0tr. 254 Zweites Blatt.
Steitag 6cn 29. Oktober
1897
Gießener Anzeiger
Kenerak-Anzeiger.
Amts- unb Airzeigeblatt für beit Kreis (Stegen.
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Die Gießener
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Deutsche» Reich
Dresden, 26. October. Das 25jahrige Regie, rungsjubtläum de» König» Albcrt, da» auf den 29 October 1898 fällt, fall, einem Wunsche de» Monarchen gemäß, zusammen mit dessen 70. Geburtstage am 23. April und zwar in der Hauptsache dadurch gefeiert werden, daß im ganzen Lande gemeinnützige Stiftungen errichtet werden. Hebet alle diese Einzelstiftungen (Hospitäler, Krankenhäuser, Bürgerasyle, UnterstützungSkaflen, DankeSkirchen u. f. w.), denen fich auch die private Wohlthätigkeit anschließen kann, wird eine gemeinsame Uxtanbe angefertigt und dem König am JubiläumStage überreicht werden.
_ CoceUs rrnd
Gieße«, den 28. October.
** vackereidetrieb. Seitens des Mtaisteriums de» Innern ist man der Frage nähergetreten, die feit etwa P/3 Jahr bestehende Bäckereiverordnung einer Nachprüfung zu unterziehen. So find in Mainz die Polizeibezirkscommiffäre angewiesen worden, über ihre Wahrnehmungen dem Polizeiamt Bericht zu erstatten. Nach geschehener Anhörung der dortigen Bäckermeister, sowie einer großen Anzahl von Gehilfen haben die BezirkScommissäre umfangreiche, einschlägige Berichte auS« gearbeitet und au die erwähnte Stelle eingereicht.
** Mittel gegen Trunksucht. In vielen Blättern preist die Privat-Snstalt Billa Christina bei Säckingen i. B. eine Anweisung zur sofortigen radicalen Beseitigung der Trunksucht, mit und ohne Borwiffeu deS Kranken, an, und versendet den Personen, die fich an fie wenden, verschiedene Arzneimittel, die nach den Untersuchungen de» OrtSgesuud« heitSrath» zu Karlsruhe nicht nur ohne Einwirkung auf da»
Feuilleton.
Bäuerliche Ehrenhändel.
Von Karl Wolf in Meran.
Der Sixt hat einen großen Hackftock vor da» Stadel- chsr gestellt und spaltet Holz. Es find knorrige, astige Stücke, hi« er zu bewältigen hat, und bei jedem Streich, mit dem it die Eisenkeile in die Aeste treibt, flucht er, um der Arbeit mehr Nachdruck zu geben: „Kreuz Teuf'l! — Gehst eint, Hundling! — Wart lei, Saggera! — Aha, gehst auSiuand wie a Brodweck'n! — So, du Dickkopf, da liegst jetzt!" sagt er endlich befriedigt und wirft die zwei gespaltenen Stücke auf den vor ihm liegenden Haufen Scheiterholz. Der Hartl hat ein rothe» Taschentuch um die Slirne gebunden, unter welchem die Enden von Krautkohlblättern hervorlugen. Er sitzt auf einem Baumstamm vor dem Stadel, schmaucht sein Pfeifchen und schaut gemächlich seinem Kameraden bei der Arbeit zu.
Eine tüchtige Schramme hat er davongetragen vom Tanz- hoben am letzten Sonntag, von der linken Augenbraune quer ouflaufend bi» zum Anfang des Haarbodens. Die Wunde war nicht schön glatt, sondern zackig in den Häutenden, weil der Krug, mit welchem ihm der Sixt damals ins Gesicht schlug, auch einen zackigen Bruch hatte.
Die Geschichte war so: Beim Hasenwirth in Lana war eine größere Gesellschaft als wild bekannter Burschen. Obst- fia aber waren e», die jeden Herbst in Meran zur Zeit der 0 öfter Ute auftauchen, viel Geld verdienen und verbrauchen.
An weiblicher Gesellschaft fehlt es ihnen da ja auch richt, denn daS Sortiren der Obstsorten verlangt die feinfühlige Hand des WeibeS. Und die Dirndlein wieder, welche fich hm Geschäfte widmen, find nicht gar empfindlich, wenn ein xiabes Wort fällt, eine anzügliche Rede ober, wenn die Liebe ju einem der Burschen eine besonders kräftige ist, eine Maul- ftette. Sie haben große Erfahrungen,- wenn irgendwo ein Stneit entsteht und es knacken die ersten Stuhlfüße, so springen f: auf die Bänke an der Wand ringsum und erwarten den Ln-igang des Kampfe». Und da» ist vernünftig, denn nächste gibt es immer auszuwaschen und zu verbinden oder einen LiiSgerissenen Aermel an einer Joppe wieder anzuflicken.
In eine solche Kneipe waren eines schönen Sonntags itr Sixt und der Hartl gerathen. Letzterer war in auf« gtanedtcftcr Stimmung. E» machte ihm Spaß, gerade mit -jtnetin Dirndl zn scharmiren und zu tanzen, welches Sixt in (dm er Weise anschmachtete. Einen Liter warmen, süßen Weßn hatte Sixt ihr bestellt, ein mächtiges Stück Kalbs- ■bratten mit Zwetschken und ein Tortenherz, ein und eine
Spanne hoch und eine Spanne breit. „DöS wär'
gedachte Leiden find, sondern auch zu einem Preise abgegeben werden, der btm wahren Werthe derselben nicht im Entferntesten entspricht.
+ Nidda, 27. October. Ein theurer Prozeß dürfte der z. Zt. bei dem Amtsgerichte Nidda zwischen zwei Land- wirthen auS Bingenheim schwebende Rechtsstreit wegen einer Fahrgerechtigkeit werden, die der Kläger zu Lasten deS vom Beklagten gepachteten PfarrguteS am Bingenheimer GraSweg im Interesse seines nebenliegenden Ackers beansprucht, welcher auf keinen Fahrweg stößt. Der Beklagte vereitelte die Ueberwandlung durch eine Absperrvorrichtung auf seinem Gelände, da Gegner nach seiner Anficht die behauptete Servitut nicht erworben habe. Infolge mehrerer Beweisaufnahmetermine bei Gericht und an dem Streitorte find bereits hohe Kosten erwachsen.
-11- Rixfeld, 26. October. In voriger Woche fand hier zum zweitenmale Bürgermeisterwahl statt, nachdem der ersten Wahl die behördliche Bestätigung versagt worden war, weil der Neugewählte, Heinrich Weiß, Gastwirthschaft betreibt. Nunmehr ist dessen ungeachtet derselbe wiederholt als Bürgermeister mit großer Majorität gewählt worden.
r. MehloS, 26. October. Bor einigen Tagen wurde der Dienstknecht Johannes Grob von feinem Dienstherrn nach Freiensteinau geschickt, um Medicamente zu holen. Derselbe kehrte jedoch nicht zurück. Heute entdeckte der Feldschütze Eurich am Rande des Gunzenauer Teichs einen Hut, den man al» Eigenthum de» Verschwundenen erkannte. Nach längerem Suchen fand man daun auch die Leiche de» Grob im Teiche. Welche Gründe den etwa 56 Jahre alten Mann, der einen minderjährigen Sohn hinterläßt, in den Tod getrieben, konnte bi» jetzt nicht festgestellt werben.
Bingen, 27. October. Ein kleines Motorboot,
Haltern so ber Maßstab meiner Liab, Deandl," sagte er schmunzelnb, mit heißen Blicken, benn er hatte soeben sein vierzehnte» Viertele Wein auSgetrunken. DaS Dirnbl anerkannte seine Huldigung vorderhand heimlich durch einen kräftigen Tritt ihrer genagelten Schuhe gegen Sixten» Waden und verschlang den letzten Bissen des Braten».
In diesem Augenblick sprang der Hartl herbei, faßte da» Dirndl um die Hüften und mit kräftigem Sprung und einem hellen Jauchzer waren sie bald mitten im Trubel. Den Sixt verdroß baß gewaltig, aber es sollte noch schlimmer kommen. Der Tanz war schon längst vorbei, ber Hartl mit dem Dirndl aber, die tarnen nicht mehr zurück.
Mit einem grimmigen „Kreuz Saggera" begab sich Sixt auf die Suche. Und richtig, in ber Nebenstube sanb er bte Seibert. Hartl hatte seinen Arm auf bte Schulter bes Mädchen» gelegt und schaute ihr gar verliebt in bte Augen. Auf bem Tische standen ein Liter warmer, süßer Wein und zwei Tortenherzen. Zwei Tortenherzen! DaS war bem Sixt zu arg. Im ersten Zorn ergriff er einen steinernen Krug unb schlug ihn bem Hartl über ben Kopf, bann würbe etwa» gerauft, wie sich bas gehörte, nachher würben einige Reservesüße in bte Stühle eingesteckt, ber Boden au»gefegt, bte Wunben verbunben unb bann weiter getanzt. Den Sixt hatte man hinausgeworfen. Ader bas gehörte ja zur Sache unb am nächsten Tage guckte ber Hartl in aller Seelenruhe bem Sixt zu, tote er Holz spaltete, benn bte Angelegenheit war, nur in etwa» anberer Weise, ebenso ritterlich, wie e» unter ben Herren ber besseren, gebilbeten Stäube vorzukomwen pflegt, georbnet.
Also ber Sixt hackte Holz unb ber Hartl, bem ber Kopf au» zwei Grünben noch brummte, sah ihm dabei zu. Einem Kopfe taucht e» eben nicht, wenn man ihm einen steingutenen Krug auf die Hirnschale schlägt unb wenn sein Besitzer bann mit ber offenen, schlecht verbunbenen Wunbe die Nacht durchtanzt und noch Glühwein dazu trinkt.
Mit einem Mal stützte der Sixt seine Hacke auf den Stock, lehnte sich mit den Armen darauf und sagte: „So zur Nachtzeit ist da» Ausfischmeißen auS'm HauS eigentli kei' Sach. Ein Trümmel mehr nach link», wenn sie'» derrathen, lieg i mit mei neuen G'wand in der Kalchgruben."
Schweigend dachten die beiden Freunde über diesen Fall nach. Nach langer Zeit nahm der Hartl sein Pfeifchen au» bem Munde, spuckte aus unb sagte: „Bei Allem hat'» einen Haken. Einern ein' Krug auf'n Kopf derschlagen, ist allwegS wirksam g'west. E« ist, wie ber Abvokat neuli g'sagt hat, eine Meinung mit Nachdruck behaupten. So stell i mir’S vor. Aber ber Teufel kunnt'S oft gachlingS wenden. Schlag Du um einen zwerchen Finger tiefer am Sonntag und mei rechts Aug ist hin. Nachher kann i erst wieder anfangen
welches den Marktverkehr zwischen RüdeSheirn und Bingen vermittelt, stieß mit einem Schleppdampfer zusammen und sank nach kurzer Zeit. Ein Mann ber Besatzung ist ertrunken.
D. Frankfurt a. M, 27. October. Die Sitzung de» Clubs für Lanbwtrthe zu Frankfurt a. M. am Montag ben 1. November, in welcher Herr Ingenieur WeiS- mülter einen Bortrag über „Bau unb Betrieb von Getreidespeichern" hält, unb wozu Gäfte freundlichst eingeladen find, beginnt um 2* */, Uhr (nicht um 3*/, Uhr).
* Burgsolms, 24. October. Am 18. b. Mts. würbe bie Ehefrau des Hüttenarbeiters Wilhelm Gath Hierselbst von bret leb enben trafttqen Kinbern —Drillingen — entbunben. Die Familie m wenig bemittelt, weshalb eS gut wäre, wenn ihr ein wenig unter bie Arme gegriffen würbe.
* Würzburg, 25. October. Unter Hinterlassung be- beutender Schulden ist ber hiesige Wurstwaarenfabrikant Schmitt flüchtig gegangen. Die Passiven betragen ungefähr 200,000 Mk., worunter 100,000 Mk. Wechselschulden sind. Außer einigen Schweinehändlern sollen besonders hiesige Bankgeschäfte durch falsche Wechsel geschädigt sein. Schmitt betrieb sein Geschäft im großen Maßstabe,- er erhielt auf der Nürnberger Ausstellung im vergangenen Jahr die silberne Medaille.
* Dortmund, 25. October. Gestern Abend wurde der Dreher Adler im lebhaftesten Straßenverkehr erstochen. Der Thäter ist entflohen.
lernen als Tenger (Linker) mit der linken Hand arbeiten. 'S Schlaßn, Holzhackn, 's Kegeln, auf d' Uhr fchauen, alles trug."
„Ja, ja," sagte Sixt zustimmend, langte einen Holzklotz hersür und schlug seine Hacke mit einem kräftigen „Krnzi- türk'n!" ein.
Eine gute Welle arbeitete der Sixt weiter und der Hartl sah ihm zu. Da stieg drunten auf ber Wiese ein Gensdarm in voller Rüstung über den Zaun unb steckelte, mit bem rechten Fuß immer in Bogen ausholend, beß Säbels halber, welcher ihm bazwischenschlenkerte, gerade auf bte zwei Burschen zu. Sixt lehnte fich wleber auSrnhend auf seine Hacke unb Hartl, betbe Arme auf die Kate aufgestützt, sah erwartungsvoll auf ben GenSdarmen. Dieser holte eine rothe Brieftasche auS seinem Orbonnanzbentel, stellte fein Gewehr bei Fuß unb begann :
»Wie heißt Ihr?"
„3?" sagte Sixt, „i hoaß Sixt?-
„Und tote schreibt Ihr Euch?"
„Aber -'wegen warum soll t mt benn schreiben?" meinte ber Bursche.
»Ich meine, tote Euer Schretbname ist?"
„Ja so! ja mei Vater, der Hinterthalhuber Sepp, denselben haben fie Immer Vorderthalhuber geschrieben, tote bte Abhandlung g'west ist nach ihm."
§Also Sixtn» Vorderthalhuber,- schrieb der GenSdar« in fein Buch. „Dann werde ich nicht wett fehlen, wenn ich meine, der Andere da ist der Metnhart Brandlacher."
„Schon fo," sagte Hartl zustimmend, aber tu heller Verwunderung, maß baß bebeute.
»Ihr seid am Sonntag beim Hasenwirth in Lana gewesen unb habt Euch an einem argen Exceß beteiligt," forschte der GenSdarm.
„In Lana sein mir g'west, i und der Hartl, aber daß mir un» an dem Ding, i versteh nit, wa» Oe» meint, beteiligt hätten, fett ist mir nit erinnerlt."
„Verschlimmert Ture Sache nicht durch Leugnen," sagte der Genßdarm strenge. „ES find Zeugen genug da! In erster Linie bie Marie Hittterhuber, vulgo die schwarze Motdl."
„Kreuz Saggera," lachte nun der Hartl auf,’ „ja, döS iß o verflixter Braten, de packt'ß z'sarnrnen, döS iß o Gefährliche. Zirscht hat fie ein Turtenherz und dem Sixt sein leibhaftiges z'sammpackt, nachher von mir a wieder zwei Turtenherzen und mein leibhaftiges, — fie hat so viel glühnige Augen. Und nachher hat fie ml' doch im Stich g'laffen —"
Jetzt lachte der Sixt hell auf, daß ihm die Thräuetr über die Wangen rollten.


