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2.3.1898 Erstes Blatt
 
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Nr 51 Crites Blatt. Mittwoch den 2. März

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Deutscher Reichstag.

52. Sitzung vom Montag de« 28. Februar 1898.

Tagesordnung: Fortsetzung der EtatSberathuug. Eiat des Reichsetsenbahnamts.

Hierzu liegt eine Resolution Pachvicke vor, den Reichs­kanzler zu ersuchen, dahin zu wirken, daß in Ausführung des § 43 der ReichSverfaffuug und des § 4 des Gesetze- bett. Er­richtung des ReichS-Eisenbahnamt- Maßregeln getroffen werden, um a) einer Häufung von Etsenbahnunsällen wirksam zu be­gegnen und b) die Leistungsfähigkeit der Bahnen zu erhöhen.

Abg. P ach nicke (frs. Bg.) geht auf die zahlreichen Eisenbahnunfälle de- vergangenen Jahres ein, die eine Ver­lustliste aufwiesea, wie die von Schlachtfeldern. Die Häufung der Unfälle habe in weiten Kreisen Beunruhigung hervor­gerufen, und eS sei nicht zu verwundern, wenn man schließ­lich vertrauen und Rahe verliere und nach den Gründen frage. Die eigentlichen Ursachen müßten zu suchen sein ent­weder auf der Seite de- Personals oder auf der des Material- oder auf beiden Seiten. Die relative Zunahme des rollenden Material- habe mit der Zunahme de- Verkehr- nicht gleichen Schritt gehalten- hieran habe die preußische Eisenbahn- Verwaltung nicht ihre Pflicht gethan. Nöthig werde e- sein, eine große west östliche Linie allein für den Güterverkehr zu bauen. Ueberhaupt würden der Güter- und der Personen­verkehr getrennt uod daher neue Geleise gebaut werden mllffen. Redner beleuchtet sodann den Mangel an Güterwagen und daS Zurückbleiben der Wagengestellungen hinter dem Bedarf in jedem Herbste, und befürwortet bei dieser Gelegenheit die Kanalbauten. Auf die Personalfraze übergehend, betont Abg.

Feuilleton.

Aus geweihten Landen.

Von Karl Böttcher.

(Originalbericht unseres Special-Correspondenten).

(Nachdruck verboten.)

V. Im Kloster Mar Saba.

Jerusalem, 13. Februar.

Milten in den Schaueröden der Wüste Juda sitze ich auf einem Esel, der plötzlich nicht weiter hoppeln will. Mein arabischer Begleiter meint, das brave Thier habe vielleicht ein Geheimniß, das man ihm erst entlocken muffe. Gut denn, entlocken wir's I ... Ich rede mit der Reitpeitsche zu, erst zärtlich, dann eindringlich, schließlich ziemlich energisch. Nichts hilft; wenn ein Esel nicht will, dann will er nicht, und sämmtliche Beredsamkeit dieser Welt vermag daran Nichts zu ändern. Füge ich mich in geduldiger Ergebenheit meinem Schicksal und genieße einstweilen die Aussicht! . . .

Jerusalem mit seinem ernsten Gemäuer ist hinter mir verschwunden. Durch trauriges Hügelland, fchauervolle Sandöde, starrtrotziges Gefelse zog sich der Pfad, hinein in feierlichste Wüstenftille. ... Auf steinigter Höhe, in unheim­licher Wildniß halte ich Ausguck. Tief unten in engen Schluchten zeigen sich schwarze Beduinenzelte; drüben erdüstert geheimnißvoll gleich einem Riesenleichentuch der schwarzblaue Spiegel des Tobten Meeres, und dahinter lauern die fteilrn, sonnenbeleuchteten Höhenzüge des Moabiter Gebirges. . . . Todtenstille. Nur manchmal peitscht mir ein warmer, vom Jordanthal heraufbrausender Wind dicke Staubwirbel in's Gesicht. O, muß hier im Sonnenbrand des Hochsommers der Durst gedeihen! . . .

Dann denke ich an Mar Saba, mein Reiseziel. Es ist ein am wasserlosen Kidronbach in erhabenster Wüsten öde und wildester Felseneinsamkeit wuchtendes griechisches Kloster jedoch ein Strafkloster für Priester, eine Art Plötzensee. . . Ach, wir Alle sind Menschen, und auch Kinder, selbst Haus- wirthe, ja sogar fromme Priester können fehlen, irren, straucheln.

Pachnicke, eine Vermehrung des Personals sei dringend er­forderlich. Er fürchte aber, daß er tauben Ohren predige. Mit den Worten, daß auf Grund de- Art. 43 der Berfaffung da- Reich da- Recht habe, diesen Dingen näher zu treten und aus Abstellung der Uebelstände zu wirken, bittet Redner um Annahme seiner Resolution.

Präsident de- ReichSeisenbahnamt- Schultz kann Näheres über Einzelheiten der Frage der Personentarife jetzt nicht mittheilen, weil die Verhandlungen darüber noch schwebten. WaS zur Verhinderung von Unfällen seitens de- Reiche- geschehen.ine, sei berei'S geschehen. Die Anzahl ter Zugunfälle sei in den letzten Jahren nicht größer geworden, auch nicht in dem zweiten Halbjahr 1897. Das ReichSeisenbahnamt untersuche jeden Unfall. Wo es Mängel finde, würden diese verfolgt und mit Genehmigung der zuständigen Behörde auf Abhilfe gedrungen, und zwar ohne Rückficht auf den Kostenpunkt. Eine Vorlage an den BundeSrath über Ergänzung der Signalvorrichtungen durch Vorsignale für die Einfahrt, durch Ausfahrtfignale, durch Blockfigualvorrichtungen rc. sei bereit- in Vorbereitung. Auch eine Revision der Bestimmungen über die Dienstdauer sei im Werke. Wo die Bahnhofsanlagen fich als unzulänglich er* wiesen, seien die Eisenbahnverwaltungen zu beschleunigter Erweiterung aufgefordert worden, denn eS sei richtig, daß darin hier und da ein schnelleres Tempo geboten erschien. WaS die Mängel in der Wagengestellung anlange, so sei daS Reich hierfür nicht zuständig. Artikel 43 spreche nur von der Fürsorge für die BetriebSficherheit. Aber die Eisenbahn* Verwaltungen seien gegenwärtig energisch bestrebt, da- Be­triebsmatertal zu vermehren- eS seien gegenwärtig große Bestellungen aufgegeb-n. D-r- Reich-etsenbahnamt sei jeden­falls pflichtmäßig bestrebt, Alles zu thuu, wozu es durch die ReichSverfaffuug berechtigt sei.

Abg. Graf Kanitz (cons.) fragt, ob die Frage unserer billigen Ausnahmetarife für inländische Kohle etwa neuerdings Gegenstand besonderer Verhandlungen mit England ge­wesen sei.

Abg. Gertsch (Soc.) äußert fich sehr abfällig über den Inhalt der kürzlich dem preußischen Abgeordnetenhause zu* gegangenen amtlichen Denkschrift über die Betriebssicherheit auf den prmßischrn Bahnen.

Geh. Rrg.-Rath Misani stellt in Abrede, daß, wie der Vorredner behauptet hatte, an der Unfallstelle bei dem Eisenbahnunfall bri Eschede der Oberbau nicht in gutem Zu­stande gewesen sei. .;W

Abg. Graf Stolberg (cons.) bemerkt, von der Reso­lutton dürfe man fich nichts versprechen, denn der Schwer­punkt der Sache liege ja doch in den Einzelstaaten. Ma­die Canäle anlange, so erkläre er, daß er kein unbedingter Gegner derselben sei.

Nächste Sitzung morgen 2 Uhr. Tagesordnung: Fort­setzung der Berathung de- Eisenbahnetats.

Schluß 5*/4 Uhr._________________

Deutsche» Reich»

Berlin, 28. Februar. Bei dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe findet heute Abend ein kleines parla­mentarisches Diner statt, zu welchem die drei Prä- fidenteu de- Abgeordnetenhauses, der Bicepräfident bei Herrenhauses und eine Anzahl von Reichstagsabgeordneten geladen find.

Berlin, 28. Februar. Wie dieNordd. Allg. Ztg." mittheilt, erhielt der hieflge griechische Gesandte gestern, noch ehe die amtliche Anzeige von dem auf den König ver­übten Attentat von diesem erstattet war, den Besuch bei LegationSsecretärS v. Humbracht, ber bie Glückwünsche bei Auswärtigen Amte- zur Errettung des König- Georg über­brachte. Nach erstatteter Anzeige erhielt der Gesandte den Besuch des Staatssecretär« Bülow. Im Laufe de- Tages erschienen sämmtliche Botschafter, der rusfische voran, die Gesandten, Minister und zahlreiche Mitglieder der Hofgesell« schast. Die Kaiserin Friedrich sandte ihre Glückwünsche durch bei Kammerherrn Grafen Keller.

St. Zsharm, 28. Februar. DaS 3. Bataillon des 70. Regiments hat über 300 Kranke, darunter etwa 130 Schwerkranke. Bis jetzt find hier 22 Sterbefälle vor- gekommen. Eine große Commtffion, darunter Generalarzt Eoler, Geheimrath Gerhard, DtvtfionSarzt Werner, Ober­stabsarzt Pfuhl, alle au- Berlin, und Generalarzt Lentze aus Coblenz find zur Untersuchung hier anwesend.

Leipzig, 28. Februar, vou v rschiedeneu Seiten werden Mittheilungen veröffentlicht, wonach tn naher Zukunft die

Da vergaß sich der eine dieser griechischen Ordensbrüder etwa gegen seinen obersten Vorgesetzten, den Patriarchen von Jerusalem eine Patriarchen-Beleidigung kam zu Stande; dem anderen krochen bei all' den strengen religiösen Uebungen in unbewachten Augenblicken revolutionär angehauchte Ideen in's Gehirn; der dritte entdeckte plötzlich, daß schöne Frauen­augen auch nicht zu verachten sind; ein vierter gerirth wohl gar auf die Bahn des Verbrechers. . . . Solch' schwere Schuld sie sühnt ein entsprechender Aufenthalt in Mar Saba. Darum die Verbannung nach dem weltvergeffenen Wüstenkloster, für Monate, für Jahre, für lebenslänglich.

Mein Esel hat sich nach einer gründlichen Conferenz mit fich selbst besonnen. Auf einmal trottet er fröhlich weiter, jetzt über spitzes, mit grauen Felsblöcken beladenes Steingeröll, dann vorüber an jäh abfallenden Abgründen, dann durch enge Schluchten, und immer unter brennender Sonne. . . . Nach mehrstündigem Ritt leuchtet mir Kloster Mar Saba entgegen, besten Kapellen und Häuserchen und Mauernischen und Zellen sich waghalsig den steilen Felsen hinabziehen, wie angeklebt an das röthliche Gestein-

Ich halte vor dem festgeschlostenen Eisenthor. Schwarz, gekleidete Mönche, welche oben von hohen Mauerzinnen schon längst nach uns einsamen Wüsttnreitern auslugten, lasten an langer Leine einen Korb herabbaumeln. Ich befrachte ihn mit meinem Einlaßgesuch, einem Empfehlungsschreiben vom griechischen Patriarchen in Jerusalem, und der Korb schwebt wieder in die Lüfte.

Während man drinnen das Schriftstück prüft, guck' ich mir die Umgebung an. . . . Auf sandigem Hügel außerhalb der Klostermauern erhebt sich ein mächtiger Thurm, welcher Frauen als Aufenthaltsort dient, falls sie ihre Männer bei einem Ausflug nach Mar Saba begleiten. Keine Treppe, nur eine dicke Leiter führt hinauf zum Eingang, und sind sie oben, die Schönen so wird bei Einbruch der Nacht die Leiter von einem außerhalb des Klosters wohnenden Diener weg« gezogen. O, die Gesetze sind gar streng in diesem Mar Saba. Als jetzt vor mir das Thor aufknirscht sogar mein Esel darf nicht die Klosterpforte passiren, weil e» ein weiblicher Esel ist. Er wird außerhalb der Mauer an einen Pfahl gebunden.

Durch ein Labyrinth von schmalen Wendeltreppen, um­mauerten Gängen, allerhand Wölbungen werde ich hinab auf einen kleinen Hof zu einem weißbärtigen Mönch geführt, der mir jovial die welke Hand entgegenstreckt. Wie ich ihn da vor mir sehe, ich halte ihn für einen Klosterdiener. Doch nein, er ist es selbst: Se. Hochehrwürden der Herr Prior. Freilich, seine schwarzgraue, hie und da grobgsflickte Kutte renommirt nicht gerade mit Salonfähigkeit. Wohl lange schon kam sein. Hemdenkragen mit keinem Wasser in Berühr­ung, und das geplatzte, weit abstehende Oberleder des linken Pantoffels will beim Dahinschlurfen nicht recht mitthun.

Oede, Schweigsamkeit, Verlastenheit ringsum. Nur manchmal von altersgrauen Gesimsen das Gurren der Tauben oder das übermüthige Gezwitscher glänzender, blauschwarzer Wüstenvögel, welche ganz zahm sind, so daß sie sich über die Felsschluchten herüber auf die ausgeftreckte Hand des Priors schwingen. f

Jetzt geleitet er mich auf eine kühnvorsprmgende, von hohen Eisengittern umzogene Terraste. Plötzlich schallen von tief unten, jenseits der Klostermauern rauhe Stimmen herauf. Ich beuge mich über das Geländer. In der rothsandigen, von starren Felsen umtrotzten Thalschlucht lagern auf Stein­blöcken verlumpte, banditenartige Beduinen. Alsbald entwickelt sich zwischen ihnen und dem Prior folgender Dialog:

He, Du da oben, kriegen wir heute aus Deinem Kloster etwas zu esten?"

Gern- aber ich muß erst die Vögel füttern."

Kommen wir nicht zuerst an die Reihe? Sind wir nicht bester als die Vögel?"

Nein, da seid Ihr im Jrrthum."

Man lotst mich in den hochgewölbten, lichtvollen, dürftig möblirten Empfangtzraum. Da ich von Jerusalem her in der Satteltasche meines Esels etwas Proviant transportirte, darf ich hier meine Reifeschätze zu einem frugalen Mittagsmahle auspacken. Doch auf dem großen, runden Tisch ruht das Weltreich einer beinahe fingerdicken Staubschicht, aus der sich unheimliche Krusten von erbeingesestenem Schmutz hervor­drängen! Ich säubere die Provinz einer Tischecke und laste mir's schmecken.

Später sehe ich verschiedene Mönche bei ihrem Diner.