Ausgabe 
14.8.1898 Zweites Blatt
 
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Haut ist auch an dem Stumpf in großer Ausdehnung zerrissen.

Das Zustandekommen dieser grauenhaften Verletzungen ist leicht zu erklären. Zu der großen Anfangsgeschwindigkeit der kleinkalibrigen Geschosse kommt hier die Weichheit der­selben; das Blei deformirt sich im höchsten Grade oder zerspritzt, daher die furchtbare Sprengwirkung in Knochen und Weichtheilen. Die Deformirung des Geschosses erfolgt in ganz regelmäßiger Weise: Die Bleispitze staucht sich pilz­förmig und sprengt den Mantel von vorne her in zwei bis drei Millimeter breite Streifen, welche an ihrem Hinteren Ende in Zusammenhang bleiben und sich nach hinten um­rollen. Beim Auftreffen auf harte Knochen zerspritzt Blei und zerschellt den Mantel in kleine und kleinste Fragmente, die im Röntgenbild über die ganze Wunde zerstreut sind.

Diese Deformation beeinträchtigt natürlich die Durch­schlagskraft in höchstem Grade.

Bruns wendet sich dann zur Frage des völkerrechtlichen Schutzes gegen die Verwendung kleinkalibriger Geschosse mit Bleispitze. Denn thatsächlich liegt die Befürchtung nahe, daß in einem zukünftigen Kriege solche Geschosse mitgeführt oder von den Soldaten hergestellt werden. Denn unter die völker­rechtlich verbotenen Explosivgeschosse fallen sie nicht, obgleich sie es nach den geschilderten Wirkungen eigentlich sind. Es wird daher der Wunsch ausgedrückt, die deutsche Heeresleitung oder humanitäre Gesellschaften mögen sich der Sache be­mächtigen und eine Ergänzung der bisherigen völkerrechtlichen Bestimmungen herbeiführen, daß nur solche kleinkalibrige Geschosse verwendet werden, die entweder ganz oder mindestens an der Spitze mit einem Stahlmantel versehen sind. Denn bei allen zivilistrten Staaten gilt es als Gebot der Menschlich­keit : die Kugel soll den getroffenen Gegner kampfunfähig machen, aber nicht immer verstümmeln und tödten.

Vermischtes.

* Der ehemalige Oberfacior Grünenthal, welcher jetzt fünf Monate in Untersuchungshaft fitzt, wird in den letzten Tagen des Septembers vor dem Schwurgericht er­scheinen. Die Untersuchung wurde kurz vor den Gerichts­ferien geschlossen. Neben Grünenthal werden Elly Golz und deren Großmutter Frau Eng auf der Anklagebank Platz nehmen. Frau Golz-Sittig, die am 20 Juni zu 3 Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, wird in dieser Strafsache nur al« Zeugin erscheinen. Elly Golz wird am 20. d. Mts. ihre Strafe von drei Monaten verbüßt haben.

* Bereiu für Handlungs-Commis von 1858 (Kaufmännischer Verein) in Hamburg. Dieser Verein, der zur Zeit 286 Be­zirksgeschäftsstellen an deutschen, ausländischen und überseeischen Plätzen besitzt, versendet soeben den Bericht über das erste Halbjahr 189 8. Es zeigt hiernach dieser Zeitraum eine recht erfreuliche Weiterentwickelung des Vereins. Der Mitgliedeistand erhielt einen Zuwachs von 5219 neuen Mit­gliedern und Lehrlingen, so daß sich jetzt die Gesammtzahl der Vereinsangehörigen auf über 55000 beläuft. Die kosten­freie Stellenvermittelung weist in dem abgelaufenen Halbjahre die Besetzung von 2965 kaufmännischen Posten auf, gegen 2692 in den ersten sechs Monaten des Vorjahres; am 14. Juni wurde die 68 000 fie Stelle durch den Verein ver­mittelt. Die Besetzung der letzten zweitausend Stellen erfolgte in der Zeit von 99 Arbeitstagen, so daß täglich etwa zwanzig kaufmännische Posten durch den Verein vermittelt worden find. Der Pensions» Kasse (Invaliden-, Wittwen-, Alters- und Waisenversorgung) traten in den ersten sechs Monaten d. I. 323 neue Mitglieder bei. Ende Juni betrug die Zahl der Kaffenmitglieder einschließlich der Ehesrauen 7254, und das Vermögen der Kasse über 4*/2 Millionen Mark. Bezugs­berechtigt waren Ende Juni d. I. 87 Personen (19 Invaliden, 67 Wittwen und 1 Waise), mit einer jährlichen Gesummt- Pension von 47 171.52 Mark. Die Kranken- und Begräbniß- Kasse, e. H. die sich im verflossenen Halbjahre um 557 Mit­glieder vermehrte, zählte am 1. Juli 6947 Angehörige. Diese Hülfskasse ist bekanntlich die einzige größere kaufmännische Krankenkasse, die ihren Mitgliedern bei Arbeitsunfähigkeit, und theilweise auch bei Erkrankungen, die mit Erwerbsfähig­keit verbunden sind, die Wahl des Arztes, auch des Specialisten, für Rechnung der Kasse völlig freistellt. An Kranken- und Begräbnißgeld, Arzthonorar, Kosten für Arzneien und sonstige Heilmittel wurden allein von Hamburg aus, also ohne die Ausgaben der örtlichen Verwaltungsstellen, in der ersten Hälfte dieses Jahres 72200 Mark verausgabt. Alle sonstigen Emrichtungen und Abtheilungen des Vereins erfüllen ihren Zweck ebenfalls in bester Weise.

* Große Roth herrscht zur Zeit, wie die Berichte der rheinischen Mssions-Gesellschaft mittheilen, im Herero- lande. Das Land ist in den letzten Jahren oft und schwer heimgesucht worden. Erst die Dürre, dann die Rinderpest, dann die Lungenseuche, dann die Heuschrecken kaum war eine Plage gegangen, da kam die andere. Neuerdings hat, Alles überbietend, dort noch eine Art typhöses Malaria-Fieber unter den Menschen geherrscht. Weiße wie Farbige sind davon ergriffen worden, Letztere hatten allerdings am meisten darunter zu leiden. Im Bezirk Ottimbingue, Okahandje, Oljosagu wüthete die Seuche am heftigsten. Dabei fehlte es an den nöthigsten Heilmitteln, wie Chinin. Missionar F. Meyer sandte darum einen reitenden Boten nach der Küste, der nach acht Tagen unter anderen Heilmitteln auch fünf­hundert Gramm Chinin für 200 Mark mitbrachte. Leider war der Vorrath für die Menge der Kranken ganz unzu­reichend, und es blieb nur übrig, die Leidenden mit Banfi- Tropfen und Wein zu behandeln. Gegenwärtig soll die Seuche schon nachgelassen haben; es sind aber in jener Gegend weit über 100 Menschen daran gestorben. Viel düsterer schildert Missionar Olepp den Zustand. Nach ihm hat die typhöse Malaria Tausende dahingerafft. Gegen sie war die Rinderpest nichts. Nach seiner Schätzung sind nur 8 bis 10 v. H. der Lebenden gesund geblieben. Die Sterblichkeit wäre nicht so groß gewesen, wenn nicht die Leute durch den

Hunger, der nach der Rinderpest kam, die Widerstandskraft | verloren hätten. So siechen fie dahin; die Becher und Eimer- I chen voll Mehl, die zu Hunderten ausgegeben werden, helfen nicht. Die Missionen haben Verlangen nach einem eigenen I Missionsarzt. E» sind zwar mehrere Aerzte in der Colonie, I aber da diese oft weite Wege machen müßten, sei es für die Farbigen oft mit unerschwinglichen Kosten verbunden, sich eines Arztes zu bedienen.

*ein Gemuthsmeufch". Der Münchener Vertreter einer Lebensversicherungsgesellschaft erhielt kürzlich aus einem Provinzstädtchen folgenden vielsagenden Schreibebrief:Hoch­geehrter Herr! Mit tiefer Betrübniß im Herzen ergreife ich die Feder, um einige Zeilen an Sie zu richten. Meine liebe Frau Anna Maria, geb. Lindner, welche, wie Ihre Liste ausweisen wird, bei Ihrer ehrenwerthen Gesellschaft für 3000 Mark versichert war, ist plötzlich gestorben und hat mich in Verzweiflung zurückgelassen. Der schmerzliche Schlag traf mich heute Morgen 6 Uhr: trachten Sie doch gütigst, daß ich die versicherte Summe recht balderhalte. Die Police-Nummer ist 21762. Ich kann im Ernst und in voller Wahrheit sagen, sie war eine treue Gattin und auch eine zärtlich liebende Mutter. Ich habe, damit Alles schneller geht, gleich das bezirksärztliche Zeugniß beigelegt. Sie war nur ganz kurze Zeit leidend; sie hat aber doch recht viel gelitten und für mich war der Schmerz noch um so größer. Ich denke, Sie werden etwas zu meinem Tröste beitragen und das Geld recht bald schicken, besonders wenn ich Ihnen die Zusicherung gebe,daß ich auch meine zweite Frau seiner Zeit bei Ihnen versichern lassen will", und zwar um das Doppelte, also 6000 Mark. Mein Schmerz ist groß, jedoch die Hoffnung auf Ihre freundliche Güte und Gefälligkeit hält meinen gesunkenen Muth noch aufrecht. Der recht baldigen Einsendung des obigen Betrages sieht mit Hochachtung entgegen N. N. mit Kindern."

Heber Briefträger und Studenten in der ehemaligen Universitätsstadt Wittenberg in früherer Zeit plaudert [ Dr. Richard Markgraf in derLeipziger Universität»- Zeitung": Im vorigen Jahrhundert betrug das Bestellgeld in einem sächsischen Postorte für einen Brief 3, für ein Packet 6 Pfennige. Daneben suchten aber die Briefträger nicht selten ein Trinkgeld für sich zu erlangen. Dies artete an einzelnen Orten zu einer förmlichen Ungebühr aus. In Wittenberg war beispielsweise die Habsucht der Briefträger den Studenten gegenüber so unerträglich geworden, daß sich im Jahre 1748 die Universität zu einer energischen Beschwerde genöthigt sah.Wenn der Brirfträger," so heißt es darin, denen Studiosis ihre Wechsel von der Post bringet, weiß er sie zu einem ganz exorbitanten Trinkgelds, außer dem ordentlichen Postgelde und Porto, zu bewegen und zu nöthigen. Studiosi sind voller Freude, wenn Geld an sie kommt, von dieser erfreulichen Verwirrung profitirt der Briefträger, daß er zum Trinkgelds vor sich von einem Studenten, so auch nur 4 oder 6 Thaler erhält, wenigstens 6 bis 8 Groschen und, wenn der Wechsel ansehnlich, 1, 2 und mehr Gulden, und also weit mehr als das Postamt selbst erhält, extorquiret, auch wenn Studiosi nicht wollen, ihnen mit allerhand groben und unanständigen Worten, z. B.der Herr wird noch ein Fuchs seyn, und hiesige Manier noch nicht wissen, was mir gehöret," begegnet, macht sich ganz familiair, setzt sich nieder, trinkt mit ihnen Coffee u. s. w. Die Studiosi denken, es muß seyn, und wissen nicht, bei wem sie darüber klagen und Hilfe finden sollen. Sie meinen auch, wenn sie den Brief­träger erzürnten, so müßten sie etliche Tage nach ihrem Gelde laufen, auch denken sie, der Briefträger würde nicht davon reden, daß sie Geld bekommen, damit es Leute, denen sie etwas schuldig sind, nicht erfahren, allein auch diesen stecket ers nichts destoweniger sofort, und bekommt dafür gleichfalls ein Trinkgeld. Es wäre also zu wünschen, daß in Faveur der Studiosorum diesen Jnconvenientien mit großem Nach­druck abgeholfen, und dem Briefträger zum Trinkgeld allen­falls vor 10 Thaler: 1 Groschen festgesetzt, mehreres aber bey Ersatz des quadrupli verboten würde und denen Studiosis, so es angezeiget, wenn sie es auch selbst gegeben, die Hälfte davon zukommen sollte, oder es müßten die Studiosi von der Post es jederzeit selbst abholen."

* Der bestohlene Staatsanwalt. Der Badestrand in Ostende war dieser Tage in heller Aufregung. Dieb- stähle in den Badecabinen sind, während die Kurgäste baden, nichts Seltenes, und alle Aufsicht erweist sich machtlos. Als nun ein Herr das Meer verlassen und seine Badecabine betreten hatte, vermißte er seine goldene Uhr und Kette im Werthe von 500 Mark, seine 30 Francs enthaltende Geld- tasche und seine, wichtige Papiere enthaltende Brieftasche. Der Bestohlene, ein deutscher Staatsanwalt, schlug sofort Lärm, die Badepolizei schritt ein, aber von dem Spitzbuben war keine Spur zu entdecken. Auch eine zweite Sabine war von dem Spitzbuben besucht worden, aber ihr Insasse ein Engländer hat nur 5 Franc», die er in der Westentasche trug, eingebüßt, da er alles Andere an Geld und Werthsachen im Gasthofe gelassen hatte.

ein Radfahrer ans dem Großglockner. Dom Glöckner- Hause wird als Curtosum geschrieben, daß am letzten SamStag Abend ein Radler (selbstverständlich mit Rad) aus der Elisabethruhe angelangt ist und willen» war, am nächsten Morgen über die Pfandelscharte nach Ferleiten zu gehen bezw. das Rad zu tragen.

* Wie Professor Falb feine Wetterprognosen zusammen- stellt. Der zur Zeit im Kurgebrauch in Bad Teplitz weilende Wetterkundige Professor Rudolf Falb hielt iw dortigen fürst­lichen Schloßgartensaale vor einem zahlreich versammelten Publikum einen Bortrag über da» Thema:Die kritischen Tage und die Eilzeit-. In Erörterung diese» Thema» be­sprach der greise Gelehrte zunächst die Erscheinungen, die auf die WitterungSverhältniffe von bestimmendem Einfluffe find (Stellung de» Monde», Passate, Meeresströmungen usw.) ferner die Grundsätze, auf denen seine Prognosen fußen und schließlich die Art und Weise, wie er fie zusammenstellt. In letzterer Beziehung war e» nicht uninteressant, zu erfahren,

daß er hierbei eigentlich nur ganz mechanisch zu Werke geht. Nach jeweiliger genauer Feststellung der Beziehungen zwischen Mond und Erde, wa» angeficht» der für jeden Tag de» Jahre» vorliegenden astronomischen Borberechnungen dem Kundigen gar keine besonderen Schwierigkeiten bietet, und nach gebotener Rücksichtnahme auf sonstige in Betracht zu ziehende Momente sucht nämlich Professor Falb in dem ihm reichlich zur Verfügung stehenden meteorologischen Material vergangener Zeiten nach der gleichen Constellattou zur gleichen Zeit, unter sonst gleichen Verhältnissen und ist der festen Ueber- zeugung, daß mit derselben Constellation auch wieder dieselben Witteruug»verhältnisse in die Erscheinung treten. Im zweiten Theile seine» Vortrage» begründete Professor Falb in höchst interessanter Weise die Anschauung, daß, wie im Wechsel der Tage diekritischen Tage", in gewissen großen Zeitabschnitten große kritische Perioden eintreten, deren letzte etwa 4000 vor Christus in den bei allen Völkern de» Erdball» fortlebenden Sagen von der SÜnd- oder Sintfluth, aber auch in der Schichtung der Erdrinde ihre Spuren zurückgelassen hat. Der­artige kritische Perioden größter Niederschläge wiederholen sich nach Falb» Anschauung in Zeiträumen von etwa 10 500 Jahren, so daß da» Menschengeschlecht in etwa 4000 bi» 5000 Jahren wieder eine Art Sintfluth zu gewärtigen hätte. In gleicher Regelmäßigkeit scheinen fich auch die Perioden der geringsten Niederschläge, deren letzte tu die Mitte de» 13. Jahrhundert» nach Christi Geburt firl, aber nur ein be­trächtliche» Wachsen der Alpengletscher im Gefolge hatte, zu wiederholen- viel bedeutender müssen jedoch die vorstntfluth' lichen Eisperioden gewesen sein, wie die» die Strnctur ge­wisser Asbest führender Erdschichten und die au» Norwegen vom Eise tief in» Innere Europa» hinetngetrageaen erratischen Felsblöcke darthun. Die Ausführungen de» greifen Ge­lehrten wurden höchst beifällig ausgenommen, wobei allgemein da» Bedauern ausgesprochen wurde, daß dieser Vortrag, mit dem Professor Falb nach langjähriger, durch sein Leiden be­dingter Pause wiederum vor die Oeffentlichkeit getreten ist, auch sein letzter sein soll, welche Selbstbestimmung ihm da» Gebot der Schonung aufrrlegt.

Namenlose Ansichtspostkarten. Eine der interessantesten AnfichtSpostkanensammlung Deutschlands besitzt das Ber­liner Hauptpostamt. Erstaunt wird Mancher fragen, wie die Reichspost hierzu kommt, die doch kaum ein ernst- liche» Interesse an dieserSammelet" haben dürfte. Um jeder Beunruhigung des Publikums vorzubeugen, sei von vornherein darauf aufmerksam gemacht, daß die Post für dieses Vergnügen noch nie einen Heller anSgegeben hat. Mit dieser Sammlung, die in so hervorragendem Maße den Vorzug der Billigkeit befitzt, hat e» eine eigenartige Be- wandtniß. Fast Tag für Tag werden den blauen Brief- kästen der Reichshauptstadt Hunderte reizvoller Anfichtspost- karten vertraut, die oft in hohem Maße Zeugniß von der poetischen Begabung ihre- Absenders ablegeu und richtig franktrt find, aber doch des Allernoihwendigsten zur richtigen Versendung ermangeln, nämlich der Adresse,namenlose AnfichtSpostkarten", die ihren Beruf gründlich verfehlt haben, in des Wortes buchstäblichster Bedeutung. Man schätzt die Zahl dieser Karten, die unbesttllbar bleiben, auf Hundert, tausende. Zumeist rühren sie von Besuchern der Reichs- Hauptstadt her, die in der Aufregung eine Ausfüllung der Adresse vergessen. Unbarmherzig wird nun die Marke ent- werthet vnd da»Postkartenräthfel" nach der Dienststelle zur Ermittelung unbestellbarer Postsendungen befördert. Dort legt man dm Findling zu den anderen, die fich flöße- weife aufthürmen, nm eine» Tage» den Weg in die Papier­mühle zu nehmen.

Der Mann mit den zehn Vorladungen. Au» Wien wird vom 4. d». berichtet: Der Richter de» Bezirks Joseph- stadt hatte gerade da» Eintreten einer Pause verkündet, al» ein älterer Herr, Florian Neupauer mit Namen, auf ihn zutritt und fragt, wa» mit seiner Verhandlung über die Klage der Frau Stach sei.

Richter: Frau Marie Stach ist al» Klägerin nicht erschienen, die Sache ist daher beendet, Sie können gehen!

Neupauer (eine zweite Vorladung au» der Tasche ziehend): Um 10 Uhr hab' ich wieder eine Verhandlung al» Kläger, da ist die Frau Stach von mir geklagt.

Richter: Da fie offenbar Ihnen verziehen hat, können Sie da» Gleiche thnn ... Sie könnten dann, ohne warten zu müssen, gleich nach Hanse gehen.

Neupauer (eine dritte Vorladung hervorziehend): Da» geht nicht, Herr Richter! Die Maria Klttschka hat mich auch geklagt, da ist die Verhandlung um halb 11 Uhr.

Richter: Ich bemerke soeben, daß die Vorladung an | Frau Klitschka nicht zugestellt ist ... Da können Sie doch I gehen!

Neupauer (zieht eine vierte Vorladung au» der Tasche): Da» ist von meiner Gegenklag'.

Richter: Ueber die können wir selbstverständlich auch nicht verhandeln . . . Sie find ja in eine Menge Processe verwickelt?

Neupauer: Ja, wenn da» Alle» wär (zieht au» der Tasche noch vier andere Vorladungen), da, Herr Richter!

Richter: Da» nimmt ja kein Ende! Ihre Tasche ist unerschöpflich! Sie find von den Eheleuten Johann und

I Anna Pernegger geklagt und haben auch da zwei Gegenklagen I Überreicht.

Neupauer: Ich bin aber von diesem Ehepaar noch I einmal geklagt . . . hier (zwei neue Vorladungen herav»- ztehend), hier 1» der Beweis! Aber da iS die Verhandlung I erst am Bternndzwanzigsten!

Richter: Genug! Genug! Ich beschließe die Zusammen- ziehung aller Klagen für den Bierundzwanzigsten, Sie können

I gehen.

Herr Neupauer sortirt sorgfältig seine Vorladungen, steckt fie wieder partteweise in die Tasche und entfernt fich.