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11.2.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 35 Erstes Blatt.

Freitag den 11. Februar

1808

Erscheint tägNch mit AuSnahtne des Montags.

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Zur Lage in den Niederlanden.

Nur noch kurze Zett wird verstreichen, und die jugend­liche Königin au- dem Hause O anien wird den Thron, der im Jahre 1890 durch den Tod ihres Baiers erledigt wurde, besteigen. Die Krönung ist auf den 6. September dS. IS. festgesetzt worden und wird nach dem Wortlaute der Ber- faffung in der Neuen Kirche zu Amsterdam stattfinden, wozu das holländische Parlament die Generalstaaten in corpore versammelt sein werden. Dieser Act ist immerhin ge­eignet, einen Wendepunkt in der Geschichte der Niederlande za bedeuten. Wenn auch die Verfassung deS Staate- ziem^ ltch freiheitlich ist, so kann der Herrscher naturgemäß doch einen wesentlichen Einfluß auf das Geschick deS Landes aus- üben insbesondere wenn es eine so jugendliche und hübsche Königin ist, welche auf dem Thron fitzt und von ihren ge­treuen Uuterrhanen so verhätschelt wird, wie e- mit Königs Wilhelmine der Fall ist. DaS muß man nämlich den sonst fo trockenen und ernsten Mynheers lasten, fie schwärmen für ihre junge Königin, die ja unter den Augen de- Lande- er- -ogcu worden ist. Aber auch in anderer Hinsicht kann die Thronbesteigung WilhelminrnS noch bedeutungsvoll werden. ES ist ja klar, daß fie fich bald nach einer männlichen Stütze für ihren schweren Beruf umschauen muß, und deßhalb werden schon seit Jahren die kühnsten Combinationen laut, wer denn wohl der Glückliche sein wird, den fie zu sich erhebt. Mehrere Namen find schon genannt worden, darunter auch Prinzen aus deutschen Fürstenhäusern. In letzterer Hinsicht lowmt nur in Betracht, daß man in Holland sür Deutsch- land, insbesondere sür Preußen, nicht sonderlich schwärmt- Ts scheint so, alö hätte man immer daS Gefühl, die Seldst- ständtgkeit des holländischen Staatswesens werde durch Preußen gefährdet. Die Thatsache der Antipathie der Holländer ist jebtnfaH8 nicht zu leugnen, wenn fie auch vow so grundlos rft- denn daß Deutschland keine Absichten auf daS Ländchen har, wird von allen Seiten zugegeben werden müsten. In Leu letzten Jahren, seitdem die Prinzesstn Emma von Waldeck die Gemahlin Wilhelms III. geworden war und sich durch Ähren Liebreiz die Herzen der steifen Holländer erobert hatte, Ist die Zurückhaltung ber Letzteren gegen un- wohl etwa- Attinger geworden, aber immer noch nicht ganz gewichen.

Aehnlich wie tu England und Spanien, find auch in den Niederlanden konservative und liberale Ministerien abwechselnd am Rader. Augenblicklich haben die Liberalen die Führung. Lu den markantesten Persönlichkeiten des Ministeriums ge­hört unstreitig der Fiuanzmintster Pierson, der frühere Director Ler Niederländischen Bank, welcher das gleiche Amt schon -früher einmal bekleidet hatte. Er ist der Urheber der holländischen «Steuerreform und führte die Einkommensteuer und die freie Gewerbesteuer in Holland ein. Gegenwäirig ist daS Ministerium »labet, den in ber vorjährigen Thronrede versprochenen Heeres- rreformentwurf tm Parlament emzubrtngen, wodurch vor allen Dingen die mtlitärtschr Stellvertretung abgeschafft und der persönliche Heeresdienst eiugesührt werden soll. Bis jetzt steckt »da- Land in militärischer Beziehung nämlich immer noch in iSerhältniffen» die von anderen Staaten weit Überholt sind, rveßhalb es die höchste Zeit ist, daß eine Armee dem Lande gegeben wird, die mit dem mittelalterlichen Verhältnissen Ubula rasa wacht und da- HeereSwesrn mit modernen Em- «ichmugeu beglückt.

Ebenso wie eS in England der Fall ist, bleibt auch in Holland der Gebildete dem Heeresdienste möglichst fern, und 6n der Armee brfiaden fich infolgedessen viele zweifelhafte Elemente. Wird nun der persönliche Heeresdienst eingesührt, fo werden auch die gebildeten Klaffen mit herangezogen, »a- jedenfalls auf da- Material einen günstigen Ein­guß ausüben muß, abgesehen davon, daß die verschiedenen Slaffen der Gesellschaft dadurch einander naher gebracht werden. Jedenfalls dürfte die Vorlage der Regierung tu Sen Geueralstaaten nicht auf unüberwindliche Hindernisse ßoßen. Wird die Reorganisation des Heeres durchgeführt, sir wirkt dies vielleicht auch fördernd auf die Colontalarmee sin, die manchmal viel zu wünschen übrig ließ, wie noch in tirm letzten Jahre der Feldzug gegen die AtjehS gezeigt hat.

(XX)

Deutscher Reichstag.

86. Sitzung vom Mittwoch den 9. Februar 1898.

Tages-Ordnung: Fortsetzung der EtatSberathuug, Stat deS Auswärtigen Amte-.

Abg. Graf Kanitz (conf.) wendet fich gegen die Aus- sthruugen de- Abg. Bebel, wobei er betont, die Aeußerungeu ^selben über die Kieler Reden rc. hätten im Hause tiefe

Entrüstung hervorgerufen. Abg. Bebel renne gegen die Monarchie an, stoße aber mit dem Kopfe gegen einen Felsen. Redner geht sodann ausführlich auf die Beschlüsse des deut­schen LandwirthfchaftSratheS ein und verbreitet fich daun über die deutsche WirthfchaftSpolitik. Festftelleu wolle er noch, daß behufs Abschlusses deS österreichisch-deutschen Handels­vertrages Oesterreich zuerst an Deutschland herangetreten sei und zwar auf Betreiben der dortigen Großgrundbesitzer.

Abg. Werner (Antis.) dankt Namens seiner Freunde dem StaatSsecretär für dessen gestrige Auslassungen und wendet fich ebenfalls lebhaft gegen den Abg. Bebel. Deutsch­land dürfe fich jedenfalls der correcten Haltung, welche die Regierung jetzt wieder einnehme, nur freuen. Schließlich empfiehlt Redner, gegen die Verlängerung des Privilegium- der Spielgesellschaft in Monaco auf fünfzig Jahre einzu- schreiten.

Abg. Richter (srs. Vp.) wendet fich gegen den Abg. Grafen Kunitz und gegen die Beschlüsse de-LandwirthrchaftS- ratheS. Wer, wie Graf Kanitz wolle, daß die Handelsver­träge jederzeit auf ein Jahr sollen gekündigt werden können, der habe nicht die geringste Ahnung von volkSwtrthschaftlicher Einsicht. Man habe e- ihm, dem Redner, Übel genommen, daß er bet seiner Bemerkung über die chinefische Mauer die Agrarier mit den Chinesen verglichen habe, aber die Chinesen beabfichtigen doch, die Zollmauer fallen zu lassen, während die Agrarier dagegen die chinesische Zollmauer bei un- ein- führen wollten, fie seien also noch schlimmer, als die Chinesen, (Große Heiterkeit) und solche Vorschläge mache ein Mann, dessen bekannter Antrag mit Recht al» Brotwucher bezeichnet worden sei- (Beifall.)

Abg. GrasBiSmarck (fractionSloS) widerspricht einigen Bemerkungen de- Vorredner-, daß die BiSmarck'iche Wirth- schuftSpolittk planlos gewesen sei. Seine politischen Freunde seien für Handelsverträge zu haben, es komme nur auf deren Inhalt an. Mit Recht habe im Vorjahre Minister v. Miquel e- als das Verdienst de- Fürsten BiSmarck gerühmt, daß derselbe die beiden Gäule Landwirthschaft und Industrie zu­sammen zu spannen verstanden habe.

Abg. Bebel (Soc.) bestreitet, daß die Socialdemokraten unlogisch handelten, wenn fie im Interesse unserer Arbeiter die Chinesen Einwanderung nicht wollen. Die ausländischen Arbeiter wirkten stet- al- Lohndrücker.

Abg. Graf Kanitz (conf.) bemerkt, er sei im Prtncip sür den Freihandel, (Heiterkeit link-) und verlange Schutz für unsere nationale Arbeit nur in so weit, al- die- unbe­dingt nöthig sei.

Abg. Hehl zu Herrn-heim (uatl.) führt au-, der Beschluß deS LandwirthschaftSrathS, die Meistbegünstigungs­verträge sämmtlich zu kündigen, sei durchaus richtig. Er würde sogar wünschen, daß die Kündigung sofort erfolgen könne. Die Industriellen wollten durchaus eine Politik der Sammlung bet den nächsten Wahlen.

Abg. Jebse n (natl.) protestirt gegen eine Behauptung deS Abgeordneten Bebel, daß von Setten einiger Arbeit­geber deutsche Arbeiter entlassen würden, um Chinesen ein« zustelleu.

Abg. Richter (frs. Dp.) antwortet dem Abg. Grafen BiSmarck, 1875 habe Fürst BiSmarck die Abschaffung aller Zölle beantragt und noch 1879 habe ec Zölle nur verlangt, um fich davon bei den Verhandlungen mit dem AuSlande ab­handeln lassen za können. Er habe also den Zolltarif nicht um der Zölle selbst willen verlangt, da- habe er erst später gethan. Redner verweist dann auf dos WachSthum unserer Bevölkerung, welche- den Bedarf an Nahrungsmitteln ganz ander- gestalte, al- dies in Frankreich mit feinem Zwetktuder- fystem der Fall fei. sei doch ein beispielloses Vorkommniß, daß die Regierungspolitik der letzten fieben Jahre hter von Niemanden sonst verthetdigt werde gegen alle Angriffe, als von seiner, Redner-, Partei, welche stet- von der Regierung verfolgt worden sei. Und Sie, meine Herren am Bunde-- rath-tische, so sährt Richter fort, an dem Tische, von dem aus diese Politik getrieben worden ist, und von dem au- auch immer die Continuität der Regierung behauptet worden ist, auch Sie stehen bet allen diesen Angriffen stumm und still, ja sogar die Herren au- den Hansastädten. Da- ist doch wohl am Allerwenigsten geeignet, die Autorität der Regierung zu stärken.

Abg. v. Kardorff (Rp.) entgegnet dem Vorredner, derselbe gehöre mit seinen volk-wirthschaftlichen Anschauungen nach Gcheppenstedt oder nach Schilda. (Heiterkeit.) Herr Richter sei am Allerwenigsten der Mann, sür die Autorität der Regierung einzutreten.

Abg. Paasche (ul.) betont, feine Freunde seien gegen

die Tarifverträge, aber so, daß die Landwirthschaft sicht darunter leide.

Abg. Richter (frs. Vp.) entgegnet dem Abg. v. Kardorff, dieser habe mit den Chinesen den Zopf der Abneigung gege» Gold und der Vorliebe für Silber und Schutzzölle gemein, aber der Zopf de- Herrn v. Kardorff sei noch viel größer und dicker. (Stürmische Heiterkeit )

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) polemifirt gegen de« Richter'schen Standpunkt.

Abg. v. Schwerin-Löwitz (conf.) verthetdigt die Be­schlüsse des deutschen LandwirthschaftSratheS.

Abg. Barth (frs. Bg.) unterzieht die Rede de- Abg. Grafen BiSmarck einer abfälligen Kritik, und fragt des Wetteren nach dem Stande der HandelSvertragSverhaudlunge» mit England.

StaatSsecretär v. Bülow erwidert, die Grundzüge der von Deutschland an England zu richtenden Vorschläge feine zwischen den betheiligten Reflortö sestgelegt und nach Eng­land mitgetheilt. Die englische Antwort müsse abgewartet werden.

Abg. Schönlank (Svc.) beleuchtet den Wechsel i« unserer Handelspolitik und erklärt, da- Volk werde 6ei dm Wahlen die Antwort darauf geben.

Abg. Rösicke (fractionSloS) protestirt dagegen, daß der Abg. Heyl von Herrn-heim Namen- der deutschen In­dustrie gesprochen habe.

Der Dtel StaatSsecretär wird genehmigt, ebenso eine Reihe weiterer Positionen.

Donnerstag 2 Uhr: Antrag Auer betr. Coalition-recht, Antrag Schneider betr. Beruf-Vereine und Antrag Lieber denselben Gegenstand betreffend.

Schluß flcgen 6 Uhr.

Deutsche» Reich»

Berlin, 9. Februar. Der Kaiser trifft, wie verlautet, morgen in Spandau ein, wo er da- neue Garde-Regi­ment z. F. seinem Chef, drm Großfürsten Kon ft an rin Konstantinowitsch von Rußland, der bekanntlich heute hier eintrifft, vorführen will. Sodann findet tm OffizterS- cafino ein Frühstück statt, an welchem der Kaiser und der Großfürst thkilnehmen.

Ausland.

Wien, 9. Februar. In hiesigen diplomatischen Kreisen wird die Anficht, daß Rußland die Candidatur des Prinzen Georg von Griechenland für den kretenfischen Gon- Verneurposten zurückgezogen hätte, nicht getheilt. Man ist vielmehr der Ueberzeugung, daß auf diesen Punkt über kurz oder lang wieder zurückgegriffen werden wird, waS auch die Auslassungen des Lord SaltSbury tm englischen Oberhaus erkennen läßt. Außerdem, so wird versichert, bestehe jetzt die Gefahr, daß die Machthaber an der Newa früher oder später Revanche nehmen werden und zwar nicht nur am Sultan, sondern auch an denjenigen Mächten, die den Sultan zum Widerstand aufmunterten.

Wien, 8. Februar. Von hier ist an Zola eine Adresse abgegangen, die von etwa 500 Mädchen aus den hervor­ragendsten Kreisen Wien- unterzeichnet ist.

Graz. 9. Februar. Der Landtag nahm mit großer Mehrheit den Antrag deS VerfassungSauSschuffes auf Auf­hebung der Sprachenverordnungeu an. Ein deutsch- conservattver Antrag wurde in namentlicher Abstimmung ab« gelehnt, in welchem der Landtag die sichere Erwartung auSspricht, die Regierung werde -weck- Aushebung der die Interessen der Deutschen schädigenden Sprachenverordnungen ehesten- die gesetzliche Regelung der Sprachenfrage anbahnen und hierbei die historische Stellung der Deutschen berücksich­tigen- Die Gallerten wurden wegen Lärmen- geräumt.

Rom, 9. Februar. Von hier wird Zola heute eia Album gereicht, dessen erste- Blatt die Unterschriften von Brrdi, Carducci, Boito, Giacosa, Lombroso, Negrt und der sonst bekanntesten Größen der italienischen Literatur, Kunst und Wissenschaft trägt.

Pari», 9. Februar. Prozeß Zola. Während der heutigen Verhandlung verursachten circa 200 Advocaten, die fich in den Wandelgängen aufhielten, großen Lärm. Es sollte die» eine Kundgebung gegen da- Verbot de- Präsidenten sein, wonach die Advocaten nicht mehr in den sür da- Publi­kum bestimmten Raum des Gericht-saale- eindringen dürfen. Bei dem Scandal kam e- zu einem Rencontre mit bett Gardisten, von denen mehrere von Advocaten geschlagen wurden. Ein Advocat wurde verhaftet. In der Verhandlung