Nr. 112 Zweites Blatt. Samstag den U, Mai L8S8
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Bekanntmachung.
In der Gemeinde Werdorf, Kreis Wetzlar, ist die Maul- uud Klauenseuche erloschen, und find die Sperrmaßregeln wieder ausgehobeu worden.
Gießen, den 11. Mai 1898.
GroßherzoglicheS KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
A«S de« Verhandlungen der Zweite« Kanuner der hessische« StLude.
Die am Dienstag den 1 7. Mai 1898, Vormittags 10 Uhr, beginnende 60 Sitzung der Zweiten Kammer der hessischen Lauvstände bot folgende Tagesordnung: 1. Neue ßinlänfr. 2. BerichtSanzeigeu. 3. Anfrage des Abg. Köhler (Darmstadt) bte Verlegung der Ge« meiadesteuerziele betreffend. 4. Ecngabe einer Anzahl Einwohner vom Schlitzerland, Fleischbeschau im städtischen Schlachthause zu Gießen betr. 5. Antrag deS Abg. Köhler (LangSdors), die HolzbezugSberechttguug der Gemeinde Gleimenhain aus dem dortigen Großh. Domantalwald und die Verwaltung der hessischen Domanialwälder überhaupt, betr. 6. Rückäußerungen Erster Kammer über die Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, den Hauptvoranschlag über die StaatS-Etouahmen und -Ausgaben tu den Jahren 1897/98, 1898/99 und 1899/1900 und weitere Gegenstände bett. 7. Vorlage Großh. Ministeriums der Franzen, den Entwurf deS FinauzgesetzeS für die Javre 1897/98, 1898/99 und 1899/1900 betr., zugleich über Hauptabtheilung 5, Lapitel 8, der ordentlichen Einnahme des Hauptvoranschlags 1897/1900 „Direkte Steuern" betr. 8. Capitel 115, Kosten des Katasters, Titel 2 (BeztrkSgeometer) deS Hauptvoranschlag» für die Jahre 1897/1900, sowie Antrag 6t* abg. Joutz In gleichem Betreff und die Vorstellung von 34 Gemeinden deS Oden- Waldes und 57 Gemeinden deS VogrlSbergeS um Uebernahme der Kosten für die Wiederherstellung der AuSstetnuug trigonometrisch bestimmter Punkte auf die StaatSkaffe bezw. um Einführung des Instituts der BeztrkSgeometer.
Deutsches Reiche
Berlin, 12. Mai. Der Kaiser wird fich am Sonntag zu dem OsftzierS-Wettreunen nach Kehl bet Straßburg begeben und später beim Statthalter in Straßburg absteigen. AvcndS findet großer militärischer Zapfenstreich statt. Nach der Parade wirs da« Katserpaar am Dienstag Nachmittag die Rückreise nach Potsdam antreten, woselbst die Ankauft am Mittwoch früh erfolgen wird.
Berlin, 12 Mai. Die „Post" erfährt von unterrichteter Seite, daß die Meldung von einer auf S a m o a auSgebrochenen Revolution fick nicht bestätigt.
Berlin, 12. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: Amerikanische und deutsche Blätter haben kürzlich berichtet, daß der Kaiser in einer Unterredung mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten tu Berlin die Annahme, die kaiserliche Regierung sei von unfreundlichen Gefühlen gegen Amerika beseelt, zurückgewiesen habe. Wie wir erfahren, hat eine solche Unterredung nicht ftattgesunden und beruhen daher die darüber gemachten Angaben völlig auf Erfindung. Der Kaiser dürfte eS umsoweniger für erforderlich erachtet haben, die ihm zugefchriebeue Versicherung abzugeben, als die Amerikaner nach den von deutscher Gelte seit Beginn deS Krieges wiederholt und zuletzt noch feierlich in der Thronrede vom 6. Mai abgegebenen Erklärungen über den Charakter unserer stricten, vollkommenen und loyalen Neutrali-ät nicht im Zweifel sein konnten. DaS sei auch allen englischen und franzöfischen Blättern gesagt, die fich bemüht zeigen, Regierung und öffentliche Meinung deS deutschen Reiches als parteiisch gegen den Präfidenten und daS Volk der Dereiutgteu Staaten hiuzustellen. Die kaiserliche Politik hat Anspruch auf das Vertrauen, daß fie die mehr als hundertjährige Freundschaft mit dem Staatswesen, in dem Millionen deutscher Landsleute eine zweite Heimath gefunden haben, nicht ohne zwingenden Grund fallen laffen wird.
Verlin, 12. Mai. Zur Berathung der Frage betreffend die stärkere Besteuerung der Waarenhäuser hat Fwauzminister von Mlqarl eine Anzahl Sachverständige, Händler und Gewerbetreibende sowie Vertreter der städtischen Behörden Berlins zu einer Conferevz am 18. ds. laden laffen.
Ellwangen, 12. Mat. Gestern Abend starb hier auf einer FtrmungSretse der Bischof von Rottenburg, Dr. v. Reisen.
Budapest, 12. Mat. Bet Beantwortung der Interpellation wegen der unterbliebenen Neutralitäts-Erklärung Oesterreich Ungarns im spanisch-amerikanischen Kriege erklärte Mtuisterpräfideut Banffy heute im Abgeordnetenhause, da Oesterreich-Ungarn mit beiden Staaten in freundschaftlichem Einvernehmen steht und dieserhalb unbedingte Neutralität aufrecht erhalte, so sei eine diesbezügliche besondere Erklärung nicht uothwendig gewesen.
Zurich, 12. Mat. Die hiesigen Italiener beschloff.-n, wegen der Haltung deS BundeSrathS einen allgemeinen Strike zu arrangireu. Eine Versammlung internationaler soctaltsttscher und anarchistischer Arbeiter beschloß, die italienischen Revolutionäre finanziell und moralisch zu unterstützen.
Rom, 12. Mai. „Tribuna" meldet aus Mailand, daß vorgestern dort 500 Leichen bestattet wurden.
Mailand, 12. Mat. Hier herrscht jetzt vollständige Ruhe. Fast alle TageSblätter haben wegen Mangel an Papier ihr Erscheinen eingestellt. DaS Kriegsgericht hat seine Thätigkeit eröffnet. Nach den bet den verhafteten Republikanern Vorgefundenen Briefschaften sollte der Aufstand hier, in der Lombardei und in ToScana erst am 10. d. M. beginnen und darauf die Proclamirung der Republik nach Schweizer Muster. Die zahlreichen bewaffneten Banden tu der Umgegend plündern das Land. Zwei Eavallerie-Regt- meuter und zwei Regimenter Artillerie find unter dem Befehl des Generals Bava zur Unschädlichmachung der Bauden aus- gezogen.
Parts, 12. Mat. Dte hiesige Ausgabe des „New-Aork Herold" meldet aus Eadtz, man sei dort der Auficht, daß die spanische Flotte nach Portorico unterwegs sei, wo fie morgen eiutreffen werde.
Loudon, 12. Mai. AnS Haiti wird gemeldet, daß Admiral Sampson die Stadt Sau Juan auf Portorico bombardtrte. Der amerikanische Kreuzer Aale wurde bei Sau Juan von einem spanischen Kreuzer beschoffeo, ist aber entkommen.
Madrid, 12, Mat. Die Militär- und Martnekreise erklären die Meldung von der Rückkehr des Lap Verde- GeschwaderS nach Cadiz für erfunden.
Washington, 12. Mat. Der Senats - Ausschuß beschloß mit elf gegen vier Stimmen dte Annexion Ha Mats.
Feuilleton.
Die Spekulation.
Von Willy Weber.
(Nachdruck verboten.)
Da» war schon eine reckte Kunst in diesem Jahre: nachdem eS keinen Winter gegeben hatte, war der Frühling gekommen! Und nicht etwa mit „Saufen und Brausen" — o nein, ganz zahm und vorfickttg, wie fich'S für einen wohlerzogenen Frühling AuSgangS de« Jahrhunderts geziemt. Einfach langweilig war dieser Uebergaug vom Winter zum Sommer: keine Schneeschmelze, kein E'Sgang, kein Hoch, wasier, kein FrühlingSgewttter, — nichts, rein gar nichts, was einen Menschen erfreuen konnte. Nicht mal den Holz- steg beim Kretsckam, der einer geheiligten Tradition zufolge Jahr für Jahr im Nachbardorfe bretterweise znsammengesncht werden wußte, hatte daS Waffer fortzuschwemmen vermocht. . . . . „'S ist ein Eiend," hatte der Zimmermann-Andre» auSgerusen, al» der Steg gar nicht einmal ins Wanken gerieth.
„'S ist ein Elend," so tönte eS durch das ganze Hinter- land, deffen Bewohner auf einen harten Strauß mit dem Winter eingerichtet waren und denen sonst der Einzug des Frühlings der Befreiung aus einem Gefängnth gleichgrkommen war. DieSmalwar aber geradezu alle» auf den Kopf gestellt: sie hatten von dem Wivter-Gefängniß nicht» gespürt, und al» ihnen die ersten Lerchen die angebliche Befreiung au» des Eises Banden ankündigte», schnitten fie griesgrämige Grfichter und knurrten dem Frühlingsboten zu: „Gebt Euch mit der Singerei keine weitere Mühe, wir wiffen die G'schicht eh' schon."
... „'S ist ein Elend," knurrte auch der Bartstein- Rikol, der in seinen hohen Stieseln auf dem Hofe umher- stolzirte und vergeblich eine Pfütze suchte, in die er etwa hineintopfen konnte. Aber der Hof war glatt wie der Tanzboden im Erbgericht. Da schlich Nikol hinten herum zum
Bache. Ach, ein richtiger Bach war da» schon gar nicht mehr, daS war nur noch ein Wässerchen, daS trübe dahinfloß, wie Ghrup au» des Krämer» Blechkanne. Und neben dem Bache lagen die Stämme hoch aufgeschichtet: Holz, Prachtholz, kerngesund und von keiner Made angegangen! Hätte es da» übliche Hochwaffer gegeben — spielend hätte vaS den Vorrath mit hinunter genommen weit ins Vorder- land, wo man noch hohe Preise erzielen konnte. Aber so ...„'» ist ein Elend," seufzte Nikol nochmals, kraute fich hinter dem rechten Ohr und spazierte nach der Geflndestube zurück. Hier setzte er fich auf die Fensterbank, sah sein Holz an und überlegte fich dte Sache zum hundertsten Male.
Also da» mit dem Holz war so: Nikol Bartstein saß auf schuldenfrei ererbtem Besitz. Da» genügte ihm vollkommen, einen weiteren Ehrgeiz besah er nicht. Die Hinterländler standen so wie so in dem Rufe, jeder geistigen Anstrengung thunltchst au» dem Wege zu gehen, — sollte er, Nikol Bartstein, mit dieser alten, guten Ueberliefernng brechen k DaS fiel ihm schon im Traume nicht ein! Freilich, auf den Hof gehörte eine Bäuerin, allein konnte er auf die Dauer nicht weiter wirthschaftev. Er wußte auch schon Eine, die so ganz nach seinem Gusto war, — aber . . . aber ... der alte Greininger war der beste Bruder nicht und behütete seine Lene wie seinen Augapfel, üeberhartpt dieser alte Greininger —! Eigentlich waren die BartsteinS und die GreiniugerS Todfeinde, denn die beiderseitigen Urgroßväter hatten ein halbe» Menschenalter hindurch prozesfirr um da» Wafferrecht deS Dorfbachr», und al» sich endlich herauSgestellt hatte, daß diese» Recht ausschließlich der Gemeinde znstände, waren die ProzeßhanSl alle Beide dem Ruin nahe. Während aber die Bartstein» auf da» Pro- zesfireu, die Gerichte, die Advocaten weidlich tobten und schimpften, verhielten fich die GreiniugerS mäuschenstill und arbeiteten fleißig, um die Scharte wieder auSzuwetzen. DaS gelang ihnen auch, denn schon der Vater de» alten Greininger hatte es fertig gebracht, da» Wafferrecht abzulöien, indem er der Gemeinde einen gehörigen Batzen dafür bezahlte. So
kam e« denn, daß selbst im Sommer die Greininger Mühlen lustig klapperten, während beim Bartstein da» Getriebe st ll stand: Greininger hatte ein Jahr das Waffer abgesperrt, er brauchte e» für fich, und die Bartstein» konnten zusehen, wo fie biteben.
So war es gekommen, daß die Bauern - Dynastie r Greininger ihre Gegner au« dem Felde geschlagen hatte und heute im ganzen Hinterlande den ersten Ton angeben konnte. Und der alte Greininger war ein Mann, der in die Welt paßte. Er hielt nicht» von Traditionen, sondern schritt rüstig mit der Zeit fort. Ja, er machte sich luftig über die Hilflosigkeit der Hinterländler, dte unausgesetzt über schlechte Zeiten und schlechte Geschäfte lamentirten, während fie doch keinen Finger rührten, nm ihre Lage zu verbessern.
Al» eine» Herbstabend» im Erbgericht wieder die allgemeine NothstandSdebatte eröffnet worden war, meinte der alte Greininger, indem er mit scharfem Blick den Nikol Bartstein streifte: „Zum Frühjahr wär schon ein Geschäft zu machen. Drunten in der Stadt wird ’ne Kirche gebaut, eine Kaserne wird auch angefangen, und Privathäuser kommen auch hinzu. Da wird Bauholz gebraucht, Holz — kernfest und weiterhart — wie wir eS nur im Hinterland noch ouf- treiben können. Wer da Courage hat, im Herbst einen Posten anzukaufen . . .“ Und wieder traf ein ermuthigender Blick den Nikol.
Dieser schob seine Mütze von einem Ohr zum andern und bltrS dicke Wolken ans seiner kurzen Pfeife. Eigentlich leuchtete ihm da» mit dem Holzkauf ein: hier oben und noch weiter himen im Gebirge kriegte er die schönsten Stämme, gewachsen wie die Kerzen, für ein Spottgeld, — der Transport war auch nicht theuer: im Vorwinter per Schlittr», im Frühjahr per Hochwaffer .... Ader freilich, eine Spekulation blieb er doch, und er hatte dabei so viel zu denk-n, zu rechnen, zu schreiben, — für einen ächte» und rechten Bartstein war daS doch eigentlich nichts.
(Schluß folgt.)


