Ausgabe 
15.9.1898 Erstes Blatt
 
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würdige Gewohnheit beobachtet wurde, war rin Hügel mitten in einer Wüste, der mit Uucca» und Agaven bestanden war, aber die nächsten Elchenbäume waren 30 Meilen davon tat» ftrnt, so daß diese erfindungsreichen Vögel, wie leicht zu br rechnen, einen Flug von 60 Meilen zu machen hatten sür jede Sichel, die fir für fich aufhebev wollten. E n vogelkundiger be- Merkt dazu: ES find in diesen Thatsachen mehrere seltsame Züge zu bemerken: erstens der Instinkt der Vorsorge, der diese Vögel antre'bt, Wintervorrathe anzusammeln, zweitens die große znrückgelegte Strecke, um ein sür die Gattung so unge- WöhnlichrS Futter zu sammeln- und drittens daS abgelegene, seltsame, von ihre« Wohnbezirk weit entfernte BorrathShauS. ftann der Instinkt dergleichen an und für fich lehren oder haben Erfahrung und Intelligenz diese Vögel gelehrt, daß solche verborgeneHöhlunqen in den Stengeln entsernt wachsender Pflanzen bessere verstecke liesern, als R ffe der Baumrinden oder Felsspalten."

* Der pflichteifrige Referendar. Der kürzlich in Berlin verstorbene Schriftsteller Erich Fließ war unsprünglich Jurist. Au- seiner Referendarzeit erzählte er einst die folgende nied­liche Geschichte, die jetzt von der ,9r. 3-* veröffentlicht wird: Ich war damals als Referendar in der westpreußifchen Kreisstadt 3E thätig wenn ich mich so ausdrücken darf. Bei meinem Vorgesetzten stand ich gerade nicht in dem Rufe einer besonderen Rechtsbeflissenheit. Dagegen galt ich in der Damenwelt für einen der schneidigsten Tänzer da- söhnte mich einigermaßen mit dem Schicksal au«. Eines Abends kam ich Morgen» um halb acht Uhr von einer ungeheueren Kneiperei nach Hause das heißt, ich hatte wenigsten- die Absicht. Unterwegs überlegte ich mir aber, daß, wenn ich jetzt zu Bette gehen würde, keine Macht der Erde, nicht ein­mal eine freundliche Wirthin, im Stande wäre, mich den Federn zu entreißen. Und ich hatte um 10 Uhr Vormittags bereit- meines Referendaramte- zu walten. Nm lO UHr brrr! Ich beschloß also, nachdem ich eine kleine Lustpromenade ge­macht hatte, mich direct in das Gerichtsgebäude zu begeben. Al» der Gerichtsdiener um 9 Uhr das Zimmer betrat, war er vor Staunen einem Schlaganfall nahe--ich war

schon da! Merdings schnarchte ich, daß man es bis auf den Marktplatz hinaus hörte. Nur mit den allergrößten An­strengungen gelang es dem wackeren Manne, mich zu erwecken. Ich befand mich in einem geradezu fürchterlichen Zustande eines starken ausgeprägten Katers.Schlohmann!" stöhnte ichroenn Sie noch einen Funken von Menschlichkeit in Ihrer Brust haben, so holen Sie mir sofort einen sauren Hering! Der allein kann mich retten!" Schlohmann stürzte hinaus, und eben beugte ich mein bleischweres Haupt zu den Acten, um von Neuem sanft zu entschlafen, als die Thüre aufgerissen wurde und ein sehr würdig aussehender älterer Herr mit einem energischenGuten Morgen" hereintrat. Ich erhob mich mühsam:Mit wem habe ich die Ehre?"Ober- landeSgericht-präsident Z. l" Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, derOber" war ganz unerwartet zur Jnspection gekommen.Auf welche Stunde ist der erste Termin ange- sctzt. Herr Referendar?"Auf 10 Uhr, Herr Präsident!" Und da fitzen Sie bereit» j.tzt eine Stunde früher bti den Acten, Herr Referendar!? Da» freut mich außerordentlich und beweist einen schönen Eifer für Ihren Beruf!" Ich glaubte, zu träumen, verspürte dann verdammte Lust, in ein Höllengeläckter auszubrechen, faßte mich aber noch glücklicher­weise und stammelte errölhend:Herr Präfident, die liebens­würdige Anerkennung, die Sie m-inen schwachen Bemühungen zollen, macht mich unendlich glücklich und wird mir ein An- sporn sein, auf dem betretenen Wege rüstig vorwärts zu schreiten!" In diesem Augenblick öffnete fich abermals die Thür, und auf der Bildfläche erschien der Gerichtsdiener Schlohmann mit einem sauren Hering, der malerisch auf einem Teller ruhte. In meiner Todesangst machte ich Schloh­mann verzweifelte telegraphische Zeichen, und der Gerichts­diener verstand sofort die Situation. Mit einem Ruck ich werde dies dem edlen Manne nie vergessen ließ er ben sauren Hering unter seinem Uniformrock verschwinden. Sie sehen leidend au«, Herr Referendar!" sagte derOber" Sie sollten sich nicht überarbeiten!" Weiß der Teufel, wie es zuging, noch niemals waren die Richter, die Schreiber

und die Referendare unseres Gericht» so spät gekommen, wie gerade an diesem Tage. Immer düsterer wurde da» Gesicht de» Oberlandesgericht-präfidenten, immer tiefer gruben sich die Furchen ferner olympischen Stirn. Man stelle fich da» Entsetzen der Verspäteten vor, al- sie den Mann erblickten, der ihrer harrte. Ich wälzte mich innerlich vor Vergnügen, al» ich die betroffenen, verdutzten, erschreckten Gesichter sah.

Wöchentliche Uebersicht der Todesfälle in Gießens

37. Woche. Born 4. September bis 10. September 1898.

(Einwohnerzahl: angenommen zu 24 100 (tad. 1600 Mann Militär). Sierblichkeit-ziffer: 15,10°/*.

E- starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom

Herzleiden

1.Lebensjahr: 2.IS.Iahr:

1

1

_»

Ntermmlzündung

1

1

Darmcalarth

3

3 -

Masern

1

1

Tarmtuberkulose

1

1

Summa:

7

2

4 1

Gottesdienst in der Synagoge.

Samstag den 17. und Sonntag den 18. September, Neu­jahrsfest.

1. Tag: Borabend 6 Uhr, Morgen- 7" Uhr, Predigt »'/« Uhr, Nachmittags 4 Uhr, Abends 7» Uhr.

2. Tag: Vorabend 7J Uhr, Morgens 7 Uhr, Predigt 8/« Uhr, Nachmittags 4 Uhr, FestauSgang 7» Uhr.

Temperatur der Lahn und Luft nachReaumur gemessen am 14. September, zwischen Hu.l2UhrMittag»: Wasser 151/,0, Luft 16°.

Rübsamen'sche Badeanstalt.

Neueste Nachrichten.

Depeschen de» BureauHerold".

Berlin, 14. September. DemKleinen Journal" wird an- Brüssel gemeldet, daß die belgische Königin nicht unbedenklich erkrankt ist.

Wien, 14. September. DerNeuen Freien Presse" zufolge ist da» Testament der Kaiserin Elisabeth, da» vom October 1896 datirt ist, Montag geöffnet worden. E» ist ziemlich kurz und eigenhändig niedergeschrieben. Der Kaiser kennt den Inhalt desselben. Schloß Lantz soll der Ltebltng-tochter, der Erzherzogin Valerie, zufallen, während da» Achilleion auf Eorfu an die Erzherzogin Gisela übergehen soll. Der Kaiser erhält da» Nutzungsrecht von dem Baar­vermögen, welches für die Enkelkinder bestimmt ist, besonder» für die Erzherzogin Elisabeth, die Tochter der Kcouprinzesfin. Ferner enthält da» Testament Legate für die Hofdamen und Personen au» der Umgebung der Kaiserin. Die Schmuck­sachen der Kaiserin sollen bereit» vor Jahren verkauft und der Erlös theilweise zum Bau de» Achilleion, theilweise zur Unterstützung fürstlicher verwandter verwendet worden sein. Noch am Samstag erhielt der Kaiser einen Brief von der Kaiserin mit der Nachricht, daß fie fich recht wohl fühle. Der Kaiser soll wiederholt die Hoffnung ausgesprochen haben, daß da» furchtbare Ereigniß die scharfen Gegensätze der Parteien mildern werde. Zum Leichenbegängntß der Kaiserin haben sich angemeldet: Kaiser Wilhelm, die Könige von Sachsen, Rumänien und Serbien, der Prinzregeut von Bayern, sämmtliche bayrische Prinzen und Mitglieder der Herrscherfamilieu von Rußland, Italien, England sowie anderer Staaten.

Budapest, 14. September. Die Sammlungen für da» Monument der Kaiserin Elisabeth haben bisher 40000 Gulden ergeben.

Budapest, 14. September. Ja einem hiesigen Ver­gnügung« Etablissement kam es zu Ruhestörungen, welche fich gegen die Italiener richteten. Einige italienische Sänger wurden von den Studenten auSgepfiffen.

Budapest, 14. September. Zwischen dem Mitgliede de» Magnatenhauses, Bela Just und dem Grafen Emmerich Karolyi, fand ein Duell statt. Bride wurden schwer verletzt.

Krakau, 14. September. Die westgalizische Stadt Glogow steht in Flammen, vtsher find über hundert Wohnhäuser und eine «trche niedergebrannt.

14. September. Der Lohnstrike bei der österreichischen Waffenfabrik ist zu Gunsten der Arbeiter er.t. schieden^ worden. E» findet keine Lohnreduction statt.

Görz, 14. September. Die Gährung -wischen den slowenischen und italienischen Arbeitern nimmt einen bedrohlichen Eharacter an. Es haben bereit» viele Zusammenstöße stattgefunden. Die Hänser der Italiener wurden mit Koth beworfen.

Triest, 14. September. Gestern Abend zwischen 10 und 11 Uhr haben fich die Ausschreitungen in verstärkte» Maahe wiederholt. Dem Triester Pöbel hatten fich Slawen au» dem District angeschlossen. Der Angriff auf die Union Gymuastika wurde wiederholt. Seitens der Angreifer wurden zahlreiche Revolverschüffe abgefeuert, welche feiten» der Bet» etnimitglieder erwidert wurden. Dabei gab e- auf beiden Seiten viele verwundete, darunter zwei Polizisten. Sin anderer Trupp Excedenten bombardirte da» Krankenhaus mit Steinen. Da» italienische Eonsulat wird fortwährend von Militär bewacht. Der Pöbel wüthete bis in die Nacht hinein.

Nom, 14. September. Die Meldung, daß in Oester­reich die dortigen Italiener verfolgt werden, rnft große Auf­regung hervor. Nur mit großer Mühe verhindert die Polizei Gegendemonstrationen.

Genf, 14. September. Die kirchliche Einfegnung der Leiche der Kaiserin sand gestern Nachmittag 5 Uhr durch den Bischof von Freiburg im Hotel Beau-Rivage in kleinstem Kreise statt. Der Feier wohnten u. A. der bayerische Ge« schäststräger in Bern, Graf Montgela», mit seiner Ge­mahlin bei.

Genf, 14. September. Die Verhandlungen gegen Luccheni werden Ende October oder Anfang November stattfiaden.

Pari», 14. September. Brisson und Bourgeoi», unterstützt von Delcaffö sind entschlossen, die Revifion des Dreyfus-Processe» auf alle Fälle durchzusetzen. Wenn General Zurliuden auf seiner Weigerung zur Genehmigung der Revi- fion besteht, wied Brisson selbst da» Kriegsportefeuille über­nehmen. An verschiedenen Punkten von Pari» finden alle Abende Kundgebungen sür die Revifion statt. Die Mehrheit de» Volke» fordert die Revifion. ES ist sicher, daß für Zola, wenn er nach Pari» zurückkehrt, eine imposante Kundgebung stattfinden wird wegen seiner Verdienste, die er fich um die Revifion erworben hat.

Pari», 14. September. DerGauloi»" schreibt infolge der letzten Vorgänge gegen den Präsidenten Faure: E» hieße Faure verkennen, wenn man glauben wollte, daß er fich durch Drohungen einschüchtern lasse. Die Beschimps- ungen gegen den Präsidenten seien nicht neu. Schon seit längerer Zeit sei der Präfident fortwährend Gegenstand von Beschimpfungen gewesen. Aber trotz alledem würde die» den Präfidenren nicht hindern, seine Meinung gegen die Revision des Proceffc» hintanzuhalten. Brisson konnte im letzten Ministerrath seinen Ohren nicht genug trauen, daß Faure ein so eifriger Gegner der Revision sei. Ein anderer Minister ging sogar soweit zu behaupten, daß die Haltung Faure» eine Miuisterkrise herausbeschwören werde. Gauloi» sagt weiter, er könne versichern, daß e» nicht gelingen werde, den Präsidenten Faure au» dem Elysee zu vertreiben. Faure habe die Dreyfus-Actru nicht studirt und wolle die» auch nicht. Er stütze fich auf die Aussagen de» Krieg»- minister» Zurliuden, und die Meinung Brisson» und Sarrieu» könnten den Glauben Faure» und ZurlindenS nicht erschüttern.

London. 14. September. Die hiesigen Blätter lassen fich auö Athen melden, daß die englische Regierung entschlossen sei, die kretische Frage aus eigene Faust zu lösen, wenn die anderen Mächte nicht Hand in Hand mit der eng­lischen Regierung gehen sollten.

Petersburg, 14. September. Der Zar richtete einen langen eigenhändigen Beileidsbrief an den Kaiser von Oesterreich. Graf Murawiew wird im Auftrage des Zaren eine Note an die Mächte h der Angelegenheit einer inter­nationalen Anarchistrn-Eonvention richten.

Städtischer Arbeitsnachweis Gießen

Gartenstraße 3.

Angebot der Arbeitnehmer r 1 Küfer, 2 Maschinenschlosser, 1 Fahrburscke, 1 Dienstmädchen mit guten Zeugnissen, 2 Büglerinnen.

Nachfrage der Arbeitgeber: Einige tüchtige Spengler, Kesselschmiede und schlosser für dauernde Arbeit bei gutem Lohn in eine auswärtige Fabrik für Be- euchtungswesen, 4 Weißbinder, 4 Schlosser, 1 Schmied, 1 Wagner, 1 zuoerläss. Schneider für alle Werkstättearbeiten nach Auswärts, 4 Bauschreiner,, 3 Fuhrknechte, landwirthschaftlicbe Arbeiter, 1 Mann zum Säcketragen, 2 Hausbürschchen, nebrere Dienstmädchen für Küche und Hausarbeit, 1 Kindermädchen, 2 Lauffrauen, 1 Eomptorift.

Bekanntmachung.

Die zur Ausführung einer Gossen- Pflasterung in Hausen erforderlichen Arbeiten, nämlich:

») Chaussirungsarbeiten 98,30 Mk. I) Pflasterarbeiten 173,30

c) Legen eine« Röhren-

canals 34,90

sollen im Wege öffentlicher V erstes« ztrung am Freitag den 16. ds. Mts., Nachmittags 6 Uhr, in dem Gemeindehause zu Hausen vergeben verden.

Hausen, den 12. September 1898.

Großh Bürgermeisterei Hausen.

Müller. 9095

-KerstkigrrnujU'll

ZchmUeuvttSkigrrllug.

Arn Freitag den 16. d. Mts. kommen 1200 abgängige, hölzerne Bahnscbwellen zur Versteigerung und zwar im Bahnhof Großen-Buseck LOOStück, und am Schiffen« bergerweg bei Gießen 700 Stück.

Anfang der Versteigerung in Großen- Buseck Lorrn. 9 Ubr, und am Schiffen« bergerweg Nachm. 2'/, Ubr. [9099

Gießen, den 12. September 1898.

Großh. Betri ebS-Jnspectton 1.

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