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7.6.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 130 Zweites Blatt. Dienstag de« 7. Juni

1898

erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Iiamitienvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich vierm beigelegt.

Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 3. Juni 1898.

Das GrotzherzogNche Kreisamt Gießen

«i die GrsHh. VürgesmretstO»ete« M Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 4. April d. IS. Gießener Anzeiger Nr. 82 tm Rückstände find, werden hieran mit Frist von drei Tagen erinnert.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Juni. DerBossischen Zeitung" wird aus llhrtstiania gemeldet: Kaiser Wilhelm treffe am 2. Juli auf derHoheuzollern" in dem Touristenorte Odde tm Hardanger Gebiet ein, woselbst er da» für den Lieutenant v. Hahuke bestimmte Denkmal enthüllen wird, der, wie noch erinnerlich, auf der vorjährigen NordlavdSretse deS Kaisers mit dem Rade stürzte und den Tod fand. Nach dem Besuch in Odde wird der Kaiser die Reise nordwärts durch die Fjorde fortsetzen und wahrscheinlich auf der Rückreise etwa am 30. Juli in der Hansestadt Bergen eintreffen, wo ein eintägiger Aufenthalt geplant ist. Nach der Rückkehr von der Rordlandreise, also Anfang August, wird der Kaiser einen längeren Aufenthalt auf Schloß WilhelmShöhe bet Eaffel nehmen. Die Kaiserin dagegen wird nunmehr unmittelbar nach ihrer Rückkehr au» Kiel nach Eaffel abreisen, wo ste den Sommer über verweilen wird. Der Kronprinz und Prinz Titel Friedrich gehen auch diese» Jahr wieder, wie vor zwei Jahren, nach Kreuznach.

Berlin, 4. Juni. Ueber den Empfang deS chinesischen Gesandten Lue Hat°Hwau beim Kaiser am 30. v. M.

Feuilleton.

Schußzauöer. *)

Von Arthur Achleitner.

(Nachdruck verboten.)

Mit einer räthsclhaften Person beschäftigt sich die männ- liche Bevölkerung des BrrgdistricteS an der bayertsch'iyrolischea Grenze seit Jahr und Tag, nämlich mit der Person eiueS BüchSlerS, der nicht zu saugen ist. Alle Mühe und Opfer auf Seiten des bcyerischen Forst- und Jagdpersonals auch die Grenzer finv aufgeboten worden war bislang vergebens, den schlauen BüchSler aufzugehen oder abzufaugen, und als auf ,-dienstfreundliches" Ersuchen der bayerischen Behörden auch die iyrolische Gensdarmerte, so das Forst- personal mobil gemacht wurde: e» nützte nichts, der sehn« süchtig Gesuchte blieb unauffindbar, man hatte weder von seiner Person, noch voa seinem Aufenthalt die geringste Ahnung. Ja, selbst die Burschen vom ersten ihrolischen Grenzdorfe unterm Joch vermochten im engsten BüchSlerkreise nicht bestimmt zu sagen, ob der Unfichtbare zu ihnen gehört und wie er heißt. Alles Geheimnißvolle, Wundersame in« teresfirte die Gebirgler in hohem Maße, und so bildete der Unbekannte seit Langem den HanptgesprächSstoff bei der Grenz» brvölkerung hüben und drüben. Mancher Schwarzgeher hat wohl gelegentlich einen College» mit rothem Bart von Weitem gesehen, eia Anderer einen BüchSler mit rabenschwarzem Bart, aber immer in so großer Entfernung, daß daS Gesicht nicht zu erkennen war. Und diese Wahrnehmungen behielten die Wilderer auch hübsch sür sich au» leicht begreiflichen Gründen, wenn auderSwo die Polizei Alles weiß, tm Greuzbezük de» Jochgrundes ist sie inclusive Forst- und Jagdamt tn Bezug auf den rätselhaften BüchSler gänzlich unwissend, und da» wurmt die Behörden hüben wie drüben ganz fürchterlich.

Lagen die Jagdgrh.»fen an der Weißwaod auf dex Paß, daun tuschte er sicher weit drüben am Hangenden Stein, und sprangen die Schutzorgane der Schußrichtung zu unter Auf« btetung aller Kräfte tm wilden Terrain, so fanden sie als Visitenkarte lediglich den Aufbruch einer Gemse, sonst aber kein weiteres Zeichen, und der BüchSler blieb spurlos ver-

*) Entnommen demPractischen Wegweiser", Würzburg, einer vtklsetttgen Famtlten-Zeitschrtft, über den sich der Verfasser dieser ergötzlichen Humoreske folgendermaßen ausspricht:Vortresflich! Eine Fülle von werthvollem und praktischem Stoff. Auf manche Anregung hin, sehe ich selbst mich veranlaßt, von der Redaction Empfohlenes mir kommen zu lassen und war mit dem Erhaltenen befriedigt."

wird derNordd. Allg. Ztg." mitgetheilt, daß der Gesandte in der ihm gewährten Audienz ein ihm vom Kaiser von China zugegangeueö Telegramm an den deutschen Kaiser verlesen hat, welche» in den wärmsten Worten gehalten war und welches u. A. auch auf den Besuch de» Prinzen Heinrich in China htnwie». Wetter hieß e» in dem Telegramm, dessen chinesischer Wortlaut nebst Uebersetzung nach der Verlesung überreicht wurde, daß der Kaiser von China al» Erwiderung für den ihm verliehenen Schwarzen Adlerorden dem deutschen Kaiser den doppelten Dracbenorden verleiht und zwar die erste Stufe der ersten Klasse desselben. E» geschehe dies zum Zeichen der beiderseitigen Freundschaft, damit da» Schöne des Friedens zwischen den beiden Reichen immer mehr an den Tag trete.

Berlin, 4. Juni. Der Erzherzog Karl Stephan von Oesterreich hat gestern zum ersten Male das Bett verlassen. Er gedenkt nock etwa acht Tage hier zu bleiben und sich dann nach seinen Besitzungen zu begeben.

Berlin, 3. Juni. Ueber die zum 1. October beabsichtigte Einführung eine» neuen Staffeltarifs für Stück­güter auf den StaatSbahneu liegt nunmehr die erste amt- liche Ankündigung vor. Die Breslauer Eiseubahudirection macht bekannt: Im Gruppen- und Gruppenwechselverkehr der preußisch-hesfischen StaatSeisenbahuen tritt vom 1. October 1898 ab auf Entfernungen über 50 Kilometer eine allgemeine Ermäßigung der Fracht für gewöhnliches Stückgut und^Eil- stückgut ein. Den neuen Frachtsätzen der allgemeinen Stück- gutklaffe liegt eine fallende Staffel zu Grunde. Die Fracht für Etlstückgut beträgt das Doppelte der Fracht der all­gemeinen Stückgutklaffe. Bon 72,7 Kilometer ob werden die Frachtsätze des Spezialtarifs für bestimmte Stückgüter auf die neuen Frachtsätze der allgemeinen Stückgutklaffe herabgesetzt. Ueber die Höhe der Frachtsätze ertheilen das Verkehr« bureau, die VerkrhrSiuspectionen und größeren Güterabfrrtigungsftelleu sowie das AuSkuuftSbureau in Berlin,

Bahnhof Alexanderplatz, Auskunft. Die allgemeine Kilometer- Tariftabelle der preußisch hessischen StaatSbahneu wird neu aufgelegt und deren Erscheinen besonders bekannt gemacht werden. Wie dieSchief. Ztg." hinzufügt, erwartet man au zuständiger Stelle nicht, daß der neue Stückgüterstaffel­tarif denSammelladungs-Verkehr" völlig beseitigen werde. Dieser werde vielmehr für den Verkehr zwischen Hauptorten, wie z. B. zwischen Breslau und Berlin, auch nach dem 1. October d. I. durch den Privatunternehmer noch mit vortheil betrieben werden können. Für alle andern Be­ziehungen aber werde der neue Tarif von einer Bedeutung fein, die m't der steigenden Entfernung wachse. Namentlich diejenige BeredluugSindustrie, die, wie die Mefferschwiederei, die Fabrikation optischer Artikel u. s. w., ihre Erzeugnisse in Wagenladungen kaum versenden könne, werde von der Neuerung Nutzen ziehen, auch in der Richtung, daß ihr die Möglichkeit gewährt werde, sich jetzt auch in kleineren Orten anzufiedelu. Die Stückgutfrachtsätze haben seit zwei Jahr­zehnten keine Veränderung mehr erfahren- die Veränderungen, denen sie vor jetzt 20 Jahren unterworfen wurden, bestanden nicht in einer Herabsetzung sondern in einer Erhöhung.

Swiuemüude, 4. Juni. Heute früh lOVi Uhr traf Kaiser Wilhelm au Bord derHoheuzolleru" im hiesigen Hasen ein.___________________________________________________

Bitte, einen Versuch!

Durch Zusatz von wirkungsvollen Ingredienzien, wie sie unS von ersten medicinischen Autoritäten neuerdings en die Hand gegebm worden find, ist die Doerings Seife mit der Eule, bekannt unter der Devise:Die beste der Welt, abermals verbessert und durch diele Verbesserung in ihrem Einflüsse aus die Erhaltung der Schönheit der Haut wesentlich erhöht worden, so daß sich kein« Seife zur Toilette mehr eignen dürfte als die tn ihrer Art unübertreffliche Doerings Seife mit der Eule. Wir ersuchen alle Damen, Mütter, wie Jedermann, dem die Pflege der Haut ernst ist, um erneute Ver­suche. Der PrAs ist nicht erhöht worden, für 40 Pfg. überall erhältlich. 2532

schwuuden. Und hauptsächlich wilderte der geheimnißvolle Unbekannte auf dem wildreichen bayerischen Gebiet, daher der bayerische Forstmeister Alles in Bewegung setzt, um sein Gebiet von dem zweibeinigen wildhuogerigrn Parasiten zu befreien. An sich hat der Forstmeister von wegen regel­mäßiger Excellenzbesucher ganz vorzügliche Jogdgehilfen, schneidige, flinke Burschen, aber die fangen den Unbekannten nickt, trotzdem sie sich schier die Beine weglaufen. Der Waldchef setzte daher eine Kopfprämie auS: 30 Mark Fang- geld, ob tobt oder lebendig, und drei Tage Birrfreiheit dazu. Die vier Gehilfen schworen, den Kerl vom Himmel oder Mond herabzuholen, aber eS blieb beim Schwur und der Unbekannte blieb frei und büchselte ungenirt weiter. Zu allem Unheil ist auch noch für die nächsten Tage eine schieß­lustige Excelleuz angesagt, der man den Abschuß im Heilig- thum des Revier», in der sog.Gamsstube", des Hegebezirks für Krickelwild, einräumen muß. Fehlt aber bloß, daß der TeufelSbüchSler dieGamSstube" vorher besucht. Dem Forst­meister wird schwarz vor den Augen bei diesem Gedanken. DaS Heiligthum muß vor frevelhaftem Eindringen bewahrt bleiben unter allen Umständen. Dieter, der Flinkste unter den Gehilfen, erhält Auftrag, dieGamSstube" zu bewachen in Permanenz- er bekommt Brod, Speck und etwas Schnaps zur Atzung auf vier Tage mit, und da» Heiligthum zu be­wachen, jede Beunruhigung ferozuhalten, daS wird ihm auf die Jügerfeele gebunden mit einem E?nst und Nachdruck, daß dem Dieter selber ganz ängstlich ums Herz wird.Fängst den Lumpen tn derGamSstube", kriegst vierz'g Mark!" fügte der Waldchef bei und schickte den Dieter hinauf in» Gebirge.

Mit der nur dem Gebirgsjäger eigenen Vorsicht und Schlauheit pirscht Dieter aufwärts und nach lautlosem, mehr­stündigem Steigen erreicht er daS Revirrheiltgthum. Still ist'-, friedlich liegt dieGamSstube" vom Abendsonueuscheiu übergossen. Drüben tm Schatten äsen die Schützlinge, gute Böcke, pflegen gemächlich noch der Ruhe - die LeitgamS wacht, nur die Kitze spielen vergnügt Fangemäuncheu und tollen im Kreise. Ist doch hier ihre Kinderstube, die nie durch Lärm beunruhigt worden ist.

Dieter, gut gedeckt, calculirt eine Weile und kommt -um Entschluß, doch lieber auf der Schattenseite zu warten. Will der BüchSler einen GamS holen, muß er im Schatten an* pirschen und ihm in die Hände rennen. Gedacht und bald geihau. Dieter hockt gut verblendet auf etwa drei Büchsen­schußnähe in den Latschen, die Büchsflinte schußfertig über die Knie gelegt, und äugt sein Rrvter ab mit der allergrößten

Sorgfalt. Ein winzige» Knacken vernimmt sein geschärftes Gehör plötzlich, gespannt wartet der Jäger, und richtig ge- rathen: der gottverdammte Geheimnißvolle taucht auf, gierig nach dem Rudrl äugend, mit dem Stutzen in den Händen. Rußig im Gesicht, schwarzbärtig, nicht zu erkennen.

Ein Fieberschauer durchrüttelt den Jäger, doch zwingt er sich zur Ruhe - pfiffig heißt e» sein, warten muß er bis zum entscheidenden Augenblick. Dieter läßt den BüchSler heraokommeu auf etwa 40 Schritt- blitzschnell aufspringend und anbackend, die Läufe auf den Wilderer gerichtet, ruft er:

Gib Dich! Stutzen weg!"

Doch waS ist da»? Der BüchSler dreht den Rücken dem Jäger zu und steht wie angegossen.

Dieter ist paff und rathlos. Qualvolle Minuten ver­gehen, der Fremde bietet die Kehrseite, ohne sich zu rühren.

So wa» ist noch nicht vorgekommen! Dieter beschließt, sich anzupirschen, nimmt den Kolben in den Arm und schreitet auf den offenbar verrückt gewordenen BüchSler zu. Ein Knirschen nnd Astknacken kann der Dieter nicht vermeiden, in den Latschen geht sich'» schlecht.

Blitzschnell dreht sich jetzt der Fremde um und ruft an* schlagend:Halt! Die Büchse weg!"

Nun ist der Jäger im Nachtheil, nicht schußfertig. Mit offenem Mund und weit auigeriffenen Augen starrt er den Teufelskerl an. In den Rücken durfte er nicht schießen und jetzt ist eS zum Feuern zu spät. Der Fluch bleibt dem Dieter im Halse stecken und das Denken ist ihm vergangen vor Schreck Über die so jäh veränderte Situation. Ohrfeigen könnte er sich Über seine grenzenlose Dummheit.

Ein weiterer Befehl:abtreten oder eS kracht!" bringt Dieter in Bewegung. Diese» Spiel hat er grausam verloren. Wie ein begossener Pudel schleicht er davon, ohne umzusehen. Er weiß, daß der Teufelskerl bei der geringsten verdächtigen Bewegung Dampf macht und ihm ungenirt die Kugel in den Rücken jagen wird. Ein BüchSler hat sich ja nicht um das Schießreglement zu kümmern.

Wie Dieter die schmale Grabensohle erreicht, tuscht e» in der GamSstube. Wie der Wirbelwind eilt der Jager wieder hinauf, aber eS ist nichts mehr zu wollen. Der Fremde steigt mit dem Garn» auf dem Rücken eben über den Grat und verschwindet jenseits.

Beim Rapport fluchte der Forstmeister wie noch nie in seinem Leben, dann aber ruhiger geworden, heckte er einen besonder» feinen Plan aus und Dieter bekam Befehl, Morgen» 3 Uhr am Forsthause zu warten.

(Fortsetzung folgt.)