Nr. 113 Zweites Blatt. Sonntag den 15. Mai
1898
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Aus dem Lager von Kiautschou veröffentlicht der Correspondent deft „Berl. Local-Anzeiger" Herr Hauptmann a. D. Otto Dan »Hauer interrffaute Skizzen. Die letzte derselben, welche auö Tsingtau, 29. März dattrt ist, dürfte bet vielen unserer Leser besonderes Interesse erregen. Der genannte Herr schreibt seinem Blatte Folgende»:
Za den in Tsingtau bereit» vorhanden gewesenen und von den Chinesen übernommenen militärischen Einrichtungen gehört auch ihr ehemaliger Exercierplatz. Deutscherseits wurde derselbe zum ersten Male gleich ncdj der Ausschiffung de» Marine Jufanterie-B^taillovs am 27. Januar benutzt, al» der Admiral b. DiedertchS zur Feier des Geburtstags Kaiser Wilhelm» II die Parade über die bereinigten deutschen Infanterie- und Matrosen. Abtheiluogen abnahm. Dieser „trften deutschen Parade" auf bisher chinesischem Gebiet am Geburtstage des regierenden Kaisers folgte auf ebesdewselbeu Platze am 22. März, dem Geburtstage unsere» unvergeßlichen Hrldenksiser», die erste deutsche RekrutenBorstellung!
Allein schon der Umstand, daß diese Vorstellung jetzt bereit» und ganz in gewohnter heiwathltcher Weise erfolgen konnte, ist ein gute» Zeichen für den in der Truppe herrschenden Grift! Wurde die regelmäßige Ausbildung der irn November eingestellten Rekruten doch gleich darauf durch die sechs Wochen andauernde Ueberführung de» Marine-Jnfauterte-Bataillon» hierher unterbrochen. In den ersten Wochen auf chinesischem Boden gab es dann noch vom Morgen b!S zum Abend eine Fülle von Arbeitsdienst, zu welchem die Rekruten mit heran' gezogen werden mußten, denn die Compagnien hatten sich möglichst schnell in Tsingtau, Tfimo und Kiautschou einzu- richten. Nichtsdestoweniger ist die Rekruten-AuSbildung so wett gefördert, daß die Truppe bet einer eventuell noth- wendigen militärischen Action allen an sie herantretendeu Anforderungen durchaus gerecht werden würde, — Dank dem Eifer der Soldaten selbst tote dem hingehenden Fleiß und Bestreben der damit betraut gewesenen Offiziere. So ungefähr düisten dir Worte gelautet haben, mit denen der Eommandeur des Bataillons, Major v. Lofftw, den Com pagutechef» und Offizieren seine Zufriedenheit über das bet der Vorstellung Gesehene aussprach, die auch eine große Zuschauermenge hrrbeigelrckr hatte.
Doch de» Interessanten uu^ Ueörrraschrnden gab eS an diesem Tuge auf dem Paradeplatze noch mehr zu sehen! Der- selbe dient selbstverständlich auch der hiesigen Feldbauerte zu thrrn Fahr- und Exercier-Uebuugrn.
Die Offiziere, Mannschaften und Geschütze dieser Batterie brachte der Dampfer „Crefeld" von Wilhelmshaven hierher. Die gesammte Bespannung dagegen wurde erst in China angekauft, und zwar find die Osfijtere und Unteroffiziere auf Sbanghai-Ponie» beritten gemacht, zur Geschützbespannung aber dienen durchweg Maulthiere. Was mit diesen als störrisch und wtderhaarig verschrieenen Thteren in der kurzen Zett seit ihrer Einstellung erreicht wurde, tft über jedcS Lob erhaben und legt glänzendstes Zeugniß für Diejenigen ab, die das zu Wege brachten, in erster Linie Premierlteuteuant v. Piönuie», dem die Führung und Ausbildung der Feldbatterte anvertraut tft.
Die PouirS stammen, wie schon ihr Name besagt, fast sämmtlich auS Shanghai, die Maulthiere aber wurden in einzelnen kleineren Trupps au» dem Innern herangebracht. Vor wenigen Wochen trafen mir auf unsrrm Ritt nach Kian« tschou einen solchen hierher unterwegs befindlichen Transport gerade in dem Moment, als beim Ueberiwreitt» eines Flusse» zwei der Thtere gegen ihre chinestschen Führer rebellisch geworden und von der allerdings geländerlosen Brücke in» Wasser gesprungen waren. — Unter deutscher Pflege, freund- ltcher Behandlung und naturgemäßer Dressur haben die meisten von ihnen schon ihre früheren Unarten abgelegt. Al» ob fie bisher nichts Anderes gethan al» Geschütze sechs« spännig gezogen, so ruhig und verständig trabten fie dahin und folgten — Sattel- wie Handihiere — willig den mit Schenkeln, Zügeln und Leitzügeln gegebenen Hilft» ihrer Retter resp. Lenker. Auch die Musik und da» Griffemncheu der Infanterie irrttirte fie kaum, trotzdem ihnen da» Alle» vollkommen neu war. Als schließlich auf den Vorschlag de» Bataillons-Commandeur» Major von Lossow die Batterie neben der zum Vorbeimarsch schon bereit stehenden Infanterie Aufstellung nahm, um mit photographirt zu werden, wurde da» Etnschwenken der einzelnen Geschütze so eorrect auSge- führt tote bet einer au-gebildeten Batterie mit alten Stamm« Pferden und monatelang eivgefahrever Bespannung. Diese Exacth it rief sogar bet einigen der deutschen Zuschauer die Brrmuthung hervor, daß ein Thetl der angekauften Maul-
thiere bisher der chinesischen Artillerie in Pingt» bereit» al» Geschütz Bespannung gedient habe uid nun co i ei-em spekulativen. des GeldrS bedürftigen Mckitär-Mandarni--» zum Borthetl seiner leeren Tasche verkauft worden hi. Kenner der hiesigen Verhältnisse halten diese» merkwürdige Geschäftchen für durchaus landesgemäß. Ja, China ist in Wahrheit da» Land der Curtofitäten und Abnormitäten!
Vermischtes.
* 6in wenet Apparat zur leichten Erlernung de» Radfahrens dürfte sehr dato die bisherige Lehrmethode verdrängen. Ec lässt im Wesentlichen auf das Prinzip der automatischen Radfahr'Spielzeuge hinaus, tote fie von ambulanten Straheobändlern feilgeboten werden. An einem im Erdboden zu befestigenden Pfahl befindet sich als Radius eine 3 bis 4 Meter lange Stange, deren äußeres Ende mit dem Fahrrad verbunden wird. Der angehende Radfahrer ist also gezwungen, eine ganz bestimmte Kreislinie zu beschreiben und kann, da da» Rad ja von der Stange gehalten wirb, ohne Gefahr und ohne fremde Hilfe die AnfaugSgründe des RadelnS erlernen. Bei späteren Fortschritten wird die Verbindung zwischen Stange und Rad gelockert, so daß der Fahrer etwa» mehr Bewegungsfreiheit erhält. Zum sicheren Fahren gehört dann natürlich immer noch die Urbung auf weiter Fläche. Der hauptsächlichste Bortheil de» Apparate» besteht darin, daß die AnfaugSgründe de» Radfahren» auf einem kleineren Flächenraum, ja sogar im Zimmer erlernt werden können.
* Ein Stück vühnenelend. In Worm» gastier augenblicklich ein „Oberbayrische» Enftmble", aber mit welchem Erfolge, da» ersieht man au» folgender Apostrophe im „W. Tgbl.": „Hebet unserem Musrntempel tat Colosseum scheint kein günstiger Stern zu walte». Die Vorstellung am Mittwoch mußte infolge schwachen Besuches unterbleiben. Wir bedauern dies umsomehr, da Herr Dtreetor Erdmann außer seinen Mitgliedern noch eine große Familie besitzt und außerdem noch mit großen Kostr» zu kämpfen hat. Die Direction richtet deSlralb die Bitte an alle edlen Menschenfreunde, doch einmal da» Theater zu besuchen."
Feuilleton.
I>ie Spekulation.
Bon Willy Weber.
(Schluß.)
Am anderen Morgen war er in seinem Entschlüsse schon wieder wankend geworden und al» er nach der Gersten« auSsaat hinüber schritt, dachte er: Mag da» Holzgeschäft machen, wer Lust hat, Nikol Bartstet» läßt die Hände davon. Al» er um die Ecke bog, stand plötzlich Lene Äretuinger vor ihm, — die Wangen geröthet von eiligem Lauf, da» Blondhaar trau» um die Stirne hängend, die Äugen forschend in sein Gesicht geheftet.
„Guten Morgen, Nikol," meinte fie und reichte ihm die Hand, „ich sehe, Du willst hinauf zum Hoizverstrich. Da läßt Dir Vater tage», Du sollst Dir die erste Schnitzblache nicht entgehen lassen, die halte die besten Hölzer. Also leb wohl, mach' Deine Sache gut." Noch ein Händedruck und fort war sie.
Nikol schaute ihr verdutzt nach. Also harte der Alte die Holzgeschichte seiner Tochrer erzählt- vielleicht hatte die auch nur zufällig davon gehört. Wa» aber um Alle» in der Welt hatte sich Lene hierum zu kümmern? Er machte unwillkürlich Kehrt und schlug den Weg nach der Schnitz« blache ein.
Al» er Nachmittag» nach Hause kaum, war er Besitzer de» gesammte» Holze», da» zum Verstrich gekommen war. Und Tag um Tag kam neue» hinzu, so daß zu Beginn de» Winter-, al» alle» ungefähren war, jede» freie Plätzchen hinter dem Hause mit Holzstämmeu dicht belegt war.
Und nun war die Karre schief gegangen: kein Winter, keine Schneeschmelze, kein Hochwasser. Rikol saß noch immer auf der Feusterbant, sah die prachtvollen Stämme an und überlegte sich die Sache zum hundertsten Male.
---FrühlingSsonntag! Mürrisch strich Nikol um seine Hölzer herum, auf denen die Sonnenstrahlen so eindringlich ruhten, daß bald hier, bald dort die Rinde» sprangen und ein würziger Harzgeruch in die Höhe stieg. Nikol hatte
sich schließlich genug geärgert, er drehte de» Hölzern den Rücken und schlenderte die Dorfstraße entlang. Da fiel cs i ihm ein, daß er hier unfehlbar all' den Klrchenbesuchern be« § gegnen müsse und deßhalb betrat er schmll den Fußwrg, der nach der Stadt führte. Hier war er wenigsten» allein und brauchte nicht jedem dummen Kerl guten Tag und guten Weg zu sagen.
Ein halbe» Stündchen mochte er so gegangen fein, da machte er unter einer Eiche Halt. ®» war ihm warm geworden, er wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte nach dem Dorfe. Ein leichter Wind verthetlte die blauen Rauchwolke», die über den Häusern schwebten, die Sonne gleißte über die Schieferdächer, die feuchte Wiese mit den gelben Butterblnmen schien fich unter dem Einfluß der wärmenden Strahlen zu heben und zu senken, — na, so ganz schlimm war e» mit diesem Frühling doch nicht bestellt!
„Ach, Nckol!" ertönte eS da neben ihm, „wa» führt denn Dich hierher? Bist Du mir entgegengekommen? Da» ist aber nett von Dir! Ein herrlicher Tag heute, — sieh nur, wie da» flirrt und glitzert. Prachtvoll — was? Aber nun komm, iw darf Vater nicht zu lange warten lassen." And ohne Umstände schob Lene Greininger ihren Arm unter de» des ganz verblüfft dastehenden Nikol Bartstein.
Ein hübsche» Paar, als eS so dahinschritt, — ein statt- licheS Paar.
„Ucbrlgen», damit ich'» nicht vergesse," begann die Lene von Neuem, „heut' Nachmittag läßt Dich Vater zu einem Besuch einlaben, — komm unr so um vier Uhr, da» ist unsere Kaffrezeit."
„Zn einem Besuch?" staunte Nikol. „WaS — wa» soll ich denn? Weßwegen ist'» denn?"
„Ach," machte Lene leichthin, „wahrscheinlich wegen der Hölzer . . ."
„So, so, wegen der Hölzer," wiederholte Nikol und sah gedankenlos in Den blauen Himmel.
Au der Dorfstraße trennten sie fich.
„Also um vier," mahnte 8ene.
Nckol machte eine zustimmende Bewegung, daun wandte er fich zum Gehen.
,3)n, Nckol, noch einen Augenblick," hielt ihn Lene zurück, „nun lag’ mir aber mal aufrichtig: kommst Du wirklich nur wegen her Hölzer?"
Niko! Bartstein wurde roih wie ein Puter, Ehe er aber mit seiner Antwort fertig war, war Lene längst auS seinem Gesichtskreis verschwunden. —--
Die Dynastie Greininger saß beim Kaffee, als Nckol eintrat.
„'n Tag, Herr Greininger," stotterte er.
„’n Tag, Herr Bartste:»," antwortete der Alte, „Sie wünschen?"
„Ich komme wegen der Hölzer," platzte der arme Nikol heraus.
„Ach so, wegen der Hölzer," wunderte sich Herr Greininger. „nun, die werden Ihnen keine Sorgen mehr wachen. Ich habe stauen lassen; wenn ich morgen die Schleusen zirhe und sperre meine Mühlen ab, so strömt das Waffer in Ihren Bach und führt Ihne» die Hölzer zu Thal. Dort erwartet sie der Zimmermeister schon . . ."
Nikol staunte.
„Ja," fuhr der Alte fort, „wir können von jetzt ab ruhig Hand in Hand arbeiten, bann wird» schon gehen —"
Eine lange Pause. Lene hautine geräuschvoll mit dem Kaffeegeschirr.
„Also baß mit den Hölzern," stotterte Nikol, „ist gut, sehr gut. Aber ich kam nicht nur wegen der Hölzer . . ° ich wollte — ich meinte — wenn Fräulein Helene und ich . . . Hand in Hand — — arbeiten —"
Der Aerrnste gluckste, al5 ob ihm einer seiner schönsten Baumstämme in die unrechte Kehle gekommen sei.
„Komm her, Nikol," lud ihn Fräulein Helene ein, „trink eine Taffe Kaffee mit, die wird Dich beruhigen . . . „Du weißt, ich hab' Dich gern," flüsterte sie ihm in» Ohr, „nab Vater hält viel von Deinem SprculationStalent. Gibt eß noch etwa», wa» Dein Herz bedrückt?"
„Nein," antwortete Nikol, glückselig lächelnd, „die Hölzer find ja fort . . .!"


