Art. Geschäftliche Rücksichten treten dabei in ben Vordergrunb. Die Geschäftswelt war zu bei Anficht gekommen, baß ber Friede nahe sei, und jeder Kaufmann in
den Vereinigten Staaten hat seine Pläne danach eingerichtet. Schnell steigende Wohlfahrt, ein gewaltiger Handelsverkehr im Herbste, ein allgemeines Wiederaufleben des Großgewerbes, darauf rechnet man in den Bereinigten Staaten und glaubt fich nicht zu irren. Der Gedanke des Volkes wendet sich schnell vom grimmen Kriege zu den Segnungen des Frieden-, die freilich zum nicht geringen Theil in eine fieberhaft übertriebene Gründerthätigkeit ausarten dürsten.
— Seltsame Nachrichten kommen aus Amsterdam über Ereignisse, welche auf die im September bevorstehende Krönuug-feier der Königin Wilhelmine einen dunklen Schatten werfen. Es ist nämlich ein Au-stand unter den Arbeitern, insbesondere Ziwmergeselleu, au-gebrochen, welche bei den Vorbereitungen zu den Festlichkeiten beschäftigt find. Der Au-stand kommt nicht plötzlich, er scheint vielmehr sorgfältig vorbereitet. Sozialistische Einflüsse spielen dabei eine hervorragende Rolle, da der Schriftführer de- Strike- Ausschüsse- ein bekannter Sozialdemokrat ist und die Sozialisten im Lande allenthalben Versammlungen abhalten und eint lebhafte Wahlthätigkeit entwickeln. Handelt fich- nm eine Lohnfrage oder um eine Kundgebung gegen da- Herrscher- Hau- ? Beide- geht wohl in diesem Falle, wie es scheint, Hand in Hand- vornehmlich jedoch dürste eine Störung der Kröuung-feierlichkeiten bezweckt sein. Unter Umständen, kann allerdings der Au-stand zu einer Einschränkung derselben führen. Nach dem amtlichen Entwürfe wird Königin Wilhelmine, welche am 31. b. ihr 18. Lebensjahr vollendet, am 5. September in der Amsterdamer Uaionktrche den Eid ablegen und die Huldigungen entgegennehmen. Der Einzug der jugendlichen Königin sollte fich unter besonders feierlichen Veranstaltungen, für welche großartige Vorkehrungen getroffen wurden, vollziehen. Angesicht- des Ausstandes und der sozialistischen Einspruchs-Wühlerei gegen die Feierlichkeiten ist jedoch das Gerücht verbreitet, die Königin werde, falls der Streik bis 15. d. nicht beigelegt sein sollte, alSbald nach Ablegung deS Eides auf die Verfassung und Entgegennahme der Huldigungen die Hauptstadt wieder verlassen. Vorläufig stehen die weitaus meisten Arbeiten für die Straßen- ausschmückuug und den Tribüueubau still und ist der Versuch, auswärtige Arbeiter einzustellen, gescheitert, ba die Neuangekommenen, durch Vorstellungen und Drohungen eingeschüchtert, Amsterdam wieder verließen. ES stehen zwar schon ia einzelnen Stadtthe len verschiedene Zuschauertribünen, tritt aber kein Wandel ein, dann wird man fich statt der reichgeschmückten Straßen, für die schon seit Monaten große Summen gezeichnet worden sind, mit dem einfachen Flaggen- schmuck begnügen müssen. Die Frauen der Ausständiichen halten fest zu ihren Männern und haben in einer soeben erst abgehaltenen Versammlung beschlossen, autznharreu, „so lange noch ein Stück Leinen im Hause sei".
Jahresbericht der Grotzh. Handelskammer Gießen für 1897.
(Schluß.)
10) Getreidegeschäft.
Das Getreidegeschäft am hiesigen Platze hat tm Jahre 1897 einen erwähnenswerthen Aufschwung genommen. Die Veranlassung hierzu war zunächst das gut geerntete Getreide, insbesondere Weizen, welcher schön und trocken in seiner Qualität sofort mit Beginn der Ernte lohnenden Absatz nach Baden, Württemberg und insbesondere Elsaß-Lothringen fand. Roggen, besten Qualität zwar auch eine gute war, blieb in seiner Quantität gegen frühere Jahre entschieden zurück, so daß der vorhandene Roggen den Brotbedarf nicht deckte, diese Fruchtart aus anderen Gegenden bezogen werden mußte und in noch weit größerem Maße von jetzt bis zur neuen Ernte herbeigeschafft werden muß. Gerste war sowohl hinsichtlich der Qualität, als auch der Quantität, insbesondere in der Wetterau zufriedenstellend ausgefallen. Dieselbe verkaufte sich auch deshalb leicht zu steigenden Preisen, sowohl an hiesige größere Brauereien, als auch zum Versandt nach Baden und ben Rhein abwärts. Hafer und sonstige Kraftfuttermittel find succefive im Preise gestiegen und fanden schlanken Absatz. Aus Allem geht somit hervor, daß, wie dies ja selbstverständlich ist, solche Eonjuncturen soliden Getreidegeschäften, welche nur zwischen Producenten und Consumenten den Verkauf vermitteln, (ohne eigentliche Sprculation) Nutzen bringend find. Im Großen und Ganzen war deshalb das Geschäfts- ergebniß durchaus zufriedenstellend.
11) Hutfabrikation.
Das Berichtsjahr kann im Allgemeinen als für die Hut- brauche günstig bezeichnet werden. — Es herrschten durchweg


