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11.11.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 265 Zweites Blatt

Kreitag den 11. Novembek

1898

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Aints- und Anzeigeblntt für den Ureis Gie^ein

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Vrattsbeilagk: Gießener Famrlienblütter

»reffe für Depesche« : Am,ei,er Gießen Fernsprecher Wr. 6L

Wie in Frankreich Staatsstreiche gemacht werden

terichtet dirRöln. Ztg." In Folgende«:

Sn,«ficht» der gegenwärtigen Innerpolttischen Lage Frank« reich» hat e» «ehr al» ein historische» Interrffe, die nähern Vorgänge kennen zu lernen, die der zwrtteu franzöfischen Rtpubltk den Tode»stoß gaben und den dawaltgen Prästdenreu float» Napoleon thatsächlich zum Herrscher Frankreich» «achten, sodaß dieKrönung" de» Ganzen, d. h. die Oh? Richtung de» Kaiserreiche», nur eine Frage der Zelt war. 8» find hierüber iu neuester Zeit zuverläsfige und interessante Veröffentlichungen erfolgt. In erster L nte müffen al» solche die Au»sageu de» Marschall» Lanrobert und de» langjährigen Meneral-Abjutavteu Napoleon» III, de» Grafen Fleury, be« zeichnet werden. Wenn auch der spätere Marschall Canrobert damals al» Brtgade-Lommandeur am 2. Drcember 1851 und an den folgenden Tagen an der milttäri ch«n Scriou detheiligt war, so spielte er nach seinen eigenen Angaben lediglich d e Rolle eine» Werkzeuge», wie die meisten seiner Kame­raden. Nach außen erschien der Krlegßmtnister General de Saint-Arnaud al» der franzöfischeMonk" und ist dteserhalb von den Republikanern bi» über seinen vor Sebastopel er« folgten Tod hinau» «it besonderem Haffe verfolgt worden. E» unterliege aber nunmehr keinem Zweifel mehr, daß die eigentliche Seele de» Unternehmen», namentlich tu der Bor- dkreitung, der damalige Oberstallmeister floui» Napoleon», Oberstlteutenant de Fleury, war. Er ist bl» zuletzt im Jahre 1870 bekleidete er den Posten de» Botschafter» tu Petersburg einer der vertrautesten de» Satserhofe» ge­blieben, und die unerschütterliche Treue, die er bi» zu feinem Tode der bovaparttsttscheu Sache bewahrte, ist jedenfalls ein menschlich-sympathischer Zug tu dem bewegten Leben diese» tu seiner Art bedeutenden Manne». Seine Memoiren geben außerdem einen höchst fesselnden Einblick in die G.-schichte de» zweiten Kaiserreiche» überhaupt. I» Sachen de» letzteren ist schon seit Jahren die Geschichte zu eine« viel nüchterneren, vorurtheil»freieren Urthetl gelangt, al» unmittelbar nach de« Zusammenbruche der Dynastie t« Jahre 1870. Napoleon III. war seiner Zeit der richtige Mann für seine Franzosen, und über dem jähen Ende haben seine Landsleute ganz vergessen, daß er Ihnen neben außerordentlichem Aufblühen von Handel

und Industrie, neben dem Ruhme zweier großer, glücklicher Kriege auch jahrelang die politische Suprematie iu Europa verschafft hatte. Wa» aber dieKorruption" de» zweiten Kaiserreiche» angeht, fo thut die dritte Republik bester daran, diese» Lapitel zu Überschlagen! Der Siaat»streich von 1851 wäre ganz unmöglich gewesen, wenn ulchr die große Maste de» franzöfischen Volke»reif* gewesen wäre für den Sasa- ri»mu». Die Bolk»seele, novarum rerum cupidisaimi, wie schon vor 2000 Jahren Julia» Läsar ihre Träger schilderte, sehnte sich eben nach einem Herrn. Da» konnte aber bet der ganzen Zerfahrenheit der französischen Zustände im Jahre 1851 nur der Präsident der Republik sein.

Am 10. Deermber 1850 war Loui» Napoleon alt über­wältigender Mehrheit von 7327 345 abgegebenen Stimmen hatten 5 434226 für ihn gestimmt zum Präsidenten ge­wählt worden. Lolli» Napoleon war Etvtlist, seine Neben« buhler, Eavatgnac und Ehaugarnter, waren Generäle von Verdienst. Trotzdem gelang e» ihm, die Armee für fich zu gewinnen. Hier müffen wir mit den Enthüllungen Fleury» uud Laurobert» einsetzru, um zu erfahren,wie e» gemacht wird*.

Al» der Präsident am 10. Drcember 1850 zum ersten Male in der Kammer öffentlich auftrat, wurde er vom Publi­kum «it Begeisterung begrüßt. Al» er aber dem General Eavatgnac die Hand reichte, weigerte fich dieser, einzuschlageu. Da» war ein nicht mlßzuverstehende» Zeichen, daß auf die republikanisch gesinnten Führer der Armee in keiner Welse zu rechnen war. Durch sein Eintreten sür den Papst und den krtegerischeu Erfolg in Rom glaubte der Prinz fich die Shwpachteen der legitimistischen Generale zu erwerben, zu denen auch der General Lamoriciäre zählte, der durch seine ruhmvoll« militärische Vergangenheit in Afrika große» Ansehen genoß. Obwohl der Prinz den General Lamorie ch<e zu« Botschafter in Petersburg ernannte, trat bald daraus eine Spannung zwischen beiden ein, und Laworieläre wurde ein erklärter Gegner Loui» Napoleon». Auch der Oberbefehls­haber der Pariser Garnison, General Ehangarnier, zeigte fich gegnerisch. Er verbot den Truppen, den Prinzen mir de« ZurufViYe Napoleon* zu begrüßen.

So war auf die damaligen militärischen Größen kein verlaß. Nur eineReformation au Haupt und Gliedern* konnte helfen. Aber der Prinz scheute anfänglich davor zurück, bis Fleury einen wohlüberlegten Plan vorlegte, der daun

auch mit großem Geschick zur Ausführung gebracht wurde. Zuerst fitt Ehangarnier, der seines Poften» al» Gouverneur von Pari» enthoben wurde. Dann galt e», einen dem Prinzen unbedingt ergebenen Krieg»«inlster an die Sp'tz« der Heeres­verwaltung zu stellen, denn der Krtegsminister ist in Frank­reich mit viel mehr Gewalten au»gestattet, al» tu allen anderen Armeen. Unter den älteren oder bekannteren Ge­nerälen gab e» keinen, der dir Hand zu eine« Staatsstreich geboten hätte. Man mußte nach Algier geben, um dort eine» geeignetenDegen* zu finden. Fleury gelang e», den Prinzen Loui» Napoleon dafür zu gewinnen, daß der diese« persön­lich ganz unbekannte Generalmajor de Saint-Arnaud Krieg»- Minister werden sollte. Fleury kannte den General an» seiner Dienstzeit tn Algier her. Nun war e» aber nicht angängig, einen i« Land wie tn der Brate ziemlich unbekannten Ge­neralmajor an die Spitze der Heeresverwaltung zu stellen. Auch dafür sand sich Rath. Zuerst wurde e» für vöthtg be­funden, eine Expedition nach der sogen. Petito Kabylie zu entsenden. An ihre Spitze wurde General de Saint Arnaud gestellt. Fleury erhielt den Auftrag, diese Expedition tat Auftrag de» Prinzen um diesen unterrichtet zu erhalten zu begleiten. Alle» ging vortrefflich. Fleury gewann während dieser Expedition den General de Saint-Arnaud für die StaatSstreichpläne- die Expedition selbst verlief natürlich glänzend*, derMoniteur" verkündete laut die großen Ver­dienste de» General» de Saint-Arnaud, uud der Präsident konnte nicht umhin, ihn hierfür zum Divtfion»general zu er­nennen. Bald darauf erhielt er da» Portefeuille de» Kriegs. Ader nicht ohne einen Zwischenfall.

Der Kenner französischer Berhältniffe wird ihn vielleicht schon geahnt haben. eet la femmeP Sie fehlt auch hier nicht. Fleury hatte bei seiner algerischen Mission für die politischen Pläne den eifrigsten Beistand bei Frau de Saint- Arnaud gefunden. Eigentlich wider Erwarten, da dies» Dame einer legitimistischen Familie entstammte. Sie war aber sehr ehrgeizig, dabei sehr klug und beherrschte ihren Ge­mahl unbedingt. Desto auffallender erschien e», al» der Ge­neral de Salut-Aruaud fich plötzlich weigerte, an dem Staats­streich, der zunächst für den 17. September 1851 festgesetzt war, theilzunehmen Am 4. September schrieb er dem Prinzen, er wöge ih« sein Wort zurückgebeu, er könne nicht mehr ans ihn zählen.

FenMeto».

I>as Lied an die Ireude.

Gür (Sedeokblatt zu Schillers Geburtstag.

10. November.

von Dr. Ernst Maasbnrg.

(Schluß.)

Leipzig.

Durch das dichte Meßgewühl drängte fich eine lnft-ge, au» zwei Herren und zwei Damen bestehende Gesellschaft. Wir erkennen in ihnen unseren Schiller, Huber und die Schwestern Minna uud Dora Stock.

Lost, Luft,* stöhnte der Dichter lachend.Kinder, wißt Ihr nicht einen stillen Platz zum Au»ruheu ich halt eS nicht mehr au» In dem Gewimmel!*

Da müßten wir schon tn» Affentheater gehen,* sagte Huber scherzend.

And warum nicht?* griff Schiller bin Vorschlag heiter auf.Wenn die Damen nichts dagegen haben?*

Nein, nein I*

Daun hinein tretet ein laßt unS heute luftig sein," improvifirte der Poer übermüthlg.

Da» fidele Quartett trat an die «affe, um die villet» zu vernehmen.

«Lasten Sie mich vor, Schiller, ich führe die Kaste,* erklärte Huber, tn de« Wunsche, Schiller tn seiner mißlichen Lage unvöthige Au»gaben zu ersparen.

Schiller?* ries der Director de» Affentheater» erstaunt. Sind Sie der Dichter derRäuber*?*

Da» ist er,* versicherte Minna Stock lächelnd.

Dann bitte, kommen Sie nur herein," «einte der virector gutmüthig.Sie find Künstler, wie ich von t ue« Eollegeu nehme ich nicht».*

Alle» Widerreden half nicht», der »E-Hege* mußte die Einladung anuehmru. Noch einige Stunden später, al» die Keine Gesellschaft tn einer gemüthlicheu Weinstube saß, u«

fich bei eine« Glase köstlichen Rheinweins von den Strapazen der Meffe »u erholen, lachten die jungen Leute weidlich über da» kleine Intermezzo.

Ein Leipziger Spießbürger, der an einem Rachbartische saß, beobachtete unausgesetzt da» fröhliche Quartett und horchte ausmerk'am aus alle ihre Reden. Plötzlich stand er auf, trat zu ihnen an den Tisch und sagte:

verzeihen Sie, ist bad wirklich ber Schiller?*

Jawohl, Dr. Schiller uuS Mannheim,* stellte Huber bereitwillig vor.

Der brave Spießbürger streckt« dem Dichter hocherfreut seine Haud entgegen, in welche dieser lachend die seine legte.

Wie mich das freut,* rief er vergnügt.Also Sie find der Schiller, der dieRäuber^ gedichtet hat. So wa», so wa» l Aber wissen Sie, Herr Schiller, ander» vorgestellt hab ich mir eigentlich den Dichter derRäuber".*

Wir denn?* fragte Dora.

Ra, ich dachte, Sie gingen gestiefelt und gespornt, so in Ausschlagftiefeln und mit einer Hetzpeitsche,* gab der schlichte Mann treuherzig seinen innersten Gedanken Angdruck.

Da» gab neuen Stoff zu« Lachen, bi» nach einiger Zett Schiller ernster wurde und er den Freunden mittheilte, daß er eigentlich de» Leipziger Lärm» Überdrüssig sei.

Sie werden im Sommer tn Gohli» wohnen, «eine Freunde, nun, ich will »ich ebenfalls dort viederlaffen. Der Weg durch da» Rosenthal ist reizend, dort bietet fich mir Gelegenheit zu herrlichen Spaziergitagen. Morgen schon suche ich mir draußen Quartier *

Er that e» und fand in der Nähe einer rauschenden Wassermühle eine feine« verlangen nach Einsamkeit und Sannnlnug zusagende Wohnung. Körner, damal» tn Dre»den wellend, kam jetzt zu Besuch, um den Freund persönlich zu begrüßen - sofort öffneten fich die schon lange für einander schlagenden Herzen, und der neue, innige Bund, welcher Beide ihr Leben hindurch vereinte, ward geschloffen. Körner war reich, unabhängig, er griff auch «U seinen äußeren Mitteln zu Schiller» Gunsten ein, der Buchhändler Göschen ward in die trauliche Gesellschaft htttttngezogen.

Am 7. August führte Körner seine Minna zu« Altar. Schiller nahm an der Hochzett Theil, er strömte über von Wonne, Freundschaft und Glückseligkeit. Sein Hochzeit»« gescheut bestand in eine« Paar Urnen und einer Allegorie.

Wünschen Cann ich Euch nicht», jetzt habt Ihr ja Alle»," erklärte er mit Thränen der Freude tn den Augen.

«Alle» und auch Dich!" ries Körner ergriffen.Und Du muht un» bleiben, Du mußt mit un» ziehen. In Loschwitz, thenrer Freund, habe ich einen stillen Weinberg mit einem schönen Hause, mit herrlicher Au»ficht auf die Elbe und die anmuthigen Berge der sächsischen Schweiz. DaS schönste, freundlichste, stillste Zimmer ist für Dich dort vollendest Du mir DeinenDon Earlo»*, meta Schiller!*

War da» eine Hochzett voll Freude und Herrlichkeit! Da» Leben ist doch schön!* Damal» war e», wo Schiller den ganzen Reiz de» Dasein» empfand und ohne Sorge», ohne Bitterkeit au» dem Becher be» Leben» und der Freund­schaft in vollen Zügen trank. In seine« Herzen war eitel Sonnenschein. Die Seligkeit in lh« rang nach Borten, die ganze Wett sollte baren theiln«h«en, die Menschheit noch tn ferneren Zeiten den Widerhall dieser glücklichen Stimmung empfinden, den Sänger preisend, der so Herrliche» vollbracht!

Freude, schöner Götterfunken, Lochter tu8 Ely n um

In se'ne« stillen Zimmer tn Gohli» saß der junge Peet and strömte die göttlichen Empfindungen seiner er« babeueu Seele tn eine gewaltige Hymne au», die wie die Offenbarung eine» Gotte» ihren Sitge»zug durch die Bdt antrat.

Duldet muthig, Millionen, Duldet sür die bess're Welt! Droben über« Sternenzelt Muß ein großer Bitter wohnen!

So klang da» Lied an die Freude, der erste hehre &u»brutf der neu tn de« Dichter hergestellten Harmonie, an» seinen Saiten, eine neue Periode seines Schaffen» eröffnend. Die Leier seiner Seele war nun gestimmt, bald sollten die Enten und Edlen fich entzücken an ihren Töne»!