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Sir. 257 Erstes Blatt. Mittwoch den 2. Novembce
1808
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Eine Stätte des Friedens.
Als die Kaiser und Ritter früherer Jahrhunderte an»- zogen zürn Gelobten Lande, da wollten fie mit Schwertes Macht befreien das Land, in btm unser Heiland geboren war und gelebt hat. Sie konnten es nicht verstehen, daß dieser Klecken Srde, von dem das Ehristenthum seinen Lauf ge« oommen in alle Welt, in den Händen von Heiden, im Besitze der Türken sich befinden sollte. Wer erinnert sich nicht jener geschichtlichen Zeit, da die Kreuzzüge tnS Leden gerusen wurden, heute, wo der deutsche Kaiser io Begleitung seiner Gemahlin und der Großen der evangelischen Kirche in Jerusalem weilt, um die Stätte zu besuchen, auf denen unser Heiland wandelte, und von wo au» der Same, den er gesäet, so unvergleichliche Früchte gebracht hat. Wir gedenken jener Tage, aber wir erkennen auch den Unterschied zwischen einst und jetzt. Nicht al» Feind der Türken, nicht mit dem Ausgebot von Gewalt ist unser Kaiser tn die heilige Stadt etugezogen, nein, al» Freund des Sultans und dessen Unterthanen, als Beschirmer und Hort de» Weltfriedens hat er seinen Einzug gehalten, und freudig haben ihm die Christen und MoSlirn» zugejubelt.
„(Sine Stätte de» Friedens" hat der CultnSmintster Dr. Bosse am SamStag beim Empfang der Majestäten an der Pforte der neuen Erlöserkirche diese genannt, und für- wahr, er konnte dem Heim der evangelischen Ehristenheit keinen schöneren und bezeichnenderen Namen geben. „Friede sei mit Euch", so sagte unser Heiland und Erlöser, al» er plötzlich unter seine Jünger trat, und dem Frieden muß jene Stätte geweiht sein, welche ihm gewidmet ist. Friede unter den Einzelnen, Friede unter den Nationen, waS kann es Köstlichere» geben! Unb ist es nicht ein gute» Vorzeichen, daß Vertreter aller christlichen Religionsgemeinschaften unfern Ssffer auf seinem Wege zur Einweihung üer Erlöserkirche begrüßt haben? Nicht wegen der evaogelischrn Kirche allein, nicht um dieser über die übrigen Bekenntnifie rin Heber» gewichr zu geben, hat Kaiser Wilhelm Jerusalem ausgesucht, mtu, die Anwesenheit de» mächtigen Monarchen liegt im In- «reffe der ganzen christlichen Religion, sodaß die Römisch- Katholischen, die Grlech sch'Orthodoxen veidlo» aus die Entfaltung de» Prunke», mit de« die Erlöserkirche eingeweiht wurde, blicken können. Und daß die Palästinasahrt deS deutschen Kaiser» de« grsammten Ehristenthum zugute kommen wird, daran dürste wohl kaum Jemand zweifelt!. In wilchem Maße dies der Fall sein wird, liegt led'glich an den kirch
lichen Vertretern tm gelobten Lande selbst- je mehr fie ihre Gotteshäuser Stättm de» Frieden» werden lafien, u« so größer wird da» Uebergewicht sein, welche» fie über die Heiden erhalten. (xx)
Deutscher Reich.
Darmstadt. 31. October. Seine königliche Hoheit der Großherzog werden nächsten Mittwoch, den 2. November, wie bisher, im Grohherzogltchen Refidenzschloß Audienzen ertheilen, sowie Meldungen und Vorträge entgegenuehmeu. Die Audienzen und Meldungen beginnen nicht vor */,10Ahr und dauern bis 11 Uhr.
Darmstadt, 31. Oktober. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin empfingen gestern Nachmittag 2*/, Uhr S. H. den Erbprinzen und I. K. H. die Erbprtnzesstn von Sachsen-Metningen und fuhren nach de« Neuen Palais, von wo fich später sämmt- liche Allerhöchste Herrschaften zu dem Rennen de» Hesfischeu Retterveretn» begaben.
— Se. Kaiserliche Hoheit der Großfürst Michael Michaelowitsch von Rußland trafen gestern Nachmittag 12 Uhr 85 Mia. zu Besuch der Allerhöchsten Herrschaften hier ein und kehrte 4 Uhr 19 Min. nach Wiesbaden zurück.
— Am Großherzoglichen Luncheou nahmen gestern I.I. Exc.Exc. Herr und Frau SkaatSminister Rothe, der Kaiserlich Russische Ministerrrfident v. O-eroff und Frau Gemahlin, sowie der LegationSsrcretär v Dauben Sky Thetl.
— Die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften begaben Sich heute zu den Ausgrabungen, die unter Leitung de» HofrathS Koflec nördlich m D»anaöarg stattfiaden.
Darmstadt, 30. October. Das hier weilende Großfürstenpaar SergiuS reift nächsten Donnerstag zu etwa vierzehutägigem Aufenthalt nach Pari» und beabsichtigt, zu der jetzt bestimmt auf den 25. November festgesetzten Enthüllung des Denkmals für den Großherzog Ludwig IV. hierher zurückzukehren und sodann nach England zu reisen. Im nächsten Monat trifft zu« Besuch hier die Prinzessin Heinrich von Preußen ein.
— Seit mehreren Tagen ist hier das Gerücht verbreitet, daß der Kaiser der Einweihung deS Denkmal» für
Feuilleton.
Allerseelen.
Der Tod trifft jäh das warme Menschenherz Unb löscht erbarmungslos deS Leben- Licht, Dann weint die Liebe und eS tobt der Schmerz Unb Nacht verhüllt ber Hoffnung Ar-gesicht.
Da- Liebste, wa« die Erde unS auch gab, Zu anderm Leben fordert sie'S zurück, Und für fie ist da- stille, kühle Grab Die Wiege nur zu neuem Dasein- Glück.
(K. «. Specht.)
Draußen jagt wilde- Siürmen da» falbe Laub von den Zweigen, da» Leben in der Natur beginnt zu schlummern.
Nun ist die Zeit gekommen, wo die Menschen hinaus- wandern zu den Ruhestätten der Tobten, um in liebende« Erdenken »heueren verstorbenen ein Kerzlein auzuzünden oder mit den letzten Blumen deS scheidenden Herbstes die Grab- Hügel zu schmücken.
Allerseelen! — viel heiße Thränen rinnen heute auf die Gräber nieder, die unsre Tobten bergen, unsagbares Leid wird heute wieder erweckt in der Erinnerung an die, die da roten auSruhen nach des Lebens heißem Kampfe. Wie vielen sorgen und Schmerzen hat der unerbittliche Tod ein Ende gemacht und ach, wie viele Freuden und wie viele Hoffnungen hat er mit rauher Hand zerstört?
Nichts ist geblieben vom blühenden Menschenleben, ein düstres Grab und ein namenloses Weh!
Mit Blumen und Kränzen schmücken wir die Gräber der Dahiugeschiedenen, die unS im Leben thener gewesen find- krnstvolle Denkmäler geben Zeugniß von der Liebe, mit welcher wir der verblichenen gedenken, da» schönste und bleibendste Denkmal aber ist nicht ein kalter Stein, sondern rm treues Erinnern, das wir im Herzen unseren Lieben bewahren!
Sin treu' Erinnern! Da» ist e», was wir so oft bei dm Menschen vermiffen, daS kein schön geschmücktes Grab, kein prächtiger Marmorstein zu ersetzen vermag.
WaS soll ein kostbares Denkmal, wenn rS die Treue nicht gesetzt hat, was sollen die Blumen, wenn fie die Liebe nichr tetlpui ?
Warum den Kult' mit grüner Hügel Schmuck? Baut Stättm euren Todtm tm Erinnern! Trugt ihr der Liebe Biüthen in ihr Sein, So ruht ihr unvergänglich Thell tm Innern. WaS drunten liegt, da- habt ihr nicht geliebt, Nicht die erstarrte, geistoerlaff'ne Hülle. Da» Leben war - tn wallmder Gestalt Unb ihre» Wesen- schöne AuSbruckssülle.
So mahar bic Dichterin, nicht durch oft übertrieben prunkvolle Ausschmückung der Gräber dem Andenken an unsere verstorbenen Lieben Ausdruck zu geben, sondern ihnen in der Erinnerung ein unvergängliche» Denkmal zu setzen.
Wenn wir in liebende« versenken unseren Tobten nur eine Thräue der Erinnerung weihen, wenn wir ihnen die anspruchslosesten BlÜwchen, die der Herbst uu» bietet, in unauslöschlicher Liebe auf den Grabhügel uiederlegen, bann haben wir beim Klange der Glocken die Allerseelenfeier tn würdiger Weise begangen.
Der Novemberstur« rüttelt gewaltig an Sträuchern und Bäumen und fegt da» letzte Laub hinweg, nur dunkle Fichten und Cypreffen, Epheu und Immergrün stehen von einem letzten Sonuenblick umsäumt, noch im grünen Schmuck wie in sommerlichen Tagen, einem strahlenden Hoffnungsschimmer gleichend, der ein baldiges Wiedererwachen alle» Lebens auch in dem nun Winterlich.stillen Reiche der Tobten verheißt. . . .
Ob ein bescheidenes Kreuz oder ein prunkvoller Stein die letzte Ruhestätte unserer Lieben schmückt, — ob fie der schmucklose Hügel deckt, auf dem GraS und Unkraut wuchern, fie sollen nicht vergeffeu sein!
Gra» und Blumen werden wieder sprießen, ein neue» Leben wird erwachen ....
Aus der Erd« Schooß cm da» goldne Licht Drängt sich Alle- hervor, nur die Tobten nicht; Doch laß' fiel und denk, wie bk Thräne auch rinnt: Nicht alle ftnb tobt, bk begraben siab'. (Stoltze)
Carl Geißler.
Großherzog Lubwtg IV. beizuwohnen gebenke. ES ist die» aber zweiselhast, da dem Reiseprogramm zufolge da» Kaiserpaar am 12. November in Damaskus ein trifft, wo ehe , zweitägiger Aufenthalt vorgesehen ist. Für den Fall, daß \ oer Kaiser bis zum 25. November in Deutschland eintrifft, ! ist auch seine Theiluahme an der EuthülluugSseier sehr wahrscheinlich, da der Kaiser bekanntlich die ausrtchtigste Verehrung für den verstorbenen Großherzog hegte.
Berlin, 31. October. Wie au» Jerusalem berichtet wird, erwiderte der Kaiser auf die gestrige Ansprache bei Cultu-minister» Dr. Bosse anläßlich de» Besuche» der Erlöserkirche Folgende»: Er danke aufrichtig für die vom Minister ausgesprochene treue Gesinnung. E» sei für ihn eine besondere Freude, die Einweihung der Erlöserkirche der evan- gelischen Gemeinde haben mitfeiern zu können. Er verdanke die» der wohlwollenden Gesinnung des Sultan» sowie seine», de» Kaiser», Großvater und Vater, welch Letzterer doch schließ» lich den Ausschlag gegeben habe. Mit bloßen Reden sei im Orient nichts gelhan. Er hoffe, daß die Evangelischen besonder» auch durch ihren Wandel die Wahrheit ihre» Glauben» bezeugen und ihn kräftigen würden. Dann werde auf dieser Feier die Gnade Gotte» ruhen unb reichen Segen schaffen. Da» wünsche und erhoffe er mit allen Anwesenden. Sagen Sie die», so schloß der Kaiser, den Evangelischen, besonder» den deutschen, welche hier sind.
Berlia, 31. October. Wie au» Jerusalem gemeldet wird, saub daselbst unter großem kirchlichen unb weltlichen Pomp die feierliche Einweihung ber Erlöserkirche statt. Die einheimische Bevölkerung nahm in großer Anzahl an ber Feier Theil. — Gestern Abend wohnte da» Kaiserpaar ans de« Oelberge bet herrlichem Sonnenuntergang einer vorn Oberhospredtger Dr. Dthander gehaltenen Andacht bei.
Berlin, 31. October. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist heute Vormittag zu kurzem Aufenthalt nach Schillingsfürst abgereist.
Berlin, 31. October. In der, gegen den Herausgeber der „Zukunft", Maximilian Harden erhobenen Anklage wegen Majestät».BeleNrigung, Beleidigung des Ober-Staatsanwalt-Drescher, sowie des Amtsgerichtsraths von Podewll», begangen durch mehrere Artikel der „Zukunft", begann heute vor der ersten Strafkammer des Landgericht» I. die Verhandlung. Oberstaatsanwalt Drescher wohnte derselben bei. Vor Eintritt in die Tagesordnung beantragte der Staatsanwalt den Ausschluß der Oeffentlichkeit für die ganze Dauer der Sitzung. Der Gericht»hof beschließt zunächst, nur während der Verlesung der Anklage sowie der Artikel die Oeffentlichkeit > auszuschließen und bann barüber zu beschließen, ob auch für die ganze Verhandlung die Oeffentlichkeit auszuschließen sei ober nicht. Zunächst schilberte ber Angeklagte auf die bezügliche Frage de» Vorsitzenden seine Beziehungen zum Fürste» Bismarck. Er betonte dabei, daß die Gedanken, die er in । den Artikeln der „Zukunft" verfolgt hätte, die gewesen seien: Er habe e» für ein Unglück für da» deutsche Reich gehalten, daß man den Fürsten Bismarck entlasten habe. Auf weitere» I Befragen erklärt der Angeklagte, daß er den Artikel in der ! Nummer 40 der „Zukunft": „Der Wahrheit die Ehre" nicht verfaßt habe. Er wolle aber den Verfaffer nicht nennen, weil er die» nicht für anständig halte, biete aber Beweise für seine Richtoersafferschast an. Juftizrath Munckel, der Vertheidiger von Harden erklärt, er sei von dem Verfaffer beauftragt und ermächtigt, feinen Namen erforderlichen Falle» zu nennen. Der Gerichtshof beschließt, die von dem Angeklagten vorgeschlagenen Zeugen zu laden und zu vernehme«. Ueber feine Stellung zu dem Nachfolger de» Fürsten Bismarck befragt, äußerte sich Harden dahin, er gestehe offen, daß er den Grafen Caprivi entschieden bekämpft habe. Den Fürste» Hohenlohe habe er zunächst sympathisch begrüßt, die Sympathien haben aber nachgelaffen, weil er meinte, daß Fürst Hohenlohe zu alt für diesen Poften sei und nicht mehr die genügende Thatkraft besitze. Hierauf richtete der Staatsanwalt an den Angeklagten die Fragen, ob er zugebe: 1. die Politik des deutschen Reiche» seit dem Abgänge de» Fürste» Bismarck als eine durchaus verkehrte bekämpft zu haben unb 2. ben Standpunkt vertreten zu haben, diese Politik sei auf die eigene Initiative de» Kaisers zurückzuführen und die Reichskanzler besäßen kein genügend starke» Rückgrat. Der Angeklagte erwidert hierauf, er habe nie gesagt, daß alle Maßnahmen der Regierung durchaus verkehrt seien, er habe vielmehr manche gelobt, gebilligt unb gesörbert. Die zweite Frage lehnte er mit Entschiebenheit ab. Nach der Verlesung de» Artikels beantragte der Staatsanwalt wiederum den Ausschluß der Oeffentlichkeit, wenigstens für die Dauer der


