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Nr. 182 Zweites Blatt. Samstag den 6. August
1898
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7. August: WWdMM vom Ludwigsplob- Mg: Litbigshöhe.
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Umtlidjer Töeil.
Bekanntmachung,
belr.: Die Bteberthalbahu; hier Gruud-Erwerb.
Mit Rücksicht auf die am S. bl. Mts. statifiubeude laodespolizeiltche Prüfung und Abnahme der hessischen Strecke der Bieberthalbahn, wirb au Stelle bei in rudrtcirter Ent- etgnungssache au diesem Tage zur Tagfahrt vor der Local« coarmisfiou anstehenden Termini anberweiter Termin in dem Bürgermeiftereigedäube, dahier auf
Mittwoch, de« 16. d. M., Vormittags 9 Uhr
anberaumt.
Gießen, den 3. August 1898.
Großherzogliche» Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Deutsche» Reich.
Berlin, 4. August. Dal Kaiserpaar hat sich heute nach veenbtgung der Trauerfeier sür den Fürsten Bismarck zu« Bahnhof Lharlotteuburg begeben, um von dort die Reise nach Wtlhelmlhöhe anzutreten.
Berlin, 4. August. Biel bemerkt wurde, daß sich der Kaiser heute bei dem nach Schluß der Gedächtnißfeier ab« gehaltenen Cercle angelegentlichst mit dem Oberbürgermeister Lelle unterhielt. — Auf Befehl bei Kaisers werden die Trauerflaggen heute Abend eingezogen.
Fürst Bismarck schied.
Bon W. Rudelli.
Lin Wehruf tönt hin über alle Lande, Wo Herzen redlich schlagen in der Brust, Die staunend sich der Gröhe konnten frenen. LI sank hinab in! Meer der Ewigkeiten Der Frll, an de« stolzeste Wellen brachen. — Kann wohl, so lauge Deutschland Deutschland ist, So lange deutscher Sinn und deutsche Art In Herzen lebt hier und in fernen Weiten,
Feuilleton.
Hedanken und Sentenzen des Staatsmannes Jismarck.
(Schluß.)
Eine feit einem Jahrhundert und länger in die Zustände beft Lande» eingewachsene Verfassung streift man nicht ab vie ein abgelegtes Kleidungsstück; sie ist sozusagen eine Haut zeworden, welche mit ärztlicher Vorsicht gelüst werden muß, venn Krankheiten verhindert werden sollen.
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Die Form, in welcher der König Kaiserrechte in Deutschland übt, hat mir niemals eine besondere Wichtigkeit gehabt; <n die Thatsache, daß er sie übt, habe ich alle Kraft des Strebens gefetzt, die mir Gott gegeben.
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Man soll sich in den germani'chen Staaten nicht fragen, wenn man es der Bevölkerung recht machen will: was kann femeinfam fein? Wie weit kann der große Mund des Ge« meinwesens hineinbeißen in den Apfel? — sondern man muß sich fragen: was muß gemeinsam sein? und dasjenige, was nicht gemeinsam zu fein braucht, das foll man der speziellen Entwickelung überlasten. Damit dient man der Freiheit, damit dient man der Wohlfahrt.
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Confequenz für einen Politiker, für einen Staatsmann ift um fo leichter, je weniger politische Gedanken er hat. Venn er nur einen hat, ist es ein Kinderspiel, und wenn e: den immer wieder vorbringt, so ist er der Consequenteste. Jemand, der die Situationen und die Fragen, mit denen er fich zu beschäftigen hat, an jedem Tage, in jedem Jahre wiederholt wechseln sieht, kann unmögltch unter verschiedenen Umständen immer dasselbe thun.
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Wir fingen „Fest steht und treu die Wacht am Rhein", ober an der Warthe und Weichsel steht fie ebenso fest. Wir können nach keiner von beiden Seiten hin auch nur einen Morgen Lande» misten
Mag je der Blick verdunkelt sein auf ihn, Auf bal hellstrahlend Bild bei treusten Treuen? Kanu je ein redlich, wahres Herz vergrffen, Daß uns ein übergroßer Deutscher lebte? Kanu jemals Liebe sterben unb Verehrung? — Nun steht voll Leid Alldeutschlanb an bei Bahre - von stolzer Klone selbst wallt Tranerflor. Ob lebenb oder tobt, Du bist und bleibst In Deutschlands Krone doch der beste Stein. — * • e
Wie einstmals Hermann Fürsten einte, Völker, Mit Schwert und Streitaxt siegreich zu bestehen Den Drachen, der in deutschen Gau'n gewüthet, So hat von Nord und Süd, von Ost und West Der eiseufeste Mann geeint die Stämme.
Er zimmerte den Thron für seinen deutschen Kaiser, Er schmiedete mit Stahl und Blut die K.oue. — Wenn Altgermanieos Roth einst Hermanns Hilfe, So war dem Etsenmann da» deutsche Sehnen Rach längst entschwuod'oer Reichel-Herrlichkeit Der BundeSgeuoffe, welcher half vereinen. — Was ist Richelieu, der Meister aller Ränke, Gegen den Kämpfenden mit offenem vifir? — Zeus schleuderte die Blitze zur Vernichtung. Auch unser Eiseukanzler war ein Donnerer;
Er sandte seinen Strahl nach allen Seiten;
Jedoch der Strahl, den seine Faust geschleudert, Ein kalter war'l, zu kühlen hitz'ges Blut, Daß Volk nicht gegen Volk die Waffen höbe. — Zum Reichesausbau galt- die ganze Kraft, Ein Auge, was verderbliches erkenne.
Empor aus Snmpsschlamm reckt der Dracheuhals Die gier'gen Köpfe hin zu Thron und Krone;
Schwarz, roth zuckt zischend die gespalt'ne Zunge, Haßvolle Blitze schießen Drachenaugen.
Da steht der Held zu Schutz und Wacht des Thrones I Das gute Schwert weiß Kopf um Kopf zu fällen. Hier gilt kein Rasten, keine Ruhe;
Unklaut schießt schnell empor, wie Pilze aus dem Moder.
Jede Großmacht, die außerhalb ihrer Jntereffensphäre auf die Politik der anderen Länder zu drücken und einzu- wi'ken sucht und die Dinge zu leiten sucht, die periklttirt außerhalb des Gebietes, welches Gott ihr angewiesen Hot, die treibt Machtpolitik und nicht Jntereffenpolitik, die wirth- schaftet auf Prestige hin.
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Wenn heute unsere nationalen Errungenschaften als ein sicherer und natürlicher Besitz erscheinen und ihnen deßhalb von Dielen unserer Mitbürger nicht mehr der Werth beigelegt wird, den sie zu haben schienen, als wir fie noch nicht besaßen, und wenn wir in unserem Streben nach Befestigung derselben Gegner finden, auf deren Beifall wir damals rechneten, so macht mich diese Erscheinung in der liebet» zeugung nicht irre, daß das deutsche Nationalgefühl stark genug sein wird, festzuhalten, was deutsche Kraft gewonnen hat. — ♦ ♦ ♦
Man ist immer am einsamsten in großen Städten, am Hofe, im Parlamente, unter seinen Collegen; dort fühlt man fich mitunter wie unter Larven die einzig fühlende Brust. Aber im Walde fühle ich mich niemals einsam, das muß in der Natur des Waldes begründet fein; die Waldeinsamkeit muß für Deutsche etwas Befriedigendes haben.
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Jeder Staat, dem feine Ehre und Unabhängigkeit lieb ist, muß fich bewußt fein, daß sein Friede und seine Sicher- heU auf feinem eigenen Degen beruht.
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Gerade wie ein Dach vor dem Wetter schützt, ein Deich vor der Uebetschwemmung, so schützt auch unsere Armee unsere Productivität in ihrem ganzen Umfange.
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Des Dichters doppelte Aufgabe ist, der Mund seine» Volkes zu fein unb feine eigene Begeisterung ihm zu leihen.
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Worte find keine Soldaten und Reden keine Bataillone.
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Eine Regierung muß nicht schwanken; hat fie ihren Weg gewählt, so muß fie, ohne nach Rechts oder Links zu sehen,
Du großer Kanzler, auch mit Dir war (Bott, Der Dich zum Werkzeug auserkoren, stets Wie er war mit Deinem großen Kaiser. Lr gab Dir hohe Weisheit, große Kraft. Wer kennt es noch, Dein kühn Prophetenwort, Das zu Beginn des Laufs Du lächelnd sprachst? „Ich werbe bennoch einst ber populärste Mann." E n wahrer Wort, bei Gott, hast nie gerebet. — o •
e
Nun, Deutschland, klage Deinen großen Heros, Die Blüthe der Victoria regia, die nach Jahrhunderten So hell gestrahlt, baß es die Augen blenbet. — O wohl bist Du in Deutschlands stolzer Krone Für alle Zeit ber ebelste Demant. —
Sinds Abschiebsthränen, die wir Dir nun zollen? Ist uns Alldeutschlauds Liebling denn verloren? O nein, wir sehen ihn nur jetzt nicht mehr, Unb was mau liebt, bas fieht man allzu gerne. DaS ist es wohl, und darum fließt die Zähre. Unb Dankesthräuen find- dem hohen Himmelsherru, Der Deutschland diesen Genius erweckt. —
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Dein Kaiser wollte, daß Du rührtest im Dome Seite au Seite mit deu höchsten Ahnen. Du aber willst, daß über Deinem Grabe Die deutschen Eichen rauschen ihre Klage. Nun ruhe aus nach thatenreichrm Leben! Dein Lager schmückt der Lorbeer und die Palme.
Ave senex mangnifice et benigne.
Stuslauö»
Wie», 4. August. Graf Thun berief die Statthalter zu einer Coufereoz nach Wien behufs Regelung der Spracheufrage.
Senf, 4. August. Der Sohn eines hiefigru Arztes, Georg Lleh stürzte vom Saleve ab und war sofort tobt.
vorwärts gehen; kommt sie ins Schwanken, so wird fie schwach und darunter leidet da» ganze StaalSgebäude.
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Ich schätze mich glücklich, nicht zu den Leuten zu gehören, die mit den Jahren und den Erfahrungen nichts lernen.
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Zusammengehört al» Deutsche haben wir ja immer; wir waren ja stets Brüder, wir haben es nur nicht immer gewußt.
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Der Partikularismus ist die Basis der Schwäche, aber auch nach einer Richtung hin die Basis der Blüthe Deutschland». Die kleinen Zentren haben ein Gemeingut von Bildung und Wohlstand in allen Theilen Deutschland» verbreitet, wie man e» in centralistisch organifirten großen Ländern schwer findet.
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Unsere colonialen Unternehmungen sind nicht auf einen Nutzen in drei bis vier Jahren berechnet, die seit dem ersten Anfänge verflossen find, sondern Sie können fie allenfalls vergleichen mit der Muthung eines Bergwerks, das man nicht sofort in vollen Angriff nehmen kann, für welches man aber doch dem Erben sichere Grenzen, die von anderen Mächten nicht mehr übertreten werden, Übermacht.
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Man muß nur noch aus nationalen Gründen — au» Gründen, welche in dem Maße national find, daß ihre zwingende Natur von der großen Mehrheit der Bevölkerung anerkannt wird, Krieg führen.
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Ueberlaffen Sie unseren Kindern auch noch eine Aufgabe; fie könnten fich sonst langweilen in der Welt, wenn gar nicht» mehr für fie zu thun ist.
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Niemand von un« kann die Zukunft vorausseheu, unb auch ber mächtigste Monarch unb ber geschickteste Staatsmann kann fie nicht beherrschen unb leiten. Die ganze Weltgeschichte läßt fich überhaupt nicht machen; auf ihrem Strom kann man ein Staatsschiff steuern, wenn man sorgfältig auf ben Kompaß ber salus publica blickt unb biese richtig zu beur» theilen weiß.


