Ausgabe 
29.9.1897 Zweites Blatt
 
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-lr. 228 Zweites Blatt. Mittwoch de» 29. September 1R<»7

Der

<U|ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener

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Amts- und Anzeigeblntt für den Tireis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Hratisöeitage; Hießener Aamikienbtätter

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslände- nehme« ' Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeh«.

Amtliche» Theil»

Bekanntmachung.

Wir bringen zur Kenntniß der Betheiligten, daß die Obstausstelluug für Tüdwestdeutschlaud in der Zeit vom 1. bis 11. October d. I. in Frankfurt a. M. ab. gehalten wird.

Freitag den 1. Oktober d. I., Vormittags 11 Uhr: Eröffnung der Ausstellung; Nachmittags 3 Uhr: Versammlung der Obstzüchter und

Obstbau-Interessenten Deutschlands mit einer Be­sprechung über die Frankfurter Obstausstellung in derMainwarte" nächst der Ausstellung;

Abends: Abendessen in der Hauptrestauration der Aus­stellung (das trockene Couvert zu 3 Mk.).

Gießen, den 27. September 1897.

GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Hauptversammlung des Central-Ausschusses für Volks- und

Jugendspiele in Deutschland.

0. Altona, 26. September 1897.

Zu der Sitzung, die eine interne war, waren die Mit­glieder au» allen Theilen Deutschland» zahlreich erschienen. Der Borsitzeude, Landtagsabgeordneter v. Scheuckendorff- Görlitz, eröffnete die Sitzung um 8*/t Uhr und begrüßte zunächst mit herzlichen Worten den Vertreter de» Provinzial- SchulcollegiumS und der Regierung in Schleswig, Herrn RegierungS- und Schulrath Sch öpp a, indem er seine Freude darüber aussprach, in der Provinz Schleswig-Holstein eine Sitzung de» Tentralausschusses abhalten zu können, in welcher schon so Erhebliches für die Sache der Volks« und Jugend- spiele geschehen sei. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Königliche Regierung auch weiterhin der guten Sache ihre Förderung angedethen lassen möge. Er begrüßte sodann den anwesenden Stadtschulrath Wagner-Altona und die Ver­treter der Altonaer Turnvereine und dankte der Stadt und den Turnern für die freundliche Aufnahme und die geplanten Veranstaltungen. Hiernach streifte der Vorsitzende io kurzen Worten die bisherigen Erfolge des im Jahre 1891 gegrün- beten SentralauSfchuffeS und schloß mit der Hoffnung, daß auch diese Sitzung eine gesegnete für diese vaterländischen Bestrebungen sein möge. Herr RegieruugSrath Schöppa begrüßte sodann dir Versammlung in herzlicher Weise. Er führte auS, daß die Provinz Schleswig-Holstein mit ihrer im Großen und Ganzen kerngesunden Bevölkerung die Be- strebungen des Tentralausschusses, wie sie sich tu der Person Les Abgeordneten v. Schenkeodorff verkörperten, sowohl aus

Feuilleton.

Das Glück erlangt.

Skizze von Martin Behrend.

(Nachdruck verboten.)

Ohne daß sie vorher lange au ihrer Ausbildung hätte arbeiten müssen, war Fifi ein Stern des SpecialitäteutheaterS geworden.

Sie vermochte den Jammer und das Elend zu Hause nicht mehr mit aozuseheu. Weuu der Vater in seiner Trunkenheit auf die Mutter loSschlug und fie selbst nur durch schleunige Flucht vor einer gleichen Behandlung sich retten konnte, dann war es doch zu ungemüthlich. Die schmale «ost war ja schließlich noch zu ertragen, war fie Loch von frühester Jugeud an bereit» daran gewöhnt, aber die vertrackten Prügel! Da» ging zu weit! DaS konnte fie weder länger mit ausehev, noch wollte sie sich selbst der Gefahr weiter auSsetzeu, ebenfalls welche zu erhalten.

Und eines Tages hatte fie dann ihre Habseligkeiten in ein Tuch gebunden und war auf und davoo gegangen.

Ihre Wanderung war nur kurz. Rach dem bedeutendsten Specialitätentheater der Stadt lenkte fie ihre Schritte, wo fie bat, den Director sprechen zu dürfen.

Sie hatte Glück. Der Gewaltige war anwesend und bei guter Laune. Deßhalb wurde fie nach kürzer Wartezeit vorgelaffen. Der Dirrctor wunderte fich nicht wenig, al- er da» in dürftiger Kleidung steckende Mädchen, zwischen dessen Schaltern ein so interessanter Kopf mit ttefduoklen Augen saß, erblickte.

,®ie wünschen?"

vorbeugenden al» nationalen Gründen willkommen heiße. (Lebhafter Beifall.)

Zu Punkt 1 der Tagesordnung:Sind Wettspiele zur Belebung des JugeodspielS zu empfehlen?" begründete als Referent Professor Dr. Koch- Braunschweig die von ihm und dem Correferevten Director Professor Rahdt-Leipzig aufgestellten Leitsätze- dieselben wurden mit kleinen Aender- uugen von der Versammlung einstimmig angenommen. Der wesentlichste Inhalt der Leitsätze ist, daß Wettspiele nie zum Selbstzweck werden sollen, daß fie aber zu empfehlen find, weil fie bei richtiger Durchführung den Betrieb der Spiele fördern.

Der zweite Punkt der Tagesordnung behandelte die Frageinwieweit die Klagen über die Bethetliguug der Schüler an sportlichen Veranstaltungen berechtigt und damit verbunden seien". (Referent Dr. Witte- Braunschweig. Nach einer langen ungemein anregenden Aus­sprache, an welcher fich außer dem Referenten betheiligtev die Herren: Dr. F. A. Schmidt-Bonn, Turuiospector Hermann-Braunschweig, Oberlehrer Wickenhagen-RendSburg, Professor Dr. Hueppe-Prag, Oberlehrer Heinrich-Berlin, Schulrath Dr. Küpper» Berlin, Privatdocent Dr. Reinhardt- Berlin, Schulrath Platen-Magdeburg, Professor Dr. Kohlrausch- Hannover, Turuinspector Zettler-Chemuitz und Professor Dr. Koch-Braunschweig, wurden die von Dr. Witte und Dr. Kohlrausch vereinbarten Leitsätze angenommen, in welchen verlangt wird, daß man sich gegen die Ausschreitungen des Sports mit allem Nachdruck wenden, aber den guten Kern nicht übersehen solle. Gegen sportliche Veranstaltungen, welche unter der Leitung der Schule stehen oder deren Ge­nehmigung finden, ist nichts einzuwenden. Auch außerhalb des Rahmen- der Schule stehende Veranstaltungen werden zu gestatten sein, wenn fie von Männern geleitet werden, die das genügende Berständniß für Jugenderziehung haben und mit der Schule in Berührung und Einvernehmen zu bleiben trachten. Immer aber muß in solchen Fällen der einzelne Schüler eine besondere Erlaubntß der Schul­behörde einholen, die namentlich dann verweigert werden sollte, wenn der Schüler seinen Verpflichtungen gegen die Schule, wie insbesondere auch gegen den Turnunterricht der Anstalt nicht genügend uachkäme.

Eine vom Vorsitzenden entworfene Geschäftsordnung für den EentralauSschuß wird einstimmig und ohne Debatte an­genommen.

Ueber die Frage, ob Sptelvereinigunge« an den höheren Schulen der Sptelbeweguug förderlich find, berichten die Herren Oberlehrer ®unter*HaderSleben und Dr. Schmidt- Bonn. Die Versammlung sprach fich dahin aus, daß Schüler­spielvereinigungen der Sptelbewegung unter gewissen Vorsichts­maßregeln dem Spielbetrieb und der Entwicklung des Schülers förderlich find, und nahm die von den Berichterstattern auf­gestellten Leitsätze mit kleinen Aenderungeu an.

DieFörderung der Bewegungsspiele an den Universitäten" betrachtet der EentralauSschuß als eine wichtige Aufgabe. Seit mehreren Jahren hat der Ausschuß fich dieser manche Schwierigkeiten darbieteuden Arbeit unter­zogen- insbesondere hat der Oberlehrer Wickenhagen* Rendsburg fich dieser Aufgabe gewidmet und berichtete Über die bisherigen Erfahrungen und über weitere wünschenSwerthe Schritte. Das Torreferat gab der UniverfitätS-Oberturnlehrer Schröder-Bonn.

Nach einer längeren Besprechung wurde eine Vereinigung der von den beiden Referenten ausgestellten Leitsätze vor- genommen. Zur Durchführung eines ununterbrochenen Be­triebes der Leibesübungen auf den Hochschulen soll die Anlage eines ausreichenden Spielplatzes neben der Einrichtung einer Turnhalle überall angestrebt werden. In den Unterausschuß zur besonderen Förderung wurden gewählt die Herren Wickenhagen, Oberlehrer Heinrich und Oberturnlehrer Fritz Schroeder.

Eine Besprechung über eine Organisation der örtlichen Volksfeste führte zu der einstimmigen An­nahme der von Dr. F. A. Schmidt-Bonn aufgestellten Leitsätze, in welchen practische Maßregeln für die Belebung und Veredelung der Feste des deutschen Volkes empfohlen werden.

Die von Professor JDr. Koch-Braunschweig erstattete Rechnungslegung ergab eine Einnahme von 15875.68 Mk. und eine Ausgabe von 15 668.60 Mk.

Als nächster Congreßort wurde einstimmig Bonn gewählt.

Nach einigen geschäftlichen Erledigungen wurde die Sitzung geschlossen. Nachmittage und am morgenden Nach­mittag werden Volks- und Jugendspiele vorgeführt werden, an denen etwa 6000 Mitwirkende fich betheiligen. Eine größere Fachausstellung ist mit der Versammlung verbunden.

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Ihnen etwa» vorzutanzen."

Warum?"

Um engagirt zu werden."

Der Director ließ fie nach der Bühne führen und setzte fich selbst auf einen in den ersten Reihen befindlichen Sessel, um der Dinge zu harren, die da kommen sollten.

Schneller als er erwartet hatte, war Fifi mit ihren Vorbereitungen fertig geworden. Ihrem Bündel hatte fie ein Springtau entnommen, hatte fich dann die Kleider hoch­gesteckt und betrat nun die Bühne, um etwa» vorzuführen, das halb Tanz, halb Springen war.

Der Director machte große Augen. Was er da zu sehen bekam, war ganz eigenartig. Keine Kunst zwar, aber doch etwas Neue», Fesselndes.

Fifi hatte zu Ende getanzt. Mit klopfendem Herzen stand sie da.

Ich bin bereit, Sie zu engagiren," begann der Director, und zwar mit einer Monatsgage von dreihundert Mark."

Fifi riß die Augen auf.

Ist das zu viel ober zu wenig?" fragte der Director.

Sie schloß die Augen, um Fassung zu gewinnen.

ES genügt," antwortete fie dann.

Wenn Sie fich auf drei Monate verpflichten wollen, so bin ich 6 er eit, Ihre Ausrüstung auf eigene Kosten zu übernehmen. Einen Vorschuß von hundert Mark können Sie auch sofort bekommen."

Von de» Augenblick an, wo ihr der Director gesagt hatte, daß er fie mit dreihundert Mark monatlich engagiren werde, war fie nicht im Stande, klar zu denken. Diese Mittheilnng wirkte verwirrend auf fie. In einem Halb- tanrnel hatte fie fich nach de« Bureau de» Director» be-

| geben, hatte den Contract unterschrieben und hundert Mark I Vorschuß in Empfang genommen. Dann war fie gegangen, die großen Augen zur Erde gesenkt, unverständliche Worte murmelnd, und die Hand, in der fie die fünf Zwanzigmart- stücke hielt, krampfhaft schließend.

Allmählich kam fie zur Besinnung, und fie dachte jetzt vor allen Dingen daran, fich eine Wohnung zu suchen.

Bei ihrer AnspruchSlofigkeit wurde e» ihr nicht schwer, bald etwa» Paffende» zu finden. Sie sah nur darauf, daß die Wohnung in der Nähe de» Theater», in dem fie auf- trat, lag, und daß fie sauber war. Die zweifelnden Blicke, mit denen die Bermietherin ihre ärmliche Kleidung überflog, wurden sofort zu freundlichen, al» Fifi die Miethe für einen Monat gleich im Vorau» erlegte.

Ein großer Theil ihre» Vorschüsse» wurde alsdann zu Garderobe und Wäschestücken verwendet, und mit einem ver­mögen von beinahe dreißig Mark wartete fie ruhig alle» Weitere ab.

Und das Schicksal hatte es gut mit ihr im Sinne.

Die Costüme für fie waren in wenigen Tagen fertig, so daß ihrem Auftreten nicht» mehr im Wege stand. Nur den Vertranten de» Hauses war mitgetheitt worden, daß es etwas ganz Besondere» sei, wa» ihnen in Fist ge­zeigt werden sollte, und diese Vertrauten waren denn auch vollzählig erschienen.

Allerdings, das war etwas Besondere» - Derartige» hatten diese Feinschmecker noch nicht gesehen. Die Direettou hatte hier wirklich einmal etwa» Eigenartige» ausfindig ge­macht und Fifi gefiel ganz ausnehmend.

(Schluß folgt.)