Sonntag den 2. October
1SOS
Nr. 23t
Gießener Anzeiger
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Maria Theresa" 33, die »Biskaya" 24, der
Vermischtes.
D. Leipzig, 30. September. Die dauernde Gewerbe- illsstellung hatte während der letzten Herbstmesse wieder bffouder» lebhaften Besuch zu verzeichnen. Die Besucher
war. So ließ er denn speciell zu dem Zweck eine Bade« wanne anfertigen, in der eine erwachsene Person bequem fitzen oder liegen konnte. Das junge Mädchen wurde nun in ein Laken gehüllt und in da» warme Bad gehoben, so daß nur ihr Kopf, der auf einer genial angebrachten Stütze ruhte, über Wasser blieb. Hier aß und trank und schlief die Kranke während der Dauer von 183 Tagen und Nächten. Da» Wasser wurde alle 12 Stunden erneuert und ebenso wie die Luft in dem merkwürdigen Krankenzimmer stet» in der gleichen Temperatur gehalten. Nach Verlauf von sechs Monaten war die Patientin al» vollkommen geheilt zu betrachten und obwohl noch sehr schwach, sühlte fie sich doch wie neu geboren. Daß andauernde Bäder schon längst mit bestem Erfolge bet hartnäck'gen Hautkrankheiten angrwendet werden, da man dem Wasser die heilkräftigen Medlkamente zusetzen kann, dürste bekannt sein, ebenso der Umstand, daß in fast hoffnungslosen Fällen von Verbrennung lauwarme Bäder oft die einzige Linderung und Hilfe gewähren. Obiger Fall ist sicher aber noch nicht dagewesen, unzweifelhaft hat der junge und noch ziemlich unbekannte Docior mit dieser Wunderkur den Grundstein zu künftige« Ruhm gelegt.
• Heber die Schießkuust der amerikanischen Artilleristen im spanisch amerikanischen Kriege ist sehr viel Rühmendes erzählt worden. Der »Sciertific American", eine amerikanische Zeitschrift, hat diese Schirßleistungen nun ziffermäßig dargestellt. Die Schlüffe, die da» Blatt auS seinen statisti- scheu Betrachtungen zieht, lassrn die so viel gepriesene Schieß- kuust der Amerikaner in einem ganz anderen Lichte erscheinen. Die vier spanischen Kreuzer, welche die amerikanische Flotte vor Santiago vernichtete, wurden inSgesammt nut von 131 Schuß getroffen. Davon erhielt der »Oqueudo"
66, die
eine gewisse Zahl von Treffern bet der Ermittelung über- srhen worden ist, so wird thre Gesammtzahl 160 doch nicht übersteigen. Wie oft die beiden Torpedojäger getroffen wurden, hat nicht genau ermittelt werden können- da fie aber nur wenig anS dem Waffer hervorragten, darf man wohl annrhmen, daß fie nicht lo viele Schüsse erhalten haben, als die Kreuzer. »Setenttfic American" stellt nun den Treffern die Zahl der überhaupt von den Amerikanern abgegebenen Schüsse gegenüber, und da ergiebt sich, daß die amerikanische Flotte auf die spanische gegen 6000 Geschosse verfeuerte, die »Iowa" allein verschoß 1474 Stück. Demnach würden die Amerikaner mit ihrem so sehr bewunderten Schießen nur 3—4:100 Treffer erzielt haben, ein Ergebniß, auf daS fie stolz zu sein gar keioe Ursache haben. Die Schnellfeuergeschütze haben allo zu einer ungeheuren MunitlonSverschwrn- düng gesührt, und eS wäre interessant, festzustellen, ob nicht die wenigen Treffer gerade von den langsam feuernden Geschützen herrühren. Wenn nicht in den spanischen Schiffen unzeitgemäß viel Holz verbaut gewesen wäre, daS von kcrpirenden Geschossen in Brand gesetzt werden konnte, die paar Treffer allein hätten sonst den Spaniern wenig Schaden zugefügt.
• Hinrichtung einer Mohammedanerin. Am 24. September wurde in Do lnja Tuzla (BoSoien) die Mohammedanerin Saca Tahirovtc, eine 34 jährige Frau und Mutter von fünf Kindern, vom Scharfrichter Seyfried durch den Strang hingerichtet. Die in Vukovje wohnhafte Fran und deren achtzehnjähriger Sohn OSmo überfielen in der Nacht auf den 8. Februar — wenige Tage vor dem Beginn de» RamazanfefteS — ihren schlafenden Gatten bezw. Vater Dirnau Tahirovic und ermordeten iHv. Dlmo hielt den Vater fest, während das Weib mit einer Axt den Schädel bei Unglücklichen zer- trüwmerte. Dal kleine Töchterchen Aisa hatte durch eine Thüripalte den Mord mit angesehen. Nach dem Morde riesen die Mörder die vier andern Rtnbtr herbei, und Alle zusammen schleppten die Leiche in den Biehstall, wo fie verscharrt wurde. Auf die Fragen der Nachbarn nach ihrem Gatten suchte Saca allerlei Ausflüchte zu machen- doch der Gendarmerie gelang die Auffindung der Leiche, und die kleine Aila erzählte, wal fie durch den Thürspalt gelehen- auch OSmo schritt zum Geständnisse. Am 14. Juni wurde Saca vom KrttSgerichte Doloja-Tazla zum Tode und der 18jShrige Dlmo zu acht Jahren schweren Kerkers verurtheilt. Nachdem dal Dbergericht die Berufung verworfen und der Kaiser am 9. September verfügt hatte, daß de« Gesetze freier Lauf gelassen werde, wurde am 24. September die Todesstrafe vollzogen. Der Tod trat nach sechs Minuten ctn.
waren in der Hauptsache Interessenten, welche nach Leipzig kamen, um ihre Einkäufe daselbst zu besorgen. Sehr lebhaft war die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen und Werkzeugett, sowie Kraftmaschinen aller Art. Der In diesen Erzeugnissen vermittelte Umsatz war bedeutend. Auch die technisch gewerbliche, sowie die hauSwirthschaftllche Abtheilung hatten eine große Menge Käufer angelockt. SS zeigte fich auf» Neue, daß in der dauernden Gewerbeaulstellung zu Leipzig jeder Artikel, sofern er den Bedürfnissen entspricht, solid aulgesührt und preiSwerth ist, seinen Käufer findet.
• lieber das Grubenunglück auf Zeche „General Blumen- thal" wird der „Frkf. Ztg." au» Recklinghausen, 28. September geschrieben: Schon wieder hat der Rheinisch- Westfälische Bergbau ein großes Grubenunglück zu verzeichnen. Der Telegraph hat Ihnen schon die hauptsächlichen Mtttheilungen über daS Unglück auf Schacht 3 der Zeche »General Blumenthal" gebracht. Durch zu hohes Ziehen deS mit Menschen besetzten Förderkorb» ist die LängSstange am Korbe gebrochen und er in den 570 Meter tiefen Schacht gestürzt. Die Fangvorrichtung hat zwar gefaßt, aber fie vermochte die Last nicht zu halten, die ganze Schachtbekletdung ist lolgerissen, der Korb liegt in einem etwa 4 Meter tiefen Schacht-Sumpfe. Alle Bergleute (17 Manu), die fich auf dem Korbe befanden, find zermalmt. Die Leute auf dem zweiten, nach unten gehenden Korbe find etwa» besser davongekommen, nur zwei von ihnen find getödtet, zwei find schwer, sechs leicht verwundet. Die Zahl der zu Tode Gekommenen beträgt 20, die Namen waren noch nicht zu erfahren. ES find wieder zahlreiche Kinder zu Waisen, zahlreiche Frauen zu Wittweu geworden, üb da» Unglück allein dem Mascht« tsten zuzuschretben ist, weiß man nicht. Er war nach der Katastrophe geflüchtet, wurde aber verhaftet. An dem Förderschachte war ein ganz neuer, von dem Dberbergamte empfohlener SicherheitSapparat angebracht, der bei Ueberschreitnng einer gewissen Geschwindigkeit der Maschine bremsend wirkt. Er ist wiederholt probtrt worden und hat gut fnnctlontrt, diesmal versagte er. Die verletzten konnten anS dem 3000 Meter entfernten Schachte II heranSbesördert werden. Ehe man alle Reste der verunglückten bergen kann, werden mehrere Tage vergehen, denn der Sumpf muß erst ausgepumpt werden, bevor man zu den Leichentheilen kommen kann. Den anderen im Sumpfe liegenden Korb hofft man bald heben zu können, e» muß aber vorher eine neue Seilscheibe eingebaut und der Schacht wieder hergestellt werden.
* Hebet die Lebensweise bei Raiferpten» in Rominten wird von dort geschrieben: Der Kaiser fährt jeden Morgen frühzeitig zur Pürsche. Sobald er zurückkehrt, waS gewöhnlich um 8 Uhr der Fall ist, wird er von der Kaiserin erwartet- die Herrschaften nehmen dann zusammen daS Frühstück ein. Während der Kaiser hiernach Regierungsgeschäfte erledigt, unternimmt die Kaiserin mit der Hofdame Spaziergänge in den Parkanlagen. Defler hält fie hierbei in der Hudenulkapelle E-okehr- die hohe Frau spielt dann selbst die Orgel, und die Hofdame begleitet daS Spiel mit Ihrem Gelang. Die Kaiserin besucht auch auf ihren Spaziergängen mitunter einzelne Familien in den dem Kaiser gehör gen Familien-Wohnhäusern. Wie schon mitgethellt, bringt da» Katserpaar de« Aufblühen deS DorieS Rominten, welches durch den feit einigen Jahren fich regelmäßig wiederholenden Aufenthalt deS Kauer» einen großen Aufschwung nimmt, lebhafte» Jntereffe entgegen. Jede Kleinigkeit wird hierbei be» rückfichtigt- n. A. ist ein Besuch der neuerbauten Schmiede, die mit einem Fahnenschmied de» Danziger Husarenregiment» besetzt werden soll, sür die nächsten Tage in Aussicht genommen. Ebenso wird der AnSficht»thurm auf KönigS^öhe besucht werden, dessen Anlagen verschönert worden sind. Hierbei wird auch die Försterei Hirschthal befichttgt- speciell den Hunden widmet der Kaffer dort stet» seine Aufmerksamkeit. So fließen de« Kaiserpaar die Tage von Rominten in friedlicher Stille dahin. Da» Diner wird stet» im engsten Kreise eingenommen, höchsten» daß eine bekanntere Persönlichkett au» der Umgebung Rominten» befohlen wird.
• Lechl Monate i« öeinenbab gelebt hat eine junge Schottin, die an einer schrecklichen, amcheinend unheilbaren inneren Krankheit litt. Die bedeutensten Specialisten in Edinburgh und London hatten bereit» ihr Mögl chste» gethan und kamen schließlich darin übere n, daß der Kranken nicht zu helfen sei. Die Aermste glich nur noch einem Schatten uab sah mit Sicherheit den Tod vor Augen. Da kam ein unternehmender junger Arzt auf den Entfall, e» einmal mit einer ganz neuen Kur zu versuchen. El sollte eben nur ein Experiment sein, da», wenn e» n-cht helfen würde, auch nicht weiter schaden köante, da die Leidende so wie so aufgegeben
Abspannung.
Paris, 28. September.
Die »M. N. N." schreiben:
Für einige Tage wird es wohl nun Ruhe geben. DaS ließ sich auS dem gestrigen StimmungSbilde schon ersehen, dessen Ende wir noch nicht einmal erwähnen konnten: den Zug der Antisemiten und Monarchisten zum Elysse. Er war nicht glorreich. Die Delegation der Deputirten hatte gehofft, daß daS Volk sie im Triumph tragen würde. Statt dessen stellte sich nur ein Dutzend „Patrioten" ein, um „Vivo l’armee!“ zu schreien, vorweg marschirte ein Zug Schutzleute, um Ordnung zu stiften, — waS nicht nöthtg oar. Hinterher lief eine Anzahl Spitzel- zur Seite tanzten einige Titis Cancan. Imposant war das nicht.
Im Elysse ließ der ehrenwerthr StaatSchef durch seinen Adjutanten, General Hagron, den Herren sagen, seine con- fiitutionelle Rolle verbiete ihm, sie zu empfangen. Nun hätten die Delegirten zwar, da sie das Recht deS Parlaments vertraten, wie weiland Mirabeau sprechen können: »Sagen Sie Ihrem Herrn, daß wir hier stehen im Namen deS Volkes und daß wir nur der Gewalt der Bajonette weichen Derben." Diese» thaten sie aber nicht, sondern sie gingen begossen von bannen.
ES geht boch nichts Über ein bischen Entschlossenheit! Mit ihr hat Brisson sofort ble Ruhe hergestellt. Auf bic Franzosen wirkt sie namentlich wunberbar. Das kommt von ihrem vorwiegenb weiblichen Wesen, baß bem Mann über den Kopf wächst, wenn er nicht weiß, was er will, aber fich fügt, wenn er mit Entschlebenheit auftritt. Einige rhrönen — und Alle» kommt in Ordnung. Diesmal hat t- nicht einmal Krämpfe gesetzt, obgleich man sie befürchtete.
Nur darf man nicht denken, daß der erfreuliche Zustand lange anhalten werde. DaS wäre auch wieder nicht fran- zSsisch. Erstens weiß man noch gar nicht, waS aus der Revision wird, die nicht, wie die DreyfuSblätter behaupten, .entschieden", sondern nur eingeleitet ist. Da der Justiz- rinifter Sarrien, ein alter liberaler Parlamentarier, beim Studium der DreyfuS-Acten zu derselben Ueberzeugunq gelangt ist, wie die KriegSminifter Billot, Cavaignac und Zur- linden, ist eS immerhin möglich, daß auch der CaffalionShof licht zu dem Schluffe kommt, den die DreyfuSfreunde wünschen. Zweitens ist die ganze Affaire von Anfang an nicht regelrecht und stetig verlaufen, sondern von Ueberraschung za Ueberraschung gehüpft. Bei jedem Sprung wechselte das Bilb unb bic Lage ber Parteien, so baß jebe von beiben ebenso oft unten wie oben gelegen ist. So können auch bie nächsten Wochen noch manchen Umschwung bringen. Man braucht noch nicht einmal bic parlamentarischen Chancen bes MnlfteriumS in Rechnung zu ziehen, benn bis zum Beginn ber Session finb es noch brei, vielleicht sogar vier Wochen. LaS kann bis bahin nicht alles geschehen!
Dritten» ist zu beachten, baß bic Parteien nach wie tot ber ministeriellen Emschelbung über baS Revisionsgesuch ter Frau DreyfuS ihre Kampfpositionen bewahren. Der Justizminister läßt sagen, baß er ein entschicbener Gegner ber Revision bleibt. Mit ihm finb noch brei Minister gleicher Meinung. WaS ber Kriegsminister General Chanoine benft mb anstrebt, ist sein Geheimniß. Aber General Zurlinben sitzt im Militärgouvernement von Paris, nicht im Gesängniß, die seine Gegner seit einer Woche fast täglich ankünbigten. 6r hat bie einzige Macht in Hänben, welche in entfdjeibenben Men ber Unruhe ben AuSschlag gibt.
Ferner bürste auch ber Präsibent ber Republik seine Gesinnung kaum geänbert Haden, obgleich er gegen ben Ministerialbeschluß vom 26. September keinen Einspruch erhob. Bezeichnenb ist, daß Drumont ihn heute nicht in der .Libre Parole" angreift, obgleich unser Judenfresser gestern loch alS Delegirter von ihm abgewiesen worden ist unb biefe Lemüthigung gewiß schmerzlich empfinbet. Drumont benft iber bie vorn Freunbe erfahrene Kränkung wohl, wie Rückert sagt: „Ihm ist gewiß nicht wohl, sonst thät er Dir nicht seh."
Alles in Allem barf man von ber jetzigen Ruhepause ycht allzuviel Gutes erwarten. So wünschenSwerth eS ist, biß bic tcibigc DreyfuS-Affaire enblich einmal zum offenen, nchtlichen Austrag komme, bleiben boch noch schwere Hinber- rffe zu überwinben.
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