Ausgabe 
29.4.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 99

Der * HKHeuer feiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Die Gießener Aamitienvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlrgt.

Zweites Blatt. Donnerstag den 29 April ___________

Siebener Anzeiger

Keneral-Anzeiger.

1897

Bierteljähriger Avonuemevtspreiar 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlöha. Durch die Post bezog«» 2 Mark 50 Pfg.

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Feuilleton.

Vm» Schnellläufer bis jur elektrischen Bahnpost.

Tin Beitrag zur Geschichte deS PostweseuS.

Bsn Lurt Eickel.

(Schluß.)

Die Römer all etu hervorragend politisches Volk bet» besserte» dal Postwese» in mannigfacher Weise. Reitende Touriere führte zuerst Läsar zur Beförderung feiner Krieg!« botschaften ein, unter Augustul kamen die eigentlichen Post« wagen auf. Der praefectaa praetorio war der Oberlettrr der römischen StaarSpoft, unter ihm standen besondere Ober­beamte für die Provinzen, unter diesen wieder die Post­meister u. s. w. Die bedeutenden Soften der Einrichtung trugen die Landbewohner, welche Pferde und Wagen umsonst zu stellen und alle mit kaiserliche» FreipLffe» versehene Per­sonen frei zu besördern hatten. Mit dem zunehmenden ver­fall del römischen Weltreiche! ging auch dal römische Post­wesen zu Grunde, dasselbe fand jedoch eine Art Nachahmung im Frankenretche durch Chlodwig und seine Nachfolger, welche ebenfalls die Gemeinden zu Borspaonpfiichte» heranzogen.

Wal nun die Entwickelung bei deutschen PostweseuS au- laugt, so weift zunächst das Mittelalter wie auf allen Ge­bieten so auch auf diesem einen großen Rückschritt auf. Der politische Eharacter der Post ging total verloren und ganz im Gegensatz zu den alten Eulturstaateu wuchs die Ein­richtung allmählich aul dem gesellschaftlichen und wirthschaft- licheu Bedürfniß Heraul. Universitäten, Städte, Klöster sahen fich genöthigt, sich gegenseitig Berichte zukommen zu laßen, und ihre Voten nahmen gegen entsprechende Ent­schädigung auch gern andere Briefschaften mit. In manchen Gegenden versahen die Metzger de» Nachrichten- und Befvr- derungldteust, da ihr Geschäft fie vielfach weit in! Land hineinführte. Sie waren die Vorläufer unserer Spediteure, Botenfuhrleute und Botenfrauen und besaßen sogar eine ge­wiße Organisation. Mit dem Aufschwung del Handel! gab sich auch die Rothwevdigkeit einer entsprechenden Auldehuung der Verkehrsmittel tun6; die Hansa trat daher mit einer

großen Anzahl deutscher Städte io Verbindung und stellte ein sür die damaligen Verhältnisse wahrhaft imponirende! Boten« netz her. Die Personenbeförderung genügte dagegen lange auch den einfachsten Ansprüchen nicht. Besaßen schon die Römer Wagen mit Dächern, so kannte man wett später tu Deutschland nur offene Karren sür Reisezwecke, deren fich selbst Monarchen, tote Karl der Große, bedtenten. Erst tm 16. Jahrhundert fing man au, dte Wagen comfortabler zu gestalten, indem «an das Obergestell derselben nicht mehr blo! auflegte, sondern oberhalb de5 Achsen in Ketten oder Riemen aufhing. Dte ersten dieser Wagen sollen in der Ortschaft Kothe gebaut sein, woher der Name Kutsche kommen soll, von ihr stammt aber unsere alte gelbe Postkutsche nicht ab, sondern von der nach de« um dte Hebung der fran« zvfischen Post hochverdiente« Minister Lurgot benannten Lurgotioe.

Große Verdienste um die weitere Ausgestaltung des deutschen oder überhaupt europäischen PostweseuS erwarben fich dte Herren von Lorriant, dte fich später auch den Namen Herrn von TasfiS (Lapis) beilegten. Ihnen verdankt dte ganze Jnstttution auch den Namen, denn Post (italienisch peeia) kommt von poaita (Standort für Pferdewechsel, Post- hauS u. s. w.). Schon 1450 stand ein Johann von LapiS an der Spitze des PostweseuS von Ttzrol. Kaiser Maximilian verlieh um! Jahr 1516 de« an seinem Hofe lebenden Franz von Taxi! umfangreiche Privilegien, betreffend dte Beför- derung von Briefen für fich und seine Nachkommen. Der Kaiser hatte aber nicht zuvor die Genehmigung der Fürsten etngeholt, welche infolgedeffen den Bestrebungen derer von Laxi! viele Hinderuiße in den Weg legten. Trotzdem gelang eS denselben, ihre Postcourse «ehr und mehr zu erweitern, ja, im Jahre 1595 erhielt sogar Leonhard von Taxi! die Würde eine! Geueralpoftmeisters del Habsburgischen Kaiser- hause!. Unter dte TaxiS'sche Postverwaltung fällt auch die Einführung der Postkutsche.

Dte etgeutliche Reform de! deutschen PostweseuS ver- daokeu wir tudeffen dem preußtscheo Staate. Kurbrandenburg gehörte zu den Ländern, welches dte Gerechtsame der Familie Thurn und Taxis nicht anerkannte, sondern bereits unter

dem Großen Kurfürsten eigene Poftinstttutiouen tu! Lebe» rief. Die erste Postordnung erschien 1710, 1730 verzeichnete «an bereits einen Ueberschuß von 200,000 Thalero. Unter den Geueralpostmetstern Nagler, Schmückert und Philiplbor», den Vorgängern Stephani, entwickelte fich die wohlgeordnete Einrichtung, dte ebenso den Jntereffeu des Verkehr!, al» denen des Staates Mente, «ehr und mehr, und vielleicht liegt gerade das Geheimniß ihre! vorzüglichen Gedeihe«! tu der glücklichen Verbindung beider Jntereßen. Während die erste deutsche Postkutsche im Jahre 1690 zwischen Frank­furt tu M. und Nürnberg verkehrte, vermittelte von 1754 ab eine erst täglich einmal, später zweimal fahrende Jour- naltäre die Verbindung zwischen Berlin und Potsdam. 1821 entstanden dte Schuellpostverbtndungen zwischen Berlin und Dresden und Hamburg und Leipzig. Am längsten hielten fich die Taxts'schen Posten in Thüringen, Heffeu, Frankfurt und Naffau, nämlich bis 1866, wo fie von Preußen gegen eine Abfindungssumme von 3 Millionen Thalern übernommen wurden.

WaS Heinrich v. Stephan aus der Post gemacht hat, ist bekannt. Zahlreiche Nekrologe haben und bei seinem Ableben sein erfolgreiches, schöne! Wirken vor Augen geführt. Ge­waltig, ja wunderbar find die Fortschritte in den verfloßenen 30 Jahren, trotzdem bleiben der Zukunft noch mannigfache und große Aufgaben zu lösen. Wir erwähnen nur die der electrtschen Bahvpost, eine Idee von Werner von Siemens, welche den noch bestehenden Mangel eines bequemen Packer- Verkehr! und einer schnelleren Beförderung von Postsachen von einer zur anderen Großstadt abzuhelfen bestimmt fei« soll.An dem Körper der Bahnen sollen eiserne Röhre« entlang führen, in deren Innern kleine, durch Electricitat betriebene Wagen mit Briefen und kleinen Packele» auf Schiene» laufen, natürlich viel schneller als die schnellste« Eisenbahnzüge, In Amerika geht ein ähnlicher Gedanke jetzt feiner Verwirklichung entgegen." Welch weiter Weg von den Schnellläufern der alten Welt bi! zu diesen fliegenden Packetwagen, welche die geheimntßvolle elektrische Kraft von Ort zu Ort tragen soll!

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Lich, den 27. April 1897.

Großherzogliche Bürgermeisterei.

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München, 7. September 1867.

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