Nr. 307
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Zweites Blatt. Freitag den 31. Deeember
1897
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Bierttljährlg« *»tn*rat*UpctU >. 2 Mark 20 Ktt vrrngcrlayll. Durch btt Pag bezogt 2 Mark 60 Pf,.
Rebactien, tfftbittoa und Druckerei:
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Fnm^recher 61.
Anrts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.
>7^ ! Hratisbeitage: Hießmer AamikieuSlätter.
fo(|tnbnx Tag erscheinenden Nummer bt« von». IU uyr. I_______________________«J o rc _____
Extraorbiuarimn» schwanken zwischen 70 und 90 Millionen Mark. Auch wenn die kleinere Summe die richtige ist, würde das Etsenbahu-Extraordtvarium den Durchschnitt der einmaligen und außerordentlichen Ausgaben der Jahre 1892/93 bis 1896/97 um nahezu da» Dretsache, deu Durchschnitt be» vorhergehenden Lustrum» gar um da» Fünffache übersteigen. 6» ist denn auch mehr als wahrscheinlich, daß die dauernden Ausgaben in dem nächsten Etat beträchtlich höher zu bemeffeu sein werden al» tu dem laufenden. Daß die Zahl der etat»- wäßigen Stellen bei den mittleren und namentlich den unteren Beamtenklaffen sehr erheblich vermehrt werden soll, ist bekannt. Aber auch die Zahl des nicht etatSmäßig angestellteu Beamten- personal» und der Arbeiter wird höher einzustelleu und da» Steigen de» Arbeitslohnes zu berückfichtigen fein. Mit der Zunahme de» Verkehr» wachsen naturgemäß die unmittelbaren Ausgaben sür die Beförderung von Personen und Gütern entsprechend; da» Steigen der Preise der Materialien, namrnt- ltch der Kohlen, hat dieselbe Wirkung; der stärkere Verschleiß und die höheren Eisenpreise wirken sodann zu einer erheblichen Vermehrung des Bedarfs für die Unterhaltung und Erneuerung der Anlagen und de» rollenden Material» zu- fammeu.
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Berlin, 28. Deeember. Der neue Militäretat für 1898/99 steht eine Vermehrung der Offizterstellen um 88 vor. Bekanntlich ist die Zahl der Offiziere durch da» Gesetz über die FrtedeuSpräseuzstarke nicht festgelegt worden. Da» Gesetz bezieht fich nur auf die Gefreiten und Gemeinen. Nach Annahme der Militärvorlage im Jahre 1893 betrug im ersten, zur Ausführung derselben bestimmten ReichShauShaltSetat die Zahl der Osfiztere 22,584. Seitdem ist nach dem neuen Etat die Zahl der etat-mäßigen Offizierstelleu wiederum um 642, also auf" 23,176 angewachsen. Unabhängig von der Vermehrung der etat-mäßigen Stellen ist die Vermehrung der Kopfzahl de- Offiziercorp» infolge der Abnahme der Vacauzeu in den etatSmäßigen Lteuteoaut-stellen. Der neue Etat steht eine Vermehrung der Generale vor, und zwar zunächst bei der Eavallerie. Bisher gab e- nur zwei Cavallerte-Jnspec- teure. Auch diese Stellen sind vor nicht langer Zeit ge- schaffen worden, um für den MobilmachungSfall für die Grenzarmeecorps Befehlshaber von Eavallerte-Divifionen be-
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Die Mutter war, wie schon gesagt, eine schwache Frau, schwach gegen sich selbst und gegen den verwöhnte" Liebling, dem sie trotz großen pecuntären Verlusten, die sie ihrem Abgott übrigens ängstlich verschwieg, nicht» abzuschlagen vermochte.
Do «ar denn der finanzielle Ruin über sie eingebrocheu. AlS fie sich und ihren augebeteten Ralf der Noth iuud dem Elend preik^rgebcn sah, griff fie zum letzten Mittel der Frigen: fie schied sretwillig au» dem Leben. — Ihr letzter Warnruf galt dem Sohne: „Werde ander» wie Deine arme Mutter, werde ein Charakter."
Ralf stand allein, einsam, mittrllo», ohne jede Leben»- erfahruua, ja, selbst ohne einen Beruf mit neunzehn Jahren.
Ein körperlicher Fehler machte ihn von der Militärpflicht frei, doch waö nun? Wie sein Leben fristen, feine hohen Ansprüche an da» Dasein befriedigen? Ein weit- läufiger Verwandter bot ihm eine untergeordnete Stellung in seinem Comptoir au mit der Aussicht auf eine spätere ver- befferung seiner Lage.
Schroff tote» der Unerfahrene da- Anerbieten von der Hand. Er, der Verwöhnte, ein einfacher Comptoirtst, ein Eomptoirbockreiter! Nein, da hatte er doch andere Pläne. Zu keinem anderen Berufe fühlte er fich berufen und be- fähtgt, als zu dem eines Journalisten.
Da» war sein Ideal. In seine« neunzehnjährigen Kopfe wälzten fich große Gedanken, er trug fich mit großen Planen. Ein Buch wollte er schreiben, ein Buch, da» die Aufmerksamkeit der ganzen W.lt auf sich, auf den aufgehenden Stern am literarischen Himmel lenken sollte.
Mit dem letzten kleinen Rest au» dem mütterlichen Nachlaß miethete er fich eine comfortable Gar?onwohnung, kaufte fich einen Schreibtisch, Stöße von Papier und begab sich au die Arbeit.
Er hatte Talent, ein schöne» Talem, da» nur der Pflege und einer führenden Hand bedurfte, um «ehr als ein Ta ent zu werden. Doch beides fehlte ihm. Der Beut«» Talent verhüllte bald fein Angeficht und zog fich »ehr und »ehr zurück vor dem Dämon Größenwahn.
Ralf schrieb einen socialen Roman. In ih« wimmelte e» von unklaren Gedanken, verrieth fich der ganze Gährnng»-
Bon
ver preußischen Eisenbahn-Verwaltung.
veachteu-werthe Andeutungen über Abfichten und Pläne der preußischen Eisenbahn-Verwaltung, die, wenn fie fich be- stütigen, nicht nur den kommenden Etat wesentlich beetvfluffeu, sondern auch für Handel und Industrie eingreifende Wichtig- leit haben würden, finden fich in einem Artikel de» vielfach zu insptrirteu Mittheilungen benutzten „Hamburger Cor- respoudent". Da» Blatt schreibt:
Die Erfahrungen in dem Eisenbahnbetriebe der letzten Monate weisen nachdrücklich darauf hin, daß die stehenden Anlagen und die Betriebsmittel der Bahnen den wachsenden Bedürfuiffeu be» steigenden Verkehrs so rasch wie möglich angepaßt werden müffev. Ein Theil der Bahnhof»- und GeleiSaulageu der Vtaat-bahnen reicht offenbar zu einer völlig betrieb»stcheren Bewältigung namentlich be» Güter- verkehr» nicht mehr au», und der Wagenmangel ist trotz der starken Vermehrung de» Fuhrpark» in den letzten Jahren noch niemals so groß gewesen wie in dem letzten Herbste. Schon der laufende Etat fieht ungewöhnlich hohe Ausgaben für die Erweiterung der stehenden Anlagen und für die Anschaffung neuer Güterwagen vor. Der Nachtragsetat enthielt insbesondere einige erste Raten für größere Bahnhofsbauten. I« nächsten Etat müssen und werden zweifelsohne für alle diese Zwecke noch sehr viel erheblichere Mittel bereitgestellt werden. Die Angaben über den Gesammtbetrag de» Eisenbahn-
reit zu haben. Jetzt aber scheint ein Weiteres beabsichtigt: man erhöht die Zahl der Cavallerie-Jnspecteure von zwei auf vier und schafft noch die neue Stelle eine» General-Jnspec- teur» der Eavallerie mit den Bezügen eine» commandirenden Generals. Begründet wird die neue Stelle in einer Bemerkung mit de« Jntereffe der Einheitlichkeit in der Ausbildung der Eavallerie und der Herbeiführung einer dringend wünschenSwerthen Entlastung de» KrtegSministeriumS, da dem Geueraltuspecteur außer deu vier Inspektionen auch da» Mtlitär-Reitiustitut und da» Militär-BeteriuSrwesen unter- stellt werden sollen.
vermischte».
* Xelegraphirle Bilder. Als das Telephon seinen Ein- zug in die Welt hielt, die menschliche Stimme, auf meilen- weite Distanzen vernehmbar machte, und ebenso, als der Phonograph erfunden wurde, der es ermöglicht, das gesprochene und gesungene Wort aufzubewahren, bis man es vernehmen will, als diese beiden modernen Wunder der Physik allgemein bekannt wurden, erweckten sie auch schon den Wunsch, e» möge ein gleiches optisches Hülfsmittel geschaffen werden, das Bilder ferner Gegenstände und ©eenen dem Auge übermittelt. Es ist nun gelungen, ein solches Hülfsmittel aut- sindig zu machen, wenngleich nicht in der Att, daß man mit Hülfe des electrischen Drahtes sehen kann; es ist aber durch die neue Erfindung ermöglicht, Photographien auf elektrischem Wege zu übertragen und davon sogar für den Druck «r- wendbare Platten Herstellen zu können. Der Erfinder, N. S. Amstutz, ein Mechaniker in Cleveland (Ohio) hat mit seinem Electro-Artographen, deffen Einrichtung in Manchem an den Phonographen erinnert, dies zu Stande gebracht. Es wird vom Negativ einer Photographie ein Clichs her- gestellt, indem man daffelbe auf chemisch präparitte (Mahne bringt und dem Lichte aussetzt, wodurch man nach entsprechender Behandlung der Gelatine ein Reliefbild erhält. Dieses wird nun auf die Rolle des Uebertragungs - Apparates gebracht, der in ähnlicher Weise wie beim Phonographen die Erhabenheiten und Vertiefungen des Clichss einem Wachsoder Gelatine-Cylinder in dem mit ihm telegraphisch verbundenen Empfangs-Apparate übermittelt. Von diesem Cy- linder läßt sich sodann eine druckfertige Platte des photo- graphischen Bildes Herstellen.
Amtlicher TheU.
y Hx. 54 be» ReichD-GesetzblattS, auSgkgeben ben 24. b. M., enthält:
(Hx. 2486.) Bekanntmachung, betreffend die dem iuter- nationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügte Liste, vom 18. Deeember 1897.
(Nr. 2437.) Bekanntmachung, betreffend die wechsel- fettige Befreiung der Angehörigen de» Deutschen Reich» und Oesterreich» von der ihnen al» Ausländern in bürgerlichen «echt-strettigkeiten obliegenden Verpflichtung zur Sicherheit»- letstung für die Prozeßkosten. Vom 23. December 1897.
Gießen, den 29. December 1897.
Grobherzogliche» Kreis amt Gießen.
v. Gagern.
prozeß, in dem der junge Schöpfer selbst stand und zum Unglück oder Glück war diese Fretgetsterei nicht einmal ächt, nur >6on der Augenblicksstimmung de» jählings au» allen Himmeln eines sorgenfreien, genußreichen Leben» Geriffeven geboren.j
Ralf schilderte in den kraffesten, schwärzesten Farben. Wäre er ein Maler gewesen, er hätte Triumphe bet den Secesfionisten gefeiert.
Der Roman war fertig. Sein Antor wandte fich an eine der größten Zeitschriften. Er wartete mit fieberhafter Ungeduld auf den baldigst erbetenen Bescheid. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Fünf Wochen.wartete er vergeben». Endlich schrieb er an die Redactton, um fich und fein Werk in Erinnerung zu bringen. Jetzt erhielt er umgehend eine Antwort. Sein Roman wurde ihm mit verbindlichstem Danke retournirt.
Im ersten Augenblick war er wie vor den Kopf geschlagen. Sein Roman zurück, zurück ohne ein einzige» er* muthtgendeS Wort! Undenkbar und doch grausame Wahrheit!
Judeffeu verzwetfette er noch keineswegs au fich und seiner Kunst- er sandte sein Schmerzenskind an eine andere Redaction. Diesmal hielt er e» schon nach drei Tagen wieder in den Händen. r , ,
Eine wahre Wuth überkam ihn gegen seine Widersacher, wie er die ahnungslosen Redacteure betitelte, gegen sich und sein Pech, gegen die ganze Welt. Dennoch versuchte er eS zum dritten Male mit einer geringeren Zeitschrift und machte sich in der Zett de» Warten» an seine zweite Arbeit. Sr bestieg den Pegasu». Die Arbeit ging ihm flott von der Hand, die Verse fioffen ihm nur so au» der Feder und er begeisterte fich selbst darin, suchte bei dieser seiner zwetten Schöpfung, die er an Werth noch über die erste stellte, Zerstreuung und Bergeffen, denn die Sorgen drückten ihn, die letzte WohnungSmiethe war noch nicht beglichen, im Restaurant, wo er zu Mittag aß, stand sein Name auf der Schuldner- liste — ach, nur nicht denken, nur nicht denken, — da» war ja alle» nur ein vorübergehender Nothstand, e» mußte fich ja noch alle» zu« Guten wenden, wenn er erst berühmt war, wenn sein Roman rot erst die Goldgneven eröffnet hatte.
(Schluß folgt.)
Feuilleton.
Erlöst.
Sine Neujahrsskizze von O. Czilinsky.
(Nachdruck verboten.)
KO. Thauwetter. ES tropfte von den Bäumen, eS tropfte von den Dachrinnen herab und plätscherte hoch auf» spritzend auf die vom aufgtthauten Schnee schlickig und schlüpfrig gewordenen Fliesen de» Bürg steig». Ein feiner Sprühregen machte fich obendrein nicht eben angenehm bemerkbar. L .
So kam e», daß heute am Sylvesterabend nur dann und wann ein heiserer Ruf aus eines Trunkenbold- Kehle erflang, ein Schuß durch die Nacht krache. Alle» suchte den Schutz de» eigenen Heim» oder der Schänke.
Wie aus einer fernen Welt hallten die vereinzeludea Borfreudenbezeugungen, dem einztehenden Jahre dargrbracht. an das Ohr de» einsamen jungen Manne- hier oben im Mausardenstübchen de» vierten Stocke,.
Den von wirren langen Haaren bedeckten Kopf in beide Hände vergraben, die tiefliegenden Augen unvertoandt mit tine« getsteSabwesenden Au-drnck in eine Ecke be» kahlen, schlecht^gtheizteu Kämmerchen- gerichtet, so saß Ralf Holm unbeweglich wie eine Statue da. Nicht» andere» regte fich an ihm, al» bi-wetlen die blutlosen Lippen.
Sie sprachen nicht, diese Lippen, fie verzerrten fich nur »um Aufing eines bitteren Lächeln». Die ganze Qual, die ue jungen smenftSen »“ di°f--> Jamm.,«-f-n gemacht haben m»ch!e, lag in diesem LLchein. E« war ein ««blick, liefe» Geschöpf stampf dasitzen ,n sehen «^ Adabei ba» Bild be» einst kraftvollen Jüngling» tu» Gedächtniß
vier Jahren «ar Ralf Heim der vergS.ter-e Liebling der jung verwittweten, schwachen Mutter, war er ein Schooßkinb be» Glücke» gewesen, verwöhnt, verzärtelt, 'er.°« s° ha.« ih° der »erlast seiner gmen Mal.« der seine» ganzen vermögen» unb bamit bte Einbuße ^ergesellschaft'lichen Stellung wie ein Blitz au. heitere« Himmel getroffen.


