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m. 12 Zweites Blatt. Samstag den IS. Januar
1898
Erscheint ILgNch mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener KamikieuVtLtter »erden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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Derrtsehe» Reich.
Berlin, 13. Januar. Die „Poft" weist in einem anscheinend osficiöS iuspirirten Artikel daraufhin, daß England jktzt kein Geheimniß mehr darau- mache, daß eS, um fich für da- vorgehen der anderen Machte in China gegenüber schadlos zu halten, im Sudan weiter vorgehen werde. Diese offene Erklärung ist namentlich an die Adreffe der französischen Regierung gerichtet.
Berlin, 13. Januar. Zu Ehren der hier weilenden 16 Studtrend en des Petersburger Electrotechuischeu Instituts veranstaltete gestern Abend die Studentenschaft der hiesigen technischen Hochschule einen FeftcommerS im Zoologischen Garten, von der technischen Hochschule waren der Rector, sowie andere Mitglieder de- Senat- und der Lehrkörperschaft erschienen. Der Vorsitzende des Studenten- «r-schuffe- forderte die Anwesenden auf, auf beide Monarchen, den russischen und den deutschen Kaiser, einen urkräfttgen Salamander zu reiben, worauf die Musik die russische und daun die deutsche Nationalhymne spielte.
AttsUnrd.
Pari-, 13. Januar. Oberst Piquart wurde in Folge der im Prozeß Esterhazy enthüllten Thatsachrn heute vormittag verhaftet, bis zur Entscheidung darüber, ob er vor ein Untersuchungsgericht gestellt wird.
Sitzung der Stadtverordneten
am 13. Januar 1898.
Anwesend: Die Herren Beigeordneten Georgi und Wolff, von Setten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Wanveliu-, Flett, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Keller, Kirch, Löber, Loo-, Petri, Dr. Ploch, Dr. Schäfer, Dr. Thaer und Wallenfels.
Ja Vertretung des Herrn Oberbürgermeister-, der durch Unwohlsein verhindert ist, führt Herr Beigeordneter Wolff dm Vorsitz.
An Stelle der ausfallenden ersten zwei BerathuugS- gegenstände wird über zwei nicht auf der Tagesordnung Arheude Gesuche verhandelt. Herr Maurermeister Jacob Hildebrand erhält widerruflich die Erlaubuiß, im Neu- üdöttr Feld rin BackstetnwachrrhäuSchen zu errichten, und Hrrrn Curt v. Münchow, welcher in der Wolkeugoffe einen Neubau zn errichten beabsichtigt, soll deffen Di-pen- svtionSgrsuch von den Bestimmungen der Art. 25 und 27 der Ausführungsverordnung zur Allgemeinen Bauordnung drfürwortet werden.
DaS Gesuch des Herrn Gg. Pfaff um Erlaubniß zur Anbringung von Balkon» an seinem Hause in der Bletchstraße wird befürwortet.
Auf Bericht de» Dtadtgärtner» beschließt die Bersamm-
lung, mehrere Fuhren Wald er de, die sür die Düngung der städtischen Anlagen usw. entbehrlich stad, dem verkaufe auSzusetzen, deSgl. mehrere Hundert Ziersträucher verschiedener Arten.
Der vor etwa Jahresfrist gefaßte Beschluß, behufs Gewinnung entsprechender Unterlagen für eine neue, zeitgemäße MilchverkaufSordnung, aus all' den Ställen von hier und der Umgegend, aus denen Milch in der Stadt zum verkauf gelangt, Proben entnehmen und durch das Unter« fuchuagSamt der Provinz Oberheffen untersuchen zu lassen, hat zu den gewünschten Rksultaten nicht geführt, da fich Unzuverlaifigkeiten und Ungeoauigkeiteu bei Entnahme der Milch ergeben haben,- der durchweg hohe Fettgehalt der ein« gelieferten Proben gab keinen Anhalt zur richtigen Be urthetlung. ES soll deshalb auf Antrag de» PolizriamtS die Entnahme von Stallpioben unter Zuziehung von Sachverständigen und unter besonderen Ueberwachung vorgenommen werden. Aus den weiteren Mittheilungen ergab fich, daß aus 267 Stallungen Milch nach Gießen geliefert wird. Die nachgesnchte Lrediterweirerung zur Bestreitung der durch die zu ergreifenden besouderen Maßregeln entstehenden Kosten wurde genehmigt.
Infolge zu Ostern zu erwartender Ueberfüllung der Klasse 7 der Stadtmädchenschule soll deren Drettheil- ung vorgeuommen und die neu zu errichtende Klaffe im Hause der HauShaltungSschule in der Neustadt, während der Lurse daselbst aber im Reservesaal de« SchulhauseS in der Westanlage prvisorisch untergebracht werden. Die 1. Klaffe der Stadtkuabenschule soll ebenfalls tu zwei Abtheil- uvgen gethetlt werden, was die Annahme eine» Schulverwalter» nöthig macht. Raum für diese Klaffe in der Stadt- kuabenschule an der Nordaulage ist noch vorhanden.
Nachdem die O ctr vier hebe stelle in das rechtsseitige Thorhau» in der Neustadt verlegt worden, hat fich ergeben, daß die Ueberwachung de» Verkehr» daselbst durch unzureichende bezw. unzweckmäßige Beleuchtung der Umgebung beeinträchtigt wird. E» wird dem Vorschlag der Dtreetton de» Gaswerks entsprechend die Versetzung einiger Laternen gutgeheißeu. Auf Anregung de» Herrn Löber soll ermittelt werden, ob sich die innere Beleuchtung der Octroterhebestelle mit Ga» empfiehlt.
Da» Gesuch der Konrad Döpfer Wittwe um beffere Beleuchtung de» von der Sretnstraße entlang de» Bahndammes nach der Schtllerstraße führenden Weges wird mit Rücksicht auf die tsolirte Lage de» bett. Hause» und die au» der Genehmigung entstehenden Ansprüche in ähnlichen Fällen abgelehnt.
Der Voranschlag für 1898/99 des städtischen Wasserwerks wird dem Anträge der Deputation entsprechend genehmigt. In dem Voranschlag ist u. A. die AuSdehoung des Rohrnetze» auf die neu angelegten bezw. projeetirteu Straßen auf der Höhe der Frankfurter Straße vorgesehen. —
Feuilleton.
Die Vestalin.
Skt-ze von S. Hoechstetter.
(Schluß.)
IV.
Ein Jahr später besuchte ich Harten» tu München. Nina lobte nun tu der geliebten Mnfikstadt.
Al- ich sie wiedersah, kam keine Erinnerung mehr an jenen Vorfall in Jgl», der wich damal- von ihrer Seite gtttieben. Ich war unterdessen keiner Frau begegnet, die tu sie heranreichen konnte.
Wir saßen im Salon und ich hatte fie um Musik tibeten.
Sie ging ohne alle Ziererei zu de« Blüthuerflügel.
Sie spielte.
Ich war erstaunt — fast gerührt. WaS früher ihrer »nSdrnck-wetse bei aller Vollkommenheit gefehlt hatte, da» leg nun darin: Seele.
Wollte der Schleie»- der Vesta fich lösen?
Oder kam e», daß die Compofilion fie hinriß?
Ich fragte nach dem Tondichter.
,($• ist etwa» ganz Selbstgemachte»/ sagte fie lächelnd la ihrer einfachen Art.
Ich blieb noch ein wenig.
„Meine Eltern würden bedauern, wenn Sie Nicht ein Mieten warteten/ war die Aufforderung.
Sie brachte sogar Eigarretten.
„Wissen Sie noch/ sagte fie, „einmal, al» die Freundin in Ungarn noch nicht abtrünnig geworden, da hatten wir eine Kunstreise dorthin geplant. Ich sollte die Maultrommel erlernen und Sie wollten geigen. Die Freundin aber durste den Dudelsack übernehmen. Wir dachten t» uns sehr schön."
Sie lächelte.
„Ach nein, e» sollte doch eint feine TonrnLe werden mit Ihnen als Impresario. Denken Stt bloß, solche Mufik- bandeu gibt e» dort mehr al» genug, — da» wären schlechte Geschäfte geworden."
Sie sah so schön und lieb und herzlich und heiter aus während fie sprach — und — um e» kurz zu machen — nach einer Viertelstunde hatte ich fie um ihre Hand gebeten — und „der Freund" bekam ein Nein. Ein schmerzhafte», fast müde» Nein.
,®te Kunst ist meint trstt Liebt — und fit wird auch meine einzige bleiben."
V.
Noch einmal sah ich fie.
E» war ein Loncert in der kleinen Refidenz A. Nina, 'die nun al» Pianistin zuweilen öffentlich anftrat, hatte den Llavierpart einer Mozart'schen Symphonie, die vom Orchester begleitet wurde.
Ich war zufällig dazugekommen.
Als fie eiutrat, diese hohe, königliche Gestalt in de« matten gelblichen Seidenkleid — mit dem stolzen, so merkwürdig bleichen Geficht — da ergriff mich wieder jene» Ge- fühl von Rührung.
Die Bemerkung des Herrn Wallenfels Über den fast ununterbrochen Ablauf des Teiches in der Ostanlage beantwortet Herr Director Bergen dahin, daß dieser Ablauf da» Stagniren des Wassers in fragl. Gegend verhindern solle, iw Uebrigen werde die Stärke de» Ablaufs durch Witterung-verhältoiffe beeinflußt und fei dcsrralb wohl schwerlich zu regeln- er glaube nicht, daß der Urberlauf die vorgesehene Menge von etwa 2 Lbm. pro Stunde im Dnrch- schnitt erheblich überschreite._________________________________________
Cocoles uwb ptodniieUt».
A Al-feld, 13. Januar. Der vom Oberhesfischen Obst- bauveretu hier angelegte und eingerichtete drei Normalmorxen große Obstgarten besteht aus zwei Theileo, einem eigentlichen Garten mit 56 Pyramiden von Aepfeln und Birnen auf Zwergunterlagen, vier Spalieren, Erdbeeren, Stachel- und Johannisbeeren, Himbeeren und eßbaren Rosen (rosa rugosa). Der zweite Theil ist ein Baumgut mit 84 Hochstämmen : Aepsel, Birnen, Kirschen und Pflaumen. Die Aepfel find theil» auf Wildling in die Krone, theil» auf Hohrnheimer Riesling in die Krone veredelt, theils Edelstäwme. AuSge- wählt find nur werthvolle Sorten fürs rauhe Klima. Bei einzelnen edlen Apfelsorten wurden die drei angegebenen Arten von Bäumen gewählt, um zu sehen, ob fich Wildling und Hohenheimer Rieslingstämme besser im rauhen Klima eignen, als Hochstämme. Da» Land wurde von der Laud- wirthschaftlichen Winterschule, in deren Besitz der Garten getreten ist, gestellt- dem Oberhesfischen Obstbauverein steht der Garten als Versuchs- und DemonstratiouSobject zur Verfügung- die Einrichtung, Instandhaltung und technische Leitung erfolgt auf Grund vorheriger Verständigung -wischen be« AnffichtSrath der landw. Winterschule und dem Oberhesfischen Obstbauverein. Such sendet daS Euratorium der landw. Winterschule zn Alsfeld jährlich zu Anfang de» Jahres einen Arbeitsplan und nach Schluß desselben eine BetriebSüberficht mit RechnungSergebniß an da» Präsidium be» Oberhesfischen Obstbauvereiu». Die Einrichtung de» Garten» ist so getroffen, daß er dem Obstbaumfreuud und dem Landwirth ein gute» Vorbild geben kann, wie Baumanlagen zu behandeln seien, daß von ihm Edelreiser der in den Kreisen Al-feld und Lauterbach gut gedeihenden Obstsorten genommen und daß Demonstrationen von feiten der Obstbautechniker be» Oberhesfischen Obstbauverein- für bessen Mitglieder und der landw. Winterschule in Alsfeld für deren Schüler abgehalten werden können. Mögen recht viele Interessenten ihn besuchen und mögen recht viele Mitglieder des Verein» darinnen Belehrung finden. Möge er dem Obstbau in dem rauhen Klima der Kreise Alsfeld und Lauterbach reichen Segen bringen.
□ Darmstadt, 12. Januar. Franz v. Schönthan» „Lorneltu» Boß" wurde heute an unserer Hofbühne zu neuem Leben erweckt und errang recht freundlichen Erfolg
Schöner und liebreizender al- je erschien fie mir.
Sie war älter geworden — ja — aber dieser Mund, diese wundervolle Form des Untergeficht» schienen noch vornehmer zn sein al- früher.
Sie spielte.
Ich blickte fie unverwandt an.
Im Anfang de-Finale- sah ich fie erbleichen, die Ang'n schließen — schwer athmen.
Ob es fie sehr ermüdet?
S- ging weiter.
Ich konnte nichts ander», ich ging nach dem Loncert- schloß in das Künstlerzimmer, sie zu sprechen. Aber man sagte mir, daß fie unwohl geworden wäre und nach Hause zurück sei.
Wie ich mich sehnte, fie wiederznsehen — wie ich m ch sehnte!
Anderen TageS stand als Nachsatz zu einer Kritik de» Eoncerte- die Nachricht von ihrem Tode.
DaS find die Einzelheiten:
Sie litt fett einem halben Jahre an beschleunigter Schwindsucht. Sie wußte fich verloren, — aber fie sprach zu Niemanden davon. Stehend wollte fie sterben, wie Niel» Lhlme — und nicht al» bleiche» Opfer eines Badeorte». 3« Finale der Symphonie war fie ein Blotsturz überkommen —- und fie würgte das Blut hinunter, um da» Kunstwerk nicht zu unterbrechen.
Ein paar Stunden später war fie tobt.
Ihrer einzigen Liebe durfte fie sterben.


