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3.4.1898 Erstes Blatt
 
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189N-

Sonntag den 3 April

Erstes Blatt

Gießener Anzeiger

General-"AHeiger

Amts- unb Anzeigeblcrtt für den Tireis Giefzen.

Die Welt ist nichts werth, so

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Zchntßratze Ar. 7.

Locales rnrd provinzleUes.

Gießen, den 2. April 1898.

Die Jahresversammlung der Organe tmfttt? offene» Armenpflege, weiche am 28. b. MtS. t» der Reftan- raüon Feidel stattfand, war von Armenpflegern, Bezirks- Vorstehern, Stadtverordneten und Mitgliedern des Borstandes de« Allgemeinen Vereins besucht- Herr Provtnzialdtreetor vouGagern und Herr Oberbürgermeister Gu aut h wareu anwesend. Nach kurzen BegrüßungSworten referirte der Vorsitzende, Herr Beigeordneter Wolff über die Gießener Armenpflege im vergangenen Jahre. AuS der Mitte der Versammlung wurden iw Aoschluß an dieses Referat mancher­lei Anregungen gegeben, deren beachtenSwertheste dahtu ging, in der städtischen Armeuverwaltuug eine Controlle zu schaffe», bei welcher die einzelnen Vereine und Personen, welche Weih- nachtSbescheeruugen sür Arme veranstalten, Erkundigungen etnztehen können, damit die häufig beoachtete Doppelbeschevknvg einzelner Armen von verschiedenen Seilen thuultchst vermieden wird. In da« Referat über den zweiten Punkt der TageS' ordnung: Bericht über die Kieler Jahresversammlung M Deutschen Vereins sür Armenpflege und Wohlthärtgkeit hatten fich die Herren Pfarrer Schloffer und Beigeordneter Wolff grtheilt. Ersterer besprach die Fürsorge für schulentlaffene Kinder und Letzterer referirte über daS Thema: Die Armen» pflege in ihren Beziehungen zur Soetalgesetzgebung. DaS weitere Thema: Fürsorge sür arme Wöchnerinnen und der» Angehörige (Res. Pfarrer Schloffer) gab zu einer DiScusfion Veranlassung, au welcher fich insbesondere Herr Provivzial- director von Gagern und Herr Pfarrer vr. Grein betheiligttn. In dem Bericht über daS folgende Thema: Betheiltguag größerer Armenverbände an der Armenlaft gab Beigeordneter Wolff ein Bild darüber, wie fett 1871 bet uns im Groß« herzogthum die Lasten der Armenpflege zu einem großen Theil auf die leistuugSfähigerereu Schultern unserer Kreise, der Provinzen und des Staates übertrag'« fiad. U. A. er» wähnte Berichterstatter, daß neuerdings die Regierung sich bereit erklärt hat, außer den bisher übernommenen Ver­pflichtungen auch noch den drei Provinzen für die Unterhaltung von Provtnztalfiechenanstalten einen jährlichen Zuschuß vo« je 20000 Mark zu überweisen. Auch für unsere Provinz werde nunmehr in Bälde eine Provtozialfirchenanstalt e*» richtet und so einem dringenden Bedürfntß abgeholsen werde«. Auf eine weitere Mtttheilung deS Referenten über die Er­richtung einer Spileptikeranstalt im Großherzogthuw wirs Herr Pfarrer Schloffer darauf hin, daß die geplante Anstalt vorerst nur sür jugendliche Epileptiker bestimmt sei- bis bisse Anstalt so gewachsen wäre, daß fie auch die älteren Krank« aufzunehmen vermöge, müßten die Letzteren noch »ach der

Adresse für Depeschen: Anzeiger frUftt«.

Fernsprecher Nr. 51.

von dem soeben auS Kiaotschau zurückgrkehrten Lloyddawpfer Darmstadt" überbrachte dem Fürsten BtSmarck als GeburtS- tag-geschenk vom Prinzen Alexander Asar im Auftrage der Graalmiffion deS Heilam-Tempels in Stngapore zwei GraalStaubeu.

Hamburg. 1. April. DieHamb. Nachrichten" melden au« FriedrtchSruh: Fürst Bismarck erhielt vom Kaiser einen Krückstock mit schwerem Goldgriff und ein« gravirrem kaiserlichem NamenSzug. Der Geburtstag de« Fürsten wird im engsten Familienkreise gefeiert.

Hamburg. 1. April. Der hiesige Amtsrichter vr. G elp cke wurde zum Richter in Kiaotschau ernannt. Vor seiner Ab­reise ist er auf sechs Monate zum ReichSmarineamt beordert.

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Attstavö.

Wie», 1. April. In dem Befinden der Prtuzesfiu Clementine von Coburg ist neuerding« eine Ver­schlimmerung etngetreteu. Fürst Ferdinand von Bulgarien wird infolge deffen morgen wieder au« Sofia hterselbst etn- treffeu.

Wien, 1. April. Der griechische Prinz Kollokotroui erschoß seine Geliebte und dann fich selbst im Hotel von Kahlenberg au« unbekannter Ursache. Da« Mädchen war eine Fabrikanteutochter und hieß Rosa Redinger.

Wien, 1. April. DerPolit. Corresp." zufolge ergab der bisherige Meinungsaustausch der Mächte über die in allgemeiner Weise erfolgte spanische Anregung einer Inter­vention der Mächte in der spanisch-cubanisch en Frage, daß ein Versuch der europäischen Regierungen größere Schwierigkeiten wegen der Gefahr einer Verletz-,ng der Empfindlichkeit der Amerikaner und wegen der Steiger- ung der dortigen Erregung darbieien würde. Der vati­kanische Berichterstatter derPolit. Corr." meldet, die Be- haupruag von einer schiedsrichterlichen Rolle de« Papste« sei wohl darauf zurückzuführen, daß der Papst indtrect in Madrid notifiziren ließ, einen wie hohen Werth er der fried- ltchen Regelung des Streite« beilegen würde, wobei er zu- gleich seiner lebhaften Sympathie für die Königin-Regenttn Ausdruck gab.

Karlsbad, 1. April. Die Teplitzer Kaolinschächte fiud zum Theil unter Wasser gesetzt. Fünf große Be­trübe mußten deßhalb die Förderung einstelleu. Ein Mangel an Rohmaterial macht fich fühlbar, wa« für die hiesige Por- zellanindustrte ein großer Schaden ist. E« wird der Versuch gemacht, an anderen Stellen Kaolin zu gewinnen.

Pari». 1. April. Im Kammerausschuß, welcher mit der Berathung de« Antrages aus Einführung der zwei- jährigen Dienstpflicht betraut ist, erklärte gestern der Krieg-Minister, daß die Regierung gegen diesen Vorschlag sei und daß alle CorpS-Commandeure, sowie der KrtegSrath sich gegen eine solche Reform ausgesprochen haben. Der Kammerausschuß hat sich in Folge deffen ebenfalls einstimmig gegen den Antrag ausgesprochen, obgleich derselbe von etwa 150 Abgeordneten unterstützt war.

Part«, 1. April. Nach hier etugetroffenen Madrider Meldungen hat die spanische Regierung dem Präfidenteu Mac Kinley mittheilen laffev, daß fie gewillt sei, auS eigener Initiative Cuba weitgehendste Autonomie mit eigener Verwaltung und selbst zu wählendem Gouverneur zu ge­währen. Eine Generalamnesttc aller am Aufstande betheiligten Personen soll erlaffen und dem nothleidenden Theile der kubanischen Bevölkerung ausgiebige finanzielle Hilfe gebracht, überhaupt Alle« gethan werden, um die Ruhe auf der Insel dauernd herzustellen. Eine dtrecte Einmischung Amerika- in die inneren Angelegenheiten Cuba« könnte Spanten unter keinen Bedingungen zugestehen. Diese Vorschläge sollen die Billigung mehrerer europäischer Großmächte erhalten haben, und die Aufnahme in Washington von den Vertretern der Mächte befürwortet werden.

Pari«, 1. April. DemTempS" wird au« Madrid gemeldet: Der Hauptpunkt der amerikanischen Vorschläge, der von Spanien abgelehnt worden, war ein Waffenstillstand mit allen Consequeazen. Man frage fich in Spanten, wie Mac Kinley er sür möglich halten konnte, baß eine 100 000 Mann starke Armee, mit 60000 dem Mutterlands trrugcbliebenen Freiwilligen, diese Vorschläge anuehme, und frage ferner, wie die Bereinigten Staaten das Etgenthum und die Jntereffen der Spanier gegen die Separatisten beschützen wollen und ob Mac Kinllh nicht begriffen habe, daß dynastische und inner- politische Elwägungen die spanische Regierung zwingen, selbst vor einem Kriege nicht zurückzuschrecken, um die amertkautiche Intervention zurückzuweisen. In derMaines-Frage könne

Spanien eine civilrechtl'che Veravtwortunng nicht zulasfe«. Die Frage betr. die Rrconcentrado« habe Spanten dadurch gelöst, daß e« diesen die Heimkehr gestattete und Lnter- stützunqen zuwandte.

BeLffel, 1. April. Zur Zeit wird hier eine neue Flug­schrift zu Gunsten DreysuS' mit neuen Documeuten für die Unschuld desselben gedruckt.

London, 1. April. Die Arbeiter von nahezu 40 Kohlen­gruben in Süd-Wale« haben die Arbeit niedergelegt auS Unzufriedenheit über daS Arrangement betr. die gleitende Lohnscala. Bis jetzt wird in etwa 50 Gruben noch gearbeitet - doch besürchtet man, daß der Ausstand einen beträchtlich größeren Umfang annehwen wird. Im ganzen Bezirk herrscht große Erregung. Die Zahl der Ausständigen belauft fich bereit« auf viele Tausend.

Loudo». 1. April. Ein in Keywest eiugetroffeaer Sauf- wavn au« Cuba berichtet, 71 spanische Soldaten feien in Mateuze« durch eine Explosion getödtet worden. Die Meldung ist noch unbestätigt. Fünfzig au« Havanna ein­getroffene Amerikaner erklären, sür diese sei eS dort nicht ficher. Nach Meldungen gu« Chicago riß die Miliz bet einem Feste die spanische Flagge herunter und der- uichtete fie.

Madrid, 1. April. Die Vorstellung im königlichen Theater, deren Ertrag zum Ankauf von Kriegsschiffen bestimmt ist, ist gestern Abend unter großer Bethriligung verlaufen. Auf den gewöhnlichen Plätzen saßen Damen der höchsten Aristokratie. Ein Marqat« hatte sür seinen Platz 250,000 Pesetas bezahle. Der Ertrag der Einnahme be­läuft fich auf über 600,000 Pesetas. Die Königm Regeurt« wurde bei ihrem Erscheinen begeistert begrüßt. Die Vor­stellung endete mit dem Rufe: -ES lebe Spanien, t« lebe Cuba!"

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Vierteljährlich 2 Mark 20 W monatlich 75 Pfß. mit Bringerloh«.

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thue Buße!

Aber der Genuß kann ja nicht befriedigen- sein Nach« -eschmack ist bitter. Und so quillt die dritte BolkSsünde hervor, die un« verdirbt: die AutoritätSlofigkeit und der Pessimismus. Kein Geouß befriedigt mehr, so tadelt man Alle- und mäkelt an Allem. Die Welt ist nichts werth, so mag Alles zu Grunde gehen, heißt es dann. Und e« ver- breitet fich all die Uozufriedrnheit und Bitterkeit, all daS Mißtrauen und die Verzagtheit, der Trotz und die Rücksicht«- lofigkeit, dle Zuchtlosigkeit, die wir so oft beklagen. Siehe, da ist BolkLsünde! Da thue Buße!

Geldgier, Genußsucht, Pietätlosigkeit und Pessimismus: da« find Schäden und Sünden, an denen unser Volk krankt. Und wo liegt die Heilung? Sage dich selbst davon los tu herzlicher Buße und begione in deinem Hause ein neue«! Wo man Gott als dem Herrn iw Hause dient, weicht Pessimismus und Pietätlosigkeit, Geldgier und Genußsucht. Da gibt Gott Gnade und Segen. Die wünschen wir unser« deutschen Volk!

Allheiten versehen« lung Besuch.

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1, LmM, fee 32.__.

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Erscheint täglich snit Ausnahme des Montags.

Die Gießener AsamilienSkätter werden dem Anzeiger «Schentlich viermal beigclegt.

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Deutsches Reich.

Berlin, 1. April. In der Angelegenheit Grünen- thal meldet derLocal-Anzeiger", daß die Mutter ter in Hast genommenen Elli Golz nach ihrer Vernehmung vor dem UatersuchungSrichter wieder eutlaffen wurde. Weiter wird berichtet, daß es der Polizei gelungen ist, mehrere Huvdert-Markschrine, die von Grünenthal in Verkehr gebracht worden sind, zu erlangen. Dieselben unterscheiden sich aber durch nicht« von anderen. Mit bloßem Auge ist eine Ab­weichung im Druck, den Nummern oder deS Stempel« nicht bemerkbar. Auch ob Doppeluummern vorliegen, läßt sich bi« jetzt roch nicht feststellen.

Frirdrichsrvh, 1. April. Zum heutigen Geburtstage des Fürsten BtSn rrck find zahlreiche Gratulationen und Geschenke eingetroffen. Kaiser Wilhelm gratulirte in einem eiaenbändigeu Schreiben und sandte als Geburtstagsgeschenk einen' kostbaren Krückstock mit goldenem Griff und goldener Zwinge. Der Fürst, der sich wohl befiadet, staad um '/«l.Uhr auf und nahm das gewohnte Bad. Zu der Frühstückstafel, an welcher unter Anderen Graf Henckel von Donnersmarck und Landgraf von Rctzeburg theiluahmen, erschien der Fürst nicht. r

Friedrichkruh, 1. April. Der Oberstewart Kapelle

Zum Bußtage.

Auf einem der letzten großen Congreffe, die alljährlich la unserem Vaterlande gehalten werden, sprach ein Redner 4>on der Volksseele. Sofort erwiderte eia anderer:Wa­rft Volksseele? Ich kenne keine Volksseele." Und nun zeigte Ler erste, wie gleiche Heiwathtliebe, gleiche Begeisterung sür Lieselben Helden, gleiche Empfindungen in derselben Lage, gleiche Lieder und gleiche Worte in allen Gauen des Landes Zeugniß ablegten von der inneren Einheit deS Volkes, von »er Bolk-seele. m v

Wie es eine Volksseele gibt, so gibt e« Volkssünde. Wie der Gedanke, die Empfindung, da« Wort von Mund zu Mund, von Herz zu Herz sich fortpflanzt, so srißt Volk-- Mde von Mann zu Mann, von Hau« zu HauS, von Kind zu Kind und verheert die Volksseele und ruft Gottes Gericht herauf, wo ein Volk nicht seiner Sünde den Rücken kehrt gmd Buße thut. Dem nachzudenkeu fordert unS der Landes lbaßtag auf!

Oder wiffen wir nichts von BolkSsünde? O, wer lolUe davon nicht wiffen! Brennt nicht wie ein wtlde- Fieber in unserem Volke die Gier nach dem Geld? Warum drückt der Reiche den Armen? Warum neidet der Arme den Reichen? Gott Mammon beherrscht Bride, und darum weicht die Furcht vor Gott - denn sie können nicht Gott dienen und dem Mammon. Und darum schreit man nach neuen Gesetzen: Lean Jeder möchte die Gier de« Andern zähmen. Und sie wird doch durch da« beste Gesetz nicht recht gezähmt, wenn dle BolkSsüade nicht weicht, die Geldgier. Da thue Buße!

Aber wozu wollen fie daS Geld? Zum Genuß! Und da ist dle andere BolkSsünde, die unS quält: die Genußsucht. Allüberall heißt eS: weniger Arbeit, mehr Lohn; weniger Mühe, mehr Genuß! Weil das Herz nicht in Gott ruht, herrscht daS Fleisch über den Geist und man muß dem Fletsche iein Gelüst befriedigen. Darum die endlose Reihe rauschender Feste- darum die grenzenlose Verschwendung sauer verdienten Geldes in geistigen Genänken- darum spreizt fich die Uafittlichkeit auf den glänzenden Straßen der Städte, in öen Winkeln der Dörfer. Sieh, da ist Volkssünde! Da

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