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8.6.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 131 Zweites Blatt. Mittwoch den 8. Juni 1808

Hrschetnl ILgNch mit Ausnahme des MontagS.

Die Gießener MamiklenvtLIter werden dem Anzeiger wöchentliü) vierm beigelegt.

Kießener Anzeiger

Bezugspreis

vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn,

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

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Heneral-Anzeiger

Alle Anzeigen-BermittlungSstellen dcS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

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Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Theil.

Nr. 24 bei Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 2. d. M., enthält:

(Nr. 2488) Gesetz, enthaltend Abänderungen des Ge­setzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden vom 13. Februar 1875 (ReichSgesetzbl. S. 52) und des Gesetzes vom 21. Juni 1887 (ReichSgesetzbl. S. 245). vom 24. Mai 1898

(Nr. 2489) Bekanntmachung, betreffend die Redaction del Gesetzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden. Bom 24. Mai 1898.

Gießen, den 6. Juni 1898.

GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Polizei-Verordnung

betreffend: Die Verwendung der schulpflichtigen Kinder zum

Kegelaufsetzro.

Zur Abwehr der maouigfacheu Nachtheile, welchen schul­pflichtige Kinder ausgesetzt find, die beim Kegelaufsetzen ver­wendet werden, wird hierdurch auf Grund des Artikel 78 der Kreisordoung, unter Zustimmung del KreiSauSschuffeS und mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern vom 1. Juni 1898 (zu Nr. M. d. I. 12947) für die Land- gemeinden des Kreises verordnet wie folgt:

§ 1.

Inhabern von Kegelbahnen ist eS untersagt, schulpflichtige Kinder zum Kegelaufsetzeu zu verwenden.

§ 2.

Zuwiderhandlungen gegen § 1 werden mit einer Geld- strafe bis zu 30 Mk. bestraft.

§ 3.

Gegenwärtige Polizei Verordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung imGießener Anzeiger" tu Kraft.

Gießen, den 4. Juni 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gageru.

Bekanntmachung.

Die am 3. Mat l. I. augeorduete Sperre der Kirch­straße wird hiermit aufgehoben.

Gießen, den 6. Juni 1898.

Großherzogliches Poltzeiamt Gießen.

I. V.: Roth.

Zu den Wahlen.

Nur noch wenige Tage trennen nnS von dem ersten Theil del großen Entscheidungskampfes der Reichstagswahlen und noch Immer gehen erst in einigen wenigen Wahlkreisen die Wogen der Erregung besonders hoch. Merkwürdigerweise find eS vielfach nicht verschiedene Parteien, welche sich be­fehden, sondern bisherige Mitglieder einer Partei, die nun aber innerhalb derselben verschiedene R chtungen eivgefchlageu haben od.r einzuschlagen gedenken. Die Gefahr einer Zer­splitterung der Parteien liegt deshalb sehr nahe, was umso­mehr zu bedauern ist, als eS sich hierbei auch um Parteien handelt, die bisher immer den nationalen Gedanken hoch- gehalten haben und für die berechtigten Forderungen der Regierung etugetreteu find. Gerade diefer Zersplitterung der Parteien wollte der Miquel'sche Ruf zur Sammlung entgegentreten, da der Bicepräsident des StaaisminifteriumS fich wohl bewußt ist, welche Gefahr eine solche Zersplitterung mit fich bringt. Fast immer, wenn zwei fich streiten, freut sich ein Dritter, streiten sich die regierungsfreundlichen Par­teien, so lachen sich Diejenigen ins Fäustchen, welche der Regierung gerne Verlegenheiten bereiten und sie bekämpfen.

Ist eS nun, so muß man sich fragen, gar nicht möglich, eine Einigung der Parteigruppen herbetzuführen? Freilich drängt die Zeit, wenn noch einer Zersplitterung wirksam entgegengetreten werden soll- aber wenn der gute Wille vor­handen ist, dann läßt sich doch noch Viele! erreichen. In vielen Fällen wird eS freilich zu spät sein, aber die Be­mühungen, eine Verständigung zu erzielen, werden darum doch nicht umsonst gemacht sein, sie können immerhin dazu beitragen, bei den im künftigen Reichstage stattfindenden Debatten versöhnend zu wirken. Schon so lange Zeit ist darüber vergangen, seit der Ruf nach Sammlung erscholl, und mit großer Begeisterung ist derselbe von den national«

gefinnteu Parteien aufgenommen worden, aber nun, wo er praktisch veiwerthet werden soll, wo fich eine paffende Ge­legenheit bietet, zu zeigen, daß alle Neben- und Sonder- iutereffen zurücktreten müffen vor dem großen gemeinschaft­lichen Ziele, der Fürsorge für unser deutsches Vaterland, versagt derselbe.

Bekanntlich liegen die Differenzen, welche die Gefahr einer Zerfplitterung der einzelnen Parteien heraufbeschworen haben, auf wirthschaftlichem Gebiete, und selbstverständlich kann die Menschen nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen, al! wenn die Magenfrage auf der Tageiordnung fich befindet. Landwirthschaft und Industrie fteheu sich heute al! Feiude gegenüber, trotzdem die eine auf die andere in großem Maße angewiesen ist. Die Nothlage, iu welcher die Landwirthschaft fich befindet, wird Niemand zu leugnen versuchen und Jeder e! deshalb auch verstehen, wenn die Vertreter derselben ihre Situation zu befferu bestrebt sind.

Meinungsverschiedenheit herrscht auch nur darüber, wie weit die Wünsche gehen dürfen, ohne mit den Iutereffen anderer Berufsstände zu collidireu, und in dieser Hinficht gehen die Ansichten weit auseinander. Viele! ist schon ge­schehen, um der Landwirthschaft aufzuhelfeo, und daß noch nicht Alles gethan ist, dafür gibt un! sowohl die Thronrede, mit welcher der Reichstag geschloffen worden ist, als auch diejenige, die den Abschluß der Legislaturperiode des preußi­schen Landtages bildete, sichere Gewähr. Deshalb dürfen die Jntereffenten der Landwirthschaft frohen Muth! in die Zukunft blicken und vertrauen, daß nach Möglichkeit ihren Wünschen entsprochen werden wird.

Selbstverständlich können hierbei nur berechtigte Wünsche in Frage kommen, umsomehr da auch unsere auf­strebende Industrie der Fürsorge und der Unterstützung der Regierung bedarf. Die deutsche Industrie hat fich bereit! einen Namen zu machen vermocht, und die deutsche Industrie schädigen, hieße auch dem deutschen Ansehen einen Schlag versetzen.

Die Entscheidung bei der Wahl dürste diesmal Bielen erheblich schwieriger werden al! sonst, deshalb müßten von den Parteien alle extremen Wünsche bei Seite geschoben, vielmehr Alle! daran gesetzt werden, um einen Ausgleich der D fferenzen herbetzuführen. Dazu gehört freilich viel guter Wille, in manchen Fällen auch ein gut Theil Entsagung und

Feuilleton.

Schußzauver.

Von Arthur Achleitner.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Pünktlich erfolgt der Abmarsch- der Forstmeister mit »Hirschmaun" an der Leine uod die BüchSflinte umgehangeu, len Bergstock umgekehrt (die Spitze nach oben) gebrauchend, wandert voraus, hintendrein trottet Dieter. Nach Ueber- querung des ersten Riegels knurrt der Chef den Gehilfen heran und explicirt den Plan.

Weißt Du den Stubecklahner?"

Ja!"

^Auf der Wiesen unterhalb steht gar ein guter Hirsch." Ja! Wird eio Zehner sein."

Ja! Diesen Hirsch drücken wir tiefer herab, vielleicht lockt er den Fremden. Opfern muß ich deu Hirsch, aber derweil der Sacramenter ihn aufbricht, rücken wir heran und fingen ihn."

»Ist recht, Herr Forstmeister!" sagte Dieter ziemlich laut.

Brüll nicht so, Kameel!"

Im selben Augenblick fällt oben ein Schuß.

Kreuzsacra! Das ist am Stubecklahner!" zischt der Thef und beordert Dieter, recht! anSzubiegen, zu suchen und oben zum Lahner einzust'igen.Schieß ihn nieder, aber nur von vorn!"

Dieter springt davon - der Forstmeister mit dem Schweiß- Hand eilt an der linken Grabenseite hinauf.

Ein halbe! Stündchen später steht der Chef vor dem Erstreckten Zehnender, denHirfchmann" eben tobt zu der- bkllen fich auschtckt. Mit einem Ruck reißt ber Forstmeister dm Hund zurück unb untersucht bann den Aeser de! guten Hirsches.Gott straf mich! Die Graudelu hat der Schuft rach schon ausgeschnitten." Der Chef möchte bersten vor LSuth- der ganze Plan ist verdorben und der Teufelsschütze h«t fichHochblatt" deu Hirsch vorher geholt.

Leise kommt Dieter heraugeschlichen und von seinem

Gesicht ist sofort abzuleseu, daß er vom BüchSler nicht! wahr­genommen oder denselben aus Dummheit durchgelaffeu hat.

Mit Gewalt zwingt fich der Chef zur Ruhe- im Revier darf ja nicht geflucht und gelärmr werden. DaS Schmuck­wort:Größter Lapp des Königreichs!" nimmt Dieter ruhig entgegen.

Den Zweifel, wer am Hirsch zurückgelaffen werden soll, beendet ein zweiter Schuß tu der Richtung gegen deu Geigel- stetn zu.

Der Forstmeister macht einen Luftsprung und wird blaß im Gesicht.

Dieter, lauf, fang den Schuft, lebendig oder tobt! Schieß, wo D' ihn triffst! Bet der Alm ist Treffung."

Der Jägerbursch verschwindet, er rennt um sein Leben.

Der Chef läßt nunHirschmaun" am Hirsch zurück und gehorsam läßt fich der fein dresfirte Schweißhund ablegen.

Dann eilt aber auch der Förster der Schußrichtung zu.

Stunde um Stunde vergeht- auf dem ganzen Berge ist nicht! vom Büchller, aber auch nichts von angeblichem oder gestreckten Wilde zu spüren. Au-gepumpt, athemlo! stopft der Chef dem Treffpunkt zu- noch einen Hohlweg muß er pasfiren, dann gelangt er auf die Almwiesen. Kaum an der Waldlisiäre angekommen, erblickt er den gesuchten Büchller ahnungslos hinaufsteigend und offenbar gleichfalls der Alm zustrebend.

Im Anschlag fordert der Förster den Wilderer auf, fich zu ergeben. Wohl zuckt dieser zusammen, doch willig legt er den Stutzen zu Boden. Schon will der Chef zur Verhaftung schreiten, da steckt der Teufelskerl zwei Finger in den Mund unb pfeift schrill gellenb in den Wald hinein. Erschrocken flüchtet der Förster rückwärts und sucht Deckung zu gewinnen. Also eine ganze Bande ist'!! Und der Sacraments-Dieter ist nicht da!" Heiß unb kalt wird dem Ches bei dieser Wahr­nehmung. Der Büchller aber hebt den Stutzen wieder auf und drückt sich seitlich in den Wald.

Lange dauerte es, bi! Dieter kommt und meldet, daß er gar nicht! gespürt habe.

Dem Förster ist die Kehle vertrocknet, er kann nimmer

»g»9 fluchen. Bloß krächzen kann er den Befehl:Hinüber zum Hirsch!"

Und wie Beide drüben ansteigen, tönt ihnen schon von Weitem da! KlagenHirschmann!" entgegen.

Eine schöne Bescheernog: Dem Hirsch ist da! Haupt abgesäbelt! Dal herrliche Geweih ist weg. UndHirsch- manu" lahmgeschlagen!

Wie von einer Beerdigung kommend, schleichen Beide heim und hinterdrein humpelt der Hund mit eingezogener Ruthe.

Die Rapporte der nächsten Tage lauteten zum Ber- zweiselo- der TeufellbüchSler treibt seine Kunst so ungenirt, al! sei ihm alle! Wild freigegeben und er Herr der Reviere. Der Forstmeister veranstaltet eine Generalstreife mit dem gesammten Jagdschutz-, Forst« und Grenzpersonal, sogar zwei GenSdarmen müffen mit, unb nach einem Hauptplan müffen bie Leute von zwei Seiten anschwärmeu unb hart auf ber Grenze, bie fich läng! bei Grate! zieht, allmählich ben StreisungSkrei! schließen. In biesern Riesenbogen muß ber Schuft gefangen werben, wenn er im Revier steckt.

Nach aller Berechnung wird der Fang fich auf der Gamlkarschueid vollziehen, unb deßhalb begibt fich ber Chef mit bem Gehilfen Flori, ber noch bester klettert al! der Dieter, direct in jenen Hochdtstrtct. Natürlich find Beide dadurch verfrüht daran, die Treiber auf menschliche! Wild können erst in einigen Stunden anrücken. Mit dem Glase sucht der Ches da! Fellgebiet ab- noch stehen die Gemsen ruhig, e! wird daher Niemand oben sein.

Da tippt Flori dem Beamten auf den Arm und deutet hinauf. Sofort richtet der Chef da! Ferngla! auf jene Stelle und ein zischender Fluch entfahrt seinen buschigen Lippen. E! ist ein Mensch und sicher der gesuchte Büchller, der auf Gam! pirscht. WaS nun thun? Auf die Andern warten? Derweil fchiebt der Lump in aller Gemächlichkeit fammt dem Gams ab- da! geht also nicht. Selber den höllisch groben Aufstieg unternehmen? El bleibt nicht! andere! übrig.

Der Chef fragt den Flori, ob jenseits der Schneid auf der Throler Seite ein Abstieg möglich ist, und Flori der-