Ausgabe 
7.8.1898 Zweites Blatt
 
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dem BiSmarck'schen Hause uahestehen, in ihrem Trauer- arttkel:Bett Jahresfrist sahen wir seine Lebensfackel lang- sam sich senken, aber wie sein Geist, schien auch seine körper­liche Kraft schier unüberwindlich. Der erste heftige Ansturm im August 1893 hatte die Axt an die Wurzel auch dieser Riesen-Eiche gelegt, den ein Jahr später erfolgten Tod seiner Gemahlin hat der Fürst innerlich nie überwunden. Die überwältigenden Beweise von der Liebe und Verehrung unseres Volke-, die ihm zu seinem 80. Geburtstage dar­gebracht wurden, eine DankeShuldiguug an einen seit fünf Jahren aus dem Amte geschiedenen Minister, von einer Groß- artigkeit, wie die Welt fie noch nie gesehen hatte, fie konnten in ihm die schmerzliche Empfindung nicht auslölchen, daß die kluge, treusorgende Gattin nicht mehr an seiner Sette stand- ihrem Andenken, der Trauer um fie galt die größere Hälfte der Freude, die er über diese unvergleichlicheQuittung" seiner Volksgenossen empfand. Bier Jahre noch ist er in innerer Trauer um die ihm so früh Entrisieue durch das Leben geschritten. Mit Heldenkraft hatte er fich an ihrem Sarge bezwungen, eine weiße Rose, die er aus dem Blumen­schmuck an fich nahm, war gleichsam daS Symbol, das ihn durch den Rest seiner eigenen Tage begleitete. Von den Zritereignifien entfernte er fich von Jahr zu Jahr mehr- seltener und seltener wurden seine warnenden uud mahnenden Worte, die gleich der Stimme de- nationalen Gewtffeus fich mit Ernst uud Nachdruck an jedem Scheidewege geltend ge­macht hatten, vor den da- Vaterland sich gestellt sah- er blickte wie au- einer anderen Welt auf die Geschichte, die fich nach ihm, nach seiner Zett entrollte. Aber gleichwie eiostmal- die Götterkraft fich tu der Berührung mit der heimathlicheu Erde erneute, so kehrte auch der Strom der deutschen Politik, selbst wenn er eine Zett lang vom Wege abgetrrt war, immer wieder an die Quelle seiner Kraft, zur BiSmarck'schen Tradition zurück". Und in denHamburger Nachrichten" endlich schreibt eine Feder, die so oft die Weis­heit des Fürsten verkünden durfte, unmittelbar unter dem Eindruck der Tode-- Nachricht:Da- bloße Dasein des Fürsten BtSmarck war für un- ein Machtfactor allerersten Range-. So lauge er lebte, so lange sein mächtiges Augenpaar offen stand und die Entwickelung de- Reiches beobachtete, harre jeder Deutsche die Empfindung, daß uns nicht- geschehen könne, daß schließlich im letzten Moment der alte Held wieder auf dem Plane erscheinen werde, um ein etwaige- verderbliches Spiel der Feinde zu zerstören. Sein Dasein allein aber reichte hin, die Gegner in Baun zu halten, er war von größerer Macht als viele Armeecorps. Und nun ist er tobt. Niemals öffnet er das gewaltige Augenpaar, da- einst eine ganze Welt in scheue Ehrfurcht bannte. Wie werden wir eS ertragen! Gott schenke unserm Vaterlande und den jetzigen Lenkern seiner Geschicke die Kraft, den schwersten Schickial-schlag, der e- betroffen hat, ohne Schaden zu ertragen." Die per­sönliche Dienerschaft de- Fürsten BtSmarck erhielt testa­mentarische Legate von eintausend bis fünftausend Mark.

Vermischtes.

* Rusfische Srnle-Ausfichteu. Rußland wird auch in diesem Jahre uud folglich bi» tief in den nächsten Sommer hinein unter den Schwierigkeiten einer abermals schlechten Erute zu leiden haben. In amtlichen Kreisen versichert man zwar, daß wir im Ganzen und Großen auf eine halb­wegs leidliche DurchschuittSernte rechnen können, doch die statistischen Daten, die zur Unterstützung dieser optimistischen Anschauung dienen sollen, und die wir heute zu prüfen in der Lage waren, lauten sehr wenig vertrauenerweckend. DaS ganze europäische Rußland (ausschließlich deS Großfürsten- thuma Finnland) zerfällt bekanntlich in 63 Gouvernements. In acht Gouvernements steht nun sowohl das Winter- wie Sommergetreide total schlecht- nach dem Grade der Mißernte geordnet, find dies die Gouvernements: Kasan, Wjatka, Ssamara, Ssaratow, Sstmbtrßk, Tula, Pensa und Rjasan. Ssamara, woher die Presse schon berichtet hat, daß Angesichts der gänzlichen Mißernte da- Elend im kommenden Winter und nächsten Sommer sehr groß sein werde, steht also erst an dritter Stelle in dieser Reihe. Allerdings verschärft fich für daS unglückliche Gouvernement die heurige Krisis noch dadurch, daß es schon seit einer Reihe von Jahren ständig von Mißernten heimgesucht wird. In fünf wetteren Gou­vernements: Perm, Ufa, Orenburg, Orel und Tambow, steht daS Winter- und Sommergetreide in einem Drittel aller Kreise sehr schlecht, in den Übrigen zwei Dritteln nur halb­wegs befriedigend. Endlich haben wir noch fünf Gou­vernement-: Wladimir, Kostroma, Nlschnt-Nowgorod und Moskau zu nennen, wo nach der offiziellen Annahme zwar das Wintergetreidegut" stehen soll, das Sommergetreide dagegen sehr schlecht. Aber gerade diese fünf Gouvernements gehören zur Categorie jener, die vorzugsweise nur Sommer­getreide anbauen (daS MoSkau'sche z. B. Exporthafer), so daß mit der offiziellen Angabe die schwere Mißernte der fünf Gouvernement- indirect zugegeben wird. In der amt­lichen Mittheilung, die dieser Tage Über den Stand der russischen Ernte erscheinen soll, wird man den schlechten Ein­druck etwas.abzuschwächen versuchen. Man wird allerdings alle Gouvernements mit schlechten Ernte-AuSstchten aufzählen müffen, aber hinzufügen, daß daß Uebel schließlich nicht so schlimm sei, da auch in jenen GouvernrmrntS die Ernte vielleicht nur als einebunte" bezeichnet werden dürfte, d. b., daß es dort neben Gebieten, wo überhaupt nichts ge­wachsen ist, auch solche mit einer DurchschnittSernte gebe. Hebet den Werth dieser Beruhigung wird man sich aller­dings am wenigsten in Rußland selbst Täuschungen hin- geben.

* In 88 VHnnten die Grenzen von fünf Landern zu Lberfchreiten, ist ein Record, den außerhalb Deutschlands Niemand so leicht brechen wird. Da, wo die Weihe Elster in dar Flachland tritt, von dem am linken User der FluffeS fich weitenden Blachfelde an-, auf dem Rudolf von Rhein­

felden im Kampfe bei Mülsen am 15. Oktober 1080 gegen Kaiser Heinrich IV. die rechte Hand abgehauen wurde, bei deren Anblick er in die Worte auSbrach:DaS ist die Hand, mit der ich meinem Kaiser Treue gelobt hatte!", von dort aus beginnt die Reise auf dem Bahnhof Kroffen, Kreis Zeitz, Königreich Preußen. Um 1 Uhr 49 Minuten Mittags, schreibt dieKieler Ztg." fahren wir ab. Die Fahrt geht wie durch einen Rosengarten, so köstlich ist der Duft, der von rechts auS einem umbuschten Idyll kommt.Station Köstritz!" ruft draußen der Schaffner, und die Thür wird aufgeriffen. Um 2 Uhr 1 Minute Nachmittags geht die Fahrt weiter. Zwischen langgestreckten Hügelketten rollt der Zug durch Gera. Fürstenthum Rruß j. L., mit seinen Billen und zahlreichen Dawpfschloten. ES find Gegenden, Über die die Geschichte mit ehernem Schritt htnübergeschritteu ist. Maffenmord und Bruderkriege, der dreißigjährige und siebenjährige Krieg, die Napoleonischen Waffen haben diesem Theil deS Thales der Weißen Elster dn unvergängliche- geschichtliches Gepräge gegeben. 2 Uhr 30 Minuten Nach­mittag- Station Wolf-gefährt, Großherzogthum Sachsen- Weimar. Nach kurzem Aufenthalt geht e- weiter. Um 3 Uhr 13 Minuten kommt das altersgraue Kirchlein de- DorfeS VettSberg, die erste christliche Capelle Ostthürtngeu-, in Sicht.Greiz!" Fürstenthum Rruß ä. L. Ein prächtiges Stückchen Erde! Wenn auch da- Verhalten seine- Regenten demKladderadatsch" viel Stoff bietet, so find seine Be­wohner doch ein arbeitsame-, auf der Höhe der Z'.it stehende- Bölkchen. Um 4 Uhr 14 Minuten Nachmittag- läuft der Zug in Station Elsterberg, Königreich Sachsen, ein. Bahn­hof Krossen im Königreich Preußen verließen wir um 1 Uhr 49 Minuten Mittag-. Ziehen wir nun von der Gesammt- fahrzeit 145 Minuten dm fahrplanmäßigen Aufenthalt, 57 Minuten, ab, so bleiben 88 Minuten Bahnfahrt, in der wir fünf deutsche Staaten kennen gelernt haben.

Der NameBismarck" kommt nicht weniger al- sech-- mal auf der Wett karre vor. Am bekanntesten ist der Bt-marck-Archipel, früher Neubritauuia geheißen, eine zu Melanesien gehörige Inselgruppe im westlichen großen Ocean, seit 1884 deutsche Coloate. Auf dem benachbarten Kaiser- Wilhelm-land in Neu-Gutuea befindet fich da- Bismarck- Gebirge, deffeu vier bedeutendste Erhebungen zu Ehren der Mitglieder der BtSmarck'schen Familie Otto-, Marien-, Herbert und Wilhelm-Berg getauft worden find. Im Süd­polargebiete liegt die von der deutschen Gazelle-Expedition entdeckte BtSmarck-Halbinsel. In Afrika erinnern der 1872 von Mauch im Lande der Batonga, im Innern Südafrika- entdeckte Bismarck-Berg und die Station BtSmarck Burg im Togolande an den großen Kanzler, während in Amerika der 5000 Einwohner zählende Havptort deS Territoriums Da- kotah am Uebergange der Nord-Pactficbahn über den Miffouri den Namen BtSmarck trägt.

Wie fich Bismarck einmal einen Korb holte. Herr v. Bismarck war «ffrffor, jung uud unbesoldet, Fräulein v. Tr. in der ersten Blüthe und doch schon eine gefeierte Schönheit. Die Güter der Eltern lagen nebeneinander, die Kinder waren miteinander aufgewachsen. Otto v. BtSmarck empfand plötzlich, daß er die Spielgefährtin liebe und machte ihr in seiner entschtedenen Weise, ohne feine Anstellung abzu- warten, einen raschen HeirathSamrag. Ein eben so geschwinder Korb war die Antwort. Fräulein v. Tr. äußerte fich dahin, daß Herr v. BtSmarck gewiß ein sehr liebenswürdiger Mann sei- für die Ehe aber könne sie e nen Affefforselbst wenn er auch KreiSrichter würde nicht brauchen. Sie fühle eS, daß fie zur Repräsentation berufen sei, daß fie eine Stellung in der Welt etnuehmen müffe. Ja dieser Absicht heirathete da- junge Mädchen bald darauf einen alten Obersten und ist als deffeu Wtttwe vor nicht langer Zeit gestorben. Sie hat lauge genug gelebt, um die beispiellose Laufbahn anzustaunen, die ihren verschmähten Liebhaber zum mächtigsten Staatsmann Europas machte.

Bismarck i« Volke. Es wird erzählt: ES war im kleinen Pavillon der Dampfbahuhaltestelle am Nolleudors- Platz, wo ich öfter- die nach den Westvorstädten gehenden Dampfwagen abzuwarteü gewohnt bin. Die Frau, die dort das kleine Restaurant hält, stand mit einem Blatt Papier in der Hand, auf dem eine Reihe Ziffern mit Bleistift geschrieben war und konnte sich nicht zufrieden geben über eine Be­rechnung, die mehrere der Bahnschaffner staunend bewunderten.

Das ist doch merkwürdig", hieß eS.

ES stimmt aufs Haar. DaS zusammen gibt die 83 Lebensjahre Bi-marck-."

Was find denn daS für Zahlen?" fragte ein neu Hin­zutretender.

Auch ich wurde neugierig.

Da sehen Sie selbst, Herr Doctor," sagte die Frau, mit dem Blatt an mich herantretend,da schrieb ich mir so in Gedanken versunken, wie ich all die ZeitungSgeschichten lese, die Z'ffern der GeburtS- und Todesdaten unseres Bi-marck der Reihe nach untereinander, den 1. 4. 1815 und den 30. 7. 1898 und wa» da zusammengezählt herauskommt, ist die Zahl der Jahre BtSmarckö."

Und fie wischte fich mit der Schürze eine Thräne aus den Augen, als ich die Rechnung ÜderlaS:

1 4 1 8 1 5 30 7 1 8 9 8 83.

Ni

Wissenschaft, Literatur und Nunst.

Die soeben erschienene elfte Lieferung des von Karl Werck- metster herausaegebenen Werkes:Das neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen" bringt an leitender Stelle aus der Fever Foedrtch Meineckes einen biographischen Aufsatz über Hermann v. Boyen, den Nachfolger und Vollender des Werke« Scharnhorsts, den Vor­gänger und grundlegenden Reformer der Heereskraft Preuß-nS, wie sie Roon und König Wilhelm fpäter ausgebaut haben. Ihm folgt ein literarisches Lebensbild Schellings, des im Anfänge des Jahr­hunderts so gefeierten und am Ende vielfach verkannten Denker-, von Hugo Falkenstein (München); aus dem Reiche der Naturwissen­schaften schließen sich an: der Physiologe Johannes Müller und der Astronom Friedrich Wilhelm Befiel, behandelt von Wilhelm Bölfche, der französische Philosoph Victor Cousin, besprochen von Karl Wllke, der Maler der napoleonischen Zeit, Jacques Louis David, von Fritz Knapp, der Bildhauer Ernst Rietschel, der bedeutendste Schüler Rauchs, von H. A. Lier, und endlich Bellini von Leopold Scho ibt Von den Btldnißtafeln, welche wiederum zum größten Theile erst­malig reproducirl sind, machen wir besonders auf das Bild Schellings nach Begas, dann auf die wundervolle Wiedergabe des litho­graphischen Porträts von Victor Cousin nach Maurin und auf daS Bildniß Ernst Rietschels nach einer Zeichnung von E. Bendemann aufmerksam. ____________

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ilnivcrfitäts - Nachrichten.

Rector und Senat der Berliner Universität haben Prof. Kiepert eine Adresse in rothem Plüsch mit der goldenen, eichen­umrahmten Zahl 80 gewidmet. In der Adresse heißt e« u. 8L: Wenn es die Signatur der heutigen Wissenschast ist, die hemmenden Schranken zwischen den einzelnen Disciplinen niederzuwerfen und der vollen Wissenschaft freie Bahn zu bereiten, so Haden Sie vor allen Anderen die Schranken zwischen Erdbeschreibung und Welt­geschichte beseitigt; und wenn alle Geschichte am Boden hastet, so haben Sie in erster Reihe ihr diesen Boden bereitet und gefestigt. . . . Immer bereit, jede fremde Arbeit zu fördern, jeden kleinsten Strich in das Gesammtbild der alten Welt einzusüqen, gibt eS wohl keinen Zweiten, dem fo viele Forscher dankbar verpflichtet sind, defim Tag so wie dieser ein internationaler Festtag ist."

Zum Rector der Friedrich-WilhelmS-Univerfität in Berlin für das mit dem October d. I. beginnende neue Studienjahr ist der Geh. Med. Rath Prof. Dr. Wilhelm Waldeyer, Director deS ersten anatomischen Instituts und ständiger Secretär der Akademie der Wiffenfchaften, gewählt worden.

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Unmöglich.... WaS denken Sie, gnädige Frau, von dem Maler Albina, der Tptnnengewebe so natürlich au die Zimmerdecke malte, daß ein Dienstmädchen fich den ganze« Vormittag bemühte, fie wegzukrhren?"O, eS mag wohl einen solchen Künstler gegeben haben, Herr Profeffor nie aber ein solche- Dienümäd cb en!" Fl. Bl.

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