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Nr 36 Zweites Blatt. Samstag den '2. Fcbruar
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Amtlicher Lheil.
Bekanntmachung.
Bei der unterzeichneten Behörde sind vom 1. April l. IS. an drei Echutzmanusftellen neu zu besetzen.
Bewerber (Unteroffiziere oder Soldaten) wollen sich unter Vorlage selbstgeschriebener Gesuche, denen die erforderlichen Papiere, Militärpapiere, kreisärztliche Bescheinigung über körperliche Gewandtheit und völlige Gesundheit, Zeugniß über seitherige Führung, sowie Angabe der Körpergröße des Betreffenden beizufügen sind, bei uns bis zum 1. k. Mts. melden.
Der Anfangsgehalt beträgt 1200 Mk., der jährlich um 20 Mk. bis zu 1500 Mk. steigt.
Gießen, am 9 Februar 1898.
Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung,
betr.: Maul- und Klauenseuche zu Gießen.
Die mit Bekanntmachung vom 26. December v. Js. wegen Ausbruch der Maul- und Klauenseuche über das Gehöft Rodheimerstraße Nr. 6 angeordneten Sperrmaßregeln werden hiermit, nachdem die Seuche erloschen ist, aufgehoben.
Gießen, den 10. Februar 1898.
Grobherzogliches Polizetamt Gießen.
I. B.: Roth.
Ans den Verhandlungen der Zweite« Kammer der hessischer» Stände.
G. Darmstadt, 10. Februar 1898.
Die Sitzung beginnt um 9 Uhr. Am RegierungStisch StaatSmtnister Finger, Finanzrninister Weber und da- gesammte StaatSmivisterium.
Die Generaldebatte über das Budget wird heute fortgesetzt. Abg. Schmer! bespricht die Verkehr» Nockungen auf der früheren Hess. LudwigSbahu, dir hoffentlich nicht mehr eintreten werden. Der Preußisch- Hessische Staat-Vertrag habe sich glänzend bewährt und eine Schmälerung der Hoheit-rechte sei nicht eingetreten. Die
Durchführung de» Beamteugesetze» erfordere Zett und genaue Prüfung. Eine Steuerreform sei vöthig, sie dürfe aber nicht mit dem Beawtengeietz in Verbindung kommen. — Graf Ortola hätte gewünscht, daß man in eine Generaldebatte vor Einbringung de» Budget» an den Ausschuß eingetreten wäre, dann hätte man sich die bereit- dreitägigen Debatten erspart. Die Ge'chäft-ordnung de» Hause- sei unbedingt einer eingehenden Revision zu unterziehen, da sie für heutige Verhältnisse nicht mehr paffe. Bezüglich der Einführung einer Klassenlotterie sei er anderer Ansicht wie die Regierung. Für ihn höre da- Ideal auf, wo e» sich um den Geldbeutel handele. Heffeu habe einen Ftuanzmtutster, den sich andere Länder zum Muster nehmen könnten, denn er brauche kein Geld, wie er gestern erklärt habe. Finanzmtnistcr Miquel sei anderer Ansicht. Derselbe laffe sich die goldenen Eier anderer Staaten in sein Rest legen. Das Beamtengesrtz müffe zur Durchführung gelangen, um insbesondere den kleinen Beamten eine Auf befferung zu gewähren. Für die Landwirthschaft sei s. A. nach noch nicht genug geschehen- aber auch daS Kleingewerbe müffe man mit reichlichen Mitteln unterstütz'«. — StaatSmioister Finger weist die vom Abg. Graf Orioia aufgestellte Behauptung al» sei für die Landwirthschaft nicht genug geschehen mit Entschiedenheit zurück, und Finanzmtutster Weber stellt fest, daß im vorigen Budget 289 000 Mark, im heutigen fast da- Doppelte nämlich 520,000 Mk. ringe« stellt feien. — ES spricht noch zum Budget der Abg. Erk, welcher vor zu großen Verwtlligungen für die Landwirthschaft warnt. — Abg. We: dner steht aus einem anderen Stand- punkt wie der Abg. E'k bezüglich der für die Landwirthschaft verwilligteu Mittel. Ja Oberheffen liege die Landwirthschaft schwer darnieder. Dort müffe am ersten geholfen werben.
ES sprechen noch zum Budget Abg. Dael v. Köth, der die Landwirthschaft wohl gefötdert haben will, und Abg. Dr. Schmitt, der die von dem Herrn Staat-mnister gemachten Aeußerungeu, als fei eine Generaldebatte nicht nöthig gewesen und die Redner hätten zum Fei ster htnau-gesprochev, entschieden zurückweist. Der Ton, in dem Se. Exceüevz ge» sprachen, sei kein versöhnlicher gewesen und für die verband lungeu nicht förderlich. Die hessische Stäadekammer würde gegen alle anderen Parlamente zurücksteben, wenn man über rn Staatsbudget eine Generaldebatte nicht führen werde. Das Beamteugesetz werde seine Partei mit allen Mitteln vertreten, da man der Ansicht sei, daß dem kleinen Beamten
tdum endlich geholfen werde. — Staattmtutster Finger erklärt, e- habe nicht in seiner Absicht gel'gev, die Generaldebatte abzukürzen, aber er müffe doch sagen, alle- wa» bi- jetzt gesprochen worden sei, hätte auch in der Spec'aldebatte vorgebracht werden können. — Abg. Ulrich ist mit der gestrigen Erklärung de-Vertreter- de- Justizmimstertum- in keiner Weise zufrieden. Die Inschutznahme de- Direktors im Lande»zuchthause za Marien schloß sei keine glückliche, denn der Regierung». Vertreter sei falsch berichtet worden. ES sei unumstößlich festgestellt, daß Zustände in Marienschloß herrschen, die wahr« hast barbarisch zu nennen seien und der Direktor trage die Schuld an diesen Zuständen. Selbst die Richter der Strafkammer zu Gteßen hatten sich entsetzt über die cyatsche Art, wie der Direktor das Krummschließen besprochen habe. 6» zeige daS von einer großen Verrohung des Gemüthe» tlntl Beamten, der doch seine Sträflinge mit Menschlichketr zu behandeln habe. Sache der Regierung sei e», in dieser Richtung Bkfferung zu schaffen, damit andere Zustände in Marten- schloß eintreten, unter Beseitigung deS Direktors.—Mtnisterial- raih Dtttmar bespricht noch einmal den Fall de» Krumm- schließen- bet Gefangenen zu Marienschloß. Die Schilderungen deS Abg. Ulrich seien sehr schwarz gefärbt und daher die Aeußeruog, e» fei eine Schande für da» Land, nicht o» Platze. Er nimmt nochmals Direktor Bornemann gegen den Vorwurf der Verrohung de» Gemüthe» tu Schutz. Derselbe habe nur von dem ihm gesetzlich vorgeschrtedenen DtScipliuar- mittel Gebrauch gemacht. WaS den Fall Nuß tu Mainz betreffe, so könne er erklären, daß für Mainz drei neue Ge- rtchtsschretberstellen vorgesehen seien. Damit hoffe dte Regierung der vorhandenen Ueberlastung der Gerichte vorzubeugen, daß Fälle wie der obige nicht wehr vorkämeu. — Abg.Pennrich weist den Borwurf deS Ftnanzmtntster», al» sei er mit fanatischem Eifer für die Klaffenlotterie eingetreten zurück. Ihm sei e» darum zu thuu, daß da» Geld im Lande bleibe. — Ftuanzmtntfter Weber weist nochmal» dte Laude-lotterie von der Hand. Rur in der äußersten Roth würde er von einem solchen Mittel Gebrauch machen, für dte Beamten wünsche er solche Mittel nicht herangezogen zu sehen.
Nachdem noch Graf Ortola uud Köhler-Langsdorf gesprochen, schließt die Sitzung um Vj2 Uhr.
Feuilleton.
Gelüstetes Geheimniß.
Criminal-Nooelletie von Fr. Ferd. Tambortnt.
(2. Fortsetzung.)
Da» Interesse an der Sache war aufs Höchste gestiegen. Die Sitzung wurde ordnuvg-mäßig eröffnet uud der Präsident befahl, den Angeklagten vorzusühreo.
Al» Dr. Henry den Gerichtssaal betrat, überflog sein Gesicht eine leichte Röthe- er ging festen Schrittes auf dte Anklagebank zu, fetzte sich und schlug dte Arme übereinander. Im Ganzen machte seine Erscheinung den Eindruck eines Manne» von hochmüthigcm Wesen, der seine gefährliche Lage vollständig begreift. (Sm feiner Menschenkenner würde in ihm gewiß keinen Mörder vermuthet haben.
Dte formelle Frage, ob er sich schuldig btkrnne, wurde verneint- hierauf erhob sich der Staat-procurator, um dte Anklage vorz-ttrageu. Er begann mit der Darlegung der Sache, in deren Verlauf er nichts vorbrachte, was nicht schon bekannt war. Bet der Todesursache selbst sah er sich ganz auf da» Gebiet der Hypothese angewiesen. „ES muß eine Vergiftung fiattgefuuden haben/ sagte er. „Zwar wird die» nicht ärztlicherseits behauptet, aber eine andere Todesursache verwögen die Aerzie auch nicht aozugeben. vielleicht hat mau sich keines gewöhnlichen Gifte- bedient, wer weiß, ob nicht eine neue Entdeckung hier angewandt wurde, wahrscheinlich ein Gift. wUcheS keine Spuren zurückläßt. Aber welche Person hat e» dem verstorbenen betgebracht? Hier liegt völlige Dunkelheit. Liegt ein Selbstmord vor? Nicht» ist unwahrscheinlich. Der Angeklagte behauptet, nicht im Besitze von Giften zu sein, auch hat mau in seinem Hause nicht» Derartige» gefunden. Man hat den Umstand, daß de Brat sich ihm unter falschem Namen vorgestrllt habe, al» schwerwiegend angeführt. Aber de Brat, deffeu Gebieterin ans Frmkcetch verbannt ist, konnte Gründe haben, nicht
unter feinem rechten Namen dte Reife nach Part» zu wachen. Die- hat auch der Zeuge Arnould beigegeben. Ader konnte der Angeklagte nicht w fftn, au» dem Munde des Verstorbenen vielleicht wiffev, daß et e ne große Suwme bet sich führe? Ich nehme dtcS an und behaupte, daß der Angeklagte sich der Uuthat an fernem Gaste schuldig gemacht hat."
Noch von anderen G'ficht-punkten suchte der Staats« procurator die Schuld de» Dr. Henry zu beweisen, dann ging er zur Beschreibung der Oertl-chkeit über.
„Da- Hau- de» Angeschuldigteo wurde nur von ihm, seiner Haushälterin und einem Dsiner bewohnt. Da» Schlaf- zimmer de» Herrn de Brat log ta der Nähe deS Gemaches der Hau-hälteriu uud zu allen Räumen führte etn Eorrtdor, der dte Länge de» Haufe» durchschnetdet. Ich habe noch einen Zmgeu, der für die localen Berhä'tviffe von Wichtig- kett ist, aufgefuudeu, uud ich beantrage deffen sofortige Vernehmung."
Der Präsident hatte nichts hiergegen einzuwendeo. Sin Mann mit Namen Blois, der Botendienste versah und spät Nachts von seinen Gängen hetwkehrte, wurde vorgeführt. Er sagte das Folgende auS:
,3n der Nacht, in welcher der Fremde starb, ging ich um 2 Uhr an dem Hrmh'ichen Hause vorüber. Da ich zu so später Stunde noch Licht darin erblickte, blieb ich stehen und sah, wie Jemand mit einer Lampe aus einem Zimmer in das andere ging. D'e Person konnte ich nicht unterscheiden. Nach einigen Minuten kamen zwei Personen aus dem einen Zimmer und einen Augenblick stillte sich etwa» Breite», wie ein Schirm oder eine Thür, zwischen da» Licht und das Fenster, so, daß es -war noch hell im Z mmer blieb, ich aber die Perionen darin nicht mehr sehen konnte. Endlich wurde alle» finster und ich ging weiter."
„Wiffen Sie," fragte der Procurator, „welche Fenster deS Hauses es gewesen, an denen Sie den Lichtscheu bemerkten ?"
„Ja, e- war das zweite uud dritte Fruster zu meiner Rechten, — also nach Norden hin."
„Und. au diesen beiden Fenstern fand auch dte ver« durkclung statt?"
.Ja!"
Der Staat-procurator wandte sich nun au die Geschworenen :
„Sie haben soeben dte Aussage des Zeugen Blois ge« hört. Ich habe dte Oertlichkett genau besichtigt, verstehe aber die Aussage des Mannes nicht. Keine Schrankthür, keine spanische Wand, kein Schirm konnte dte Wirkung her- Vorbringen, von welcher der Zeuge gesprochen hat, denn t« ganzen Hause gibt es nicht- Derartiges. Da- bezeichnete Zimmer tst dasjenige, in welchem de Brai starb, uud nach Aussage des Dieners tst in demselben seit langen Jahren außer einem Bett, Sopha, Stühlen und einem Tisch kein Stück Möbel gewesen. Blois hat aber das, wa- er gesehen hat, beeidigt und — wir stehen vor einem geheimnißvollea Räthsel."
Der Präsident schritt nun zur Zeugenvernehmung.
Keiner der Zeugen wußte etwa- Wichtige- oder Neues auSzuiageu und nach einer Stunde war man mit der Vernehmung derselben fertig.
Nunmehr erthetlte der Präsident dem Verthetdtger das Wort, aber dieser erklärte, daß er auf eine Bertheidigung verzichte, da kein Grund zu einer solchen vorhanden sei.
Die Geschworenen zogen sich zurück, um nach einer Viertelstunde wieder zu erscheinen- dann forderte der Präsident den Staat-procurator auf, seinen Antrag zu stelleu- er sagte :
„Ich glaube nicht, daß dte von der Anklage erhobene Beschuldigung die regelmäßige formelle Begründung derselben nöthig macht, nachdem dte Berthetdtgung nichts dagegen ein- zuwenden gehabt hat."
Der Staat-procurator war damit einverstanden und erklärte bann, dte Anklage aus Mangel an Beweisen nicht halten zu können.
(Fortsetzung folgt.)


