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Nr 256 Zweites Blatt Dienstag den 1. November
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Feuilleton.
Gießen, am 24. October 1898.
Betr. Herbst. Controlversarnmlungen.
Das Sroßherzogliche Kreisamt Gieße«
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Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche 1 Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen.
v. Bechrold.
Betauntmachavg.
Bei den diesjährigen Herbst - Controlversammlungen tm Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmelde- r»t Gießen gehörigen:
1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve (Anzug: Helm, Waffenrock, Achselstücke, Feldbinde, i lange Hosen oder hohe Stiefel beliebig, bet schlechter 1 Witterung Paletot).
2) Reservisten, sowie die zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlasienen aller Waffe».
3) Diejenigen, der Landwehr I. Aufgebots angehörigen ; Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbstcontrolversammlung zu- : gegangen ist.
Die Ersay-Rescrvisten haben bei der Herbstcontrol- - Versammlung nicht zu erscheinen.
Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Lontrolpflichtigen anzutreten haben:
A. Zu Gietzen
in Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Burk- hardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchel« heim, Klein-Linden, Oppenrod und zwar:
am 7. November 1898.
1. Appell Vormittags 9 Uhr
Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve
sowie sämmtlichc Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1891, 1892 und 1893 eingetreten find.
2. Appell Nachmittags 2 Uhr:
Sämmtlichc Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1894, 1895, 1896, 1897 und 1898 eingetreten find.
Am 8. November 1898.
1. Appell Vormittags 9 Uhr:
Sämmtlichc zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz «Behörden entlaßenen Mannschaften aller Waffen, sowie sämmtlichc Rcservistcn der Garde, Jäger, Cavallerie, Feld, und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn« und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts- und Beterinärpersonal, Büchsenmacher-Gehilfen, Oeconomie-Hand« werter, Marine-Mannschaften und alle übrigen im Reserve- Verhältniß stehenden Mannschaften.
2. Appell Nachmittags 2 Uhr :
für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang'Göns, Lechgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.
B. Zu Lollar
am 9. November 1898, Vormittags 8 Uhr 45 Minuten, ueben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit Heibertshausen, Großen - Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.
C. Zu Grünberg
am 10. November 1898,
Vormittags 9 Uhr 15 Minuten
am westlichen Ausgange auf der Straße nach Gießen für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Geils- Hausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neu« mühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle,
Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein«), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, ReinhardS- hain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit dem Hainerhof, Winnerod.
D. Zu Hungen am 11. November 1898, Vormittags 9 Uhr 30 Minuten, i an der Post für die Bewohner von: Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenhei« mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Nodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.
E. Zu Lich
am 11. November 1898, Nachmittags 3 Uhr in der Amtsgerichtsstraße für die Bewohner von Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher-Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Meder. Bessingen, Ober - Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.
Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch das Hauptmeldeamt) einzureichen und müssen durch die Bürgermeisterei bezw. bei Beamten durch die vorgesetzte Behörde beglaubigt fein, werden aber nur im dringendsten Rothsalle genehmigt.
Die Leute haben in bürgerlicher Kleidung zu erscheinen. Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher wegzulegen.
Die Militärpapiere (Paß und FührungSzeugniß) müssen zur Stelle sein.
Sämmtlichc Mannschaften stehen im Laufe des ganzen Controltages bis einschließlich Mitternacht unter dem Militärgesetz.
Gießen, den 19. October 1898.
Großherzogliches Bezirks-Commando.
Detring, Oberstlieutenant und Commandeur des Landwehrbezirk» Gießen.
Lerrilleton.
Die Wundermänner der Vergangenheit.
Don Ernst Vogel.
(Nachdruck verboten.)
Zu ollen Zeiten hat es Menschen gegeben, dir bei dem Volke entweder im Ruse besonderer Helligkeit oder besonderer lluheiligkeit standen. Beiden schrieb man merkwürdigerweise die Gabe zu, die Natvr vergewaltigen nnd willkürlich ia den exakten Gang der Dinge eingreisen zu können. Rur sollten die Heiligen ihre Wunder durch die Macht Gotte» und die llahellizeo ihre Thateu durch dir Macht de» Teusel» voll- dringen. Finden wir nua auch solchen Aberglauben erklärlich in einer Periode, welcher der Geist der Naturgesetze noch fremd und die von der Ueberzeuguug durchdrungen war, daß die Ramrerscheioungen die Ausflüsse eine» persönlichen Willen» leien, io muß e» an» um so merkwürdiger erscheinen, daß derartige ^Schwarzkünstler* selbst in einer Zeit, wo die Aufklärung und die Kenntniß der Naturkräste schon weit vorgeschritten war, noch zahlreiche Gläubige nnd Anhänger sanden. Der Grund hiersür liegt einmal darin, daß die Unwissenden zu allen Zeiten zahlreich find, und zweiten» darin, daß die Aufgeklärten leicht geneigt find, anzunehmen, die ihnen unnatürlich und wunderbar vorkommende Sache beruhe auf ihnen noch unbekannten natürlichen Ursachen. Dir können hiernach die sogenannten Wuadermänner in drei Specie» zergliedern: die erste bilden dir ernsten Forscher, welche dadurch, daß fie Mancherlei zu thun verstehen, wa» dir unwiffrude Menge nicht begreift, in den Raf der Schwarz. ISostlerei gerathen, die zweite bilden die bewußten Shar- lrtanr, meist intelligente, aber gewissenlose und entweder grunßsüchtige oder um eine ungewisse Existenz kämpfende Personen, welche in selbstsüchtiger und betrügettschrr Absicht Vie Menge irrrlriteu und ihre Thorheiten aulbiuten; die dritte umfaßt die zwischen beiden in der Mitte stehenden Leute, die zugleich Forscher nnd Eharlatane find, indem sie die Resultate ihrer Forschung aus Kosten der Dummheit de» Volke» benutzen oder fich mit dem Nimbus der Zauberei umgeben, um al» Höhere» zu erscheinen al» sie find.
Einer der berühmtesten Wundermänner, Hexenmeister und Schwarzkünstler aller Zeiten war Doctor Faust, dessen Namen Goethe in alle Welt getragen und unsterblich gemacht, wie er auch die Person de» sonderbaren Manne» mit eine« idealen Glorienschein umgeben hat. Aber nicht allein Goethe hat dem Reize dieser Persöuttchk-it nachgegeben, auch zahlreiche andere Dichter und Schriftsteller nahmen ihn zum Gegenstände ihrer «ehr oder weniger poetischen Schilderungen. Da» ist ein Beweis dasür, daß sein Bild tm Volke lebendig toor; und in der That find mancherlei Anzeichen dafür vorhanden, daß der wirkliche Faust ein berühmter oder wenigsten» berüchtigter Manu gewesen. Die Nachwelt (vor Allem Lessing und Goethe) erhob ihn zum Thpu» de» kühnen Forscher», der nicht nur nach umsaffenden Wissen strebt, son« deru auch den Grund der Dinge und den Zusammenhang der materiellen mit der geistigen Welt und der physischen Natur de» Menschen mit seiner geistigen erforschen will. Soweit wir berichtet find, entspricht da» Bild de» wirklichen Faust im großen Ganzen diesem Jsealporrrait aber nur, insoweit der Forschung»- und Wiffen»trirb de» Manne» in Frage kommt. Ein unanfechtbarer Ehrenmann scheint er nach der Uebertteferung nicht gewesen zu sein, doch darf «an wohl zu seinen Gunsten aanehmeu, daß er fich infolge de» unstäteo Leben», da» er führte, oftmal» in Noihlage befand, in der ihm nicht» andere» übrig blieb, al» seine tntellrctuelle Ueber- legenheit angemessen auSzunutzin. Manchmal mag ihm diese Gelegenheit oder Nothwendtgkeit von der dumwgläubtgen Masse geradezu ausgedrängt worden sein. Wie leicht man damal» geneigt war, derartige Streiche zu vergeben, zeigt uv» da» Volksbuch vom Schalk Eulenspiegel, dessen Schwänke noch unseren henttgen Begriffen osttual» die Grenze de» Zu« lässigen hart streifen, und die doch von der damaligen Welt mit Schmunzeln und Behagen erzählt wurden. So müffeu wir also Faust zur dritten der von uu» unterschiedenen Sprcie» zählen.
Der Wuudermann, der oft auch mit dem Erfinder oder Miterfinder der Buchdruckerkuust gleichen Namen» verwechselt wird, hieß mit dem Vornamen Johann und lebte am Ende des 15. und Anfänge de» 16. Jahrhundert». Nach den einen soll er zu Kaittltogen in Württemberg, nach anderen in dem längst verschwundenen Dorfe Roda bei Weimar und wieder
I nach anderen in Simmern bei Kreuznach geboren sein- letztere Annahme gilt al» die zutreffendste. Man gibt da» Jahr 1485 al» muthmahliche« Geburtsjahr an. Seine Eltern sollen einsache Bauersleute gewesen sein und der Knabe sich durch aufgeweckten Geist und gute Anlagen vor anderen seine» Alter» ausgezeichnet haben. Nach Grimm» Darstellung hatten die beschränkten Mittel der Eltern nicht erlaubt, den Knaben ftudtren zu lassen- da habe fich ein naher verwandter der Mutter, ein kinderloser, wohlhabender Bürger»maun in Wittenberg, de» hoffnungsvollen Knaben angenommen, ihn wie ein eigene» Kind erziehen nnd die dortige Schule besuchen laffen. Der Knabe habe auch in der That solche Fortschritte gemacht, daß er schon i« 16. Jahre die Uuiverfiiät Ingolstadt beziehen konnte, wo er Theologie studirte und nach drei Jahren zu« Magister promovirte. Diese» eine Fach habe ihm nicht genügt, er studirte Medicin und Jurisprudenz, aber nichts befriedigte vollkommen seinen Wissensdrang, weßhalb er fich schließlich auf Alchywie, Astrologie und Magie warf. Den „Speculirer" nannten ihn seine Freunde.
Da die Neigung der damaligen Zeit auf die zuletzt genannten Pseudowiffenschafteu hinging, so erscheint eS wohl erklärlich, daß auch ein armer Teusel wie Faust von der all« gemeinen Modekrankheit angesteckt wurde- ebenso natürlich ist eS, daß ihn seine Experimente bald in den Ruf der Zauberei brachten. Die Beschäftigung mit der Alchymie schon ver- führte zur Vorspiegelung geheimen Können», viele Alchymisteu wollten Adepten und im Befitz de» Steine» der Weisen sein. Dazu kam Faust'» vagireude Lebensweise. Heute an dieser Univerfität, morgen an jener lehrend, zog er unstät umher, indem er bald da, bald dort durch ein Experiment Aufsehen erregte und so naturgemäß eine weit größere Popularität erlangte, al» andere ähnliche Geister seiner Zeit. Nach der neueren Forschung erwarb er sich 1509 in Heidelberg da» Baccalaureat, auch soll ihn Franz von Sickingen zu« Schulmeister in Kreuznach gemacht haben. Später zog er in Deutschland herum, sein Leben auf alle mögliche Weise fristend, bi» er einer so aufreibenden Lebensweise in noch nicht sehr vorgerückten Jahren (etwa 1540) erlag. Ein Städtchen in Württemberg, wie e< heißt^Staufen, soll sein TodeSort sein. Sicher ist, daß fich Faust offen der Kunst der Zauberei rühmte und fein Wissen de» Oefteren zu betrügerischen Zwecken


