Nr 79 Drittes Blatt. Sonntag den 3. April
1898
Grscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Gießener Anzeiger
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Bekanntmachung, betr.: DaS Radfahren auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.
Unter Bezugnahme auf die in Nummer 73 dieses Blattes bekannt gemachte Verordnung in obigem Betreff bringen wir zur allgemeinen Kenutniß, daß die nach § 1 der Verordnung für den Bezirk der Stadt Gießen von uns zu ertheilende Radfahrkarte und Nummerplatte vom 29. k. M. ab ausgegeben werden. Um die Ausgabe möglichst zu beschleunigen, empfiehlt es fich schon jetzt, auf dem Meldebureau der unterzeichneten Behörde mündlich oder schriftlich diesbezüglichen Antrag zu stellen.
Der Antrag muß enthalten den Vor- und Zunamen, Stand oder Gewerbe, Geburtstag, Geburtsort sowie die Wohnung des Radfahrers.
Die von uns bis jetzt ausgegebenen Nummerplatteu verlieren vom 1. Mai l. Js. ab ihre Geltung.
Gießen, am 28. März 1898.
GroßherzoglicheS Poltzeiamt Gießen, v. Bechtold.
Die deutsche Reichsdruckerei.
Angesichts des Banknotendiebstahls in der Reichsdruckerei hat fich das allgemeine Interesse diesem bedeutsamen Institut zugewandt. Unseren Lesern wird daher ein Bild vom Betrieb und der LeiftungSsähigke t der Reichsdruckerei willkommen sein.
Der riesige Bau befindet sich in Berlin in der Oranien- firaße.
Im Buchdruck-Oberlichtsaal, wo sich 18 Schnelldruck- pressen befinden, werden jährlich 230 Millionen Stück einfache Postkarten, 30 Millionen Postanweisungen, 3 Millionen 600 000 Karten mit Antwort, 4 Millionen einfache und eine Million 200 000 Wellpostkarten mit Antwort, 300 000 Rohrpostkarten, 150000 Rohrpostumschläge und 700000 Bogen- Reichs- und Wechselstempelmarken gedruckt. An sonstigen Werthpapieren für Staats und Reichsbehörden, General- und Provinziallandschaften, Stadt und Kreisbehörden werden 4,14 Mill. Stück hergestellt, im Werthe von 2389,48 Mill. Mark. Ueberdies werden alljährlich 3 715 000 Bogen Ver- ficherungsmarken im Werthe von 77 Millionen Mark verfertigt.
Die Maschinenhalle und Gallerte enthält zwölf einfache Schnellpressen, neun Doppelpressen und eine Rotationsmaschine für verstellbare Formate. Die jährliche Leistung derselben beträgt ungefähr 30 Millionen Bogen.
Bedeutendes leistet die Schristsetzerei für amtliche Drucksachen. Sie stellt das Reichscursbuch her; dieses umfaßt 700 Seiten und erscheint jährlich in acht Ausgaben mit einer Gesammtauflage von 76000 Exemplaren. Es bedarf nicht erst der Erwähnung, wie sorgfältig und gewissenhaft das Werk hergestellt werden muß. Ferner werden, um noch einiges herauszugreifen, dort gedruckt: die Postleithefte, das Jahrbuch der Königlich preußischen Kunstsammlungen, das Archiv für Post und Telegraphie — jährlich 24 Hefte, — der Reichshaushalts-, der Staatshaushaltsetat, die Gesetz- sammlung und jährlich 6000 Patentschriften und dergleichen mehr.
Eine Abtheilung der Schristsetzerei ist speciell für wissenschaftliche und orientalische Sprachen eingerichtet und steht in ihrer Abtheilung einzig da.
Von dem Kupferdrucksaal, wo unsere Reichsbanknoten geschaffen werden, entwirft der „Berl. Local-Anzeiger", dem wir diese Skizze entnehmen, folgende anschauliche Schilderung: Die Jahresproduction an Reichsbanknoten und Reichskassenscheinen beträgt 2 Mill. Stück im Werthe von 120000 000 Mk. — ein hübsches Sümmchen. Doch vergessen wir nicht auch die Freimarken. 14 Millionen Bogen werden jährlich im Buchdrucksaale hergestellt im Werthe von 156000000 Mark. Die Reichsdruckerei beschäftigt etwa 1300 Menschen, darunter über 100 Künstler und ständige Werkleute, denn es giebt nicht nur Buch- und Kupferdruckerei, sondern auch eine Buch, binderei und die für den großen Betrieb erforderlichen Reparaturwerkstätten; alle Richtungen der vervielfältigenden Künste sind vertreten, also: Kupferstich, Lichtdruck, Helo- graphte, Zinkhochätzung, Autotypie, Photographie, Galvanoplastik rc.
Die Specialität des Instituts liegt in der Anfertigung von Geld- und Werthzeichen, und über jene geheim- nißoollen Handhabungen einiges zu erfahren, wird der Leser gerade jetzt gewiß am neugierigsten sein. Da ist zunächst das Atelier der Graveure und Kupferstecher, die nicht allein mit schönen Figuren die Banknoten und Kassenscheine schmücken, sondern auch die Stempel der Postmarken und Briefcouverts anfertigen. Jene haben die Aufgabe, die Mutterplatten zu verfertigen, die dann auf galvanoplastischem Wege hergestellt werden. Sie bedienen sich dazu des Pantographen, der
Figuren beliebig vergrößert und verkleinert, und der Guillochir- maschine, die durch ihre wunderbaren verschlungenen Zeichnungen vor Fälschungen schützt. Immer neue Muster zu Guillochirarbeiten, die den Nachahmern das Handwerk legen, werden erfunden, und von den genialen und geschickten Künst- lern vorzüglich ausgeführt. Je technisch vollendeter diese Arbeiten sind, desto weniger sind „unbefugte Nachdrücke" möglich. Auch das Papier, das zu den Fünf-, Zwanzig-, Hundert- und Tausend-Markscheinen verwendet wird, ist ein sehr eigenartiges, nämlich das sogenannte Faserpapier, das unter der Controlle der Reichsdruckerei hergestellt wird.
Die fertigen Platten wandern direct in den Kupfer- drucksaal. Sie werden mit blauer oder brauner Farbe eingerieben, mit dem Papier belegt und so je vier derselben unter die Druckpresse gebracht. Das Papier muß vor dem Druck gefeuchtet werden. Zunächst wird die Vorderseite, und, nachdem der Bogen wieder getrocknet und dann wieder gefeuchtet ist, die Rückseite gedruckt. Eine Kraft von vielen tausend Pfund bewirkt in wenigen Secunden das Drucken, und frische Kassenscheine erblicken das Tageslicht.
Nachdem das Geld gewaschen ist, wird es auf dem Trockenboden getrocknet. Dann werden sämmtliche Werth- papiere, ausschließlich der Briefmarken, auf verschiebbare Rahmen gehängt. Es machte das ganz den Eindruck, als ob dort wirklich Wäsche hinge. Natürlich ist jener Raum nur für die dort beschäftigten Personen zugänglich, während es für Andere einer Erlaubniß bedarf. Von hier aus gelangen die Werthpapiere in den fich unmittelbar daran anschließenden Appreturraum. Es machte einen wunderbaren Eindruck, zu sehen, wie die Reichsbanknoten, Reichskaffenscheine, Schuldverschreibungen rc. dort zurecht gemacht wurden zum — „allgemeinen Gebrauch". Kunstgeübte Hände von Arbeitern und Arbeiterinnen pressen, beschneiden und reoidiren sie, kurz, stellen sie vollständig fertig. Alles geschieht mit großer Geschwindigkeit und dabei höchst sorgfältig.
Eine Nachprüfung der Werthpapiere findet dann nur noch bei der Betriebsleitung statt, an die sämmtliche guten, sowie die entstandenen Ausschußbogen abgeliefert werden müssen. Die Abstempelung der Reichskassenscheine und Reichsbanknoten mit der Nummer und dem Controllstempel erfolgt in einem besonderen Raume unter besonderer Aufsicht einer Commission. Es ist dies das Allerheiligste der Reichsdruckerei, das kein Unberufener betreten darf. Natürlich!
Außer dem Aufsichtspersonal darf Niemand während
FeuUlrton.
Hoffmann von /aUrrskbtti.
Zur LOO. Wiederkehr seines Geburtstages.
Geb. den 2. April 1798.
Von Dr. R. Voß.
(Nachdruck verboten.)
K. 0. Als wir noch „hn Flügelkletde io die Mädchenschule" gingen, lieber Leser, da gab eS oftmals Gelegenheit, unsere „deklamatorische" Fertigkeit zu zeigen, d. h. Gedichte auswendig zu lernen und herzusagev, und wenn wir unser Gedächtvtß ein wenig anstrengen, werden wir unS erinnern, daß die weitaus meisten dieser Gedichte, die wir zu lernen und herzusagen, also zu „declamiren" hatten, obigen Mann zum Verfasser hatten. Wer von unS kennt nicht daS Lied vom Mond?, das mit dem Verse beginnt:
Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat der goldne Mond, Der hinter unfern Bäumen Am Himmel drüben wohnt, oder daS liebliche
Alle Sßövel find schon da,
Alle Vögel alle!
Welch ein Singen, Mufiztr'n, Pfeifen, Zwitschern, Tireltr'n! Frühlir will nun etnmarschtr'n, Kommt mit Sang und Schalle Oder das neck sche:
In ei»ier Scheune waren
Acht Mäuselein, Die wollten wandern JnS Städtchen hinein u. s. w.
Der Sänger mir dem Kiaderherzeo und der Gelehrten- stirn war Heinrich Hoffmann oder, wie er fich zu nennen beliebte, nm fich von der Menge anderer Hoffmäouer zu mrterschriden, Hoffmann von Fallersleben. — Ich sagte, mit der Gelehrtenstiru, und doS mit großem Recht,
denn als Forscher auf dem Gebiete der deutschen Sprache und Literatur, deren Kenntniffe er ebenso durch glückliche Funde, wie durch glückliche Arbeiten gefördert hat, har er fich ebenso hervorgethan, wie als Lyriker.
Im Alter von 25 Jahren, nachdem er von Bonn aus, wo er 1819 seine grammatisch-literarhistorischen Studien vollendete, die Rheinlande und Holland zur Erforschung der Volksdichtung durchreist und eine Zeitlang in Berlin gelebt halte, wurde er CufioS an der UniverstiätSbibliothek zu BreSlau, welches Amt er 1839 niederlegte. Im Jahre 1835 wurde er zum ordentlichen Professor der deutschen Sprache und Literatur an derselben Universität angestellt.
AlS eminent besähigten Sprachforscher und alS glücklichen, fruchtbaren Lyriker haben wir daher den Genannten zu betrachten.
Dasjenige Werk, welches neben vielen kleineren Abhandlungen seinen Ruf. als Gelehrten begründete und für alle Zeiten befestigte, find die sogenannten „Horae Belgicae“, welche in zwölf umfangreichen Theilen in den Jahren 1830 bis 1862, allo zwei Fünftel seiner gesammten Lebenszeit, erschienen. Hier erschloß er die in früher Jugend mit Liebe gepflegte altntederländtsche Sprache und Literatur für die wissenschaftliche Arbeit sowohl, alS sür den künstlerischen Genuß, in Deutschland von keinem Gelehrten in seinen Studien erreicht, aber auch sür die Holländer überall der Begründer derselben. Aus Handschriften und überaus seltenen Drucken theilt er bald mit, bald ohne kritische Anmerkungen und Wörterbuch bedeutsame Denkmäler aller Gattungen der altoiederläadtscheu Poesie mit epischen Stücken, dramatischen Spielen, Sprüchwörterübersetzuugeu und Paragraphen der Bibel, namentlich geistliche und weltliche Volkslieder mit. Die kräftigste und innigste Theilnahme brachte er der von den Holländern selbst verachteten BolkSpoefie entgegen. So ganz gab er fich ihrem Etvflnffe hin, daß er selbst, seit 1821 schon, eine ziemliche Anzahl aUoiederländtsche Gedichte „LoverkenS" verfaßte, fast durchweg Liebeslieder, bald heiter.
bald schwermüihtg, stets aber innig und zum Herzen sprechend, wahre Poesie, im Tone der schönsten, alten Volkslieder pe halten, ähnlichen CharacterS wie die lustigen, nie aber in- Bänkelfäugertsche verfallenden und ausartenden „Trink liedrr".
Wir sehen schon, daß der Gelehrte Hoffmann von dem Lyriker Hoffmann selbst in seiner rein wissenschaftlichen Forschung überholt wird, und so geht eS auch sonst in seinem Leben. Nicht lange läßt er fich unausgesetzt vom Verstände regieren. Er wirft die Profefforenfeder fort und ergreift den Bleistift des Dichter-, bis ihn wieder irgend ein literarhistorische- Problem beschästigt, und so fort.
Betrachten wir jetzt Hoffmann als Lyriker, so müssen wir über die Mannigfaltigkeit seiner Begabung auf diesem Gebiete einfach staunen. Bon seinen „alemannischen Liedern", welche 1826 herauSkameo, bis zu feiner im Jahre 1872 erschienenen Sammlung „Streiflichter" hat er eine Unzahl Stimmungen de- deutschen Herzen-, mehr oder weniger geschickt, in Versen und Ber-chen behandelt.
Ja den „alemannischen Liedern" tönen wahre, menschliche Empfindungen, schmerzlich und heiter, voll und rein aus, meist auch im schelmischen Tove deS Volk-liede-, ohne daß jedoch der Dtalect zum poetischen Lolorit und zur localen Eharaeteristtk etwa- beiträgt.
Die in der hochdeutschen Schriftsprache abgefaßten Ge. dichte find zwar nicht ganz frei von oft spitzfindigen Wend- uugen de- Gedanken- und deS sprachlichen Ausdruck-, zeichnen fich aber meist au- durch echte Einfalt, Lieblichkeit und Innigkeit. Biele derselben stad längst iw VolkSmuvde heimisch geworden. ErwähnenSwerth ist eS auch, daß Hoffmann, obwohl nicht mufikalisch au-gebildet, doch anmuthige Gesangs- weisen zu seinen Liedern selbst angibt.
Im Allgemeinen faßt Hoffmann in einfacher, prunklosrr Form einen harmlos bescheidenen Gehalt ohne sonderliche Tiefe deS Gedankens und der Empfindung. Wo aber ein inneres Empfinden zu Tage tritt, da ist er und gibt sich


