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2.2.1898 Zweites Blatt
 
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Mittwoch den 2. Februar

1898

Nr. 27 Zweites Blatt.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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Amtlicher Therl.

Nr. 2 des ReichS-Gesetzblatts, ausgegeben dm 28. d. M., rnthält:

(Nr. 2440.) Gesetz, betr. die Controle del Reichs- Haushalt«, des LandeöhauShaltS von Elsaß Lothringen und -beS Haushalts der Schutzgebiete für das ElatSjahr 1897/98. Vom 22. Januar 1898.

(Nl. 2441 ) Bekanntmachung, betr. die dem intet# nationalen Uederetnkommen über den E srnbahafrachtverkehr beigefügte Liste. Vom 21. Januar 1898.

(Nr. 2442.) Bekanntmachung, betr. die Aufhebung der Neberemkunft zwischen dem Reiche und Großbritannien über den Schutz der Rechte au Werken der Literatur und Kunst. -Bom 22. Januar 1898.

Gießen, den 31. Januar 1898.

GroßherzvglicbeS Kreisamt Gießen.

v. Gaqern.

Allerlei von Hof und Hofgesellschaft, insbesondere vom Berliner Hofe, plaudert ein Anonymus i« dem neuesten Hefte derDeutschen Revue":

.... Das stabile Element der Berliner Hofgesellschaft setzt sich insoweit die Herren« und Damenwelt gemeinsam in Frage kommt im Wesentlichen zusammen aus wenigen landsässigen" fürstlichen Familien, einigen Familien von Staats# und zahlreichen solchen von Hofwürdenträgern, General- und Flügeladjutanten, sowie den jüngeren Offiziers# chepaaren dec Garde#Cavallerie-Regimenter. Erne größere Anzahl männlicher Einzelerscheinungen aus dem militärischen, amtlichen, politischen, künstlerischen, wisienschaftlichen Leben, deren Damen nicht hoffähig sind oder von ihrer Hoffähigkeit keinen Gebrauch machen können oder wollen und nicht zu vergesien die junge unbeweibte Garde, das heißt ein Regi­ment Hofballtänzer mit Epauletten vervollständigen das Bild. In diesem Bilde fehlen fast gänzlich und mit jedem Fahre mehr der Landadel im Allgemeinen und die großen Herren im Besonderen, welche regelmäßig im Winter in hauptstädtische Palais oder bescheidenere Miethswohnungen Anziehen. An ihrer Stelle erscheinen wohl Familien des hohen und kleinen Landadels am Berliner Hofe, für die

hierzu gerade eine besondere Veranlassung oder Gelegenheit vorliegt. Reichstag, Herrenhaus, Abgeordnetenhaus beispiels­weise haben das Bedürfniß, sich doch einmal am Hofe zu zeigen, der Wunsch der Töchter, doch einmalvorgestellt" zu werden, führt eine Anzahl Familien des Landes an den Hof, die aber, kaum warm geworden, wieder verschwinden, weil das Abgeordnetenmandat erloschen, die Tochter angebracht oder sitzen geblieben oder der Geldbeutel schonungsbedürftig ist. Sie verschwinden nach einem, zwei Wintern, um sich bisweilen in Decennien nicht wieder sehen zu lassen, ja um vielleicht erst in der nächsten Generation am Hofe wieder zu erstehen. Natürlich spielt die Geldfrage hierbei die Haupt­rolle. Selbst der über dem wirthschaftlichen Durchschnitt sichende Theil des preußischen Landadels ist kaum mehr in der Lage, einen regelmäßigen Winteraufenthalt in Berlin zu bestreiten. Die ganz vereinzelten Familien, die eigene Häuser besitzen, sehen sich gezwungen, sie zu vermiethen, auch wenn die Häuser zu Majoraten gehören. Die hohe Besteuerung der in erster Lage gelegenen Grundstücke, die eventuelle com- munale Doppelbesteuerung bei längerem Aufenthalt in der Stadt, der einen zweiten Wohnsitz begründet find ge­wichtige Momente, die vielfach selbst die begütertsten der in Preußen ansässigen Fürsten von Berlin fernhalten.

Zu dem fluctuirenden Element in der Berliner Hof­gesellschaft gehört weiterhin das einer steten Veränderung unterworfene diplomatische Corps, das, mit allen Angehörigen fast 200 Köpfe stark, im gesellschaftlichen Leben eine bedeutende Rolle spielt. Sind doch namentlich die Botschafter die zu erfinden bekanntlich Rapaleon III. sich bemüßigt fand zur Repräsentation verpflichtet, schon um die großen Ansprüche auf Rücksichten und Ehrungen, zu denen ihr außerordentlicher Rang sie berechtigt, der Gesellschaft annehmbar zu machen. Ihnen schließt sich ein kleiner Theil der zahlreichen Missions­chefs im Range der Gesandten an, je nachdem die Inhaber der Posten, bemittelt sind und deren Gemahlinnen gesellige Talente entwickeln.

Allerdings handelt cs sich da, wie überhaupt in Berlin, mehr um größere Einzelfeste wie es im Kleinen die Diners sind als um regelmäßige Vereinigungen der Gesellschaft oder von Theilen derselben. Es fehlt nicht an Diners und Bällen in Berlin, aber anSalons" fehlt es. Bälle namentlich mehr als genug! Bei Hofe, in der Diplomatie,

in der stabilen inländischen Gesellschaft, bei den heut zu Tage weniger stabilen Ministern ja selbst bei den nur vorüber­gehend auftretenden Familien; bei diesen mit Vorliebe in Hotels, seitdem die schon traditionell gewordenen Subscriptions- bälle imKaiserhof" die Hotelbälle beliebt machten! Die bequemste Art, sich einer Menge Verpflichtungen auf einmal zu entledigen, die beste Art, die eigenen Töchter etwas in den Vordergrund zu rücken und sie auf alle anderen Balle einladen zu lassen!

So lange die Ballmütter außerdem der Ansicht huldigen, daß ein Viertelhundert Bälle von ihren Töchtern abgetanzt werden müssen, daß die armen Dinger abgetanzt auch aus­sehen müssen, um ihre Leistungen und Erfolge in der Winter­campagne jedem ad oculus demonftriren zu können, so lange wird eben die Wintergesellschaft an dieser tyrannischen Balleinseitigkeit und damit angeistiger Oede und Leere" leiden wie der sehr gerechtfertigte und auch wohl übliche Ausdruck lautet; wenigstens las oder hörte ich ihn scho» irgendwo. Ce que femme veu.t es ist eben ein Ver- hängniß! Erst nach dem Fasching treten wieder die obligaten Bazars in ihr Recht, findet hier und da einmal eine Theater­aufführung statt, wird vielleicht auch etwas muficirt. Wer noch eine besondere gesellschaftliche Verpfltchtung fühlt, ladet zwei- bis dreimal mehr Menschen, als bequem Platz haben, zum 8routa ein, dem Wirthe und Gäste wie einem unver­meidlichen Nebel entgegengehen und den man schnell wieder flieht, nachdem manacte de presence gemacht wobei es allen Betheiligten zum Trost gereicht, daß dieseFeste" überall die gleichen und besonders in London so überfüllt sind, daß ein großer Theil der Gesellschaft auf der Treppe zu bleiben genöthigt ist. Getanzt wird übrigens auch jetzt noch, ebenso wie schon vor Weihnachten, glücklicherweise aber in diesen Perioden vereinzelter, weil die katholischen Familie» sich nicht betheiligen. Und doch gelingt's in der Hofgesell­schaft nicht gar so häufig, die ersehnte Verlobung zusammen- zutanzen wie denn überhaupt das, was man im Norde» ausgehen" und im Südenin die Welt gehen" nennt, weniger Verlobungen zeitigt, als gelegentliches Zusammen­kommen auf dem Lande oder in Bädern in gewisse» Bädern wenigstens, unter denen Norderney den unbestrtttene» Vorrang behauptet. . . .

.... Die gesellige Sitte entsteht nicht in Berlin, so»-

Feuilleton.

Ei» falsches Urlhrii.

Eine ungarische Gerichtsscene von Coloman Mtkszath.

Der Gerichtshof ragte. Draußen lagerte der Nebel über dem unförmigen Gebäude und schien es erdrücken zu wollen; et klebte an den Fenstern und verhüllte deren Eis­blumen. Eine dicke, erstickende Luft erfüllte den Sitzungß# saal. ES roch nach den Schafspelzen der Bauern und nach Schnaps. Der metallene Luftsauget in der obersten Fenster­scheibe drehte sich langsam, träge. Müden Blickes stützten die Richter sich mit den Rücken gegen die Stullehuen. Dieser schloß die Augen und ließ, auf das Federgekritzel des Schreibers horchend, eine Hand träge hinabfinken, jener zähnte und trommelte mit einem Bleistift auf dem grünen Tische. Der Präsident rückte die Brille auf die Nasenspitze und wischte seine feuchte Stirn ab. Seine kaltblickenden grauen Augen waren scharf auf die Thür geheftet, durch die die an dem eben beendeten Prozesse Betheiligten den Saal verließen.

»Noch Jemand da?" fragte er langsam und in wenig leutseligem Tone den GerichtSdiener.

@in Mädchen," antwortete dieser.

ES mag kommen."

Die Thür ging auf und daS Mädchen erschien.

Mit ihm weht ein frischer Luftzug in den Saal, fächelt sanft die Stirnen und Wangen und kitzelte die Augenlider der Anwesenden. Im nämlichen Augenblick schien ein Sonnen­strahl den dichten Neb.. zu durchdringen und durch die Eis­blumen der Fenster auf Wände und Möbeln del Grrichts- laaleS zu spielen. Ein hübsches Mädchen! Die pelzbesetzte, zestlckte Taille saß so glatt au dem schlanken, ebenmäßigen Körper wie an einem Stavdbilde. ES senkte die Blicke der schwarzen Augen zu Boden und faltete die große schöne Stirn. Seine Erscheinung war entzückend, die Bewegungen mmuthsvoll. DaS leichte Rauschen des gestärkten Kleider bezauberte Jedermann.

WaS gibt eS, Kiod?" fragte der Präsident kühl.

DaS Mädchen schob daS schwarze Tuch, daS seinen Kopf bedeckte, zurecht und antwortete mit einem tiefen Seufzer: Mein Anliegen ist traurig, sehr traurig."

Die sanfte und schmerzbewegte Stimme ging zu Herzen wie schöne Musik, welche, nachdem sie bereits verhallt ist, noch die Lust zu durchzittern und Jeden und Aller mit jhrem geheiwnißvollen Zauber zu bannen scheint. Die vorher so grämlichen Mienen der Richter erhellten sich etwas und schienen zur Erzählung des traurigen Anliegens freundlich aufzufordern.

Hier ist daS Schreiben," sagte daS Mädchen,eS wird alles besser sagen wie ich . . ." Doch eS muß daS Schreiben erst zum Borschein bringen, muß den obersten Haken der Taille öffnen und eS hervorholen. Der Haken ist abgerissen, zu Boden gefallen. DaS Mädchen bückt sich bescheiden, um ihn aufzuheben, wobei ihm das Schreiben ebenfalls entgleitet.

Der Präsident dreht ernst fein graues Haupt und greift mit feiner fleischigen Hand nach dem Schriftstück.Ein Urtheil," murmelte er, als seine Blicke darüberschweifen. Anna Bede soll heute eine sechsmonatige Gefängnißstrase antreten."

DaS Mädchen senkt traurig den Kopf, wobei daß schwarze Tuch sich verschiebt, ein dichter Haarzopf sich auflöst und ihm verhüllend über daS Gesicht fällt. Und das war gut fo. Verbarg doch die Haarfülle die Schamröthe, die der vor­herigen Bläffe des Gesichtes plötzlich gefolgt war.Wir bekamen es vor acht Tagen," stotterte daS Mädchen.Der Gerichtsdiener selbst brachte und erklärte uns. Und da sagte meine arme Mutter:Gehe, Kind, daß Gesetz ist Gesetz, und man sollS nicht leicht nehmen." Und nun bin ich da und möchte daS halbe Jahr absitzen."

Der Präsident wischt zweimal die Brille; fein kalter, unwirscher Blick schweift von den Mienen der AmtSgenoffen nach dem Fenster, dem Fußboden, dem großen eisernen Ofen, durch deffen durchbrochene Feuerthür ihm zwei glühende Augen entgegenstarren und er murmelt halb unbewußt:DaS

Gesetz ist Gesetz!" Dann liest er und liest abermals den Strafbefehl, daß Gkkritzel aus dem weißen Papier. Ja, da stedt klar und zweiselloß: Anna Bede ist wegen Hehlerei zu sechSmonatlicher Gesängnißhaft veru'theilt.

Der Luftfauger wird lebendiger, dreht sich plötzlich mit rasender Schnelle. Natürlich! ein kräftiger Windstoß außen ist ihm in die Flügel gefahren, macht selbst die Fenster erzittern und bläst durch die Ritzen, wie um die Anwesende» mit seinem Frosthauche einzuschüchtern:DaS Gesetz ist Gesetz 1"

DaS Haupt del Präsidenten neigt sich zustimmend vor dieser Stimme der Natur; er klingelt dem GerichtSdiener- Führen Sie Anna Bede zum Gesängnißinspector."

Der Mann nimmt daß Schriftstück, daß Mädchen kehrt stillschweigend um, doch seine rosigen Lippen zittern krampf­haft, alß ob nach Worten suchte.

Wünschest Du vielleicht noch etwaß zu sagen?"

Nichts, nichts! Nur ich bin Lisette, Lisette Bede, denn wissen Sie Anna ist meine Schwester. Sie ist tobt und schon acht Tage begraben."

Dann bist Du also gar nicht verurtheilt?"

Ach, gütiger Himmel, nein! Ich thue ja keiner Fliege ein Leid an. Weßhalb sollte ich denn verurtheilt werden?"

Ja, was willst Du dann aber hier, Du närrische» Kind?"

El nun wenn Sie erlauben weil Anna starb. war gerade, da der Proceß beim Ober-Appellhof war. Alß daß Schreiben kam, daß daß Urtheil bestätigt, lag Anna im Sarge. Ach! und wie hatte sie auf ben Außgang ge# wartet! Gut, daß sie ihn nicht erlebte. Denn darauf war sie nicht gefaßt" Thränrn trübten bet dieser Erinnerung beß Mädchenß Äugen, nur mit Mühe fuhr fort:Alß Anna tobt vor unß lag, da versprachen wir, meine Mutter und ich, ihr für alles Unrecht zu büßen, daß sie für ihre« Geliebten that. Ach! fie liebte ihn so sehr und hat sich seinetwegen vergangen, ohne zu ahnen. Wir haben als» gedacht--"

Waß denn, mein Kind?"