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1898
Freitag den 2. Dccember
Nr. 283 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
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Alle Anzrigrn.BrrmtttlungSftellm bei Iv> und Äullüubri nchmtn Injctgtn für bcn ®it&tner Lnzrrgcr entgrgm
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Zlints- unb 2lnzeigeblatt für bcn "Kreis- Gicszcn.
Jnvaliditäts und Altersverficherungs-
(Sesetz-Novelle.
Bckanulltch tritt in bcn nächsten Tagen der verficheruugs- bei rtth in Berlin zusammen, um zu den Rlebegesetzuovrllen Stellung zu nehmen. Wir haben un» verschiedentlich mit den Berficherungtgesetzeu beschästigt und deren Mängel beleuchtet, aber unsere Leser werden fich erinnern, daß wir immer darauf hingewiesen haben, wie schwierig es sei, etwas Besseres zu schaff.» und es Allen recht zu machen. Wir billigen durchaus da« Princip der Retchsregierung, auf de« «ffiejt der Reformen wir größter Bedächtigkeit vorzugehev, da es einen zu schlechten Eindruck wacht, wenn eben erst ge« schaff,ne Einrichtungen wieder uwgestoßeu werden wüffen, weil fie fich nicht bewährt haben.
Wir verkennen z. B. nicht, wie berechtigt die Antipathie gegen das Slebeihstem ist, aber so lange nicht ein einfacheres, aber eben so wirksames Verfahren in Vorschlag gebracht wird, muß weitergeklebt werden. Und so soll denn auch nach de«, was bisher über den Inhalt der Novelle zu« Jnvaliditäts« und Altersve»sicherungsgesetze in die Orff:ntlichkeit gelangt ist, das bisherige Berrechuungssystem vorläufig beibehaltrn
werden. .
Der frühere Präfideut des ReichSoerflcherungsawts, Dr. Bödiker, hat eine Reihe von Reformvorschlägeu gemacht, weiche freilich eine vollüändige Umwälzung unseres Reichs- derficherungSwesenS bedeuten. Sc zielt auf eine Verschmelzung dec d.ei verficheruugsarteu hin und will z. B. das Marken«
sh tim durch Erhebung eines abzuichätzeudeu Lohnpreceutsatzes er'ktzen; auch das jetzige Lapiialdeckungsprincip soll einem Quotenprinc p der jährUchrn Umlage weichen. Das find Veränderungen, welche Angefichis ihrer tirfeinschaeidendeu Wirkung nicht ohne reiflichste Erwägung riutreten dürfen. Unserer Anschauung nach ist nufer j'tziqes Reichsverficherungs- wesen noch zu jung, als daß es bereits jetzt einer so voll- ständigen Umwälzung unterworfen werden dürste.
Unter den Bestimmungen, welche die Novelle enthält,
w'lche die Regierung dem Reichstage vorlegrn will, befindet fich auch die, daß künftig eine Rehe kleiner Beamter sowie Lrhrer, falls deren Jahreseinkommen 2000 Mark nicht über- steigt, in die Zahl der Renfnewpiänger ausgenommen werden foOto. Es entspricht dies dem Gesetze der Billigkeit und Gkrrchcigkeit, sodaß fortan fast alle Personen, welche in eine« Dienstverhältniß stehen, das rin Jahreseinkommen bis zu 2000 Mark bedingt, der Jnvaliditäts« nnd Altersverficherungs- gesrtzgebung unterworfen find.
Es ist selbstverständlich, daß die maßgebenden Factorru i« Reiche bestrebt Ruh, Erleichterungen und Vergünstigungen für die arbeitenden klaffen zu schaffen, und es darf z. B. nar noch als eine Frage der Zeit gelten, daß die Altersgrenze für die Berechtigung zum Rentenbezug weiter herab- ge -tzt werden wird, aber gut Diu, will Weile haben, und nmstchtives vorg-ben ist auch hier sehr am Platze. (xx)
Bismarcks.Gedanken und Erinnerungen.-
Profeffor Horst Rohl schreibt i« .Leipz. Tagebl." über die Entstehung des Bismarck'ichen Werkes n. A.:
Ueber die Art und Weise, wie das Derk entstanden ist, habe ich mich in de« Vorwort kurz ausgesprochen. Lothar Bucher hat fich das große Verdienst erworben, daß er den
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter
Äbrrffc für Drprschrn: Anzeiger £U|<b.
Fernsprecher Nr. 51.
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Achmlstratze Ar. 7.
Amtlicher Theil.
Nr. 52 des Reichs-Gesetzblatfes, ausgegeben den 26. d. M. enthält:
(Nr. 2530): Verordnung, betreffend die Einberufung des Reichstag». vom 25. November 1898.
Gießen, den 30. November 1898. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. v - m r o > d.
Gießen, den 26. November 1898.
Betreffend: Zahlungen von Pensionen, Unterstützungen, Er- ztehunasbeihülfen rc. für Rechnung der Reichshauptkaffe.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
MM die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 20 November ds. Js. (Gießener Anzeiger No. 267) noch nicht entsprochen haben, werden an deren Erledigung erinnert, v. Bechtold.
Fürsten bei dem Gedanken festhielt, Erinnerungen zn schreiben, und drffen Aussührung vorbereitete. Dem Fürsten war dir unreinliche Arbeit mit Tinte nnshmpathsich nab sehr schwer würde es gehalten haben, ihn zu einer systewatischrn Aufzeichnung seiner Erinnerungen zu bringen. Es mußte also ein anderer Weg gesucht werden, auf de« das gleiche Ziel erreicht werden konnte.
Fürst Bisma'ck war eine mittheilsame Natur, und wenn er nach dem Frühstück oder nach dem Diner feinen Gästen den reichen Schatz seiner Erinnerungen und seiner politischen Gedanken erschloß, hing Alles an seinen Lippen. G-lang es, diese Erinnerungen und Gedanken in einer gewissen systemati« schen Folge aus ihm herauszulocken, nnd diese spontanen Aevße- rungen Mit dem flüchtigen Griffel des Stenographen festzu- halten, so hatte man, was man brauchte: die Grundlage zu eine« autobiographischen Werke. Das war steilich nicht so ganz leicht- der Redende ließ fich im Zuge seiner Gedanken nicht gern unterbrechen, und ost genug führten ihn diese von Gegenständen der Vergangenheit hinüber in die Gegenwart, in der er auch nach seiner Entlaffung mit voller Seele lebte. Aber Bucher wurde nicht müde, die einzelnen Steine zu dem großen Mosaikbilde zu sammeln und jeden an seinem Platz einzusetzea. Er hatte sich den reichen Stoff nach den Eapitel- Überschriften zerlegt, die im Werke felbst geblieben find. Er fchrieb, nachdem die Lücken gefüllt waren, die Eapitel nieder tu möglichst getreuem Anschluß au feine stenographischen Aufzeichnungen, ergänzte fie nach dem Diktate des Fürsten, wo solche Ergänzung nothwendig erschien, und überwies fie dann dem Fürsten znr eigenhändigen Durchsicht. Der Fürst widmete fich dieser Arbeit mit regem E»ser- da» beweisen die zahlreichen stilistischen Verbesserungen, aber nnd) die oft seitenlangen Ergänzungen, die er mit Bleistift den einzelnen Eapi« teln hinzufügte. Immer unb immer wieder kehrte er zu dieser Arbeit zurück, und der kundige kann leicht an einzelnen Eaptteln eine drei«, ja selbst vierfache Redaktion nachweifru. So find die Gedanken nnd Erinnerungen fein eigenstes Werk, nicht Buchers Werk, wie Uebelwollende haben behaupten wollen.
Bucher war nur der treue Gehilfe und er hat auch nie etwas Anderes fein wollen. Er fühlte, obwohl er felbst ein frhr gelehrter Manu war, die Uebrrlegrnheit des Genie» und beugte fich vor ihr in Bewunderung, und mit Zorn und Eckel würde er fich von einem Werke abgewendet haben, wie eS M. Busch u-.cht zu Ehren, sondern zur Verunglimpfung seine» Herrn geschrieben bat.
Bi» znm Jahre 1893 war das Werk im Wesentlichen abgeschlossen. Die schwere krankhett, die den Fürsten i« Sommer dieses Jahres in Kisfiugen befiel, gab die nächste Veranlassung dazu, da» Manuskript abzufetzru. Doch erschien es ihm selbst noch nicht druckreif, unb so dienten die mit breiten Rändern versehenen „Fahnen" als neue» Manufeeipt. Mit größerer Bequemlichkeit konnte nun der Fürst an die nochmalige Durchficht gehen, und fie gab ihm noch oft grnug Gelegenheit zu Umänderungen, Berichtigungen, zur Einfügung politischer Reflexionen, zur Milderung einzelner Ausdrücke, namentlich dann, wenn es fich um die Beurtheiluno von Persönlichkeiten handelte. Die Neigung, überall in meliorem partem auszulegen, nahm bei dem alten Fürsten nut jedem Jahre zu- die Güte femtfl Herzens offenbarte fich in den letzten Jahren in der oft überraichenbeu Zartheit seine» Empfindens. Er wollte bewußt Niemand wehe chun, und das ,litera scripta manet“ bestimmte thn, in der Benutzet- lang von Menschen und Ereigniffen vorfichtig dtn Ausdruck zu wägen, um nicht durch ein „guDUl* ungerecht zu werden.
Der Tod Bachers (12 Oktober 1892) hatte die nach« theilige Wirkung, daß die Zasügung einzelner neuer Kapitel unterblieb. Au» einzelnen Randbemerkungen ist zu entnehmen, daß der Fürst beabfichiigtr, gewiffe Lücken, die er selbst al» solche empfand, durch besondere Kapitel au»zufüllen. So hätte er gern die Ereignisse von 1866—1870 neben de« die Organisation des Norddeutschen Bunde» behandelnden Kapitel tu einem desonberen Abschnttte dargestellt- aber e» fehlte fett Buchers Tod die antreibende Kraft. Auch war Bacher, der über ein umfaffrude» Gedächtmß gebot und al» Mttarbetter des Fürsten in alle politischen Vorgänge ein« geweiht war, nicht leicht zu ersetzen. Dazu kamen al» Hemm« niffe die Leiden des Alters und eine nach solchen Leistungen wohl erklärliche Müdigkeit, der Tod der über Alles geliebten Gattin, die tägliche Unterbrechung durch Einzelbesuche und Maffenempfäagr und die Beschästigung mit der Tagespolitik, zu alledem noch eine plivate Lorresponderz in Briefen und Telegrammen, deren Umfang mit jedem Jahre wnch» und eine Fülle von Zeit und geistiger Kraft in Anspruch nahm,
die für die retrospektive Arbeit des Historikers nur einen de« scheidenen Theil üb ig ließ. Und doch, welche Tiefe der Gedanken, welche Reife des Urtheils, welche Klarhe't der Sprache, welche Schönheit de» Ausdrucks, welche prophetische Weisheit bei der Erörterung zukünftiger Schaltungen 1 Ge« wiß, -ar Manchen wtrd's enttäuschen, wie manchen Zeit- geuoffen Goethes fast jede» einzelne Werk de» geistige» Riefen unbefriedigt ließ. Der große Haufe, der in eine« Buche nur leichten und flüchti-ru Genuß facht, wird vergebens nach den Pikanterien suchen, die Barnhagens Tagebücher in so reicher Fülle bieten. Aber die ernsten Leute, die Belehrung und Erbauung suchen, werden finden, was fie begehre».
Deutsches Neich.
verli», 30. November. Der Kaiser conferirte gestern Nachmittag mit dem neuen Botschafter Grafen Hatzfeld und empfing später den Oberst v. Grumbkow Pascha. Heute vormittag hörte der Kaiser den Vortrag des Ehes» de» Eivileabinets v. Lueanus und empfing hierauf den Cardinal Fürstbischof Dr. Kopp aus Breslau.
Berlin, 80. November. Der Kaiser wird morgen Nachmittag 1 Uhr von Schloß Bellevue nach dem königlichen Schloß in Berlin reisen. Die Truppen der Garnisonen Berlin, Charlottenburg, Spandau und Groß Lichterfelde werden hierbei Unter den Linden vom Brandenburger Thor bi» zu« Schloß Spalier bilden. Mit Ausnahme des Gouverneur» von Berlin und de» commandirendkn Generals des Garde- Corps, welche mit je einem Offizier ihres Stabe» den Kaiser am Brandenburger Thor erwarten werden, ist Alles zu Fih. Die Truppen werden im Paradeatizug erscheinen. Am Schloß wird der Vorbeimarsch der Fahnen« Compagnie und bet Standarten-Escadron sowie derjenigen Truppen statifinden, welche in dieser R chtung nach ihren Kasernen abmar'chiren. Nachdem die Nachricht, daß ein osfieieller Empfang dr» Kaiser» in Berlin geplant sei, inS RathhavS gelangt war, berief der Bürgermeister Kirschner sosort das Magistrats-Collegium z» einer außerordentlichen Sitzung zusammen, u welcher beschlossen wurde, dem Kaiser vorau»sichtlich am Brandenburger Thor durch eine Abordnung der Stadtbehörden einen WMkommen- gruß der Stadt Berlin darbieten zu loffen. Die Deputation, an deren Spitze sich Bürgermeister Kirschner und Stadt- verordneten-Borfteher Dr. Langerhan» befinden werden, soll aus 10 Mitgliedern bestehen.
Berit», 30. November. Die Zeitung „Dafl Volk" theilt heute ihren Lesern mit, daß fie vom 1. Januar 1899 ab mcht mehr in Berlin, sondern in Siegen erscheint und zwar aus dem Grunde, weil die christlich«sociale Partei dos Be- dürsniß habe, ein g-ößere» Blatt im Westen zu besitzen.
Betlhi, 30. November. Wie der ^Loeal«Anzeiger" wiffeu w'll, hat in hiesigen, der Re'chsregteruvg nahestehenden Kreisen die Rede defl Grafen Thun über die Ausweisung von österreichischen Staatsangehörigen aus Preußen durch ihren ungewöhnlichen Ton lebhaftes Befremden erregt.
— Die deutsche Kriegsflotte. Im Marine- eabiuet defl Kaisers ist man zur Zeit damtt beickästigt, die Rangliste der Marine für 1899 zusammevzuftellen. Die darin enthaltene amtliche Liste der deutschen Kriegsschiffe wird gegen die früheren bedeutsame Aenderungen aufweisen, denn die Liste wird zum ersten Male nach Maßgabe der durch da» Flottengesetz bedingten neuen Bezeichnung der Kriegsschiffe aofpestellt werden. Bisher war die eigentliche Schlachiflotte in Panzerschiffe 1., 2., 8. und 4 Klaffe etngetbcilt, in Zukunft wird nur zwischen ^Linienschiffen" und „Küsterpanzer- sch ffen" unterschieden werden. Ebenso wird es statt Kreuzer 1., 2., 3. und 4. Klaffe nur noch ^Große Kreuzer" unb .Kleine Kreuzer" geben, und zwar werden zu den kleinen Kreuzern auch die bisher »ÄBifo" genannten Schiffe hiuzu- tretec. An Linienschiffen, al’o den eigentlichen Hochseepaazeru, find elf vorhanden, nämlich die fünf älteren ^Sachsen", „Baden", „Bayern", „Württemberg" und ^Oldenburg", ferner die v er 10,000 Tons Panzer „Kurfürst Friedrich Wilhelm", Brandenburg" „Weißenburg" und ,Wörih". Dazu kommen die neuen 11,000 Tonfl Panzer „Raiter Friedrich III." und Kaiser Wilhelm II." Zu den Küstenpanzersch.ffen gehören die acht Sch sie dr» ,Siegfried"«Thpfl. Au großen Kreuzern find zehn vorhanden, die älteren Panzerschiffe ,R3rtg Wilhelm", .Raffer" und „Deutschland", die ^Koffert» Augusta", der Parznkreuzer ,Fürst Bismarck" und die fünf neuen gepanzerten Rreuzer ,6 ctoria Lnife", ^Hertha", ,Freya", »ötneta" und „Hansa". Die Zahl der kleine» Rreuzer beläuft fich auf 23 Die Panzer flotte besteht somit au» 19, die Rreuzerflotte anfl 33 Schiffen. Weiter find vor-


