Nr. 18tt Zweites Blatt. Samstag den 13. August
1898
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Ruhland und England.
Die Engländer raffeln gar zu gern mit dem Säbel. Davon haben auch wir den Beweis gehabt, all Kaiser Wilhelm die bekannte Depesche an den Präsidenten der Transvaal- Republik gesandt hatte, nachdem der Einfall Dr. Jamesons in dieses Land von den Buren kräftig zurückgewiesen worden war. Damals bildeten die Engländer ein fliegendes Geschwader, das aber nicht in Action trat, sondern spurlos und klanglos wieder verschwand. Auch jetzt ballt man jenseits des Kanals die Faust in der Tasche, und zwar gegen Rußland. Das ist nun gerade nichts Neue-, denn die Gegensätze zwischen beiden Ländern find bekanntlich besonders scharfe, so daß ernste Politiker den Ausbruch offener Feindseligkeiten als sicher voraus« sehen und höchstens noch eine Hinausschiebung derselben zugestehen wollen. ES ist unzweifelhaft, daß sich sowohl Eng- land als auch Rußland auf die große Auseinandersetzung in Ostafien vordereiten, aber immer noch N'cht den Zeitpunkt für gekommen erachten, um dieselbe zu beginnen. Die Rivalität der beiden Staaten ist bekanntlich nicht erst jungen Datum!, sondern liegt schon weit zurück. Früher war der Einfluß Englands in Ostafien allein maßgebend, der Handel mit dem großen chinesischen Markt lag zum weitaus größten Theil in feinen Händen. Das wurde anders, als das russische Reich sich nach dem Südosten Asiens auszurecken begann und Schritt für Schritt Terrain zu gewinnen suchte. Man muß die Klugheit der rusfischen Diplomatie bewundern, wie sie unentwegt ihren Weg gegangen ist und sich durch Nichts von ihrem Ziel hat abbringen lassen, das darin besteht, den englischen Einfluß zu beseitigen und schließlich die Bahn nach Indien frei zu machen. Es geschah tu wohlüberlegter Absicht, als Rußland im chinesisch-japanischen Krieg sich auf die Seite Ehina! stellte. Einmal paßte es ihm noch nicht, daß dieses Reich vollends zertrümmert wurde, andererseits aber wollte eS sich für seine Hülse werthvolle Bortheile sichern, die dem ganzen Plan, welchen Rußland in Ostafien verfolgt, förderlich waren. Der ruffisch chinefische Vertrag, dessen Veröffentlichung s. Zt. so großes Aussehen machte, ist eine der Compensationen, welche Rußland erlangt hat, und ficherlich geeignet, den Neid Englands zu erregen. Und als Deutschland fich im vorigen
Feuilleton.
Erste Liebe.
Skizze aus Berlioz' Lebe».
Von 8. Gerhard.
(Nachdruck verboten.)
„Hektor, Hektor!"
Die rufende weibliche Stimme durchhallte an einem Märzmorgkn des Jahres 1810 da! kleine, freundliche Häuschen in la Cöte Saint AndrS im südlichen Frarkreich, welche» dem Dr. Berlioz, einem tüchtigen, Überall geachteten Arzte, gehörte.
Der Doctor steckte seinen buschigen Kopf aus der Thüre seines Sprechzimmers und fragte ungeduldig: „Ist der Junge noch nicht da? Was treibt er benn ?*
Aergerlich erwiderte feine Frau: „dr ist weder in seiner Stube, noch draußen zu finden. Wahrscheinlich hockt er wieder in der Bodenkammer hinter den alten Büchern. Ich schicke die Magd hinauf. Ah, da kommt er 1*
Ein zwölfjähriger Knabe stieg langsam die Stufen herunter; seine dunklen Augen hatten einen verträumten, ab- wesenden Ausdruck- als sein Vater ihn zur Rede setzte, strich er mit der schmalen Hand die Locken aus der weißen Stirn, als wolle er damit seine Gedanken verscheuchen, und folgte dem vorangehenden mißwuthig in daS Sprechzimmer, in dem fich ein Arbeiter befand, welchem der Doctor einen kranken Finger amputireu wollte.
Der Knabe mußte ihm bei der Operation die Jnftru« mente und Binden reichen, trotz seines Eifers sah der Arzt, daß Hektor beim Anblick des Blutes leichenblaß wurde, daß ein Zittern seine Glieder überlief und er mit gequältem GefichtsauSdruck die Klagen des Kranken anhörte. Kaum war fein Dienst beendet, fo wandte er sich von dem Operationstische ab und trat ans Fenster.
Seine Phantasie trug ihn weit fort von der niedrigen, nach Medicamenten riechenden Stube, von dem kleinen Städtchen, in ferne Gegenden, von denen er soeben gelesen, in fremde Länder. Eine Lerche stieg vor ihm in den blauen Aether auf, er verfolgte sie mit sehnsüchtigen Blicken. Ach, wenn ihm auch Schwingen gewachsen wären, wenn er gleich dem flüchtigen Vogel von Ort zu Ort ziehen Monte, so weit Ihn seine Neigung triebe!
Jahr in den Besitz von Kiaotschou gesetzt hatte, da griff auch Rußland wieder zu und nahm den Hafen Port Arthur, den die Japaner noch besetzt hielten. Auch dieser Schritt Rußlands batte in England stark verschnupft, aber man mußte sich dem fait accompli schließlich fügen.
Jetzt ist ein neuer Eonflict im Anzuge w'gen der Eon- cessionirung chinesischer Eisenbahnen. Die englischen Blätter zeigten fich sehr ungehalten darüber, daß die Regierung nicht energisch auftritt und fich nicht in den Besitz sämmtlicher chinesischer Bahnen setzt. Die Bahn nach Niutschwang hat für England deshalb einen besonderen Werth, weil sie den Handel mit Mandschurien von dem geplanten rusfischen Eisenbahnnetz ablenken und zugleich England einen Halt innerhalb der Einflußsphäre Rußlands gewähren muh. Aus diesem Grunde hat aber das Letztere ein gutes Recht, gegen die Ertheilung der Eoncesfion Protest zu erheben. Man braucht nun aber nicht zu denken, daß eß wegen des Bahnbaues zum Kriege kommen könnte; es wird sicherlich ein Ausweg gefunden werden, der beide Theile zufrieden stellt. Dem geben jetzt auch schon die Blätter des Jnselreiches Ausdruck, d. h. sie wiegeln wieder ab, nachdem sie bereits mehrere Tage lang eine drohende Sprache gegenüber Rußland geführt hatten.
Im Uebrigen hat England guten Grund, gegen feinen Rivalen gerade im gegenwärtigen Augenblick mißtrauisch zu sein. Rußland strebt schon seit langen Jahren danach, am persischen Golf einen Stützpunkt für feine Macht zu finden, und feine Aussichten haben fich bekanntlich unter dem jetzigen Schah erheblich gebeffert. Beherrscht aber Rußland erst den persischen Meerbusen, so steht ihm der W'g nach Indien offen, wenigsten- ist derselbe bedeutend abgekürzt. Und noch auf einer anderen Stelle sucht daß Zarenreich fich den Weg nach Indien zu ebnen. Wenn die Meldungen richtig find, so hat der Negus Menelik das Sultanat Raheita an Rußland abgetreten. Vorläufig erhebt freilich noch Italien hiergegen Widerspruch, aber es ist nicht ausgeschloffen, daß eine Verständigung erfolgt und Rußland thatsächlich in den Besitz eines Stützpunktes am Rothen Meere gelangt. Ist baß aber auch nicht der Fall, so .dürften England doch die Augen geöffnet sein über die Abfichten Rußlands, und der englischen Diplo-
SSB
Die scheltende Stimme seines Vaters weckte ihn aus seinen Träumereien.
„Aus Dir wird doch im Leben kein tüchtiger Arzt/ grollte er, seine Instrumente verschließend, „wirst beinahe ohnmächtig beim Anblick von Blut, wie ein junges Mädchen, und zeigst kein Interesse für diese mir sehr gut gelungene Operation."
„Ich will auch kein Arzt werden," stieß Hector trotzig hervor.
„Oho, mein Bürschchen, mein Wille ist stärker als der Deine. Für wen arbeite und mühe ich mich denn? Du sollst einst meine Praxis hier erben."
Der Knabe schauderte. Ewig hier bleiben in dem kleinen Städtchen unter den langweiligen Menschen, ihre Krankheiten behandeln, — nein, er thats gewiß nicht!
Dr Berlioz, der den stummen Widerstand seines Sohnes wohl erkannte, fuhr energisch fort: „Die Bodenkammer schließe ich noch heute ab. Die Stciüre der Reisebeschreidungen weckt in Dir nur die Sehnsucht nach Abenteuern, entfremdet Dich aber dem Dir bestimmten Leben und Deinen Studien."
Er hielt sein Wort- der Knabe empfand die Entbehrung schwer, die trockenen Schulwiffenschaften, tu welchen sein Vater ihn unterrichtete, gewannen ihm wenig Interesse ab, und nur dann heiterte fich sein düsteres Geficht auf, wenn er im Garten hinter dem Hanse ober auf dem Felde auf einer selbstgeschnitzteu Weidenflöte bekannte und erdachte Melodien blies.
Im Sommer durfte er, wie in jedem Jahre, seinen Großvater besuchen, der in Mehlon, nahe der savoyischen Grenze, wohnte. Er liebte den alten Herrn, der mit den eisgrauen Locken so ehrwürdig aussah und thm häufig von den tu seiner Jugend gemachten Reisen erzählte, zärtlich- außerdem war tl ihm interessant, in dem alterthümlichen Hause, von dem die Sage ging, daß es darin spuke, jede Kammer und jeden Winkel zu durchstöbern. Wenn er müde war, warf er fich tm Garten auf den Rasen, schaute in die grünen Baumwipfel der Bäume und lauschte dem Gezwitscher der Vögel.
Eines Tages war er habet eingeschlafen, plötzlich flog ihm eine halb erschlossene Rose icß Geficht. Er fuhr empor, dehnte und streckte fich und sog mit Entzücken den Duft der Blüthe ein. — Woher aber kam das seltsame Wurfgeschoß?
matte erwächst die schwierige Ausgabe, Alles daran zu setzm, um fich nicht von Rußland ferner schlagen zu lassen, wie dies in den letzten Jahren schon so oft geschehen ist. (xx)
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Deutscher Reich.
Berlin. 11. August. Der Kaiser hörte gestern in Wilhelmshöhe den Vortrag des Gesandten Grafen Wolff- Metternich und empfing heute Mittag nach der Rückkehr von einer gemeinsamen Hebung der Truppen der Garnisonen Cassel, Arolsen und Marburg den Fürsten zu Waldeck und Pyrmont.
Berlin. 11. August. Da! „Berliner Tageblatt" meldet aus Rom: In der letzten Nacht find beunruhigende Gerüchte über daS Befinden des Papstes laut geworden. Eine osfictelle vaticanSnote bestätigt, der Papst leide an Darm- beschwerden. Bei seinem hohen Alter find ernste Besorgnisse vorhanden. Heute Morgen fühlte der Papst fich wohler und er empfing den Cardinal Rampolla. Alle Audienzen find abgesagt.
Berlin, 11. August. Nach einer int ReichSeisenbahnamt ausgestellten Statistik find aus den deutschen Eisenbahnen im Monat Juni dieses JahreS im Ganzen 194 Betriebsunfälle vorgekommen, bet denen 54 Personen getöbtet und 126 verletzt wurden._________________________________________
AusUruö»
Triest, 11. August. Der „Piccolo" meldet aus Cetttnje, daß zwischen hohen bulgarischen und montenegrt* utscheu Offizieren militärische Conserenzeu stattgesuuden haben und daß zwischen beiden Ländern ein Alltanzvertrag unter russischem Schutze abgeschlossen wurde. Die Baikauliga, welcher auch Griechenland und Rumänien beitreten werden, verfolge zwar einen friedlichen Zweck und die Wahrung des statuß quo, werde fich aber der eventuellen Expansionspolitik einer benachbarten Großmacht widersetzen.
London, 11. August. Das Protocoll der spanisch- amerikanischen Friedenspräliminarien bestimmt als Ort der Verhandlungen Paris. Ebenso trifft es ein Arrangement für die Basis eines Woffenstillstaudes.
Hektor sah umher, vermochte aber Niemand zu entdecken. Da ertönte von der Hecke ein silbernes Gelächter, in Nu sprang der Knabe empor und eilte dem Klange nach. Er kam zu spät und sah nur noch die schlanke Gestalt eines jungen Mädchens, eine Wolke von rosa Stoss, der fich um die zier- liebe Figur bauschte, einen großen weißen Strohhut, den sie in den Händen hielt und mit Blumen gefüllt hatte.
„Estelle, Estelle!" klang es rufend vom Haase her.
„Ich komme!" rief, nein, fang fie zurück mit einer be- zaubernden, süßen Stimme, die Skala auf- und absteigend und trillernd wie eine Nachtigall.
Hek or stand wie gebannt an der Hecke, sein Geficht war von fliegender Röthe übergoffen, sein Herz klopfte stark nnb er empfand nur den einen Wunsch, daS Mädchen möchte zurück- kehren. Doch so lauge er auch harrte, der Garten blieb verlassen, nnb traurig kehrte er in das Haus zurück.
Aber als er am anderen Vormittag dem Großvater die Zeitung vorlas, hörte er plötzlich in dem gewölbten Flnr eine Sttmme, die ihn in wonnigem Schreck erbeben ließ, und gleich daraus trat das junge Mädchen mit ihrer Tante ein, nm dem Großvater einen Besuch zu machen. Wie reizend sah fie in der Nähe auß mit den goldenen Löckchen, die aus der weißen Stirn bet jeder Bewegung zitterten und tanzten, mit den veilchenaugen und dem schelmisch lächelnden Munde I AIS fie Hektor erblickte, der erregt ausgespruugeu war und in ihren «ndl'ck verloren baftanb, legte fie, ungesehen von den Andern, ihren rofigen Finger aus die Lippen, und er verstand dieses Zeichen wohl.
Das kleine Geheimniß, welches er nur mit Estelle theilte, wob ein zartes Baud zwischen ihm und ihr- trotzdem aber wagte er kaum zu sprechen, obgleich die junge Fremde so heiter plauderte und lachte. Zum ersten Male war er mit einem schönen Mädchen zusammen und es regten fich tu dem Zwölfjährigen ganz sonderbare Gefühle.
Estelle war nach Mehlau gesandt, um einen jungen Rechtsgelehrteu, de« fie ihr Herz geschenkt, der ihren Eltern aber alß Schwiegersohn nicht willkommen war, zu vergessen - doch fie hatte einen starken Willen und vor ihrem Abschied erklärt: „Legt Ihr auch Thäler und Berge -wischen mich und ihn, ich bleibe ihm doch treu!"
(Schluß folgt.)


