Nr. 149
Der
ftietener Jlnjeiget erscheint täglich, Mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
A>a mtkieuvkätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Matt Dienstag den 29 Juni 1S97
Gießener Anzeiger
Kenerak-Wnzeiger.
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LnrtUche» CfrtiL
Gießen, 25. Juni 1897.
Betr.: Die im Art. 33 des Volksschulgesetze-vorgesehene „erweiterte Prüfung".
Die
Grvtzh. Kreis-SchuKomuriOon Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Nachstehende Bekanntmachung der obersten Schulbehörde beauftragen wir Sie zur alsbaldigen Kenntnißoahme etwaiger Interessenten zu bringen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
In Gemäßheit des Art. 33 de» BolksschulgesetzeS soll im Laufe de« Monats Deeember d. I. dahier eine erweiterte Prüfung (Prüfung für Oberlehrer und Lehrer au erweiterten Volksschulen) stattfindeu.
Unter Hinweis auf § 38 der Verordnung vom 10, Januar 1876, die Prüfungen für das Lehramt an Volksschulen betreffend, werden diejenigen Lehrer, welche sich dieser Prüfung zu unterziehen beabsichtigen, aufgefordert, ihre an die unterzeichnete Ministerialabtheilung zu richtenden Gesuche, nebst den erforderlichen Anlagen, bis spätestens zum 7. August d. Js. bet der betreffenden Kreisschuleommission ein- zuretchen.
Den Examinanden wird besondere Verfügung darüber zugehen, ob fie zur Prüfung zugelaffen worden find, an welchem Tage und in welchem Locale dieselbe stattfinden wird, sowie welche Aufgabe fie zu behandeln haben (§ 39 der Prüfungsordnung).
Die Großherzogltchen KreiS-Schul-Commisfionen und die betreffenden Ortsschulvorstande wollen die Lehrer von dieser Bekanntmachung in geeigneter Weise in Keantniß setzen.
Darmstadt, den 18. Juni 1897.
GroßherzogltcheS Ministerium des Innern, Abtheilung für Schulangelegenhelten.
v. Knorr.
de Beauclatr.
Bekanntmachung,
betreffend: die Veranstaltung von Berloosungen innerhalb des GroßherzogthumS.
DaS Comito zur Abhaltung von Vtehmärkten in Vilbel beabsichtigt mit dem am 24. August l. I. stattfindenden Viehmarkte eine Verlosung von Vieh und Gebrauchsgegen*
ständen zu verbinden, um die Mittel zur Prämiirung von Vieh zu gewinnen.
Großh. Ministerium deS Innern hat die nachgesuchte Erlaubntß zur Veranstaltung dieser Verloosung und den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 6000 Loose zu 1 Mark daS Stück ausgegebeu werden dürfen und mindestens 60pCt. des BruttoerlöseS aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständeu zu verwenden find.
Gießen, den 25. Juni 1897.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend: die auswärtigen Zahltage der Kreiskaffe Gießen.
Wir bringen zur Kenntniß der BrtheiUgken, daß die Zahltage der Kreiskaffe Gießen zn Hnngen am ersten Montag eines jeden Monats in der Zeit von Morgens 9% bis Nachmittags l1/, Uhr abgehalten werden.
Gießen, den 28. Juni 1897.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsche» Reich»
Berlin, 26. Juni. Dem „Reichs - Anzeiger" zufolge führte in der heutigen Sitzung deS Centralausschusses der Reichsbank der Präsident Dr. Koch aus, feit dem 23. Mat feien die Anlagen um 66 Millionen, aber auch das Metall um 11, das Gold um 9, die fremden Gelder um 51 Millionen gestiegen. Die steuerfreie Notenreserve sei zwar um 5 Millionen größer uls tm Vorjahre, eine UcEm- schrettung der Steuergrenze zum Quartalschluffe sei aber nicht unwahrscheinlich. Der Goldvorrath der Bank wuchs seit dem Jahresanfang um 110 Millionen/ aus dem Auslande konnten jedoch seitdem nur ca. 24 Millionen, 8 Millionen mehr als 1896, bezogen werden. Zu einer Diskont-Veränderung liege kein Anlaß vor. Die Versammlung war hiermit einverstanden.
Berlin, 26. Juni. Wie verlautet, soll beabsichtigt werden, daS Oberpräfidtum von Brandenburg von Potsdam nach Berlin zu verlegen. ES wird damit bezweckt, dem Ober- Präsidenten von Brandenburg, welcher gleichzeitig auch Ober- präfident von Berlin ist, eine Erleichterung seiner schwierigen Aufgaben zu schaffen.
Berlin, 26. Juni. Die „Berliner Correspondenz" schreibt: Die zur Erforschung der Pest unter Führung der Herren Geh. Medicinalrath Dr. Koch und Geh. Medtctnalrath Prof.
Dr. Gaffky von RetchSwegen nach Indien entsandte (Som* Mission hat daselbst ihre Arbeiten beendet und beabsichtigte, am 25. Juni die Heimreise anzutreten. Vor der Rückkehr nach Deutschland wird die Commiffion mit Rücksicht auf den Ausbruch der Pest in Djeddah, der Hafenstadt für Mekka, noch in Egypten Aufenthalt nehmen.
Berlin, 26. Juni. Die kaiserlichen Prinzen werden, von Plön kommend, heute in Kiel etntreffen, um den Kaiser, der auf der Macht „Hohenzollern" gletchSfallS heute dort ankommt, zu begrüßen. Am Sonntag kehrten die Prinzen nach Plön zurück.
Berlin, 26. Juni. Heute früh 63/i Uhr ist die Frau Schinike aus Pankow an den Folgen deS Selbstmord» Versuches gestorben.
Hamburg, 26. Juni. Dem „Hamb. Corresp." wird aus Berlin geschrieben: Alle Meldungen über den ModuS der nächstjährigen Etat-Forderungen beruhen aus leeren Vermuthunqen. Eine Entscheidung sei in dieser Frage noch nicht getroffen.
München, 26. Juni. Vom 1. Juli l. I. ab werden für den Telephonverkehr zwischen Bayern und dem Reichstele* graphengebiete wesentliche Gebühren-Ermäßigungen eintreten. Bei einer Entfernung von nicht mehr als fünfzig Kilometer betragen die Gebühren für ein einfaches Gespräch nur noch 25 Pfg., und bet Entfernungen über fünfzig Kilo* meter 1 Mk.
Kauitz, 26. Juni. Rechtsanwalt Max Tartara auS Schlochau ist wegen zahlreicher Unterschlagungen vom Schwurgericht zu sechs Jahren Gefängniß verurtheilt worden.
Au-Urnd.
Wien, 26. Juni. Wie verlautet, beabsichtigt die Regie* rung, gegen diejenigen deutschen Gemeinden in Böhmen, welche die Besorgung der Geschäfte des ihnen übertragenen Wirkungskreises, zu denen fie nicht durch Reichs- oder Landesgesetz verpflichtet find, verweigern, mit Maßregelungen vorzugehen.
Wien, 26. Juni. Ja Baden bei Wien wurde der Gemeinderath wegen systematischem Strike der antilibe* ralen Gemeinderäthe aufgelöst und ein Regierungscommissar zum Vertreter der Stadt eingesetzt.
Budapest, 26. Juni. Die parlamentarische Lage gestaltet sich immer ernster. Die äußerste Linke beschloß gestern in einer Fractionsfitzung, die Vorlage der Zuckerprämien mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Triest, 26. Juni. Der in Lara verhaftete Mit* schuldige an dem letzten Attentat gegen König Humbert,
Feurlleton.
Die Sächsisch-Thüringische Landes-Ausstellung ?u Leipzig.
Nachdem im vorigen Jahre Berlin und Nürnberg durch ihre großartigen Veranstaltungen auf dem Gebiete des AuS- stellungswesenS Millionen von Besuchern deS In- und Auslandes herbetgelockt, dabet aber auch lebhaft um die Ehre stritten, welche von beiden Städten den Beschauern daS Vollendetste bieten, steht in diesem Jahre die Leipziger Ausstellung so gut wie concurrenzlos da. Die centrale Lage Leipzigs begünstigt in erster Linie den Besuch, der, jetzt schon ein erheblicher, sich noch steigern wird, wenn mit Eintritt der Sommerferieu auch das Wetter anhält. Mit der Fülle und theilweise auch der Pracht von dem Bauwerk, ohne welches bei einem Zusammenströmen großer Menschenmassen nun einmal keine Ausstellung nicht denkbar, kann sich allerdings die Leipziger Ausstellung mit der vorjährigen Berliner nicht messen, steht ihr doch überhaupt kaum die Hälfte der dort benutzten Bodenfläche zur Verfügung. Trotzdem ist mehr wie hinreichend für allerlei Zerstreuung ebenso wie für Erholung gesorgt. Einige Veranstaltungen, wie Eismeerpanorama, electrische Rundbahn, Wasserrutsch- bahu, Alpenpanorama, ColontalauSstellung, Fesselballon (welcher vorzüglich functionirt und im Stande ist, 12 bis 15 Personen auf einmal in eine Höhe von ca. 300 Meter zu befördern), konnte ich allerdings als Bekannter der vor* jährigen Berliner Ausstellung begrüßen/ die Leipziger Ausstellung hat in der Eintheilung des Platzes überhaupt manches mit der Berliner gemein, diesen Eindruck empfängt der Besucher schon beim Pasfiren der gewaltigen, weiß glänzenden, von hohen Thürmen überragten Thorbauten. Daß Reales
mit Idealem recht gut zu vereinen ist, gewahrt man beim Weiterschreiten, denn beinahe als Gegenstück der Kunsthalle präsentirt fich ein großartiger Wurstpavtllon, in welchem neben der Ausstellung von Fletschereimaschinen eine Wurst- fabrik in vollem Gange ist, die ihr brühheißeS Fabrikat sofort an daS Publikum abgibt. Die Haupthalle im Hintergründe enthält in reicher Fülle das, was gewissermaßen den Uebergang vom Realen ins Ideale bildet: die Industrie, und hier wird dem Beschauer ein wirklich großartiges Bild dessen geboten, was das gewerbthätige Sachsen tm Verein mit seinen thüringischen Schwestergebieten aufzuweisen hat.
WaS an Industriezweigen sich hauptsächlich hervorhebt, sind die Erzeugnisse der Textilbrauche, des Maschinenbaues und der graphischen Gewerbe. Die zur Massenerzeugung der Seiden, Wollen-, Strumpf- und Tricotagenweberei erforderlichen Maschinen werden fast ausnahmsweise in Sachsen, vorwiegend in Chemnitz, gebaut/ die Maschinen find in einer besonderen Textilhalle in Thätigkeit. Man muß fich wundern, wie angesichts solcher Vervollkommnung des Maschinenbetriebs durch alle Phasen der Herstellung überhaupt noch von Handweberei (die man ja in Oberhessen durch Errichtung einer Handwebeschule noch heben will) die Rede sein kann. So ist beispielsweise eine Maschine in Thätigkeit, die ein leinen- artiges Gewebe in einer Breite von 10 Metern darstellt.
Es ist ein Vorzug der Leipziger Ausstellung, daß der größte Theil der Maschinen in Thätigkeit ist, man sieht die Gewebe entstehen, vom schwersten Teppich bis zum Kinder- tascheutuch. Großartig ist ferner die Werkzeugmaschinenfabrikation und der Mustkinstrumentenbau vertreten. Den bedeutendsten Raum nimmt weiter ein die Buchdruckerei mit ihren Nebenzweigen, die Buchbinderei, letztere Industrien find nochmals besonders vereinigt mit dem Buchhandel zu einer ebenfalls einen großen Raum einnehmenden Collectiv-AuS- stellung der graphischen Gewerbe Leipzigs. Es bedarf natür
lich einer langen Wanderung, um den Inhalt der mächtigen Jndustriehalle nur einigermaßen kennen zu lernen.
Man thut gut, sich zeitweilig aus dem Geräusch der Maschinen zurückzuziehen nach den Hallen, die dem Getöse weit entrückt sind. Die Möglichkeit hiezu bieten in erster Linie die Ausstellungen deS sächsischen Staates und der Stadt Leipzig. Wohlfahrts-, sanitäre, gemeinnützige Anstalten u. s. w. find graphisch wie in Modellen in einer Reichhaltigkeit vertreten, die geradezu frappirt, es fehlt fast nichts von dem, womit fich ein modernes Staats- und Gemetndewesen zu befassen hat. Das im Freien aufgestellte Stück einer 18 Meter breiten Straße zeigt im Querschnitt nicht nur die verschiedenen Arten des Pflasters und der Trottoiranlagen, sondern auch alles daS, was bis zu 4 Meter Tiefe fich unter dem Pflaster befindet, (der Gedanke an die Gießener Canali* fation drängt sich mir bei Betrachtung dieses AuSftellungS* stückeS unwillkürlich auf). Großartig sind ferner die Aus* stellungen auf dem Gebiete des Unterrichts, wobei wieder Staat und Stadt fich hervorgethan, ferner der Gartenbau, die Ausstellung für Gas und Wasser, für Landwirthschaft, Sport, Hygiene, Jagd / interessant ist die Ausstellung Leipziger Alterthümer, das alte Leipziger Meßviertel. Die Beleuchtung des ganzen AuSstellungSgebteteS erfolgt auf elektrischem Wege und bietet am Abend, wo daS Vergnügen feinen Tribut von der einigermaßen zahlungsfähigen Menschheit, die in allen möglichen Restaurants, BräuS, CaföS u. f. w. fich zusammenfindet, fordert. Wie alle großen Städte, hat fich auch Leipzig in den letzten Jahrzehnten auf allen Gebieten vortheilhaft entwickelt, es bietet neben seiner Ausstellung so viel deS SehenSwerthen, daß ein Besuch dieser Stadt schon an fich lohnend ist.
Hermann Elle.


