ült. 267 Fünftes Blatt. Sonnt», den 13. November 18®8
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Anrts- und Anzeigeblutt für bat Ureis Giefzetr.
Deutsche- Reich.
Brauvschweig, 11. November. Wie die „Bronnf^wctgcr Neuesten Nachrichten" berichten, erfolgte in der letzten Nacht um 2 Uhr in der norddeutschen Zucker Raffinerie eine heftige ploflon. Bi» heute früh um 5 Uhr waren 16 Personen, welche bei der Explosion Verletzungen erlitten Haden, in da» R'cntenbaul zu Heimstädt gebracht.
Stuttgart, 11. November Zum Landesbischo f wurde 6er Universität» Piof'fior Keppler au» Freiburg gewählt. Derselbe ist ein geborener Württemberger. Bei dem muthmaßllchen Thronfolger von Württemberg, bim Prinzen Älbreitt, ist K vvler persona grata.
Ausland.
Wien, 11. November. Die Regierung hat in weiteren 16 gol'ztschen Bezirken den Ausnahmezustand aufgehoben. In den noch verbleibenden acht Bezirken erfolgt die Aufhebuvg dann, wenn da» gerichtliche Verfahren wegen der feiner Zeit stattgefuudenen Ausschreitungen beendet fein wird.
Vie», 11. November. Gegenüber der Blättermeldung, daß der österreichische Gesandte in Bern beauftragt worden sei, der vchwurgericht» - Verhandlung im Prozeß Luecheoi deizuwohoen, confiotut die,VoL Corresp ", daß der Gesandte einen solchen Auftrag nicht erhalten und der Verhandlung auch nicht b'igewohnt hat.
Budapest, 11. November. In der heutigen Abgeord- netenhaus-Sitzung hielt Graf T'sza eine b merkens wende Rede, in welcher er die Angr ffe der Oppofition auf das Schärfste verurtheilte und erklärte, die Oppofition werbe mH ihrer Obstruktion den Sturz der Reg'erung nicht durch
Mtrti«, Iprbttien anb »mimt: ,4-tßrage Br. 1.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung, betnffeud: Maul- und Klauenseuche. In Himbach, Kreis Büdingen, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöftsperre verfügt worden. Gießen, den 11. November 1898. Großherzogliche» KreiSamt Gießen.
v. Bechtold.
fetzen, höchsten» könne fie verhindern, daß der Ausgleich und das Budget am 1. Januar 1899 zu Stande komme. Die Regierung werde fich aber dadurch nicht beirren losien, sondern unter Berufung auf die große hinter ihr stehende Majorität alle Virfügungeu treffen, welche zur Fortführung der Ge'chäfte oothwendig find.
Brüste!, 11. November. Die Meldung der »Daily Mail*, wonach der König der Belgier im Auftrage eines Syndikats an die spanische Regierung die Offerte gemacht habe, die Philippinen in Pacht zu nehmen, wird offiziell d emeotirt.
Paris, 11. November. Cavaignae wird heute Nachmittag uockmal» vor dem Caffatfonshose verhört werden. Auch die Vernehmung des Generals Zur linden soll heute Nachmittag erfolgen.
M.P.C, Zur Geschichte der aghptischenFrage ist es bemerkeoswerth, daß gleichzeitig mH den beregteu Er- eiguiffeu fich die Insurrektion Im Sudan eotwickelte. Diese reichen Gebiete, für deren Erschließung und Lultivirung Aegypten im Laufe von mehr als 60 Jahren ungeheure Opfer gebracht hatte, gingen für die gesummte civilifirte Menschheit zunächst wieder verloren, weil England fie für fich nicht erwerben konnte, und deren Besitz der ägyptischen Regierung nicht göaueu wollte. Gordon PafchaS Mission war von vorn herein als eine tragische anzufehen. Durch die Stege des Sirdar Kttchener wurde das Schicksal des Sudans contgirt. Die reichste Provinz ist Sonnar, wo jährlich eine Million Silo Mais, daun Baumwolle, Kaffee rc. in vorzüglicher Qualität geerntet werden; der Ertrag liehe fich nach der Meinung sachverständiger Kreise leicht verdoppeln. Ja Kor- dofan ist die Straußenzucht sehr entwickelt j auch wtrd hier der beste Gummi gewonnen. In der Provinz Dongola beträgt die jährliche Dattelernte 200 000 Kilo, auch Geereiha gedeiht sehr gut. Trotz der bedeutenden Erträge steht jedoch der Ackerbau allenthalben noch auf einer ziemlich niederen Stufe, obwohl da» voo den katholischen Missionen ausgehende Beispiel hierin vieles gedefferl hat. Der Werth des Sudan erh'llt einigermaßen aus den Worten, welche Sir Samuel Baker schrieb, als Gladstone zögerte, den „Mahdi" energ'sch zu bekämpfen: „Den Sudan opfern, he'ht die Kornkammer der Weit verschleudern - wenn er in kw'ltfirte Hände kommt, wird er die reichste Gegend des afrikanischen Coyttnents werden."
M.P.C. Japan. Dir Probefahrten mit dem in Philadelphia gebauten 4,900tons Kreuzer Kasagi Haden begonnen. Bei einer vierstündigen Fahrt konnte die Geschwindigkeit von 22,75 Knoten mit Leichtigkeit beibehalten werden.
Vermischtes.
• Ter Nutzen der Krähe». Man ist gewöhnt, die Krähen als große Schädlinge der Landwirthschaft anzufehen, und daß diese Ansicht auch von autoritativer Seite getheilt wird, beweisen die behördlicherseits in verschiedenen Kre'sen ausgesetztln Prämien für Vernichtung der Saatkrähen. Daß man damit aber einen Fehler begangen hat, und die Krähe doch nicht ein so absolut nutzloser Vogel ist, als bisher angenommen wurde, hat jetzt Proseffor Rörig in Königsberg bewiesen. Seine Untersuchungen richteten fich aus zwei Gruppen der Krähen, auf die Nebel- und Rabenkrähen und auf die Saatkrähen. Um zuerst einmal den von den ersten verursachten Schaden genau feststellen zu können, wurde der Mageninhalt von 666 Nebel- und Rabenkrähen untersucht. Die aus den gewonnenen Resultaten folgenden Berechnungen ergaben, daß in einem Jabre von der erwähnten Anzahl Krähen ein Schaden von 6393 20 Mk. verursacht wird, und zwar durch Vernichtung von Pflanzentheilen 507 Mk, durch Schädigung der Jagd 5886,20 Mk. Dem aber steht ein Nutzen von 7987,50 Mk. entgegen, nämlich 5587,50 Mk. durch vertilgen von Mäusen und 2400 Mk. durch Vernichtung von Insekten. Somit repräsentiren allo 666 N'brl- und Rabenkrähen für den Landwind ein Eapital von 1600 Mk.
Erheblich größer ist der Nutzen der Saatkrähen. Hier stellt fich das Berhältnlß wie folgt:
Schaden durch Schädigung von Pflanzen 456 Mk.
„ „ „ der Jagd 412 ,
zusammen böb Mk.
Nutzen durch Ausrottung von Insekten 8450 Mk.
„ , Tödtung von Mäusen 45 ,
zusammen Ö495 Mk.
845 Saatkrähen vermögen also der Landwirthschaft in einem Jahre 2627 Mk. zu ersparen. Es wäre also sehr wünscherSkver h, wenn man der Maffiuvernichtung der Krähen ein Ziel setzte.
Zur Himveihuugsfeier nach Zerusakem. x.
Jerusalem, 30. October 1898.
Den heutigen Sonntag Vormittag Haden wir mit dem Kai'erpaare in Bethlehem verbracht. Schon um 7 Uhr früh fand dort die E nwethung dr» etwa 20 Minuten hinter der Stadt, in den Weinbergen liegenden neuen deutschen Waisenhauses statt und wir mußten schon beim ersten Morgengrauen uv» auf den Weg machen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu fein Ader dieser Weg entschädigte uns reichlich für die kleine Unbequemlichkeit. Im Sche n der ausgehenden Morgenlonne war die Landschaft zwischen Jerusalem und Bethlehem mit den Weinbergen und Olivenwäldern in der Nähe und den blauen Ostjordandergen im Hintergründe von außer- ordentlicher Schönheit, und der Genuß war um so reiner, al» die Hitze noch nicht so groß und der Staub noch erträglich war.
Ic mehr wir uns Bethlehem näherten, um so freund- licher wurde der Anblick, denn während das heilige Land sonst meist, namentlich nach der Srrte iw Sommer und Herbst, einen recht trostlosen und kahlen Eindruck wacht, erfreut h er Überall Bewaldung das Auge. Auch den Bewohnern merkt man den großen Reichthum des Landes an und in B thlehem selbst sieht man nicht nur stattliche Männer, sondern auch viele schöne Frauen, deren kräftige Gistalten in der kleidsamen T'vcht mH den buntgestreiften Unterk eidern, der bunten reich gestickten Jacke und dem toben, mit S Ibermünzen behängten Sopfp y, mit dem wundervoll gestickten Schleier darüber, vortreffi'ch zur Geltung kcmmen.
Das neue Waisenhaus ist ein ans-hnlicher Steiubau m t vorzüglicher Einrichtung, die bte Enlturardeit, bte in ihm verrichtet werden soll, wesentlich erle'chtern wird. Die Ein- weihungSfeier, bei der Pastor Weser von der Marienkirche in Berlin die Weiherrde hielt und Graf Z,ethen-Schwerin im
Namen des Jeruia'em Vereins sprach, deffen Bestr,düngen auch diese neue Anstalt in erster Reihe zu danken ist, wohnten die Majestäten selbst nicht bet.
Die Allerhöchsten Herrschaften begaben fich in der neunten Stunde in die protestantische Kirche in Bethlehem und wohnten dem von dem dortigen Pastor Böttcher abgehaltenen Gottesdienste de'. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde bte Gcburtskirche besichtigt, wo vor dem Eingang eine Ehrenpforte mH dem Bilde de» Kaiser» aufgerichtet war und wo sich wieder einmal ein große» volkstreiden entfaltete. Hierauf kehrte der Kaiser zu Pferde nach Jerusalem zurück, während die Kaiferiu noch nach dem neuen Waisenhause fuhr, wo vorher für die deutschen Gäste, die in der Kirche keinen Plötz gefunden hatten, auf der Terraffe ein Gottesdienst abgehalten war, bei dem Superintendent D. Pank aus Leipzig eine außerordentlich stimmungsvolle und den Empfindungen der auf den Gefilden Bethlehem» versammelten Pilger Rechnung tragende Rebe gehalten hatte. E« war ein wundervolles Schauspiel, den Prediger zwischen den bunten Gesta tea der Bethleberniter stehen zu sehen, bte ihn überall umringten und aufmerksam seinen Worten lauschten, Den denen doch nur Wenige etwas verstehen mochten.
Am Nachmittage besichtigte das Kaiserpaar den Delberg, wo ebenfalls ein Gottesdienst abgehalten wurde.
XI.
Jerusalem, 31. October 1898.
Nach der Rückkhr von der E-nweihungsfeier verweilte da» Ratfetpaar tm Zeltlager, wo das F ühstück eingenommen wurde. Ader schon tu der vierten Siuabe begaben fich die Majestäten wieder in die Stadt und nun vollzog fich abermal» ein Act von höchster Bedeutung. Es war schon lange vor Andruck, der Reife davon die Rede, der Sultan werde dem deutschen Kaiser da» Eönakulnm abireten, da» Gebäude, in dem das Z mm er der Einsetzung des heiligen Abendmahls und das Grad Dav ds gezeigt werden. Bet dem Fanatismus, i m t dem die Mu'elmanen an hm traditionellen Dov'dsgrabe 1 hängen, war an etne solche Abtretung, wie dem E ngewethttn
längst k ac war, nicht zu denken. Eiwas Aehnl'ches ist nun aber doch wahr geworben. Unmittelbar neben dem (Sönatulam befindet fich ein P.atz, etwa 50 Meter im Quadrat. Ihn bat der Sultan heute dem Kaiser für die deutschen Katholiken geschenkt.
Der Act der U'bernahme war wiederum ein ergreifender Moment m d eien an Ereignissen so reichen Kaisertagrn im hk'ltgen La de. Ja der Mitte de» Platzes war eine Fahnen- ftanie aufgerichtet. In der Umgebung hatten der lateinische Patriarch mit der katholischen Geistlichkeit und unsere Marine- Infanterie Aufstellung genommen, die bei ihrem H nmarich bte Bewunderung der Bevölkerung in nicht geringem Maße erregt hatte.
Um 4 Uhr erschien do» Kaiserpaar auf dem Platze. Nach Begrüßung durch den Patriarchen gab der Ka ser seinen Da k |Ür die Schenkung, die ein neuer Beweis der Freundschaft fei, Ansd'vck Wie der Sultan vor 20 Jahren seinem in Gott ruhenden Vater den Muristan für die Protestanten, so bare er »hm nun diesen P atz für die deutschen Katholiken geschenkt. Mit tiefstem Danke erfülle ihn diese» Geschenk, von dem er nunmehr Besitz ergreife.
Ein Wink des Kaiser» und unter den Klängen der deutschen Nationalhymne, der unter präseotirtem Gewehr der Matrofe' die türkische Hymne folgte, ging die deutsche Flagge in dte Höhe.
Nachdem der Patriarch dem Raiter in längerer R de gedankt hatte, wandte fich der Monarch an die Matrofen, verlieh j-dem Einzelnen da» neu gestiftete Jerusalernkleuz und ermahnte fie, fich dieser Auszeichnung würdig zu erzeigen nnb den Aufenthalt in Jerusalem dazu zu benutzen, ihren t auben zu fefti jen. Der die Abth' lung befehligende Offizier dankte dem Kaiser und brachte ein Hoch auf den Kaiser au», in das die Mannschaften dreimal j ibelnb einstimmten.
An diesen Act der B fitz-rgreifnng schloß fich ein Besuch be» Cönakulums nnb des DavtdSgrabe» und zwar ward es dem Krise-paar gehet et, in da» unterirdische Grad hinabzusteigen, da» seit den Keeuzfahrerzeiten von keinem Christen mehr betreten worden ist. Richard Schott.


