Nr. 125
Der
$l4ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener
I»«milien ökäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegk.
Zweites Blatt. Sormtag den 30. Mai
1897
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Vierteljähriger Avounementspreisr 2 Marl 20 Pfg. mit Lringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Marl 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchutstrahe Ar.7.
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Aints- A rzeigeblatt für den Tkveis Giefzen.
«nn-dm- o°n R-chmilwgr fir d-, (tlioGottCY R'.rttntfifttfifÄf»nnonc-n-Bur-ous be» In- und n^m
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. IO Uhr. UUy C. ^TUmilltrllVlUlllle Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
können, auch haben sich dieselben darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen, den Ladungen entsprechend, eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle sind.
Gießen, am 29. Mai 1897.
Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
der Rudergesellschaft betrachtet das Rudern als gesunde, kräftigende Hebung für die in der Entwickelung begriffenen jungen Leute und verwirft aus practifchen und pädagogischen
Dr. Wal lau.
Aintliche* Lyell.
Bekanntmachung, betreffend: das Ober-Ersatzgeschäft für 1897. Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1897 wird im Kreise Gießen
DieuStag den 15. Juni im Rathhause zu Lieh, Vor
mittags 8 Uhr,
Mittwoch den 16. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, Freitag den 18. Juni in der Restauration „Zum Lonyß
Bierkeller", Westanlage, zu Gießen,Vormittags 8 Uhr, Gamstag den 19. Juni daselblt, Vormittags 8 Uhr, Montag den 21. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, Dienstag den 22. Juni im Gasthaus „Zum Rappen" zu Grünberg, Vormittags 8 Uhr, stattfinden.
Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie- Brigade in sämwtlichen Aushebungsorten zu ge- stellen:
a. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflichtigen, soweit denselben eine besondere Ladung zugeht;
b. die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen ;
c. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen ;
d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen;
e. die von den Truppentheilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlaßenen Soldaten;
f. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.
Den Großherzoglichen Bürgermeistereien werden beson- bere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 5 Tagen anzuzeigen. Die Militärpflichtigen sind außerdem anzuweisen, ihre Loosungsscheine mit zur Stelle zu bringen.
Die zur Beurteilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.
Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz-Geschäfte bis zum Schluß des gesammten Geschäfts selbst anwesend zu sein, um bei der Untersuchung von Felddienstuntauglichen sowie Invaliden ev. Auskunft geben zu
Localer und Provinzielles.
Gieße«, den 29. Mai 1897.
** 20. Deutscher Fleischer Verbandstag. Der Deutsche Fleischer-Verband gehört anerkanntermaßen zu den größten Jnnungsveretnigungen Deutschlands. Derselbe umfaßt zur Zett 931 Jnrungen mit 25651 Mitgliedern. Etn- getheilt in 22 BezirkSveretne und eine Anzahl von Innungen, welche vermöge des Zusammenwirkens verschiedener Umstände eine Ausnahmestellung einnehmen. Die Berbandsrhätigkeit auf den vielen Gebieten des gewerblichen Lebens und auf dem so weit verzweigten Felde des JnnungslebenS und Jnnungswesens hat zu den erfreulichsten Erfolgen geführt. In den Tagen am 23. und 24. Juni d. I. wird nun dieser Verband den 20. Verbandstag während seines 22jährigen Bestehens in Leipzig abhalten. Der Tagesordnung dieser BerbandStage und deren Beschlüffe ist stets ein allgemeines Jntereffe entgegengebracht worden, da es sich meistens nicht um rein gewerbliche Jntereffenfragen auf diesen Verbandstagen handelt, sondern um Angelegenheiten und Fragen, welche für die Gesammtinteresien des Publikums von Bedeutung und Wichtigkeit find. Mit diesem BerbandStage wird eine Ausstellung von Maschinen, Werkzeugen und Gerätheu zum Betriebe der Fleischerei und Wurstmacherei verbunden sein. Jede weitere Auskunft ertheilt und jede Anfrage beantwortet gern in sachgemäßester Weise die Redaction der „Deutschen Fleischer Zeitung" (Alleiniges Amtliches Organ des Deutschen Fleischer - Verbandes), Berlin, Wilhelm- straße 119/120.
Ruder-Kurse für Schüler. Der zur Zeit allenthalben auf den höheren Schulen Deutschlands in Aufschwung gekommene Rudersport veranlaßte die Rudergesellschaft „Undine" in Offenbach, der Frage näher zu treten, ob die Einführung des Ruderns sich nicht auch für die höheren Schulen Offenbachs empfehle. Der Vorstand genannter Gesellschaft hat bei den Directoren der Offenbacher Schulen bereits lt. „Offenb. Ztg." diesbezügliche Schritte unternommen. An dem Rudern können sich im Einverständniß mit Eltern und Lehrern nur solche Schüler betheiligen, welche im laufenden Kalenderjahr da« 15. Lebensjahr erreichen oder bereits erreicht haben und die erforderliche Körperconftitution besitzen. Die angemeldeten Schüler müßen des Schwimmens kundig fein und werden vor und während der Rudersaison durch einen Arzt der Gesellschaft untersucht. Der Vorstand
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Gründen vollständig das Rennrudern.
•* eine angenehme Berkehrserleichtetnng für Rheintouristen ist dieser Tage in Kraft getreten. In Folge einer Vereinbarung zwischen der Eisenbahndirection Mainz und der Köln-Düffeldorfer Dampfschifffahrtsgesellschaft können nunmehr ia Mainz und Bingen rheinabwärts gelöste Eisenbahnfahrkarten auf dem Rückwege auch per Schiff benutzt werden. Eine von Bingen nach Bonn, Coblenz und Boppard gelöste Eisenbahnkarte hat bei der Rückfahrt von genannten Stationen ab per Schiff Giltigkeit, ebenso berechtigen Schiffs- karten zur Rückfahrt auf der Eisenbahn. Auf sämmtlichen Fahrkarten ist der entsprechende Vermerk aufgedruckt.
•* Bezüglich der Verficheruugspflicht der in der Hausindustrie beschäftigte» Ehefrauen hat das RetchSverfichernngS- amt die Feststellung bestimmter Umstände für erforderlich erachtet, ans denen sich ergibt, ob eine Ehefrau nur als Gehilfin ihres ManneS oder neben diesem als Versicherungs- Pflichtige Hausgewerbetreibende anzusehen ist. Als solche Umstände haben zu gelten: 1. Die Beschäftigung deS Ehemannes und der Ehefrau für verschiedene Arbeitgeber. 2. Die ausdrückliche Anerkennung der Selbstständigkeit der Ehefrau seitens des Auftraggebers. 3. Die Lohnberechnung der Ehefrau auf besonderes Conto. 4. Eine getrennte Lohnberechnung für die Ehefrau auf dem gemeinschaftlichen Conto der Ehegatten. 5. Eine gesonderte Ablieferung und Lohnzahlung, sowie die gesondert zu tragende Verantwortung für die Beschaffenheit der zu fertigenden Maaren.
Cttaratu? nnd Kauft
— Eifenbad«'««SkunftSbuch für den Personenverkehr auf dentschen Eisenbahnen. Verlag von Alexander Köhler in Dresden. — Preis 60 Pf. An einem bandlichen Buche, in dem schnelle und zuverlässige Auskunft über alle vor Antritt einer Reise zu berücksichtigenden Fragen ertheilt wird, hat es bis jetzt gefehlt, was in unserer unter dem Zeichen des Verkehrs stehenden Zeit fast wunderbar erscheint. Diesem Mangel abzuhelfen ist das soeben erschienene Eisenbahn-Auskunftsbuch berufen. Alle Fragen über Personentarife, Gepäcksätze, über die Wahl der Fahrkarten, über die schnellsten und bequemsten Reiseverbindungen, über die von den Bahnoerwallungen gewährten Vortheile für Reisen in Bäder und Sommerstischen und für Rundreisen, über den Berliner Verkehr, über etwaige Entschädigungsansprüche und Hunderte anderer Angelegenheiten finden in diesem Buche ausführliche und zuverlässige Beantwortung.
— Wie uns mitgetheilt wird, beabstchttgt die bekannte Verlagshandlung George Westermann in Braunschweig die Herausgabe einer sehr billigen Ausgabe von Theodor Storms Sümmtliche« Werke«, von der wir annehmen dürfen, daß sie den vielen Freunden des großen deutschen Dichters eine hochwillkommene Gabe sein werde.
F-r»iHeton.
Damensport.
Von M. Kossak.
(Nachdruck verboten.)
ES ist jetzt bald ein Jahr her, daß ich auf dem die Berbindung zwischen Hamburg und Helgoland unterhaltenden Postdampfer dem viel umstrittenen Felseneiland zufuhr. Kurz vor Cuxhaoen bot sich mir ein wirklich allerliebster Anblick.
Unserem Dampfer ganz nahe schaukelten sich etwa zwanzig schmale Ruderboote, deren jedes eine junge Dame führte. Reizend sahen diese Mädchen auS in ihrer kleidsamen, für den vorliegenden Zweck trefflich geeigneten Tracht — roth blau weiß gestreiften balblangen Röcken, scharlach- rothen Blousen wir zurückgeschlagenen weißen Matrosenkragen und kleinen MLtelotS auS schwarzem Wachstaffet auf den Köpfen. Hände unb Unterarme beleckten schwarze, wildlederne Halbhandschuhe. Erstaunlich war e«, mit welcher Energie und Präcision sie ruderten. Man hät e den schlanken zarten Gestalten diese Muskelkraft nicht zugetraut. Denn zart erschienen sie alle, keine einzige von ihnen war, waS man voll oder gar üppig zu nennen pflegt.
„Ja, wie Haden sie sich auch trainirt!" meinte ein Herr, zu dem ich eine darauf bezügliche Aeußerung that. „Ich kenne sie nämlich, es find Amerikanerinnen, die eine Wasser- sportstour nach Europa unternommen haben."
Zwei Monate später begegnete ich der seltsamen Reisegesellschaft in Kopenhagen. Dort hatte sie einen wohl- ausgerüsteten Dampfer — „Robin Adair" mit Namen — liegen, mit dem sie über den Ocean gekommen waren. Die gemtethkte männliche Besatzung deffelben bestand auS einem
Maschinisten, einem Heizer und einem Stewart nebst Gehilfen. Die Functionen aller übrigen, auf einem Schiffe nothwendigen Persönlichkeiten, als da find Capitan, Steuermann, Matrosen u. f. w., erfüllten fie selbst. Von ihrem „Robin Adair" auß, der für zwölf Monate ihr schwimmendes Heim bildete — sie schliefen grundsätzlich keine Nacht auf dem festen Lande — machten sie nun die verschiedenartigsten Exkursionen auf Ruder- und Segelbooten. Einmal sah ich fie auf winzigen, festgeankerten Kähnen dem Angelvergnügen obliegen, und ein anderes Mal in einem schmalen, sehr langen Ruderboot eine hinter der anderen fitzen.
Wahrlich, Muth und Unternehmungslust vermag man diesen Töchtern des freien Amerika nicht abzusprechen! Wenn man doch hier einer deutschen Mutter den Vorschlag machen wollte, ihre lieben Töchterlein ohne Schutz einer älteren Dame, nur in Begleitung einer Anzahl gleichgesinnter jugendlicher Freundinnen in die Welt hinauSziehen zu laßen! Offen gestanden, ich würde eß auch nicht billigen. Jo, ja, unsere altmodischen deutschen Ansichten! Dennoch habe ich nicht ein einziges abfälliges Unheil, weder auß weiblichem noch auß männlichem Munde, über jene Aankeemäbchen vernommen.
Wie oft erlebte ich'ß nicht, daß sich Herren selbst über Anhängerinnen deS Radfahrsports, der sich dM wahrlich längst eingebürgert hat, moquirten! Nicht einmal, daß fie von Brüdern, Vätern ober Gatten geleitet wurden, ließ man zu ihrer Entschuldigung gelten. ES gibt eben thatsächlich noch heutzutage viele, die eß unweiblich finden, wenn sich Damen der Ausübung dieses ober jenes Sportes befleißigen. Unb boch, wie macht er bie Wangen roth unb frisch, wie verleiht er bem gayzen Auftreten und Gebahren der Frau Elasticität unb Sicherheit! Manche kostspieligen Badereisen,
manche, Zähne und Magen ruinirenben Eisenkuren waren unnöthig gewesen, wenn bie Damen sich ben freien Künsten gegenüber — sofern biefelben nicht in Spiel unb Tanz bestauben — nicht so ablehnenb verhalten hätte. Ich freue mich stets, wenn ich Ehepaare, ja sogar ganze kinberreiche Familien sehe — wie bas bereits in biefem Jahre trotz des stellenweise recht schlechten Wetters wiederholt geschehen — welche auf ihren Rädern die Welt durchqueren, überall so lange bleibend, wie es ihnen gefällt, um dann unverzagt weiterzuradeln. Welch eine Menge Geld ersparen fie nicht durch Vermeidung der Kosten für Eisenbahn, Dampfschiffe und Wagen! Und habet fährt fich'S doch sicher angenehmer auf dem Rade als im engen Coups.
UebrtgenS find die Feinde des Damensports auch keineswegs confequent. Sie haben z. B. gegen baß Reiten ber Damen ernstlich nie etwaß einzuwenben gehabt. Ja, was noch mehr sagen will, ich kenne Leute, bie eß ganz in ber Orbnung finden, wenn eine Frau mit ihrem Gatten auf die Jagb geht unb so unb so viel Stück Wilb erlegt. Daß Tödten ber Thiere sollte boch aber baß letzte sein, waß daß weibliche Geschlecht auß Passion betreiben dürfte.
Ein gut Theil beß Borurtheils, weicheß man ben Sportßliebhabereien ber Damen entgegenbringt, ist meines Erachtenß auf bie bafür gewählte Kleidung zu schieben. Gerade das Beispiel jener vorerwähnten Amerikanerinnen in ihren geschmackvollen, bereuten Costümen, hat mich in biefer Ueberjeugung bestärkt. Nicht, daß ich eine birecte Gegnerin ber „Bloomerß" unb „Knickerbockerß" wäre — Gott bewahre — ich erkenne ihre practifchen Vorzüge bereitwillig an, nur meine ich, barf sie nicht jebe unb bet jeber Gelegenheit tragen.
(Schluß folgt.)


