Nr. 28t Zweites Blatt. Dienstag den 30 November
1897
Der Giegener >*|rte<t erscheint täglich, ■tit Ausnahme bei Montags.
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Nr. 50 de- Reich--Gesetzblatts, auSgegebeu am 25. d. M., enthält:
(Nr. 2431.) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung der Anlage B zur Verkehrs-Ordnung für die Eisenbahnen Deutschlands. Vom 22. November 1897.
(Nr. 2432.) Bekanntmachung, betreffend die dem internationalen Ueberetnkommeu über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügte Liste. Vom 22. November 1897.
Gießen, am 29. November 1897.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Der-tsche» Seid?»
Bttltw, 27. November. Ein Pariser Blatt hatte kürzlich behauptet, der deutsche Kaiser hätte seiner Zett vor Fällung des kriegsgerichtlichen Spruche- gegen Dreyfu- in einem etgenhändtgea Schreiben au den damaligen Präsidenten der franzöfischeu Republik Fürsprache zu Gunsten Dreyfu- etngelegt. Diese Behauptung ist, wie die „Nordd. Allgem. Ztg* versichern kann, vollständig unbegründet. Der Kaiser hat überhaupt niemals über diese Angelegenheit einen Brief geschrieben.
Berlin, 27. November. Da- in der Prrffe vielfach besprochene französische Bach „Wilhelm II.* ist in den hiesigen Buchhandlungen wegen grober Entstellungen und Verächtlichmachung der höchsten Retch-beamteu confiScirt worden.
Berlin, 27. November. Halbamtlich wird der Inhalt der neuen Marinevorlage publictrt. Damit wird die gesetzliche Regelung der Flotteustärke und die Herstellung der erforderlichen Neubauten vorliegen. Die künftige Gesammt- stärke der Marine soll 19 Hochseepaozer, 8 Küstrupanzer und 42 Kreuzer betragen. Infolge dessen soll die Flotte um 5 Hochseepauzer und 9 Kreuzer vermehrt werden. Die Mehrkosten werden 175 Millionen betragen. E- wird eine siebenjährige Bauzeit gefordert, während welcher der Marine- etat von 115 auf 150 Millionen steigt. Die Deckung der Kosten erfolgt au- den lausenden Einnahmen uud kleinen Anleihen. Neue Steuern und größere Anleihen find nicht nöthig.
Berlin, 27. November. In der Expedition und Redaction de- Kladderadatsch erschienen heule Vormittag Lrtmtual- beamte unter Führung eine- Wachtmeisters und erklärten die Beschlagnahme de- Hauptdlatre» der soeben erschienenen Nummer auf Grund telephonisch dem Polizei- Präsidium übermittelten BeschluffeS des Amtsgerichts I. Die
Beamten entfernten von den Vorgefundenen Exemplaren den beschlagnahmten Bogen uud nahmen ihu gegen Quittung mit sich. Gleichzeitig wurden die tu den Zeituag-ktoSkeu usw. Vorgefundenen Exemplare des Blatte- confiScirt. Anlaß zu der Beschlagnahme hat eine Illustration auf der letzten Seite der Nummer gegeben. Da- Bild beschäftigt sich mit der viel besprochenen Rede des Kaisers an die Rekruten und zeigt unter dem Titel: „Au- dem Lager der himmlischen Heer- schaaren* Friedrich den Großen, Napoleon I., Alexander den Großen und Leonidas, welche au- der Zeitung von dem Inhalt der Rede Kennrotß nehmen.
Berlin, 27. November. Der „ReichSanzeiger* veröffentlicht die Verleihung de- Rotheu Adlerordens erster Klaffe mit Eichenlaub an den bisherigen Unterstaat-secretär im Rrtchspostawt Br. Fischer.
Arrsla«-.
Wien, 27. November. Die Blätter find erstaunt über die gestrigen zahlreichen Coofi-catioueu und constatireu heute lediglich die allseitige große Erregung aller Bevölke- rungSschichteu wegen der gestrigen Vorgänge im Parlament. Die „Arbeiter Zeitung* und das antisemitische „Deutsche BolkSblatt* fällen ein scharfe- Urthetl über die Regierung und das Parlameut-.Präfidium. Blättermeldungen zufolge hat der Präfideot des Abgeordnetenhauses gegen mehrere Abgeordnete die Strafanzeige wegen Störung der Verhandlungen von BerathungSkörpern bet der Staatsanwaltschaft erstattet. Der christlich-soziale Bürgerclub beschloß tu seiner gestern Abend abgehaltenen Sitzung, seine tiefste Mißbilligung über das Vorgehen der Regierung und de- Parlameut-- präfidtum- sowie über die Lhätigkeit der durch Wiener Steuergelder bezahlten Sicherheit-wache im Parlament und den von der Regierung begangenen Verfaffuug-bruch au-zu- sprechen und sich mit den übrigen deutschen Opposition-- Parteien wegen gemeinsamen Vorgehens in Verbindung zu setzen.
Wie», 27. November. Lange vor Beginn der heutigen AbgeordnetenhauSfitzuvg waren Parlament- , ReichSrathS- und Univerfität-grbäude von dichten Menschenmengen umlagert. Sin starke- Polizei. Aufgebo t mußte wiederholt einschreiten, wobei viele Verhaftungen vorgenommrn wurden. Als Präsi- deut Abrahamovtcz um 10 Uhr 20 Miu. die Sitzung eröffnete, empfiag ihn die Linke mit anhaltendem Pfui- uud HmauSrufen. Biele Abgeordneten der Linken sammelten sich vor dem Ministertisch an und eS entstand sofort wieder ein fürchterlicher Lärm, sodaß der Präsident die Sitzung auf 20 Minuten vertagte. Während dieser Pause erschien der ausgeschloffene Abgeordnete Wolff im Saale, wurde aber von der Polizeiwache sofort verhaftet und auf da- Polizeipräsidium geführt. Nach Wiederaufnahme der Sitzung setzte sich
der Spectakel dergestalt fort, daß Präsident Abrahamovicz sich veranlaßt sah, die Sitzung um 11 Uhr 35 Min. endgültig zu schließen. Die nächste Sitzung wird voraussichtlich am Dienstag ftattfindeu. Mittags fand beim Univerfitäts- grbäude ein heftiger Zusammenstoß zwischen Studenten uud Polizei statt, wobei letztere von der blanken Waffe Gebrauch machte.
Eger, 27. November. Hier sanden gestern Abend große nationale Demonstrationen wegen der Vorgänge im Wiener Parlament statt. Unter Absiugung des Liedes „Die Wacht am Rhein* durchzogen große Menschenmaffeu die Stadt, doch find Ausschreitungen nicht vorgekommen.
London, 27. November. Ein heftiger Orkan wüthere gestern in Madras und Umgegend und hat einen großen Schaden angerichtet.
Konstantinopel, 27. November. Die FriedenScou- ferenz hat gestern beschloffrn, daß die rechtlichen Beziehungen zwischen den Hellenen und Muhamedanern gleich dem türkisch.serbischen Uebereinkommen von 1890 geregelt wird.
Madrid, 27. November. Die Decrete über die Autonomie find auS drei Artikeln zusammengesetzt. Die auf den Antillen wohnenden Spanier können dieselben Rechte genießen, wie die in Spanien selbst lebenden. Spezialgesetze werden in Euba uud Portorico die einzelnen Punkte regeln. In KriegSzeiten wird auf den Antillen sowie in Spanien Art. 17 der Verfassung in Kraft treten. Der Lolonialminister wird die Entscheidung des ColonialgouverneurS prüfen, um gemäß der Berfaffung zu halten.
Madrid, 27. November. AuS Havanna wird gemeldet, daß 204 aufständische Führer fich uu te rw o rf en haben. Der Generalcopitän der Philippinen meldet ferner, daß die aufständigen Führer beschlossen haben, in ihre Provinzen zurückzukehren und den Krieg au^ugeben.
Vermischtes.
• Um feiner Frau einen Schreck einzujagen — so wird auS Frauksurt a. O. geschrieben — steckte ein Mann seinen Kopf durch die Schlinge eine- Stricke-, den er an einer Laube befestigt hatte. DaS Unglück wollte eS, daß fich die Schlinge zuzog und der lrichtfinnige Mann auS feiner Lage fich nicht mehr befreien konnte. Al- Leute hinzukamen, war er schon t o d t.
Univerfitäts - Nachrichte«.
— Berlin. Dr. KarlFrentze, der langjährige Redacteur der „Nationalitg.*, der in den nächsten Tagen seinen 70. Geburtstag feiert, wird den Professor-Titel erhalten. — Als Nachfolger Heiden- hainS auf den Lehrstuhl für Physiologie an der Univtfität BreS- lau ist von der Facultät in erster Linie Prof. Koffel in Marburg vorgeschlagen. — Der Geh. Mcdicinalrath Dr. Bernhard Fränkel, der Laryngologe, ist zum ordentlichen Honorar-Profeffor an der hiesigen Universität ernannt worden.
Feuilleton.
Das Tüpfelchen auf dem L
Von E. Ritter.
(Schluß.)
Flüchtig, oberflächlich, dabet Hang zur Grausamkeit, dawar zu viel! — Gründlich steht in den nächsten Tagen Qualen aus. Ob er nicht am besten thut, daS Nachbarhaus nicht wieder zu betreten? Die Privatstunden unter irgend einem Vorwande abzubrechen? Aber daS wäre unverantwortlich gegen Fritz gehandelt, nein, er kann den Jungen nicht im Glich laffeu uud dann — ein holde- Angesicht stehl vor ihm Tag und Nacht — selbst daS Tüpfelchen auf dem t vermag- nicht ganz zu entstellen.
S'u entsetzlicher Zustand bis zum SamStag Nachmittag um 6 Uhr- da muß er wieder zur Stunde in- Nachbarhaus. Gr geht mit bösem Gewissen- es ist eigentlich doch nicht in der Ordnung, daß er auf so hinterlistige Weise fich in den Besitz de» RecepteS gesetzt und das Innere des Mädchens, welche- er, — ja, welches er liebt, trotz allem ergründet hat. Wenn sie eS wüßte! Aber nunmehr ist'» einerlei, eS ist ja alles au»! — DaS Dienstmädchen begegnet dem in schweren Gedanken Versunkenen auf der Dieppe.
„Gehen Sie nur hinein, Herr Doctor, Fritz ist noch »Echt zu Hause, aber er muß gleich kommen. Die FlurthÜr ist offen, Sie brauchen nicht zu schellen.*
Und Gründlich steht im Flur. Die Thür zum Wohn« z'snmer ist nur angelehnt, er hört lautes Sprechen — Magdas Stimme.
Aber nicht fröhlich und lachend wie sonst, nein, sehr |
ernsthaft: „Siehst Du, Mox, wenn ich nicht das Exercitium selbst mit Dir durchgegangen hätte, Wort für Wort, wenn ich nicht wüßte, daß Du all die vielen Fehler nur in der Reinschrift aus Flüchtigkeit gemacht, dann würde ich nicht schelten, aber so — Flüchtigkeit ist mir verhaßt, und damit Du es merkst, wirft Du morgen Hausarrest haben und heute Abend auf Deinem Zimmer allein effen. Es thut mir leid, daß ich Dich strafen muß, ober ich habe Dich schon so oft ermahnt, ernsthafter in Demen Pflichten zu werden. Wer nicht hören will, muß fühlen.*
„Ach — mit Deiner Ernsthaftigkeit — Du bist ja selbst immer lustig und fidel, Magda, und —"
„Gewiß, das bin ich, mein Junge, aber wo es fich um Pflichten handelt, muß man auch ernsthaft sein können, wie gesagt, rs thut mir leid, aber es bleibt bei de«, waS ich gesagt. Nun geh in» Nebenzimmer.*
Gründlich steht wie verzaubert, er glaubt zu träumen. Da- Tüpfelchen auf dem i verschwindet plötzlich in unerreichbarer Ferne, — er lacht ihm noch in Gedanken nach. „Grau, Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens golduer Baum!* Und nun ins Zimmer - da steht Magda noch mit „grausamer* Erziehermiene, die sich aber aushellt, als sie Gründlich erblickte.
Was die Beiden in den nächsten paar Minuten miteinander gesprochen, das hat Niemand gehört, aber e- gab an dem Abend eine fröhliche Verlobung bei Gerichtsraths.
Nicht lange nach Pfingsten reiste der glückliche Bräutigam für einige Tage zu feiner Schwester, die inzwischen mit dem Gatten von der Riviera zurückgekehrt. Da erhielt er den ersten Brief seiner Braut. Zum ersteumale wieder sollten ihm die ominösen i'S vor Ange treten. Aber was war daS? Welche- Wunder! Das war ja eine ganz andere Handschrift als das Recept. Auch keine sehr vertrauenerweckende, aber
। doch flogen die Tüpfelchen auf den i'S nicht ganz so weit ■ fort und von den GransamkeitSlinien war nicht- zu entdecken.
Immerhin jedoch, der Handschrift zuliebe würde er Magda nicht genommen haben. Wenn er aber daran dachte, daß er um einer fremden Handschrift willen fast um sein Lebensglück gekommen wäre! Ja, Gründlich, man kann auch zu gründlich fein.
Al» er zurückkehrte, brachte er auf allerlei Umwegen die Rede auf daS Recept.
„Da- hattest Du doch nicht geschrieben, Magdchen?* fragte er scheinbar harmlos.
„Ach nein, weißt Du, ich hatte es von einer Freundin, von Meta Herder, bekommen, Du kennst fie ja — fie ist immer so gesällig, da- gute Ding — und eS lag noch in meinem Receptlmch, in welches ich e» bereit- eingetragen, — ich bin darin sehr pünktlich. Du erhieltest das Original, ich backte nicht, daß Du Werth auf ein Autogramm von mir legen könntest."
„Nun, darauf kam e- mir auch nicht an (o Mustermensch I) nur auf Kuchen."
„So, nun wart, morgen sollst Du wieder einen haben, weil Du ihn so gern magst, Schatz!*
Der „liebe Schatz" macht eine saure Miene und nimmt fich vor, später einmal, wenn Magda erst feine Frau fein würde, ihr die Geschichte mit dem Tüpfelchen auf dem i zu beichten. Vorerst will er aber lieber davon schweigen, aber sein ganze- Lebenlang kann er fich doch unmöglich mit de« „guten Ani-kuchen* sültrrn laffeu, selbst 'nicht ihr zuliebe, die ihm der Inbegriff alle- Schönen und Guten ist.
Mit Graphologie hat der Oberlehrer Dr. Gründlich fich nicht «ehr beschäftigt.


