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12.7.1898 Erstes Blatt
 
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Dienstag den 12. Juli

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Erstes Blatt

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Kießener Anzeiger

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Aintr- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

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2lmtlid?er Theil.

Gießen, den 9. Juli 1898.

Betr.: Die Vorschriften deS Arbeiterschutz-Gesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und 23c- schüftiguog jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen en die Grotzh. Bürgermeistereien der Land- gemeinden des Kreises.

Nach c II. Abs. 2 der Ihnen zugegangeneu gedruckten Anweisung vom 26. März 1892 ist von der Ortspolizei' behörde in jeder gewerblichen Anlage, welche den Be­stimmungen der §§ 135 bis 139b der Gewerbeordnung vom 1. Juni 1891 unterliegt und in welchen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, jährlich mindestens eine ordentliche Revifiou vorzunehmen.

Hierbei find folgende Punkte sestzustelleu:

1) Wie groß ist die Zahl der in der revidirtrn Anlage zur Zett beschäftigten Arbeiter

a. zwischen 16 und 21 Jahren,

b. zwischen 14 und 16 Jahren, c. unter 14 Jahren?

Ja den Rubriken a., b. und c. find diese Zahlen ge­trennt nach Geschlechtern sestzustelleu. Außerdem ist, soweit die» thunlich, die Zahl der Arbeiterinnen über 21 Jahre zu ermitteln.

2) Sind sammtliche minderjährige Arbeiter (mit Aus­nahme der unter A III Abs. 3 der Anweisung bezeichneten) «tt vorschriftsmäßig auSgefüllteu Arbeitsbüchern versehen?

3) Ist in den ArbeitSräumeu, in denen Arbeiterinnen über 16 Jahre beschäftigt werden, der Auszug au- den ge­setzlichen Bestimmungen auSgehangt?

4) Stimmt die regelmäßige tägliche Arbeitszeit an den Vorabenden der Soun« und Festtage und die Mittagspause der Arbeiterinnen über 16 Jahren mit den gesetzlichen Bor- 'schriften (§ 137 Abf. 14 der Gew.-Oed.) und mit der, der OetSpolizeibehörde erstatteten Anzeige überein?

5) Wird denjenigen Arbeiterinnen über 16 Jahren, welche ein Hauswesen zu besorgen haben, auf ihren Antrag eine 1^/zftüadige Mittagspause gewährt?

6) Werden nicht Arbeiterinnen entgegen der Vorschrift deS § 137 Abs. 5 der Gewerbeordnung während der ersten -vier Wochen nach ihrer Niederkunst beschäftigt oder ist, sofern eine Beschäftigung während der folgenden zwei Wochen statt« stirbt, das Zeugniß eine« approbirtev Arztes, welches diese Beschäftigung für zulässig erklärt, beigtbracht worden?

7) Sind in den ArbeÜSräumen, tu denen jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, der Auszug aus den gesetzlichen Bestimmungen und das Berzetchutß der jugendlichen Arbeiter vuSgebaagt?

8) Stimmen die Angaben dieses VerzeichntfieS über Arbeitszeit und Pausen mit den der OetSpolizeibehörde ge­machten Anzeigen überein?

9) Stimmen die in dem Vcrzeichniffe eingetragenen jugendlichen Arbeiter mit dem Befunde und mit den vom Arbeitgeber verwahrten Arbeitsbüchern überein?

10) Stimmen Arbeitszeit und Pausen der jugendlichen Arbeiter mit den gesetzlichen Vorschriften und den auf den Berzetchniffeu eingetragenen Angaben überein?

Indem wir Sie an die Vornahme dieser Revision hier­mit ertunerv, wollen wir Ihrer berichtlichen Vorlage, unter genauer Berücksichtigung der vorerwähnten Punkre, bis znm 15. August d. I spätestens eutgegenseheu.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Wir bringen zur allgemeinen Kenntniß, daß der Auftrieb ton Vieh zu den Viehmärkten am 12. und 13. l. Mts. auf die Straßen der Stadt Gießen vor 6 Uhr Vormittags nicht gestattet ist.

Zuwiderhandlungen werden zur Anzeige gebracht.

Gießen, den 11. Juli 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Deutsches Reich.

Jagdschloß Wolssgarten, 8. Juli. Seine Köaigl. Hoheit der Groß Herzog und Ihre Königliche Hoheit die Groß­herzogin empfingen heute um 1 Uhr den Staat-Minister a. D. ginger und Frau Gemahlin. Dieselben nahmen hierauf an

der Großherzogltchen Tafel Theil und kehrten um 3 Uhr nach Darsstadt zurück.

Berlin, 10. Juli. Der Fest-Commer-, welchen gestern Abend die Stadt Charloitenburg zu Ehren der Mitglieder de- 15. deutschen Feuerwehrtages veranstaltete, uah« einen glänzenden Verlauf. An den Kaiser wurde ein HuldiaungStelegramm gesandt.

Berlin. 10. Juli. Da- Lorntt« des CongresseS polnischer Aerzte und Naturforscher hat au den Minister deS Innern die Bitte gerichtet, die bekannte Ver­fügung d:r Regierung in Posen, betreffend die beabsichtigte Ausweisung au-laadischer Thetlnehmer am Congreß auf­zuheben.

Berlin, 9. Juli. Au» Nordhausen war an den Kaiser eine Bittschrift gerichtet worden, worin um Schritte gegen die Maffenvertilgung der Zugvögel in Italien gebeten wurde. Vom Auswärtigen Amte ist auf diese Bitt­schrift nachstehende Antwort ergangen: Die kaiserliche Regie­rung steht den zu erkennen gegebenen Wünschen durchaus sympathisch gegenüber und hat schon seit Jahren allen Be­strebungen auf dem Gebiete deS Vogelschutzes ihre Unter­stützung angedeihen laffen. Im Jahre 1895 hat in Part» ein auch von Deutschland beschickter internationaler Congreß stattgefuudeu, um ein Elnverstäudniß der hauptsächlich 6c- theiligteu Staaten in Europa über die Frage de- Vogel­schutzes zu erzielen. Die damals entworfene Convention, welche dazu bestimmt ist, der Maffenvertilgung der Zugvögel ein Ziel zu setzen, hat aber bisher noch nicht Seitens aller Regierungen Annahme gefunden und die Verhandlungen wegen ihrer Ratification find zur Zett noch nicht abgeschloffeu. In- deffeu darf der Hoffnung AuSd.uck gegeben werden, daß es den unausgesetzten Bemühungen sowohl der deutschen Regierung wie auch der anderen auf dem gleichen Standpunkte stehenden Regierungen gelingen wird, dem internationalen Vogelschutz im Laufe der Zeit zu einer allgemeineren Anerkennung zu verhelfen.

Posen, 10. Juli. Die AnsiedelungS-Commtsfton dehnt nunmehr ihre Thatigkeit auch aus Ostpreußen au». Zunächst ist der Ankauf größerer Güler Masuren- beab­sichtigt.

Ausland.

Wie», 10. Juli. Fall» die heutige Conferenz der Clud-Ovmänner der deutschen Linken resultatloS ver­laufen sollte, wird der Handel-Minister Dr Baruretter zurück- treteu und deffcn Ersetzung durch einen Polen mit Sicherheit erwartet.

Wie«, 10. Juli. Der spanische Botschafter in Wien theilte einem Mitarbeiter derNeuen Freien Presse" mit, er könne ganz bestimmt versichern, daß bisher Seiten» der Spanier nicht» zu einer Intervention unternommen worden ist.

Gmunden, 10. Juli. Hier circulirt da» Gerücht von der bevorstehenden Verlobung dr» Erzherzog» Franz Ferdinand Este mit der Prinzessin Marte Louise von Cumber­land.

Pari», 10. Juli. Die DreyfuS-Partei hat einen neuen Schachzug auSgeführt: Der Oberst Picquart hat folgeuden Brief an den Ministerpräsidenten Briflon gerichtet: Herr Präsident! ES war wir bisher nicht möglich, mich über die Documente, auf Grund deren mau die Schuld Dreyfu» hat beweisen wollen, frei zu äußern. Nachdem jetzt der KrtegSmivister auf der Tribüne der Kammer drei dieser Documente citirt hat, erachte ich eS für meine Pflicht, Ihnen mitzutheilen, daß ich im Stande bin, vor jedem cowperenten Gerichtshöfe vachzuweifeu, daß die beiden Schriftstücke, welche da» Datum von 1894 tragen, sich nicht auf Dreyfu» be­ziehen können und daß dasjenige, welche- da» Datum von 1896 trägt, alle Zeichen einer Fälschung aufwetft. ES wird Ihnen klar werden, daß der gute Glauben deö KriegSmtntsterS irre geführt worden ist und daß das gleiche bei allen Denen der Fall gewesen ist, welche an den Wortlaut der beiden ersten Documente und an die Autencität des letzten geglaubt haben. Der Brief hat in den Kreisen der Deputirteukammer da» größte Aufsehen gemacht.

London, 10. Juli. Die Kanonade auf Santiago wurde durch die Artillerie deS General» Shafter und durch die Flotte de» Admiral» Sampson gestern Nachmittag um 4 Uhr eröffnet und mit großer Intensität fortgesetzt, da General Bianco die Uebetgabe der Stadt abgelehnt hat. Da» Bombardement der Stadt wird so lange fortdauern, bi» deren Commaudant die Capitulation anbietet. Die Amerikaner haben unter fortwährendem Feuer der Feld­

geschütze die Außenwerke von Santiago eingenommen. Die Spanier erwiderten da» Feuer lebhaft. Die Verluste find auf beiden Seiten sehr groß. General Sh a ft er tele- grophtrte nach Washington, daß General LtnareS die Ueber- gäbe Santiagos unter bestimmten Bedingungen anbot. Mac Kinley antwortete, daß dte Uebergabe durchaus bedingungslos sein müffe.

Loudon, 9. Juli. Einige interessante Einzelheiten an­der Seeschlacht bet Santiago theilen dieDaily New»" mit: Die spanischen Seeleute, welche von den bren­nenden Schiffen nach dem Ufer schwammen, wurden von den Cubaneru erschossen ober verstümmelt. Die erschöpften spanischen Seeleute schwammen nach den amerikanischen Schiffen zurück und baten um Gnade. Cop.tän Usher vomErtesSsou", welcher derBlScaya" zur Hilfe kam, sagt:Die ameri» konischen Granaten hatten in der 12 Zoll starken Harveh- Stahlpanzerung große Löcher geriffen, durch die mau die blut­überströmten, fast nackten und mit gräßlichen Wunden bedeckten spanischen Matrosen, die sozusagen langsam zwischen den eisernen Bordwänden rösteten, erblicken konnte. Al- wir un» näherten, gingen die von der Mauuschast im Stich gelaßenen noch geladenen Geschütze infolge der großen Hitze von selbst Io» und wir hatten bet nuferer Annäherung große Sorgfalt zu beobachten. Da- Deck und die Bordwände de» unglück­lichen Schiffes waren roth glühend. Ich habe 110 Manu von derBiScaya" gerettet. Sie waren völlig nackt. Ich habe in meinem Leben viewal» solchen schrecklichen Anblick gehabt. Auf den nackten Leibern bluteten die Wunden. Aber keiner der Unglücklichen stieß einen Klageton au». Andere sagen, daß auf demAlmiraute Oquando" und demChristobal Colon" Offiziere und Mannschaften die Paradeuniform an» hatten. Dtese Mannschaften deSColon" hatten alle nagel» neue Kleidung bi- auf die Unterwäsche an. Al» ihr Schiff im Sinken war, zogen fie ihre beste Uniform an und füllten ihre Taschen mit Pasteten und Kuchen. Auf dem Schiffe befanden sich lebendes Vieh und Geflügel, aber kein Geld. Der Capitäu de»Oquendo" ließ auf die Planken seine» brennenden Schiff s Oel gießen, um die Feuersbrunst zu fördern und das Schiff nicht in die Hande der Amerikaner fallen zu laffen. Im letzten Augenblicke zerschmetterte er fich fr.bst mit einer Revolverkugel den Schädel.

Madetd, 10. Juli. Den wichtigsten Theil de» letzten MintsterrathS bildeten die FriedeuSauSsichten.

Ja Spanien spricht man immer bestimmter von einem bevorstehenden Rücktritt de» (Serbin et». Da» spanische revolutionäre Corntts, deffen Ziel in der Errichtung einer spanischen Republik auf bunde-genoffeu- schaftlicher Grundlage besteht, hat seinen Hauptfitz 'n Loudon aufgeschlagen. Die Verbindungen de» ComilsS reichen durch Spanien, Portugal und Süd-Amerika- den AuSgangSpunkc der Bewegung aber stellt die Provinz Cata- lonieu dar. Ein weitere» Ziel der revolutionären Ber­einigung ist die Herbeiführung einer Allianz zwischen sämmt« lichen spanisch und portugiefisch sprechenden Staaten. Die Agenten de» ComsteS verbreiten augenblicklich einen Aufruf durch ganz Spanien, in dem e» u. A. heißt: Ueber-

Neuerung hat da» Volk zu Grunde gerichtet. Dabei ist aber da» erpreßte Gold nicht, wie vorgeschützt, zu nationalen 8er» theidigung-zweckcu gebraucht worden, sondern um die Taschen corruwpirter RegierungSbeamteu zu süllen. Jede» geistige Leben, jeden Fortschritt, jede Freiheit hat der Slerikali-mu- wShreud der 23 Jahre bourbonischer Herrschaft in Spanien unterdrückt. Durch unmenschliche Grausamkeiten, verübt gegen die Gefangenen von Montjuich wie gegen die Bewohner der Antillen, find wir in den Augen der civilifirten Welt zu einer halbwilden Nation herabgesunken. Bürger! Macht alle dem ein Endel Die Nation hat e» noch in fich, auf den Ruinen von klerikalem und monarchistischem Parafitec» thum ein StaatSgebSude zu errichten, deffeu Pfeiler die sociale und administrative Autonomie ist."

In einem Rundschreiben, da» die Pforte an die türkischen Vertreter In London, Pari-, Petersburg und Rom richtete, erhebt fie gegen den Plan einer vo »läufigen Regierung auf Kreta Einspruch und betont die Ungesetz' lichkeit der kretischen Nationalversammlung und ladet zur Lösung der Frage zu Berathuugen mit der Pforte ein.

Ein finanzieller Krach ist in Chile eingetreten. Alle Geschäfte in Valparaiso und Santiago find unterbrochen. ES entstand ein großerRun" bet der Bank von Chile infolge de- Gerücht», daß die Bank io Schwierigkeiten sei und die Regierung Papiergeld au-geben wolle, um zur Rettung der Bank beizutragen. Die durch die Zurückziehung und die Ausfuhr von Gold verursachte finanzielle Panik veranlaßte die Regierung, alle chilenischen Banken vorläufig zu schließen.