Ausgabe 
6.10.1898 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

teet« fieiben,

iker

'rtlitktwt,

5 Uh,, 9900

e

« Auguste G kenheimer, 9

9888 J Nmii ßaü

ichen Baalbau

Wag». 9864 daS ComiiA.

In.

lags 4 Uhr ab:

z.

tt Vorftaud.

44

»verdeäe, m\t uub unb Jagdwagrn, leaks stel« vouiihig. >z leichte Landauer, ) sog. Lauterbacher n billigen Preisen- lagenkauer. ster, eine Wendel' iurichtuug mit J*

rktstraße^S^

jkelslühle,

elt

ff ** roten etc- ; w» »nd ier

iC

s 37 r»»00.

Nr. 234 Zweites Blatt Donnerstag den 6 October

189S

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amt-- und AnzerAeblcrtt für den Tkveis Giefzen

monatlich 75 Pjß. nut Bringrrlohn.

M Poftdkjug 9 «ort 60 ttfg. »irrlNILHrNch.

L,»uflop,,to vicriuiahrlich

lebet von Anzeigen |u brr Nachmittag« fftr bri fel«rnbm Lag rrfdxintnbte Nummtr bi« Borm. 10 Uhr.

lir Inztigtn.VrrmiNlung«sttlltn M I». unb «utlenbr« nehmtn ln«tigcn ftk bcn Oirgmn «nzt.gtr cnigegri.

erlch-inl ttgNch it Wulnabnn de« Montag«.

Dirtrfrtncr Aamtstenvtättkr nwrbcn bm Lvztigtr »Achentlich viermal btigdcgu

| Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Der Dreyfus Handel

tonn nach de, Gestalt, die tt infolge dec schwächlichen und schwankenben Haltung bet franzöfischen Regierung angtnommm hat, keineswegs «ehr als eine rein tunen Angelegenheit der iranzöflschen Republik betrachtet werden. Sill Handel, der die Beziehungen zu Deutschland verschlechtert, da» Bünbniß mit Rvhlard beeinflußt und der ein seaudalv» unanständige» verbaten der franzöfischen Regierung gegen die in Pari» oecreditirte deutsche Botschaft zu« Hintergründe hat, ist durchan» international. Wäre er lediglich französisch, so würde der unsagbar schmutzige Handel, der sich dem Panama- Skandal würdig anreiht, nur ein völkerpsychologischrS In- tenffe haben und man würde ihn in der deutschen Presse mit Aufmerksamkeit, aber nicht in einer AuSsührlichkeit behandeln, wie e» thatsächlich geschieht. Aber die Art und Weise, wie die mit einem beklagen»werthen Mangel von Muth und Ehrlichkeit handelnden französischen Minister ein Auflodern de» brutal dummen Deutschenhafle» der Chauvinisten au» diese« Anlaß nicht nur nicht unterdrückien, sondern heimlich förderten und willkommen hießen, hat die Deutschen nun einmal in den Handel hineingezogen. Sehr gegen ihren Bitten und Wunsch- denn reinliche Menschen halten sich gern von Pfützen fern, au» denen heraus die darin Watenden die vorübergehenden mit Schlamm bespritzen. Aber el ist einmal geschehen und mit der Lhatsache muß gerechnet werden. Ob die vornehme Haltung der deutschen Regierung, die, um im Bilde zu bleiben, den auf sie gespritzten Schlamm lächelnd vo« Rocke abgewischt hat und nun unbekümmert dem Treiben weiter zusteht, da» vneiugeschränkte Lob verdient, da» ihr vielseitig gespendet wird, scheint nicht über allen Zweifel erhaben. Wenn hier und da die Meinung laut wird, man Hobe nicht nur die Verunreinigung de» eigenen Rocke» be­seitigen, sondern sich auch jede fernere Beschmutzung energisch verbitten sollen, so kann dieser Ansicht nicht jede Berechtigung abgesprochen werden. Die Frage, ob Gras Münster «lle» gethan hat, «a» er in dieser Richtung hätte thun sollen und ob er nicht, fei e» au» eigenen Antriebe, sei e» nach Vor­schrift de» Au»«ärtigen Amte», Manche» unterlaßen hat, wa» er nicht hätte unterlaßen dürfen, ist nicht ohne Weitere» in einem für ihn günstigen Sinne zu beantworten.

Gin großer Bruchtheil bet öffentlichen Meinung in Deutsch- land will zwar da» gegen Drehst!» beliebte, an Justizmord

grenzende Verfahren nicht al» eine Sache betrachtet wißen, in die wir Deutschen un» al» Hüter de» beleidigten Gerrchtig- keitsgefühis einzumischen hätten, aber man verlangt dafür auch kategorisch, daß man un» nicht in eine Sache hiueinziehe, mit der wir nicht» zu thun haben. Und e» wird vielfach die Ansicht laut, die deutsche Regierung habe hier doch nicht genug gethan. (Sine kräftige und entschiedene Protestnote an die französischen Minister, die sie kategorisch aufgefordert hätte, offen Farbe zu bekennen und dem blöden Treiben ihrer chauvinistischen Land»leute durch eine unumwundene Erklärung entgegen zu treten- eine Note, die bann, wenn ste keine Be- achtung gefunden hätte, publcirt worden wäre, hätte sehr gute Dienste geleistet. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern taugen ohnehin nicht viel- ste wären durch ein solche» Auftreten nicht schlechter geworden, vielleicht hätte e» den französischen Ministern einige Schwierigkeiten im In- nern bereitet- aber da» wäre in letzter Linie doch ihre eigene Schuld gewesen, und außerdem hat Deutschland nicht da» geringste Jntereffe daran, welcher französische Minister der jeweilige Diener der BolkSttidenschaft und de» Ehunviu- isrnn» ist. M. R. R.

Deutsche- Aeich.

Berlin, 4. Oktober. Da» Kais erpaar ist heute Morgen 8 Uhr auf der Wildparkstation wieder eingetroffen und hat sich nach dem Marmor Pala'.S begeben. Heute früh hörte der Kaiser im Marmor PalaiS den Vortrag de» EhefS de» Militär Eadinet» v. Hahnke.

Berlin, 4. Oktober. Staatssekretär v. Bülow ist gestern Abend wieder hier eingetroffea.

Berlin, 4. Oktober. Heute Mittag hat in Pot»dam die Taufe be» kürzlich geborenen Sohne» be» Prinzen Karl Anton von Hohenzolleru stattgesunden. Der Feierlichkeit wohnten unter Anderen bei der Fürst voniHohen- zollern, Prinz Albert von Belgien und die Gräfin von Flandern. Nach der Taufe fand ein Diner statt.

Berlin, 4. Oktober. Au» Potsdam schreibt man der »Tägl. Runbsch.*: Im Neuen Palai» harrt Prinz August Wilhelm seiner gänzlichen Genesung von dem schweren Herz­leiden, da» ihn vor einiger Znit betroffen. Die Prinzessin Victoria Louise und Prinz Joachim sind im M a r m o r p a l a i», wo auch bad Kaiserpaar nach der Rückkehr au» Rominten

Xbrrffc für Dtptschrn: Anzeiger -tetze».

Fernsprecher Nr. 51.

Wohnung nahm. Im Pot»dawer Stabt schloß endlich befinden sich seit Sonnabend die Prinzen Adalbert und O»cor- auch der Kronprinz unb Prinz Eitel Friedrich verleben hier die Michaelisserien. Nach der Rückkehr des Ka serpaare» au» Palästina wird da» Stadtschloß bezogen werden - dort sott auch da» Weihnacht»fest gefeiert werben. Da» Neue Palai» sott au» Gesundheit»rückfichten vorläufig nicht mehr bezogen werden. Um die dortigen verhältniffe zu verbeffern, soll um da» Gebäude ein tiefer Graben gezogen werden, in welchen zahlreiche Drainageröhren, mit denen der Park von San», souci au»gestattet wird, elnmflnben sollen Dieser Graben wirb seinen Abfluß durch da» Golmer Bruch nach der Havel haben. An der Havel sott ein Pumpwerk aufgestellt werden. Mit dem Bau dieser Anlage soll im Frühjahr begonnen werden.

Berlin, 4. Oktober. Prinz Albert von Belgien ist heute vormittag in Pot»dam eiogetroffen.

Berlin, 4. Oktober. Dem »Berliner Tageblatt* zufolge ist bisher nur die Absendung eine» deutschen Kriegsschiffe» von Kiautlchou nach Taku beschloßen worden. Die Maßregel ergibt fich Angesicht» der unsicheren Zustände in der chinesischen Hauptstadt und Angesichts der Thatsache, daß eine russische und englische Flotte bereit» auf der Rhede von Taku ankern und auch Admiral Dewih ein amerika­nisches Kriegsschiff von Manila nach Taku beordert hat, von selbst.

Berlin, 4. Oktober. Wie ans Stuttgart gemeldet wird, erklärte der Abgeordnete v. voll mar aus dem socialistischen Parteitage in einer Besprechung über die Taktik der Partei, die Pariser Lommunard» hätten im Jahre 1871 bester gethan, sich schlafen zu legen als aus die Barrikaden zu gehen. Gewaltthaten seien nicht socialistisch. Da» deutsche Volk fei weder politisch noch «irthschastlich schon für den socialistischen Staat reif. Der soclolistische Staat könne niemal» durch Gewalt, sondern nur aus innerer Noth- Wendigkeit heraus entstehen.

Berlin, 4. October. Zur Vieh sperre. In der Frage des Senchenschutzes kann ein unbefangenes Urtheil nur von den wirthschastlich uninteresfirten Sachverständigen er­wartet werden. Da» haben wir schon einmal gelegentlich h-.rvoegehobev. Erwähnenswerth eischeint deshalb eine Zu- schrift des Kreisthierarzts Kenubeck in Schroda in der

$>a5 Leöcn.

Rooellette von O. Halwig.

(Nachdruck verboten.)

»Bitte hier eivzusteigeo, mein Herr!* sagt der Schaffner. Der Augeredete folgt der Weisung unb schaut sich in Eoup4 nm.

»Das ist ja zweiter,* äußerte er rnißmuthig. »Haben Sie denn nicht mein Bittet gesehen?*

»Sehr wohl e» gibt aber hier nur ein Eoups erster, und da dem Herrn das zu voll war*

»vier Menschen für die Nacht, sollt ich meinen, wäre auch etwas viel,* brummt Jener.

Der Schaffner aber hört ihn nicht mehr, er ist schon weit davon. Er hätte viel zu thun, wenn er fich m.t jedem Fahrgast auf lange» Paria«entireu einlasten wollte. Wie unverständig die Leute doch manchmal sind! Da verlangen sie womöglich, daß man hier auf der Secuvdärbahn noch so und so viele Waggons erster anhängen sollte! Da» eine Eoups das der Vorschrift nach da sein muß, ist ohnehin Meist leer ein Zufall, daß heute vier Herren, die auf eines der umliegenden Güter zur Jagd geladen find, davon Besitz genommen haben.

Inzwischen hat der Reisende fich in einer Ecke häuslich niedergelassen, im Stillen sortraisoouirend, daß man ihn ge- zwangen, in einer Klaffe tiefer zu fahren, als für die er bezahlt. Hinterher muß er selbst über seinen «erger lachen, was machts ihm au», ob er hier oder dort fitzt, wofern er tur allein ist! Eine schreckliche Jnconsiqneoz, fich nm solcher Kleinigkeiten willen aufzuregen, wenn man im Begriff steht, den schwerwiegendsten Eatschluß au»zuführen, den ein Mensch überhaupt saffen kann. Schwerwiegend? Warum? Weil t» davon kein »Zurück* mehr gibt? Das hätte aber doch ar dann eine Bedeutung, wenn man die That späterhin ungeschehen zu machen vermöchte- da da» aber nicht der Fall, |« ah doch, wozu sich mit Denken anstrengen.

Was seine Bekannten wohl sagen werden, wenn sie Über

ein paar Tage eine gewiße Nachricht in der Zeitung lesen! Ach, er hört im Geiste all die verschiedenen Muthmaßungen über das »Warum*. »Eine unglückliche Liebe*, »omert- kanische» Duell* so sprechen die ihm Fernstehenden. Wa» könnte es anders sein? Ein Manu von zweiunddreihia Jahren von alten Adel ein mehrfacher Millionä. ? Einige rathen wohl auch auf ein unheilbare» Leiden, der engere Krei» seiner Bekannten aber jener, die fich da» Dasein nach seinem eigensten Programm gestattet--die

zucken die Achseln und sagen überlegen, wie von einer Sache, die so selbstverständlich ist, daß e» sich Überhaupt nicht davon zu reden verlohnt, »verlebt I*

Also doch ein unheilbare» Leiden I Das unheilbarste von allen, denn wa» verbraucht ist, das kann nicht wieder komm

»Station Waltersdorf!* ruft der Schaffner und reißt die Eoupsthllr auf. Ein Strom kalter, feuchter Luft bringt herein, der den Reisenden zusammenschauern läßt. Daß «an auf diesen verdammten Secundärbahnen auch fortwährend gestört wird! Und da bringt ihm dieser Kerl zu« Ueberfluß noch einen zweiten Paffagier herein. Dafür da» splendide Trinkgeld, das er ihm gegeben! Aber wahrscheinlich war es wieder nicht anders zu machen und--

»Die Bittet« !*

Beide reichen sie. Daun ist auch da» absolvirt und der Zag geht weiter.

wer dieser zweite Fahrgast wohl fein mag? Eine Dame natürlich! Bei der trüb brennenden Lampe läßt fich wenig mehr von ihr erkennen, als eine schlanke Gestalt, die ein dnvkler Mantel einhüllt, eine kleine gehäkelte Reisemütze nod ein dichter Schleier. Er betrachtete fie unverwandt. Nicht, daß fie ihn eigentlich intecesfirte nur braucht er etwa», worauf er seine Gedanken cencentriren kann, um von dem ewigen Reflrctireu über fich und seine Lage loSzukomtneo. Ob fie jung ist, schön? Wie viel reizende Frauenbilder find nicht in seine« Gedächtniß eingesargt I Blonde, Braune, Ausländerinnen, Deutsche! Geliebt hat er keine von ihnen und ist von keiner geliebt worden. Oder doch? Da war die kleine Lori vom Ballet, die weinte bitterlich, aU er ihr

dazumal und bann die Baroneffe R. die weinte zwar nicht, tm Gegentheil verlobte sie sich acht Tage später, aber btt Leute sagten ach, was sagen bic Leute nicht alles. Und noch anbere Frauenbilber ziehen an tb« vorbei schemen-geisterhaft unb waren boch so voll Blut unb Leben, als er fie küßte. Aber richtig, ba sind fie wieder, die Ge­danken fort, fort mit ihnen!

Abermals heftet er den Blick auf sein Gegenüber. Sie hat den Schleier znrückgeschlagen. Ihr Geficht ist nicht eigentlich schön, auch nicht mehr ganz jung bleich, schmal, von weichen rothblonden Löckchen umschattet, mit einem ent­schloßenen Zug um die vollen Lippen und Augen ja, die Augen, die muß «an doch bewundern. Sie find dunkelgrau unb schön geschnitten, vor Allem aber haben fi« einen eigen- thümlich metallischen Glanz, ber ihnen etwas Durchbringenbes gibt, man «eint, fie müßten Einem bis ins Innerste der Seele schauen.

Jetzt hustet die Dame, erst leise, dann stärker.

»Es belästigt Sie wohl, daß ich rauch', «eine Gnädige?* fragt er. Aeußerliche Ritterlichkeit ist ihm ja anerzogen, die vermag er selbst in dieser Stunde nicht zu verleugnen.

Sie blickt auf. »Durchaus nicht,* entgegnet fie «It einer fünften, angenehmen Stimme. Da er trotzbe« Miene «acht, die (Sigune fortzuwerfen, fährt fie fort: »Bitte ja nicht. Es quält «ich, wenn fich Jemand meinetwegen tn feinem Behagen stört *

»Aber Ihr Husten*

»®er hat nichts damit zu schaßen. Meine Lungen find etwa» angegriffen.*

»O) I* macht er instinktiv bedauernd.

,3«. Ich gehe dehwegen auch nach dem Süden nach Palermo.*

Ihre Augen leuchten, man fieht, wie die Aussicht fie freut.

So gibt es doch noch Leute, die dergleichen mit glück­lichen Empfindungen erfüllt! Er hat die ganze Belt durch- gant, wohin die momentane Laune ihn zog, ba reiste er hin, um stets mit be« gleichen Ueberbruß zurückzukehren.

(Schluß folgt.)