Ausgabe 
15.5.1898 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 113 Drittes Blatt.__Sonntag den 15. Mm

1898

Erscheint ILgNch mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener AamilieuvtLtter werden dem Anzeiger wöchentlich vierm beigelegt.

Gießener Anzeiger

Wczugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu ver Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

General-Anzeiger

Alle Anzeigen.Vermittlungsstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

Amts- unb Airzeigeblatt für den ICrds Gieren.

| Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Die Lage in Spanien.

Schwieriger und schwieriger gestaltet fich die Situation in Spanien, scheint eS doch so, als ob da» Land vom Schick­sal gründlich heimgesucht werden solle, um fich nicht wieder erholen zu können. Gleich verhäognißvoll ist die innere und äußere Lage, und mit größter Besorgniß fieht jeder Menschen­freund der Entwickelung der Dinge auf der iberischen Halb- rosel entgegen. Wie harrt doch jeder spanische Patriot einer StegeSnachricht vom Kriegsschauplätze, um wieder einen Strahl der Hoffnung in da- Herz Derjenigen zu senden, welche an der Zukunft ihres Vaterlandes zu verzweifeln beginnen! Der Schlag, den Spanten vor Manila erlitten hat, ist noch nicht wieder ausgeglichen, und es erscheint überhaupt fraglich, ob diese Scharte wieder gut gewacht werden kann. Wenigstens gaben die osfizielleu spanischen Kreise den Verlust offen zu, und das darf als ein Erfolg angesehen werden, nachdem nun jahrelang die Welt über die wahren Zustände auf Cuba durch mehr oder weniger zweifelhafte SiegeSnachrichten ge­täuscht worden ist. Sich ein richtiges Bild zu machen von dem gegenwärigen Stand der Dinge ist unmöglich, da sowohl von spanischer wie von amerikanischer Seite die wider­sprechendsten Nachrichten verbreitet werden.

Die schier unglaublich klingende Meldung von der Rück­kehr des Cap Berdt'schen Geschwaders nach Cadix hat noch keine Ausklärung gefunden, und man darf deshalb im Interesse Spaniens immer noch annehmen, daß entweder die ganze Nachricht nicht wahr ist, trotzdem fie mit solcher Bestimmtheit verbreitet wurde, oder daß es fich um einzelne kampfunfähige Schiffe des Geschwaders handelt. Beruht die Meldung auf Wahrheit, so muß der Eindruck in Spavieu ein sehr schlimmer iein, und die Thatsache bedeutet eine schwere moralische Niederlage Spaniens- jedenfalls würde fie Zeugniß oblegen von der Planlofigkeit, welche innerhalb der spanischen Marine- Verwaltung herrscht. Ganz Spanien setzre seine Hoffnung darauf, daß die Flotte in den westindischen Gewässern Er- folge erringen und den Amerikanern empfindliche Verluste betbringen werde. Die besten Schiffe enthielt diese- Gk- schwadcr, fie waren die einzigen, welche der amerikanischen annähernd ebenbürtig erscheinen konnten. Waren doch schon s-it Wochen die an der Küste der vereinigten Staaten liegen­den Städte in beständiger Furcht, daß daS Cap Berde-Ge- schwader erscheinen und einen Handstreich auSsühren könnte.

Hat nun der Rückzug nach Cadix wirklich stattgefunden, so befreit er Amerika von der Furcht vor einem Angriffe auf die Ostküste und giebt der amerikanischen Macht in deu west- tudischen Gewässern die volle ActionSfreiheit wieder, vor Allem giebt es die Insel Portorico, welche die einzige spa­nische Kohlenstatton in den westindischen GewLff--.ru ist, preis und schwächt damit dauernd die maritime Action Spanten-. Wie schon oben gesagt, noch darf man annehmen, daß der Rückzug ohne Ehren fich nicht bewahrheitet, und im Jntereffe Spaniens wollen wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß seine Flotte recht bald vor Portorico oder Cuba von fich hören läßt.

Inzwischen dauern die inneren Schwierigkeiten in Spanten fort. In den Corte- finden fortgesetzt erregte Debatten statt, und manche- harte Wort fällt gegen Thron und Regierung. Sagasta macht übermenschliche Anstrengungen, um die Par­teien zusammen zu halten und fie zu veranlaffeu, einzig und allein das Wohl des Vaterlandes im Auge zu haben. Ein Erfolg ist unwahrscheinlich, und da hoben denn die Meldungen von dem baldigen Ausbruch einer RegterungSkrifi- viel Be­rechtigung. Aber wer soll die Erbschaft übernehmen, wenn Sagasta znrücktritt? Wer ist der Mann, der daS spanische StaatSschiff durch all die Riffe und Untiefen in ein ruhige-, gefahrloses Waffer führt? (xx)

"""" i hi.i.

Deutsches Reich.

Berlin. 13. Mai. Der Kaiser empfing, wie au- Metz gemeldet wird, gestern den Krieg-Minister v. Goßler und heute den Chef de- Mtlttär»CabinetS, General v. Hahnke, zum Vortrag. Der Re'ch-kanzler Fürst Hohenlohe ist gestern Abend wieder hierher zmückgekehrt.

Berlin, 13. Mai. Da- Herrenhaus berieth heute deu Bericht der StaatSschuldev-Cowmisfiou und erledigte so­dann Petitionen. Morgen: Arbeiter WohouugS Vorlage und Privatdoceoten'Gesrtz. Im Abgeordnetenhause ge­langte heute da- westphältsche Anerbengesetz in zweiter Lesung zur Annahme und zwar mit einigen AbänderungSanträgen. Morgen Petitionen.

Berlin, 13. Mai. Graf Kanltz hat angefichr der jetzigen Getreideprei-steig erung im Abgeorbnetenhause eine Interpellation eingebracht, ob die Regierung beim Bundes- rathe Maßregeln beantragen wylle, welche im Stade seien,

1. die Getreide-Versorgung Deutschland- ficherzustelleu, 2. einer unmäßigen vertheuerung de- Getreide- vorzubengen.

Berlin. 13. Mai. Die von verschiedenen Setten mit- getheilte Nachricht, daß Bice-Admiral v. Diedrich- fich nach Manila begeben werde, entbehrt derNordd. Allgem. Ztg." zusolge jeder Begründung. Der Admiral habe dazu keinerlei Auf,rag erhalten.

Berlin. 13. Mai. DerRetch-anzetger" schreibt: Zu- verläsfigen Nachrichten au- New-York zusolge, haben die vorschrtsten für den Verkehr im oortigeu Hafen während der Dauer de- Kriege- mit Spanten auf Antrag der bethei- ltgten Kreise eine Aendetung Insofern erfahren, al- die Zeit, während welcher Schiffen das Pasfiren der Sandy-Hook- uud die Durchfahrt durch die Narrow- gestattet ist, auf die Stunden von 4 Uhr Morgen- bis 8 Uhr Abends fest» gesetzt ist.

Elberfeld, 13. Mai. Durch Einsturz eine- Schorn­steins Infolge Blitzschlages wurden in den Farbenfabriken Bayer in der Köatgstraße ein Arbeiter getödtet, zwei tödtlich und drei leicht verletzt.

Wien. 13. Mai. DieNeue Freie Presse" läßt fich au- London melden: In wohl informtrteu Kreisen wachse die Beunruhigung wegen der englisch-französischenDtffe- renzeu bezüglich Westafrika in alarmirender Weise. Etne- der bestunterrtchteten Mitglieder de- englischen Unterhause­erklärte dem Correspondenten de- genannten Blatte-, er könne fich den Ernst der Lage nicht verhehlen. ES sei eine That­sache, daß wir seit Monaten auf einem Vulkan tanzen. Die Pariser Osfictellen streuten freilich beständig au-, daß eS fick nur um Kleinigkeiten handle und daß dir Beilegung der Differenzen nicht zu bezweifeln sei. Dem sei aber nicht so. Die Pariser Conferenz käme nicht über den tobten Punkt hinaus. England könne unmöglich in der Hauptsache nach­geben. Die englische Regierung mache fich keinerlei Illusionen und sei auf Aeußerfte gefaßt.

Innsbruck, 13. Mat. Heute Nacht tobte in Nord-Tyrol und Salzburg ein heftiger Schneesturm. Die Gegend gleicht einer Winterlandschaft.

Mailand, 13. Mai. Trotz der momentanen Ruhe ist die Situation andauernd hochernst und find lieber-

Fcuilleton.

Wie es im Kriege herging.

Nach sranzöstscher Schilderung von E, IohanneS.

(Nachdruck verboten).

I.

Vor längerer Zeit brachten wir unseren werthen Lesern einen Artikel, demPetit Parisien" entnommen; derselbe zeigte, in welch gehässiger Weise die Franzosen jetzt noch unserer gedenken, indem sie die deutschen Soldaten, während der KriegSzeitcn, zu verächtlichen Barbaren stempeln, sich selbst aber den Glorienschein des Helden- und Märtyrerthums erringen möchten.

In Anschluß daran entnehmen wir weitereScen en aus den Kriegsjahren- dem obengenannten Journal.

Die Raben.

Den ganzen Tag über war tapfer gekämpft worden. Die Infanterie hatte dem Kartätschenhagel endlich Einhalt gethan. Die CavaUerie hatte wüthend in die dichten Massen, auf die sie sich gestürzt, eingehauen. Die Kanonade hatte aufgehört die Schlacht war zu Ende.

An die Bergesgipfel hefteten sich die letzten Strahlen des Tages, so daß sich das Thal schon mit Dunkelheit füllte, und in den purpurnen Fernen sah man durch die Abend- fchatten die Regimenter sich zurückziehen: traurig, müde, besiegt.

Die Kämme der Hügelreihe hielt der Rest der Cavallerie besetzt; den Säbel in der Faust, die Front nach dem Feinde, wartete sie auf das Zeichen zum Rückzug, bis die Kameraden von der Infanterie und der Artillerie vor den preußischen Granaten in Sicherheit wären.

In der durch die Kartätschen aufgewühlten blutgetränkten Ebene herrschte jetzt tiefe Ruhe, welche nur durch die Seufzer der Verwundeten und das Wiehern der sterbenden Rosse unterbrochen wurde.

Schweigsam und unbeweglich beobachteten unsere Reiter

den entgegengesetzten Abhang, auf dessen Gipfel die Helm­spitzen der Feinde sichtbar wurden. Wenn die Deutschen, die Verfolgung der Besiegten fortsetzend, die Grenzen über­schritten und in das Thal hinabzusteuen wagten, würde man schieben, so lange schießen, bis nur noch einer übrig blieb; und die schreckliche Metzelei würde von Neuem beginnen.

II.

Ein in dem Thalgrund zurückgebliebener verwundeter Jnfanteriehauptmann, welcher eben erst zur Besinnung ge- kommen und von der Abendkälte ganz durchdrungen war, suchte seine Kräfte einigermaßen zu sammeln. Nachdem er sich mühsam etwas erhoben und auf die Kniee gestützt hatte, besichtigte er müden Auges die Umgegend. Vor sich bemerkte er undeutlich die feindlichen Massen, die die Höhen besetzt hielten, und ein Strahl der Wuth blitzte in seinen schwarzen Augen auf. Mit Anstrengung versuchte er seine Lage zu verändern; seine Hand wühlte dabei die Erde und erwischte einen unförmigen beschmutzten und zerrissenen Fetzen. Hierauf forschte sein halberloschener Blick nach der entgegengesetzten Richtung und bemerkte in der Gluth des Westens übermensch­lich groß erscheinende in Schlachtordnung entwickelte stolze Schwadronen. Mann und Roß nahmen durch die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne phantastische Formen an; der leichte Abendwind, welcher in den Mähnen der Rosse spielte, schien die Riesenschaar in Bewegung gesetzt zu haben. Der Offizier glaubte das Opfer einer Täuschung zu sein; schwer­fällig ließ er sichzurückfallen, um mit Anstrengung all seiner Kräfte, das Ohr an dem Erdboden, zu horchen. Das Geflüster der Bäche und das Rauschen der Bäume konnten seine gelähmten Sinne nicht ablenken: er glaubte an ein entferntes Reiten, an ein Vorrücken der Cavalleriecolonne, welche sich näherte sich näherte . . .

Sie kommen! flüsterte er.Vive la France!

Und nachdem er mühevoll den kostbaren Lumpen wieder unter seinen Körper gelegt hatte, fiel er ohnmächtig zurück.

III.

Als er erwachte, war die Ebene schon in Nacht getaucht die stolze, prächtige Schwadron verschwunden. Ueber die

Thäler, wo die Todten schliefen und die Verwundeten seufzten, huschten Lichter, gleich Irrlichtern, hin und her.

Donnerwetter, was für einen Durst ich habe!" fluchte plötzlich eine Stimme durch die Nacht.

Wer da?" fragte der Verwundete.

Frankreich 8. Cürasftere!"

Frankreich", wiederholte mit weicher Stimme der Offizier, so weich und zärtlich wie ein Kind bei seinem Erwachen Mutter" sagt.

Und Ihr?" fragte der Andere.

56. Linienregiment Es lebe die Linie Es leben die Cürassiere!"

Die Cürassiere sind tobt", erwiderte eine halberstickte Stimmeauf dem Felde der Ehre gefallen!"

Ihr seid verwundet, frug er nach einigem Schweigen mit Anstrengung, die ihm einen Schmerzensschrei erpreßte.

Eine Kugel in der Brust, meine Rechnung ist gemacht!"

Ich, ich habe ein Bein verloren, den linken Arm ge­brochen, ein Pferdefieber, ich kann nicht mehr. Der Durst zieht mir die Kehle zusamm . . . Himmeldonnerwetter!"

Einige Augenblicke später hörte der Hauptmann den Cürasfier im Delirium commandieren: Eskadron! . Feuer! .

Armer Junge! flüsterte er, se ne eigenen Schmerzen vergessend.

IV.

Durch den Lärm deutscher Stimmen wurde er wieder geweckt. Als er die Augen ausschlug, blendete ihn das Licht einer über ihn gehaltenen Laterne. Der Mann mit der Laterne trug preußische Uniform, sein Arm war mit dem Abzeichen der Ambulanz versehen.

So schwach der Offizier war er verstand: die Deutschen sammelten die Verwundeten und bestatteten die Todten. Eine unbeabsichtigte Bewegung zog die Aufmerksam­keit der Feinde auf ihn.

Hier ist einer, der nicht tobt ist, sagte bie Ambulanz in beutscher Sprache. Ah, ein Hauptmann, sagte ber Offizier, welcher fich genähert, tragt ihn weg! Der Verwunbete machte mit ber Hanb eine Geste ber Verneinung: banke, bas ist