Ausgabe 
28.11.1897 Erstes Blatt
 
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werden. Höchsten- wird ein Milderung-recht in gewissen, lest bestimmten Grenzen beibehalten werden. Die Frage der Oeffentlichkeit deS Verfahren» ist wohl diejenige, so meint dieKöln. Ztg", welche am lebhaftesten erörtert worden ist. Es versteht sich von selbst, daß eine Neuordnung de» Strasprocesse», die sich dem bürgerlichen Strafproceß nähern soll, die Oeffentlichkeit zulassen muß und wird. Wie schon srüher angedeutet, steht endlich zu erwarten, daß im Gegen­satz zu den Standgerichten bei den kriegsgerichtlichen Ver­handlungen dem Angeklagten stet» die Wahl eine» Bertheidi- -er» zustehen wird. Hierbei werden bei militärischen ver­gehen nur Offiziere zugeloffen, während für bürgerliche Delikte auch die Wahl eine- Recht-anwalt- freistehen wird.

Hamburg, 26. November. Der gestern von Afrika ein getroffene DampferWörmann- übersegelte in ter Unter« elbe einen mit drei Personen besetzten Ewer. Eine stunden­lange Absuchung de» Strome» blieb resultatlo». Alle drei Insassen find vermuthltch ertrunken.

Wien, 26. November. Die Aufregung über die heutigen Vorfälle im Parlament ist in allen Schichten der Bevölkerung coloffal. Für den Abend find die umfassend' sten Sicherheit-maßregeln angeordnet. Dem Abgeordneten Wolff wurden von der Menge vor seiner Wohnung große Ovationen dargebracht. Die nächste Sitzung findet morgen vormittag 10 Uhr statt. Biele Abendblätter find conft-cirt. Im Ganzen find neun soeialtstische Abgeordnete sowie Schönerer und Wolff für drei Sitzungen ausgeschlossen.

Wien, 26. November. Der verfassungstreue Groß­grundbesitz beschloß Angeficht» der heutigt« Vorgänge au» dem Abgeordnetenhause au-zutreten.

Wien, 26. November. Infolge der Vorgänge im Ab­geordnetenhause sanden heute Mittag vor der Univerfität Studentendemonstratiouen statt, welche allerding- von einem starken Wachaufgebot schnell unterdrückt wurden. Mehrere Studenten wurden verhaftet. Für heute Abend befürchtet man Unruhen Seiten» der Arbeiter.

Wie», 26. November. DieArbeiter-Zeitung" kündigt für Montag Abend eine von den Socialdemokraten in allen Bezirken Wien» einberufene Volksversammlung an, in welcher über die Vergewaltigung de» Parlament- durch die Regierung die Arbeiter ihr Unheil sprechen sollen.

Wien, 26. November. Ueber die geplante Parla­ment-wache verlautet, daß dieselbe 60 Manu stark fein «nd unter dem Befehl eine- Offizier- stehen solle. Dieselbe wird während der Sitzung im Parlament-gebäude, aber nicht im SitzüngSsaale anwesend sein und soll nur auf Anordnung deS Präfidenten je nach Bedarf in Action treten.

Wien, 26. November. Im Abgeordnetenhause spielten sich heute wieder sürchterliche «eenen ab. Sofort «ach Eröffnung der Sitzung proteftirte die Linke gegen die neue Geschäftsordnung. ES entstand ein furchtbarer Lärm, weil der Präfident Redner von der Linken nicht sprechen lassen wollte. Die socialistischen Abgeordneten bestürmten daraus die Präfidententribüne und ohrseigten den Präsidenten. Alsdann rückten 100 Mann Sicherheit-wache in den Saal und rissen die socialistischen Abgeordneten von der Präsidenten- tribüne herab. Da fich die Abgeordneten die- nicht gefallen lassen wollten, entstand ein furchtbares Chaos, welche» die auf den Gallerten anwesenden Personen durch fortwährende» Schreien undPfuirufen" begleiteten. Die Sitzung und der Tumult dauert noch fort. Das Parlamentsgebäude ist von einem dichten Cordon Sicherheitsposten umgeben, ebenso die Univerfität, da man Studentendemonstrationen befürchtet. Da» Militär wird in Kasernen confignirt gehalten.

Men, 26. November. Im Abgeordnetenhause wurden heute im Ganzen auf Befehl Badeui» und Abraha- mowic» 7 socialistische Abgeordnete und der Abgeordnete Wolff aus dem Saale gewaltsam unter heftigen thätlichen Protesten der gesammten Linken von der Polizei entfernt und die Gallerte geräumt. Die Abgeordneten wurden in die Portierloge geführt und dann wieder frei gelassen. Sie kehrten in den Saal zurück. Als etwa» Ruhe eingetreten war, erschienen Badent und Abrahamovic», welch letzterer fich von den thätlichen Insulten etwa» erholt hatte, tm Saale. Kaum, daß die Linke ihrer ansichtig wurde, ertönte neuer- ding» betäubender Lärm. Von verschiedenen Seiten wurden Ruse laut: Hinan» Ihr Schufte, Ihr gehört in» Crimtnal, Ihr gehört in» Zuchthaus. Auf Befehl des Präsidium» wurden sodann der socialistische Abgeordnete BatczinSki und der Abgeordnete Wolff von der Polizei im Saale verhaftet und gleichzeitig auf drei Tage von den Sitzungen ausge­schlossen. Da trotzdem keine Ruhe eintrat, erhielt die Polizei Befehl, den Saal zu verlassen, aber auch da» half nicht». Schönerer, die Soclaldemokraten und die übrige Linke schimpfte dermaßen, daß der Präsident neuerdings die Polizei herbeirief und die Verhaftung Schönerer» anordnete- sodann wurden auch die socialdemokratischen Abgeordneten BatczinSki und Resel von drei Sitzungen ausgeschlossen. Da infolge drS Lärmes eine Fortsetzung der Debatte unmöglich war, schloß der Bicepläsident die Sitzung. Die nächste Sitzung wird schriftlich bekannt gegeben.

Budapest, 26. November. Die hiesigen politischen Kreise stehen ausschließlich unter dem Eindruck der Wiener Vor­gänge. Nach der gestrigen gewaltsamen Abänderung der Hausordnung hält man e» für flcher, daß auch das Pro- viforium mittelst eines parlamentarischen Handstreichs durchgeht.

Pari», 26. November. Das BlattCroix" sagt, daß mehrere Abgeordnete der äußersten Linken vom Minister- Präsidenten'.ine die Entlassung General BoiS- deffre» gefordert Habenwegen seiner angeblichen clericalen Haltung. Da» Blatt fügt hinzu, die Regierung habe ver- sprachen, den Fall DrehfuS einer neuen Prüfung zu unter* ziehen, daß aber mehrere höhere GeneralstabSosfiziere sich dem widersetzten. Die Regierung werde aber wahrscheinlich doch BoiSdeffre entlassen.

Petersburg, 26. November. An der Pariser Welt- auSstellung wird die Betheiligung Rußlands so rege sein,

wie noch bei keiner Ausstellung. Für die Einrichtung einer russischen Sektion hat die Regierung 2 Millionen Rubel au»- geworfen.

Madrid, 26. November. Sagasta hat der Königin- Regentin einen ConftttutionS-Entwurf für die Insel unterbreitet.

Koustautinopel, 26. November. Die Gesandten habe» beschlossen, daß die Mitglieder der Grenz-Commis siou hre M sfion in Thessalien sortsetzen sollen, nachdem die deutschen und österreichischen Mitglieder der Commiifion infolge eines Mißverständnisses Thessalien verlassen hatten.

Berlin, 27. November. Gestern fanden die fünf Stichwahlen in der dritten Abtheilnug zur Stadtverord­netenversammlung statt. Gewählt wurden drei Liberale, ein Socialdemokrat und ein Antisemit, Letzterer mit vier Stimmen Mehrheit. Im Ganzen find in der dritten Abtheilung acht Liberale, fünf Socialdemokraten und ein Antisemit gewählt, wobei die Liberalen ein Mandat von den Socialdemokraten gewonnen haben.

Berlin, 27. November. Der Theaterdirector Hofrath Pollini von Hamburg ist vergangene Nacht am Herzschlag gestorben.

Wien, 27. November. Im Gemeinderath brachten alle politischen Parteien Anträge ein wegen der parlamen­tarischen Vorgänge. Sämmtliche Anfragen, welche in der verschiedenen Verrntheilung de» vergehens de» Präsidiums und der Rechten gipfeln, wurden dem Stadtrath zur Bor- berathung überwiesen.

Graz, 27. November. Gestern Abend fanden hier große Demonstrationen gegen dos Ministerium statt. Eine zahlreiche Menschenmenge zog vor da» Franz-Joseph- Monument, die Polizeidirection und die Barg und schrie fortwährendAbzug Badent, Abzug Regierung." Militär mußte auSrückm und e» kam zu vielfachen Zusammenstößen und Verhaftungen.

Cocalcs ttnd prwittjielUs*

Gießen, 27. November 1897.

** Museum de» Oberhesfischeu GeschichtSverein». Vom Vorstand de» GeschichtSveretn» wird un» witgetheilt, daß auf eine in unserem Blatte gegebene Anregung beschlossen worden ist, daS Museum de» Verein» fortan nicht nur voa 11 bi» 1 Uhr, sondern mit Rücksicht auf die kaufmännischen Kreise dieser Stadt auch Nachmittag» von 3 bi» 5 Uhr an jedem Sonntage für da» Publikum zu öffnen. Wir find überzeugt, daß von diesem dankenSwerthen Entgegenkommen reichlich Gebrauch gemacht werden wird, und empfehlen die Sammlungen der allgemeinen Theilnahme; der Vorstand hat da» Opfer nicht gescheut, da» ihm durch die Erfüllung jene» Wunsche» auferlegt wird.

** Kriegerkameradschaft Hasfia. In der Sitzung de» GesammtauSschusse», die am 5. November in Darm­stadt stattfand, wurde u. A. mit Bezug auf Verleihung der Centenarrnedaille Kaiser Wilhelm» I. an die hessischen Veteranen witgetheilt, e» sei die Generalantwort ertheilt worden, daß gleich den übrigen nichtpreußischen Veteranen auch die hessischen die diesbezüglichen höheren Verfügungen abwarten müßten. Auf das Wiederaufnahmegesuch deS vor zwei Jahren ausgeschiedenen Verein» Großen-Linden soll die Wiederaufnahme nach Erfüllung der statutarischen Be­stimmungen gewährt werden, unter der weiteren Vorau», setzung, daß auch der verein die von seinem Vorfitzrnden ein* gesandte Entschuldigung»erklärung vollinhaltlich billigt. Dem Bezirksvorsteher wird davon Kenntniß gegeben. Bezüglich de» Gesuch» de» Veteranenverein» Lollar wird sestgestellt, daß, obgleich der königl. Landrath de» Kreise» Wetzlar in seiner Bescheidung von nicht ganz zutreffender Voraussetzung auSging, doch auch hier nur die gleiche Antwort ertheilt werden kann, wie im letzten Präfidialprotokoll dem Verein Hammelbach. Die Ausnahme de» Marineverein» in Gießen kann erst dann zur Erledigung kommen, wenn die satzung»- gemäßen Unterlagen, hier die Zustimmung aller Ortsoereine, vorliegen. In der Angelegenheit der Gießener Militär- vereine muß grundsätzlich, im Hinweis auf da» Referat in Nr. 40 derParole" gemißbilligt werden, daßHasfia"- Vereine derartige Vereinbarungen treffen mit Vereinen, die außerhalb unseres Verbände» stehen, dazu noch unter Sei* feitelaffen eines Verbandsvereines am Orte. Demgemäß find die beiden Gießener Vereine zu bedeuten, daß bi» auf Weiteres, d. h. bis zur Aufnahme de» Marinevereins, die getroffene Abmachung als ungültig zu betrachten ist, insoweit da» gemeinsame Auftreten in der Oeffentlichkeit darunter be­griffen ist. VerbaudSschriftführer Dr. Vogt erhält Auftrag, baldmöglichst eine Versammlung der drei GießenerHasfia"- Vereine zu berufen und in derselben, im Sinne der Be- rathung, da» einmüthige Zusammengehen dieser Vereine für die Zukunft sicher zu stellen.

Billard-raurnier. Hugo Kerkau, Großmeister der freien Carambole, von seiner Tournee von Amerika zurück- gekehrt, ist von dem bayerischen Billard-Champion A. Woerz qu» München, welcher aus der Tournierreise durch Europa alle Gegner schlug und die bekannten ungarischen Billard­meister Adorjan und Trebur wiederholt besiegte, heranS- geforbert zu einem Carambol-Eadre.(valkine)Tournier auf 20000 Point», um die Meisterschaft im Cadreipiel, Einsatz 1000 Mk., mit der Bedingung, daß 10000 Point» in Berlin und 10000 PointS aus neutralem Boden in verschieden großen deutschen Städten gespielt werden. Kerkau hat die Heraus- forberung angenommen. Der Wettkampf hat in Berlin in Hugo Kerkau» Internationaler Billard-Akademie, Friedrich- straße 59/60 (Equitablepalast) am 1. November begonnen. Bon 10000 Poiot», die auf neutralem Boden zu spielen find, wird ein Theil am Freitag den 3. December in Leib» Theater- saal gespielt. (S. Inserat.)

** Wetterbericht. Bei stark steigendem Barometer hat der starke Druck wieder erheblich an Intensität gewonnen

und sich dabei nach dem (Kontinent herein verlegt. Sowohl den äußersten Norden wie Süden bedeckt dabei eine Depressiv» und nimmt der Luftdruck vor dem barometrifden Maximum an beiden Seiten etwas ab. Die Temperaturen find nun­mehr erheblich zurückgegangeu und hat fich die Frostgrenze weit nach Westen verschoben. voraussichtliche Witte­rung: Zunächst heiteres Frostwetter.

Boa der Rade«»», 24. November. In Geilshause» hat fich ein Turnverein gebildet. SS 'st dies der erste derartige Verein in unserem Bezirke, und es wäre zu wünschen, baß sich auch in ben anberen zum Theil bedeutend größeren Orten der Rabenau die männliche Jugend zur Pflege der 8eib(6übungea zusammenschließen würde. Dem Vernehmen nach beabfichtigt der junge Verein, dem Gaue Hessen beizutreten.

Vermiete»

* Bayrenth. 25. November. Gestern Abend nach der Coutrolversammlung neckten die Bauernsöhne Joseph und Johann Hofmann von Unternschrenz den Dienstknecht Heidenreich von Obernschrenz- auf dem Heimweg griffe» die Gebrüder Hofmann ben Hcibenreich an. Er zog sein Messer, töbtete durch einen Stich in den Hal» den Joseph Hofmann und verwundete den Johann Hofmann lebensgefähr­lich. Alle drei waren betruntn. Heidenreich ist verhaftet; er will fich in Nothwehr befunden haben.

* Dynamitpattoneu zwischen den Steinkohlen. Sine sonder­bare Steigerung der Annehmlichkeiten, die baß Reisen ans preußischen Bahnen seit mehreren Monaten ohnehin bietet, wird durch dieAltonaer Nachrichten", die in der Lage find, ein aus Essen an tie königliche E senbahn-Direction zu Altona gerichtete» Schreiben seinem Inhalt nach mitzutheilen, jetzt bekannt. Ja diesem Schreiben heißt e»: von einzelnen Eisenbahn-Direktionen ist wiederholt über die Auffindung von Dynamitpatronen zwischen ben Kohlen Mittheilung mit bem Ersuchen zugegangen, geeignete Schritte zur Bestrafung brr Schulbigen zu unternehmen. Die in dieser Hinsicht mit de« Rheinisch - Westfälischen Kohlensyndikat gepflogenen Verhand­lungen find jedoch ergebnißlo» verlaufen, da diejenigen An­gaben fehlten, die zur Ermittelung der Thäter unumgänglich nothwendig find. Nach einer neuerlichen Mitteilung be» königl. Oberbergamt» in Dortmund kann die Ermittelung de» Schuldigen nur dann mit Erfolg angeftellt werden, wenn in jedem Einzelfalle die ausgefundene Patrone alsbald eingefonbr und der Name der Lieferzeche, die Wagennummer und der VerladungStag angegeben wird. Die königliche Eisenbahn- btrection in Altona ist hiervon in Kenntniß gesetzt mit dem Ersuchen, hinfort nur dann Mittheilung von dem Auffinde» von Sprengpatronen unter Einsendung letzterer zu machen, wenn obige Angaben gleichzeitig mitgetheilt werben können. Die» wirb im Allgemeinen nur geschehen können, wenn die Patronen beim Entlaben der Wagen gesunden werden, wo­gegen bei Auffindung in ben Lagern die Nachforschungen im Allgemeinen aussichtslos fein werden. Vor der Versendung der aufgefunbenen Sprengpatronen ist zunächst da» etwa noch daran befindliche Zündhütchen und die Zündschnur zu entfernen. Die» geschieht nach Angabe de» Oberbergamt» n der Weise, baß die Befestigung gelöst und da» Zünd- sütchen alsdann langsam und vorsichtig herauSgezogen wird. Mit Rücksicht auf die Gefährlichkeit dieser Verrichtung wiro ie zweckmäßig durch einen Sachverständigen auSgeführt. Die Dynamitpatrone selbst ist gegen Schlag und Stoß nur in gefrorenem Zustande besonders empfindlich, weshalb die Bi- -andlung von aufgefunbenen scharfen Sprenxpatronen im Winter, namentlich bei starker Kälte, besonbere Vorsicht erfordert. Die» amtliche Schreiben wird nicht verfehlet, einige» Aufsehen zu machen. Da» Vorkommen von Dynamit- Patronen in den Locomotiv-Tendern scheint gar nicht so feiten u fein.

* Die Militär Tochter. ,,Wa», Anna, Du bist verlobt und kokettirst mit dem Doctor?"Ja, weißt Du, ich habe einen aktiven Bräutigam und einen in der Reserve!"

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