Ausgabe 
13.5.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 111 Zweites Blatt.

Freitag den 13. Mai

1898

-rscheint ttgtlch mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener

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Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger

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Amtlicher Tbeil.

Gießen, den 11. Mat 1898.

Betreffend: Die Ausgabe von Radfahrkarten und Nummer­platten.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen «* die Srotzh. Bürgermeistereien der Land- gemeinden de- Kreises.

Die Radfahrkarten und Rummerplaiteu werden jetzt auf unser« Bureau gegen Entrichtung von 80 Pfg. auSgegebeu und unter Nachnahme de» Betrag» und der Brrsaudtkosteu an Tie zur Au»händigung au die Betheiligteu versandt.

Tie wollen durch ortsübliche Bekanntmachung darauf Hinweisen, daß Radfahrer, welche öffentliche Wege, Straßen und Plätze befahren, ohne mit Radfahrkane und Nummer- platte tu vorgeschriebruer Weise versehen zu sein, mit Geld­strafe bi» zu 60 Mark oder Haft die zu 14 Tagen bestraft werden.

v. Gageru.

Bekanntmachung.

Mit Allerhöchster Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs ist dem Präsidium der Krieger- kameradfchastHassia" die Erlaubntß zur Veranstaltung einer Geldlotterie im Jahre 1898 ertheilt worden, deren Erträgniß zur Unterstützung von in unverschuldete Noth gerathenen Kriegsveteranen verwendet werden soll. Bet der Verloosung ist der genehmigte Plan einzuhalten, wonach nicht mehr als 80 000 Loose zu 1 Mark das Stück aus­gegeben werden dürfen und mindestens 50 pCt. des Brutto­erlöses aus dem Verkauf der Loose zu Geldgewinnsten zu verwenden find.

Großherzogliches Ministerium des Innern hat den Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet.

Gieyen, den 11. Mai 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Großherzogliches Ministerium des Innern hat dem Vorstand der Oberbadischen Zuchtgenoffenschaften die Erlaubniß ertheilt, die Loose einer anläßlich des 20. September I. I. zu Radolfzell stattftndenden Central.Zuchtviehmarktes zu ver­anstaltenden Verloosung von Zuchtvieh innerhalb des Groß- herzogthums zu vertreiben.

Indem wir dies zur öffentlichen Kenntniß bringen, bemerken wir, daß nack dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan 80 000 Loose ä 1 Mark aus­gegeben werden dürfen und 19000 Mark zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden müffen.

Gießen, den 11. Mat 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche« AeLch.

Berlin, 11. Mai. Der Kaiser hörte, wie au» Schloß Urville gemeldet wird, gestern Nachmittag die Vorträge de» Leiter» de» Auswärtigen Amte», Gesandten Grafen Wolf Metternich und des Chef» de» Ingenieur- und Pionier- eorp», General Bogel von Falkenstein. Abend» empfing der Kaiser den deutschen Botschafter in Pari», Grafen Münster. Heute Vormittag nahm der Kaiser den Vortrag de» Chef» de» Cioilcabtuet», v. Lueanu» und de»,Gesandten Grafen Wolf Metternich entgegen.

Berlin, 12. März. Ueber die Reise de» Kaiser» nach Jerusalem find noch nicht die letzten Entscheidungen getroffen, die Borberrituugen rücken aber doch immer weiter vor. Zunächst werden alle Borkehrnngeu für die Mttreise der Kaiserin getroffen, doch hängt der endgtltigr Entschluß davon ab, daß sich der Gesundheitszustand der Kaiserin auf seinem jetzigen vorzüglichen Standpunkt erhält. Von Seiten de» Oberhofmarschallamte» find noch Ermittelungen über die Verhältnisse in Palästina, sowohl tu Jerusalem wie in der Umgegend, augestellt worden, auch heißt e», daß der kaiser­liche Cousul in Jerusalem, Dr. v. Ttscheudorf, hierher be­rufen ist, um selbst aursührltchen Bericht zu erstatten. Un­bestimmt ist noch, ob die Abfahrt der Katser-AachtHohen- zollern" von Triest oder von Genua stattfiudet, ebenso ist

noch nichts davon bekannt, ob der Kaiser einen Besuch tu Konstantinopel machen wird. Die Einladungen au diejenigen Personen, welche den Kaiser auf der Reise begleiten solle», werden wahrscheinlich nicht vor September ergehen. Dir Feier der Einweihung der Erlöserktrche wird nach dem Plane de» Präfideuten de» Oberktrcheurathe», D. v. Barkhausen, wahrscheinlich ganz nach dem Muster begangen werden, wie e» bet der Einweihung der umgebauteu Schlohkirche in Wittenberg am 31. October 1892 der Fall war. Damals waren nicht nur alle evangelischen Fürsten und Kirchen Deutschland», wie auch die Häupter der evangelischen Kirchen in Bayern und Oesterreich, sondern auch die Souveräne protestantischer Confessio» im AuSlande, nämlich die Königinnen von England und von Holland, sowie der König von Schweden emgeladeu worden,- fie waren sämmtlich durch Delegtrte ver­treten. In gleicher Form soll die Einweihung der Erlöser- kirche tu Jerusalem eine allgemeine große Feier der Evange­lischen Europas werden. Die Vertreter dieser Kirchen er­scheinen dort nicht al» Gäste de» Kaiser», sondern machen die Reise für fich auf eigene Kosten. Ebenso wird fich Präsi­dent Dr. Barkhausen nicht in der Begleitung de» Kaiser» befinden, sondern vorher in Jerusalem eiutreffeu, da er al» Borfitzeuder der Evangelischen Jerusalems-Stiftung wie al» Oberhaupt der evangelischen Kirche und Gemeinde daselbst den Kaiser dort empfangen soll.

Berliu, 11. Mat. Da» Abgeordnetenhaus hat heute die Etseubahnvorlage unverändert nach den Beschlüffen der zweiten Lesung definitiv angenommen. Desgleichen die ArbetterwohnuugSvorlage und die Ktrchenvorlagen für Schleswig-Holstein, Hoheuzolleru und die älteren Provinzen. E» begann alsdann die zweite Lesung de» westfälischen Au- erbegesetze». Nach längerer Debatte hierüber vertagte da» Haus die Fortsetzung der Berathuug auf morgen 11 Uhr. Außerdem stehen Petitionen aus der Tagesordnung.________

Arrslair-.

London, 9. Mai. Der chinesisch-japanische Krieg ist ab­gewickelt. Mit einem Check von nahezu 12000000 L., dem größten Check, der je ans die Bank von England gezogen wurde, hat China am SawStag seine Kriegsschuld an J.apau abgetragen und die Ablösung der Japaner in Wei­haiwei durch die Engländer kann ehesten» erfolgen. Ehe aber

^miUeton.

Aus geweihten Landen.

Von Karl Böttcher.

(Originalbericht unseres Special-Correspondenten).

(Nachdruck verboten.)

XIV. Im Si«ai-Klofter.

Sinai-Kloster, 14. April 1898.

Träge knirschen dicke Eiseoriegel. Im trotzigen, fich im Dunkel der herabfivkenden Nacht hoch und wett verlierenden Festungsgemäuer öffnet sich ein stark gepanzerte», nagel- bedecktes Pförtchen. Wir schlüpfen hinein in diese Wüsten­herberge die Reisenden und Pilger allein- zufolge der Klostersatzuug müffen die armen Kaweele und die gleich armen Beduinen mit ihrer Müdigkeit draußen übernachten. Seht, wo ihr uuterkommt! . . .

Durch doppelte Mauerwälle geht», dann tief au»ge- rundete FelSstufen empor, über welche mit ehernem Tritt die Reihen der Jahrhunderte zogen, weiter durch enge Ge- wölbe, über alterswarode Holztreppen, wackelnde Altane immer aufwärts. Zwei erustblickende Mönche, deren blonde» Haar, aufgelöst uud laugwallend wie Frauenhaar, weit auf ihre schwarzen Kutten herabfällt, empfangen un».

Zehn Minuten später fitze ich in einem der großen, weißgetünchten Pilgerzimmer, auf dem schmutzigen, bunt­geblümten Kattunüberzug eines langen Divan», tat matten Schimmer de» rubiveorothev Lämpchens, welche» vor einem plump gezeichneten EhrtstuSbild erglüht.

Bleischwer lastet die in dreitägiger Wüsteuretse zusammen- geschleppte Müdigkeit in meinen Gliedern. Aber sofort zur Ruhe gehen? Denk' nicht daran. I« aufwallender seelischer Erregung setze ich mich, umwehr von der kräftigen Luft de» Sinai, auf die Holzterraffe vor meinem Zimmer, »ich meinen Gedanken überlaffend. Uud wer sollte mich dabei stören? So bleibe ich lange, lauge. . .

Tiefe, feierliche Stille ringsum läßt die schauerlichen Grauitfelseu noch riefiger erscheinen uud den uachtgefüllten

Himmel noch geheimnißvoller. . . Jetzt weicht die Ftnstervtß- hervorbrechrnder Mondglauz umflimmrrt die grotesken Striu- maffeu, die melancholischen FelSprofile und füllt allmählich Thäler uud Schluchten - große Sterne blinzeln auf- der Himmel lüftet fich. Nirgends in der Welt ist mir fein Ge­wölbe so doch erschienen. . . .

Drüben, da» also ist der geweihte Berg, wo nach dem biblischen Bericht vor vier Jahrtausenden unter gewaltigen Zeichen und Wundern die Grundgesetze für da» ganze Leden der Menschheit ausgesprochen wurden.

Uud Augeficht» diese» wilden Zackeuwrrk» der Felsen zieht mir au» dem geweihten Buche MoseS Capitel 19, die Erzählung von der Gesetzgebung, durch die Erinnerung:

Der ganze Berg Sinai aber rauchte, darum, daß der Herr herabfuhr auf den Berg mit Feuer- uud sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, daß der ganze Berg sehr bebete. Und der Posaune Ton ward immer stärker. Mose redete, und Gott antwortete laut."

Jetzt Alles versunken in unerbittlich tiefe Ruhe, wobei mir das ganze Sinai-Kloster erscheint wie ein in feierlichster Eiusamkeit entsagende» Menscheuherz.

Spät tst'S, al» ich mich im Ptlgerzimmer auf den Divan strecke. Lange jedoch kann ich nicht eiuschlafen. Wie im Halbschlummer hör ich noch um Mitteruacht dumpfe Glockeuschläge die Oede durchdröhnen, hör ich Thüren gehen und träge Schritte über Treppen und Steiufliesen schlürfen. ES find die Mönche, welche sich zum NachtgotteSdieust in die Kirche begebeo.

Im grellen Souuenglauz de» neuen Morgens stellt fich mir da» ganze Kloster in seiner eigenarttgen Pracht vor. ES ist ein etwa» genialer Wirrwarr von großen uud kleinen Gebäuden, welche wie in baumeisterlicher Fastuacht»laune durchetaaudergestellt wurden. Hier halten in weltfernster Einsamkeit Moschee und christliche Kirche gute Kameradschaft, uud da» baufällige Minaret erhebt fich treunachbarltch dicht neben dem schlanken Glockeuthurm, al» wären beide intime Freunde. Freilich rin Minaret mit einer ganz defeeten, von morschen Stangen gebildeten Gallerte, auf die fich wohl schwerlich ein SebetSrufer wagen wird. Dort schmiegen fich

übereinander verschiedene Häuserchen au den Abhang- da­zwischen find kleine Höfe eingezwängt- uud da» Ganze wird tm Viereck von übermäßig hohen, festuugSartigeu Mauern umschloffen, deren starrtrotzige Wuchtigkeit mich an die stärksten Bollwerke der Fort» von Malta erinnert.

Eilige» Glockeugebtwmel ruft die Mönche zum Morgen- gotteSdteust. Bleiche KlauSuergefichter, die vorher hie uud da au» den Gucklöchern kleiner Zellen herauslugten, bewegen fich langsam und gesenkten HavpieS nach der tiefer gelegenen Kirche BerkläruugSkirche genannt, weil fie der Verklärung Christi geweiht ist. Ich gehe ihnen nach uud nehme Thetl au dem griechisch-orthodoxen Gottesdienste.

Vor dem goldstrotzeuden Altar bewegt fich in verblaßte« Goldgewaud ein alter Priester. In monotonem Gewimmer durchschallen seine Gebete, von denen ich kein Wort verstehe, die prunkvollen Gewölbe. Träge wirbeln zwischen grüultchen Säulen dicke Weihrauchwölkchen zu den ernsten Gefichteru der Heiligenbilder empor. In raschem Tempo riugr fich da» zitternde Flehen von den Lippen der umhersteheudeu Mönche, ertönen gemurmelte Gebete durch die mit glänzendem Schmuck überladenen Bogengänge, erfüllen melancholisch klingende Litaneien, welche die Mönche im Chor sprechen, da» hohe Kirchenschiff.

Meine Blicke werden inzwischen von der seit vielen Jahrhuuderren in der ganzen Kirche aufgespeicherten Pracht in Anspruch genommen. Sie bewundern die zierlichen Gold- mosaiken, die verblaffeudeu Kunstwerke verschiedener Art, die kostbaren Kronleuchter, die dicken Reliquieuschreine, die Ge- räthe uralter Goldschmiedearbeit, die luxuriösen Seidenstoffe, den reichlich au»gestremev Prunk in Gold uud Juwelen all die werthvolleu Schätze, wie fie von längst vermoderten Königen und Fürsten dem Sinai-Kloster geschenkt wurden.

Mein Begleiter führt mich in etoen kleinen Nebenrau« und bedeutet mir mit einer gewtffeu Feierlichkeit, daß ich mich der Schuhe uud Strümpfe entledigen soll. Es geht in da» weihevolle Gedäwwer der Capelle de» feurigen Busche», wo nach dem biblischen Bericht Gott mit Mose redete, wo e» Mose in die Ohren dröhnte: »Ziehe Deine Schuhe au», denn der Ort, da Du stehest, ist heilige» Land." . . .