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3.3.1898 Erstes Blatt
 
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Nr 52 Erstes Blatt. Donnerstag den 3. März

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selbst im letzten Halbjahr noch nicht den Durchschnitt früherer Jahre erreicht habe und jedenfalls geringer sei, al» in Eng­land und Frankreich. Da» Publikum sei jetzt zu nervös. Die Klagen über den Wagenmaugel seien übertrieben. Häufig

Deutscher Netchstug.

53. Sitzung vom Dienstag den 1. Marz 1898.

TageS'Orduuug: Fortsetzung der Berathung deS Eisen- Lahuerats mit der dazu vorliegenden Resolution Pachutcke. GS liegt dazu noch ein Amendement v. Stumm vor, welche» In der Resolution aber lediglich die directe Bezugnahme auf die neuerding» vorgekommenen Unfälle stretchen will.

Abg. Hammacher (nl.) betont, daß seine Partei der Resolution zustimme, weil fie der Ansicht sei, der ReichSlag Ihne wohl daran, ja er sei sogar verpflichtet, daS RetchSeisen- bahnamt in seiner ihm durch die Berfaffaog und durch Gesetz zugewteseuen Thätigkeit kräftig zu unterstützen. Die National- liberalen würden auch utemal» die Mittel verweigern, die etwa uöthig werden sollttn, um daS Reichseisenbahnamt in seiner Thätigkeit zu unterstützen. Kein deutscher Staat sei so abhängig, wie Preußen, so finanziell abhängig von der Entwickelung der Erträgnisse seiner Eisenbahnen. DaS sei ein geradezu gefährlicher Zustand im Hinblick auf die Für­sorge für die Betriebssicherheit. Redner bemerkt ausdrücklich, daß er nicht die Personen, sondern daS gefährliche System bekämpfe. Redner rügt des Weiteren, daß nicht rascher mit der Beseitigung von Niveaukreuzungen vorgegangen sei, ferner, daß in der Beamtenschaft das technische Element hinter dem juristischen zurückgeietzt sei, dafür zu sorgen, daß die deutschen Eisenbahnen auch stet» genügende» Material zur Bewältigung des Verkehr» zur Verfügung hätten. Was die gestrige An­frage de» Grafen Kanitz betreffe, so scheine derselbe zu wollen, daß die niedrigen Ausfuhrtarife für Kohlen aufhörteu. Dem müsse er lebhaft widersprechen. Redner schließt: Wenn auch diese Debatten keinen unmittelbaren practischen Werih haben, dann werden fie doch hoffentlich die Ueberzeugung in immer weitere Kreise tragen, daß eine Stärkung der Lontrolrecht» der bestehenden Centralbehörde, des ReichSeisenbahnamteS, ein dringende» Bedürfntß ist.

Abg. Rösicke (wildlib.) tritt gleichfalls für die Reso« Lution ein. Redner geht noch näher auf den Mangel an Wagen ein und Plaidirt sodann für die AuSbauung de» TanalsystemS.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) empfiehlt sein Amen- dement und hebt dabei hervor, daß die Zahl der Unfälle

würden doppelt so viel Wagen bestellt, als man brauche. (Rufe recht»: Hört! Hört!)

Abg. P ach nicke (frets. Vg> erklärt jetzt, er ziehe die von dem Vorredner beanstandeten Worte in seiner Reso­lution zurück.

Abg. Lenzmann (freis. Vp.) führt aus, die vielen schweren Unfälle in neuerer Zeit machten die Nervosität de» Publikums doch gewiß begreiflich. Als Anwalt in Proceffeu wegen Gefährdung von Etsenbahuzügen wisse er aus Er- fahrung, daß die angeklagteu Beamten oft fretgesprochen werden mußten, weil die Ursachen der Unfälle nicht in der Person de» betreffenden Beamten zu suchen seien, sondern in der Mangelhaftigkeit der Einrichtungen, z. B. der BahnhofS- anlagen. Auch die schlechte Besoldung der Arbeiter spiele mit. Redner empfiehlt schließlich, daS Eisenbahnwesen zu einem besonderen Fachstudium zu machen und wünscht Ver­mehrung der Wafferstraßen. Uebrtgens sei der eigentliche Uebelihäter jedenfalls nicht Herr Thielen, sondern Herr v. Mrquel, der die Bahnen nur als milchende Kuh betrachte.

Abg. Graf Limburg (cons.) bezeichnet e» als That- fache, daß ost viel mehr Wagen bestellt würden, al» ge­braucht würden. Der Verkehr müffe auch der Verwaltung entgegenkommen, und nicht bloS umgekehrt. Canäle dürften nur gebaut werden, wofern Sicherheit für die Landwirthschaft gegeben werde, gegen eine Schädigung durch ausländische Einfuhr.

Abg. IS kraut (Antis.) beklagt die große Verschieden­heit der Gehaltssätze für untere unb höhere Beamte, das sei schwer zu begreifen in einer Zeit, wo man doch zu begreifen beginne, daß alle Arbeit gleich sei. (Lachen! Sehr richtig! bet den Socialdemokraten). Unter diesem Gesichtspunkte müffe namentlich da» hohe Einkommen des Präsidenten de» ReichSeisenbahnamteS bekämpft werden. Auf den Betrieb der einzelnen Linien habe das ReichSeiseubahuamt so gut wie gar keinen Einfluß. ES könnte ohne Schaden vollständig ge­strichen werden. Ein Krebsschaden der Eisenbahn-Verwal­

tung sei der bureankratische Organismus und da» Asses- sorenthum.

BuudeScommtssar Geh. Rath Lieber vertheidigt die. geforderte Gehaltserhöhung für den Präsidenten de» Reich»- eisenbahnamtS.

Nächste Sitzung Donnerstag 2 Uhr. Essenbahnetat und Postreformvorlage.

Schluß 61/4 Uhr.

Deutscher Leich.

Berlin, 1. März. Die Kaiserin war durch eine leichte Erkältung gevölhigt, da» Bett zu hüten.

Berlin, I.März. Die erste Lesnug der Marine- Borlage in der Budget-Commission de»Reich»tag» dürfte schon morgen zu Ende geführt und dann sofort mit der zweiten Lesung begonnen werden. Der vom Abgeordneten Dr. Lieber fertigzustellende schriftliche Bericht wird möglichst beschleunigt werden. Da» Plenum könnte sich daun vielleicht in etwa 14 Tagen mit dem Entwurf beschäftigen.

Berlin, 1. März. Die Reich»tag» Commission zur Vorberathuug der Milttär-Strafprozeß-Rovelle trat heute in die zweite Lesung de» Entwurf» ein, erörterte aber vor­her noch die Frage wegen de» obersten bayerischen Gerichts­hofes. Hierzu liegen bekanntlich die Anträge Gröber und Genossen vor, welche die Anerkennung eine» solchen Gerichts­hofes verlangen. Abg. v. Hertling begründete diese Anträge und erklärte, man gebe Bayern damit nur sein gute» Recht. KrtegSmiutster v. Goßler gab eine längere Erklärung ab über die verfassungsrechtlichen Verhältnisse und betonte zum Schluß, der Centrumsantrag sei für die preußische Regierung unan- nehmbar. Der Vertreter Bayerns im BundeSrath, Graf Lerchenfeld bemerkte, bisher habe er immer noch anf eine 8et> ständtguug gehofft, er hege jedoch jetzt Zweifel daran. Bet Begründung de» Reichs habe man die Auffassung gehabt, daß die bayerische Armee völlig selbstständig bleiben solle. Die preußische Ansicht sei nicht zutreffend, er stimme den Aus­führungen v. Hertling- tu vollem Umfange bet. Abg. Lieber beantragt eine Vertagung der Frage und hofft noch auf eine Verständigung zwischen beiden Regierungen. ES wird schließ­lich über die Tendenz deS Antrags Gröber-Hertling ab»

Feuilleton.

Pagauinis Tod.

Von Luc de Vob.

Deutsch von Wilhelm Thal.

(Nachdruck verboten.)

K. 0. Bei Z em in Montmartre. Ein ungeheueres Atelier, eine wahre Reliquiensammlung, die mit Studien und allerlei Erinnerungen geschmückten Wände wecken daS Ge­denken an ein ganze» Leben der Arbeit und Ehre und ent- locken neue Töne den Büudniffen der Freundschaft, die der Tod ach auf immer gelöst.

Die Nacht finkt hernieder, die letzten Strahlen der Sonne brechen sich an dem großen Kronleuchter auS vene- iranischem GlaS- der Meister hat seine Pinsel geordnet, seine Palette zur frühen Arbeit de- nächsten TageS hergertchtet- er fitzt nun in seinem hohen, gothischen Seffel und spricht von Denen, die nicht mehr find: von Delacroix, Mtllet und den anderen Freunden.

,Unb diese Geige, Meister, hat fie auch eine Geschichte?"

Der Schüler deutete auf daS an der Wand hängende Instrument, deffen Saiten traurig heruiederhäugeu.

Ziem sammelt seine Erinnerungen, längst entschwundene Zeiten tauchen vor ihm auf, und er berichtet:

Meine Geige hat eine Geschichte, und zwar eine sehr schöne, wenigstens für mich, denn auf ihren Saiten habe ich Leu Unterricht Pagauinis empfangen.

E» war im Jahre 1838 zu Dijon. Meine Mutter war von einer Krankheit, die fie leider dahinraffm sollte, au Ihr Bett gefesselt und ihre Augen, die sich für alle» Irdische ibereit» geschloffen hatten, schienen den Schleier zu zerreißen, der den Himmel von der Erde trennt. In ihren Träumen sah fie Engel mit stillem Fluge an fich vorüberrauschrn.

Plötzlich belebte sich die Stille, Stimmen schienen von 4»ben herabzusteigen, denn eine so wunderbare Harmonie konnte die Erde nicht hervorbringen.

Meine Mutter wandte fich zu mir, große Thranen standen in ihren Augen - fie zitterte, das Concert möchte anfhören, La» ihr Scheiden au» dieser und ihren Einzug in jener Welt «rtt so herrlichen Tönen begleitete.

Ich erkundigte mich - der begnadete Musiker war Pagautut. Aas seiner letzten Reise von Part» nach Bersaille» hatte er, von dem Leiden gequält, an dem er zwei Jahre spätersterben sollte, in Dijon Aufenthalt genommen und besang nun in der Bourgogne die Wunder seine» Heimathlande». Auch er weinte bittere Thränen, daß er fern vom Vaterlande weilen mußte.

Gern gab er fich zu der frommen Täuschung her, mit der ich dir letzten Augenblicke meiner Mutter verklären wollte, und oftmals fetzte er fich an bat Bett der Sterbenden und entzückte fie durch sein herrliche» Spiel.

Er verkehrte auch noch bei meinem Vater. Ich sehe noch jetzt seine hohe knochige Gestalt, sein runzelige» Profil mit der langen Nase und die langen Finger, die der Geige so herrlichen Töne zu entlocken wußten.

Seine Geige, jedenfall» die letzte, die er mit seinen starken und mächtigen Händen gemeistert, war eine Amati.

Er hatte nicht die Abficht, mich zum Geigenkünstler auS- zubilden, doch er war glücklich, meine Seele der Kunst zu öffnen, und da er sah, daß ich schon damal» einiges Talent zur Malerei besaß, so flößte er wir die Begeisterung für Venedig ein, indem er mir den Glanz und die Freuden der Dogenstadt schilderte.

Er ließ auch vor meinen Augen da» Gold de» Sonnen­untergänge» erstehen, das die antike Silhouette der alten Venezia verklärt, wenn die Töne der alten Glocken über die Wasser rauschen und der Geist zu den Zeiten der Foßcart zurückschweift.

Bald," sagte er, ,flntt die Sonnenscheibe am Horizont, während ihr Bild ihr au» dem Schooße de» Meere» mit königlichem Glanze entgegeneilt. Auf der anderen Sette tritt der Vollmond hervor- doch noch schießen ttefschwarze Wolken mit rasender Eile durch den Himmel und werfen ihren riesen­haften Schatten auf das Meer, deffen Glanz fie stellenweise verdunkeln."

Wie oft habe ich nach seinen Angaben die alte Dogen­stadt gezeichnet! Seine begeisterte Schilderung machte mir Venedig vertraut, da» ich nie gesehen, und erfüllte mich mit unwiderstehlichem Verlangen, seine Wunder zu betrachten.

Im nächsten Jahre machte ich mich, meine Geige tn der einen, «einen Farbenkasten in der anderen Hand, auf den Weg und machte in Nizza Halt.

Dort schloß ich bald innige Freundschaft mit Alexi» de Saint Marc, einem Bildhauer von großem Talent. Wir arbeiteten in demselben Atelier, er an seinen Statuetten, ich an meinen Aquarellen und Gemälden.

Eines Abend» erhielten wir den Besuch eine» nuferer gemeinsamen Freunde, de» Grafen von Cessole». Mit tief­bewegter Stimme erzählte er uu» die letzten Augenblicke Pagamni» und sein beklagen-werthe» Ende- der Siern» von Nizza hatte dem genialen Künstler die Ehren der Beerdigung geweigert. Mau hatte fich nach Rom gewandt und trotz aller Bemühungen stand der Sarg noch immer in einem Keller de» Hospitals. Doch die abergläubische Bevölkerung war erregt- man behauptete, es versammelten fich DLmone in den Keller­gewölben deS Hospitals und führten phantastische Tänze auf. Um da» Unheil zu beschwören, da- solchen Gästen folgt, hatte man kein bessere» Mittel gefunden, aI6 den Sarg Paganiat» in eine jener ungeheuren Gruben zu werfen, in denen die Oelfabrtkauten die Olivenreste aufstapeln."

Sie find alle beide jung," schloß Herr v. LeffoleS,nab beide Manner von Herz- ich zähle auf Sie, um dieser schwach- vollen Entheiligung ein Ende zu machen."

Und nun bestellte er uu» für den nächsten Tag um Mitternacht an die Stelle, wo heute der Tunnel von Villa- franca beginnt.

Wir waren pünktlich zur Stelle. Der Graf erwartete un» bereit» mit vier Bauern. Weder Mond noch Sterne standen am Himmel. Die Bauern zündeten Fackeln an, deren rauchiges Licht auf eine 10 Meter lange und 10 Meter breite Grube fiel. Der Wind raste und die Wogen peitschten gegen da» Ufer. Der Graf leitete die Arbeit. Mit Stricken und langen Stangen bewaffnet, zogen wir den Sarg tn die Höhe, setzten ihn auf eine mitgebrachte Bahre, die starken Arme der Bauern trugen ihn nach der Besitzung, die der Graf am äußersten Punkte der Insel San Giovanni besaß, unb dort wurde Achille Paganint zur letzten Ruhe gebettet.

Da» ist die Geschichte, an die mich die an der Wand hängende Geige erinnert."