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1808
Nr 257 Zweites Blatt Mittwoch den 2. November
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General-Anzeiger
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Ibtefle für Depeschen: Fernsprecher Nr 61
Die Affaire Dreyfus.
Die Zeit scheint nicht mehr fern zu sein, wo eine Angelegenheit, welche seit Jahr und Tag im höchsten Grade auf die innerpolittschen Verhältnisse Frankreich» cingewirkt hat, rudgtltig von der Tagesordnung verschwinden wird. Mit dem am Samstag vom Pariser Laffationshofe abgegebenen Urthetl tu der Dreysusaffatre ist das erste Stadium der Ent« fcheidoog glücklich überwunden. Wir haben ja unsere Leser tu dieser Sache fortdauernd auf dem Laufenden erhalten und gezeigt, wie gering Anfangs die Zahl Derjenigen war, welche eine Wiederaufnahme des Prozesses gegen den unglücklichen Kapitän befürworteten, wie aber die Stimme der Gerechtigkeit immer mehr Anhänger faud, wie aber auch tu demfelbea Mähe der widerstand des französischen Grueralstads und feiner zahlreichen einflußreichen Freuode wuchs. Wir haben die Komödie des Esterhazy-Prozesses an uns vorüberziehen sehen und den Prozeß Zola verfolgt, in welchem noch dem Rechte ins Gesicht geschlagen werden konnte. Die Auslieferung des Obersten Ptqiart an die Militärgerichtsbarkeit bildete den letzten Steg der GeueralstabSpartei.
Den Beweisstücken für die rechtswidrige verurtheilung Dreyfus konnte schließlich der gesunde Menschenverstand und die öffentliche Rechtsanschauung nicht «ehr widerstehen, insbesondere nachdem die Hauptzrugrn Henry und Esterhazy ins rechte Licht gestellt worden waren, und die Regierung mußte, fo schwer eS ihr auch wurde, die Prüfung der Drehfussache beginnen. Welchen Einfluß diese Angelegenheit auf die tunerpolttische Situation Frankreichs auSgeübt hat, haben die Eeetgntffe bewtefen. Der Rücktritt de» Kriegsmintsters Kavaignac. Zurltuden, Ehaaotue und die Drmtsfioa des Eadiuet» Brisson stehen direkt damit in Verbindung. Auch die Schwierigkeiten, welche einer Neubildung der Regteruag eutgegeostehev, resultiren zum großen Thrilr au» der Dreyfus- fache.
Der Eafsatiou»hof hat bekanntlich am Samstag dahin entichiedro, daß der Reoifiousaotrag zuzulafleu und vom Caffationshofe eine ergänzende Untersuchung etozoleiten sei. Damit wird die Affaire DreyfuS den Militärgerichten vollständig entzogen, und eS steht zu erwarten, daß gegen den Kapitän jetzt nach rein juristischen Grundsätzen oe,fahren wird, ahne Rücksicht auf die angeblich tu Gefahr befindliche Ehre de» französischen Generalstabs. vorläufig stad die Ansichten über die Folgen der Entscheidung de» CaffatioushofeS noch getheilt. während die DreyfuSgeguer darüber Geongthuuug
äußern, daß die Frage der Revision unentschieden und Dreyfus vorläufig auf der Trufel»tnfel bleibt, hoffen feine Freunde, daß der Saffation»hof nach Ablauf der ergänzenden Untersuchung da» Urthetl de» Kriegsgerichts einfach eaifiren werde.
Im Jutereffe Frankreichs wäre es wüuscheuswerth, daß die leidige Angelegenheit nunmehr recht bald an» der Welt geschafft wird, wozu ja, wie wir Eiugang» bemerkt haben, die Aussichten günstig find._________________________(xx)
Die einheitliche (Sarn-Nummerirung.
Die Reichsregierung nahm neuerdings die Anbahnung der einheitlichen, internationalen metrischen Garn-Rum- merirung und zu diesem Zwecke zunächst die Einführung diese» System» in Deutschland selbst in Aussicht. Versuche in dieser Richtung haben schon in den Jahren 1873, 1874 und 1875 auf den in Wien. Brüssel und Turin abgehaltenen internationalen Congreffen stattgefunden, auch sprach sich der deutsche Handel»1ag 1875 zu Gunsten der gesetzlichen Einführung de» metrischen System» au». 1891 befaßte sich der Handelstag in einer Ausschußfitzung wiederum mit der Angelegenheit, stimmte aber dem Anträge der Handels- und Gewerbekammer Augsburg und des Vereins Süddeutscher Baumwoll Industrieller auf reichsgesetzliche Regelung nicht zu, hauptsächlich weil ein Vorgehen ohne England sich nicht empfehle. Im Mai vorigen Jahre» griff der Verband der Textil-Industriellen zu Chemnitz abermals die Frage auf, stellte in einer ausführlichen Denkschrift die vorhandenen Mißstände zusammen, arbeitete bestimmte Brss rungSvorschläge aus und suchte die Reichsregierung zur Herbeiführung eines internationalen Congreffe» zu bewegen, wobei er die Unterstützung des Handelstages freilich nicht fand. Nunmehr greift jedoch die Reichsregierung auf die Vorschläge dieses Verbandes zurück und betraut mit der Abgabe eines umfassenden Gutachtens den Cemralverband deutscher Industrieller, der seinerseits den ihm angehörenden Vereinen, Verbänden und Handelskammern eine Reihe von Fragen zur Beantwortung vorlegt. Maßgebend für die Untersuchung sollen folgende Gesichtspunkte sein: Fall» das metrische Garn-Rummerirungssystem in Deutschland gesetzlich eingeführt wird, sei die Einfuhr anderer als metrisch aufgemachter Garne zu verbieten, andererseits soll die metrische Aufmachung der in Deutschland hergestellten Garne nur für den Absatz im Jnlande, dagegen nicht für die Ausfuhrwaare vorgeschrieben und endlich soll für die Einführung des neuen RummerirungSsystem» eine entsprechende Uebergangszeit gewährt werden.
Die Rundfrage des Centralverbandes sucht die Gründe, die gegen da» metrische System geltend gemacht werden, sowie die Anwendung desselben in den Nachbarländern Belgien, Frankreich und in Italien klar festzustellen, die allgemeine Stimmung gegenüber den vom Verband der Textilindustriellen zu Chemnitz au-gearbeiteten Vorschlägen kenntlich zu machen und zu neuen Vorschlägen anzuregen. Die Chemnitzer Vorschläge bestimmen im Wesentlichen, daß die einheitliche Garnnummer durch die Länge derjenigen Fadenlänge in Metern ausgedrückt wird, die 1 Gr. wiegt. Al» Verkaufseinhett gilt das Kilogramm und die Garne werden in Bündel von je 5 Kg. gepackt, wobei jedes Bündel 5 mal soviel Gebind zu 1000 Meter enthalten soll, al» die Nummer angibt. Gesetzliche Grundlage der Nummerirung ist die Conditionirung, welche, obwohl sacultativ, jederzeit gefordert werden kann. Die metrische Garnnummer ist allein gesetzlich, und der Verkauf sowie die Einfuhr ander» nummerirter oder gepackter Garne ist auszuschließen.
Die Einführung einer einheitlichen Garnnummerirung wird seit langer Zeit mit Rücksicht auf die bestehenden sehr verschiedenartigen Systeme (ee sind an Zahl etwa 60) al» wünschenswerth empfunden, doch sind die Ansichten hierüber unter den Spinnern und den Garnconsumcnten sehr verschieden und an erfolgreiche Verhandlungen wird wohl erst bann gedacht werden können, wenn England sich bereit erklärt, da» metrische System einzuführen. Nach dem Urtheil der Retchsregierung haben sich jedoch die Aussichten für die internationale Durchführung des metrischen System- insofern wesentlich gebessert, als die Abhängigkeit der continentalen Textilindustrie von England geringer geworden ist und letztere» selbst inzwischen das metrische Maß- und Gewichtssystem sacultativ etngesührt hat. Das Beispiel Frankreich» zeige endlich, daß sich das metrische Garnnummerirungssystem sogar in einem einzelnen Lande, ohne Rücksicht auf England, durchführen lasse; um so eher würde dies in der Gesammtheit oder doch in einer Mehrzahl der Continentalstaaten möglich sein. Ein Verfahren in dieser Richtung entspricht den durch da» Unlauterkeitsgesetz dem Bundesrath eingeräumten Vollmachten. (Franks. Ztg.)
Deutsches Reich.
Berlin, 81. Oetober. DaS „kleine Journal" meldet au» Pari»: I« Laudhause de» General» Boißdcffre zu Versailles sand gestern eine Versammlung zahlreicher
Feuilleton.
Die Wundermänner der Vergangenheit.
Von Ernst Bogel.
(Schluß.)
Paracelsus führt sechs Arten von Mumieosäfteu aus. Die kräftigste Art wird aus geheukreu Verbrechern bereitet, »denn bei diesen", sagt der Wundermavo, „findet eine langsame Austrocknung statt, welche dir wässerige Feuchtigkeit entfernt, ohne die ölige und geistige zu zerstören, die von den Himmelskörpern genährt und durch den Impuls der himmlischen Geister fortwährend gekräftigt wird". Trotz seiner Mittel starb der kharlatav, kaum 48 Jahre alt, mtt einer Flasche seine- Seheimmittels in der Tasche.
Nostradamus (sein wahrer Name war Michael de Notre- dome) wurde 1503 in der Provence gkboreo. Er war Arzt und Astrologe und erfreute sich sogar der Baust der Könige Heinrich II uod Karl H. von Frankreich. Berühmt geworden ist er durch seine in Versen abgefaßten, syrisch gehaltenen Prophezeiungen, die seiner Zeit ungeheures Aussehen erregten und von denen nach dem Glauben seiner Auhäoger vielerlei eivgetroffen sein soll.
Iw 17. Jahrhundert stand in Jena und weit über dessen Grenzen hinaus der Mathematiker und Astronom Erhard Weigel im Rufe eines bedeutenden Schwarzkünstlers. Weigel (geboren zu Weida aa der Nahe am 16. Deeember 1625, gestorben zu Jena am 21. Marz 1699) war jedoch ein ernster, keuntuißreicher Forscher und Gelehrter, der Inhaber von mannigfachen Ehrenämtern, der große Auszeichnungen erfuhr, und den nur da» unwissende Volk, das die natürliche Ursache seiner Experimente nicht begriff, in daS Renowmüe eines zweiten Faust brachte, vor Allem das Haus, daS sich der Gelehrte ,anf eine sonderliche Art baute", wie der Chronist sagt, trug ihm den Titel eines Wunder
wauues ein und wurde zu den sogenannten sieben Wundern JeoaS gezählt. DaS siebenstöckige Gebäude zeigte nicht nur eine Reihe lateinischer Inschriften, sondern es stellte auch die Stuckatur der Decke des Hausflurs den Himmel nebst Sonne, Mond und Sterne dar. Auf dem Hause errichtete Weigel ein Thürrncheu mit znrückschlagbare« Dach. Die Treppe lief um einen hohlen Raum durch alle Geschosse bis unter das Dach, so daß mau, wenn das Dach des ThürmchroS zurückgeschlagen worden, vom Keller (resp. vom Grunde des so geb ldeteu Schachte») au» bei Hellem Tage die Sterne sehen konnte. Daneben hatte der Astronom noch einen Flascheuzug angebracht, der ihm die Mühe de» Treppensteigen» ersparte uod ihn hinauf bi» tu da» Thürmchen trug. Ferner versorgte er durch eine vou ihm erfundene »hydraulische Maschine" die zahlreichen Mieth»zim«er de» großen Hause» mit Wasser. Sobald ein Hahn tu der Wand des ZimmerS geöffnet wurde, lief dem Bewohner daS Waschwasser entgegen. Noch künstlicher war die ^Weigei'iche Ktllermagd", eine Einrichtung, die bewirkte, daß aus einem Lausröhrchru Wein floß, wenn er in ein trichterförmiges Gefäß in einer Wand seiue» Wohnzimmers Wasser goß. Das interessante Haus, bi» in die oeueste Zett da» Ziel der Befucher Jeoa», wird zur Zeit wegen Baufälligkeit und uoth- wendiger Straßeueröffnuug abgerissen- der Schacht, der Hausflur uod die Inschriften waren bis zuletzt zu scheu und eS sollen die etwa architektonisch werthvolleo oder sonst io- teressaoten Theile ttu Schlosse zo Jeoa aufbrwahrt werden.
Das 18. Jahrhundert hatte seinen Cagliostio oder Balsams, seinen Sr. Germain und Schrepfer. Ersterer, der ebenfalls den Stein der Weisen uod rio Universal Lebeos- elixir besitzen wollte, ist sa bekannt, daß wir kein Wort weiter über ihn zo verlieren brauchen. Der Graf von St. Germain, der sich auch Marquis von Montserrat, Graf de Bellamorr, Chevalier Schüoiug, Graf Solttko», Graf Tzarogy u. s. w. nannte, sprach mehrere Sprachen, trat überall als großer uod reicher Herr auf, gab vor, mehrere
hundert Jahre alt zu sein, Geheim«ittel zu besitzen und vieles Andere «ehr. An etnzeloeu Höfen ließ er sich auch zu politischen Missionen gebrauchen. Er starb 1780 a« Hose seines Beschützers, des Landgrafen Karl vou Hessen, ettes unverbesserlichen Anhängers der Geheimw flenschaften und aller möglichen Charlatane. Auch die Geschichte des Leipziger Kellners und Geistersehers Johann Georg Schrepfer fetzen wir als bekannt voraus. Der Schwindler endete, als er sich der Entdeckung ausgesetzt sah, durch Selbstmord.
Zum Schluß sei noch eines Abenteurers und Charlatans gedacht, welcher frisch, fröhlich, frech und frei tu die Fuß- stapfeu des Paracelsus trat. Ein lustiges Studeutrulied hat ihn unsterblich gemacht, fo daß ihn wohl Alle kennen, wenn auch Biele bisher nicht gewußt haben, daß die von ihnen besungene Persönlichkeit überhaupt einen wirklichen Vertreter im Leben gehabt hat. Ich rede von Drctor Eisenbart, oder wie er sich nennen ließ: „Königlich großbritannischer uod Herzoglich braunschweigischer Landarzt, Hosoculist, Stein- und Brochschoeider". Johann Andreas Eisenbart wurde 1661 geboren uod starb am 11. November 1727 tu Müoden tu der Provinz Hannover, wo seto Epitaphium in einer dortigen Kirche noch vorhanden ist und der Welt verkündet, daß h er Doctor Eisenbart, der „großbrtttavisch-brauuschweigisch- cumberländische Landarzt", ruht. Der Theologe Heruuaun gibt uns io eine« Briefe an den Coopstorialrath Hauber in Bückeburg eine Schilderung seines Austreteus. Er sah ihn am Ende des 17. Jahrhunderts in Zeitz, wo der Chor- latao mit großer Pracht auftrat und sich dem Publikum mit den Worten vorstellte: „Hochweiseste Herren, ich bin der berühmte Eisenbart." Noch ist ein eigenhändiger Brief von ihm vorhanden, woraus hervorgeht, daß er im Juli 1704 mit den Behörden von Wetzlar in Differenzen wegen der Aufstellung seines „Theatrum" gerathen war. Der Wunder- wann zog von Markt zu Markt und unternahm in der That die wagehalsigsten Operationen, so daß dos bekannte Spottlied den Mann in der Thar nach Gebühr charaeierifirt.


