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28.11.1897 Drittes Blatt
 
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Nv. 280 Drittes Blatt. Sonntau den 28. November

1807

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Eine unerwünschte Postreform.

Wir haben schon verschiedentlich der Anstrengungen ge» dacht, welche der neue Letter unseres PostweseoS macht, um dem Publikum mehr entgegen zu kommen, als dies bisher der Kall war. Die Berathungen mit Vertretern der Handels- vnd Geschäftswelt haben stattgefundrn, und eine Reihe von Verbesserungen und Verbilligungen ist geplant worden, die seitens des correspondtrenden PubUkumS als ein wesentlicher Fortschritt zu dem Ziele, das Institut der RetchSpost immer mehr zu einem Gemeingut der Bevölkerung zu machen, dank­bar empfunden werden dürfen. Die sog. Kartenbriefe find dem Verkehr bereit- übergeben worden, und fie erfreuen fich der Gunst de- Publikums, wenn auch aus dem reißenden Absatz, den die Kartenbrtefe gleich am ersten Tage ihrer Ausgabe fanden, nicht auf da- vorhanden gewesene Bedürfniß geschloffen werden kann. Die Mängel, welche die ersten Karten hatten, stnd prompt abg-strllt worden, sogar der auf der Rückseite derselben angebrachte dienstliche Vermerk hat eine Redtgtrung erfahren. Man steht aus solchen Kletntg. keiteu, daß die Postverwaltung bestrebt ist, so weit wie nur irgend möglich den Wünschen der Allgemeinheit vachzu- kommen, der büreaukratische Standpunkt, auf welchen fich die Postbehörde früher tu so vielen nicht angebrachten Fällen stellte, scheint überwunden zu sein.

Wie schon oben gesagt, find auch Herabsetzungen de» PortotqrisS in AuSficht genommen; u. A. soll da- Porto für Ort-briefe, sowie die Gebühr für Postanweisungen niedrigerer Beträge eine Ermäßigung erfahren. Da hiermit eine wesentliche Verringerung der Retchsrtnnahmen verbunden ist, wenigstens vorläufig erwartet werden muß, so ist eS natürlich, daß die Poftverwaltung, ehe fie endgiltige Schritte unternimmt, fich mit dem Reichsschatzamte in Verbindung setzen muß. Es ist noch in frischer Erinnerung, wie fich der verstorbene Staatssecretär Stephan in den letzten Jahren seines Wirkens jeder Herabsetzung der Gebühren mit dem Hinweise auf den Ausfall in den Einnahmen widersetzte. Früher rechnete er mit dem Grundsätze, daß jeder Porto. Herabsetzung eine Steigerung des Verkehrs folge, welche den Verlust wieder ansgleiche. Dieser optimistischen Auffaffuug war er aber in der letzten Zett ungetreu geworden, und alle versuche, ihn zu Tarifänderungen zu bewegen, beantwortete

u mir lüum scheuen Seitenblick auf Excellevz Miquel, den damaligen Hauptmacher auch in Angelegenheiten der Reich», finanzen. Wir wollten also sagen, daß über die Reformvor. schlüge de- Herrn v. Podbielskt selbstverständlich im Schooße der Regierung reifliche Erwägungen statlfinden. Am Dienstag hat fich das preußische Staat-Ministerium mit den Post, «formen in einer überaus laugen Sitzung beschäftigt, an welcher auch die StaatSsecretäre de- RetchSpostamtS und de- Reichsschatzamts Thetl nahmen.

Unter den Plänen, welche Herr v. PodbielSki verfolgt, soll fich auch der befinden, da- Postregal auf den Ortsver­kehr auSzusehueu. Bisher unterlagen dem Poftzwange nur geschloffene Briefe von Orten m.t einer Poftanstalt nach anderen Orten mit Postanstalt, sowie politische Zeitungen. Daß in der Oeffentlichkeit nicht die Neigung vorherrscht, bic Gerechtsame der Postverwaltung noch zu vergrößern, geht schon daraus hervor, daß bei dem Uebergang der Poft von den Einzelstaaten auf den Norddeutschen Bund und später auf da- Reich, die Vorrechte immer mehr beschnitten worden find. Dadurch, daß in den letzten beiden Dezennien dem allgemein empfundenen Bedürfniß auf Herabsetzung der Ge­bühr für Ottsbriefe keine Rechnung getragen wurde, entstand die Anregung zur Gründung der Privatpostanstalten. Letztere würden aber, wenn der Plan auf Ausdehnung de- Postregals auf den Ortsverkehr fich verwirklicht, wieder von der Bild, fläche verschwinden müffen, und das muß unter allen Um« ständen verhindert werden, wenigstens soweit eS fich um gut geleitete und sicher fuudtrte Anstalten handelt. Denn diese Privalpostanstalten haben fich für die großen und größeren Städte zu einem Bedürfniß herauSgrbildet, sodaß ihre Be- feittgung eine Schädigung der BerkthrSrinrichtungen bedeuten würde. Herr v. Podbielskt will mit der Ausdehnung de» Postregals den durch die geplanten Reformen entstehenden PortoauSfall decken, während Herr v. Stephan stets in Ab­rede stellte, daß die ReichSpostoerwaltung erheblich durch die Privatanstalten geschädigt würde.

Es ist nicht unmöglich, daß daS preußische StaatSmini- sterium in seiner letzten Sitzung besonders diese Angelegenheit eingehend berathen hat. Man darf erwarten, daß eS zu dem Eutschluffe gekommen ist, den Absichten deS Herrn v. Pod. btelskt zuzustimmen, aber unter voller Wahrung berechtigter Interessen. (xx)

Feuilleton.

Das Tüpfelchen auf dem i.

Von E. Ritter.

(2. Fortsetzung.)

Ein Stückchen Kuchen, Herr Doctor?" klangS jetzt aus MagdaS Mund,tdj habe ihn selbst gebacken nach einem berühmten Recept."

Kuchen war Gründlich nun ganz zuwider, aber eine so freundliche Aufforderung abschlagen, unmöglich! Umsomehr al- halt ein Gedanke durchzuckt fein Gehirn. DaS ttäre ein Weg -um Autogramm! Mit Todesverachtung also ging er zum Angriff auf daS respectable Stück Kuchen über eS wollte gar nicht rutschen, und AuiS war drin, ein mtsetzltches Gewürz für Gründlich. Endlich nach verzweif- langSvollern Würgen hatte er's runter, bemühte fich, eine begeisterte Miene zu machen und sagte, so ganz von un- zrfähr:

Ein vorzüglicher Kuchen, Fräulein Magda, in der That, wundervoll. Dürfte ich vielleicht um das Recept bitten?"

Magda horchte verwundert, dann lachte fie hell auf.

Sie wollen doch nicht Kuchen backen, Herr Doctor k" ,Nein, nein, natürlich nicht, ich nicht aber ich möchte bas Reeept meiner Schwester schicken, die kann mir dann mit« rnter solchen guten Kuchen backen. Er ist wirklich sehr gut."

,3o, aber da- finde ich sehr umständlich, wenn Sie erlauben. Sie Plagen fich so mit Fritz wir find Ihnen so dankbar dafür, nicht wahr, Papa? und ich würde Zhnen sehr gern manchmal einen solchen Kuchen mitbacken, zewiß, Sie brauchen Ihre Frau Schwester gar nicht zu bemühen."

Magda war etwa- roth geworden bei ihrem Vorschlag Md Gründlich stotterte:Sie find zu gütig, Fräulein Magda, aber wirklich, ich bitte um das Recept mein Schwager ißt nämlich auch sehr gerne Kuchen. Vielleicht könnte ich das Recept gleich heute mttnehmen ich schreibe Borgen an meine Schwester."

Run, hat denn das solche Eile? Ich denke, Ihre Frau Schwester ist augenblicklich an der Riviera da bäckt fie doch ficher keinen Kuchen."

Nein, allerdings, aber fie kehrt bald zurück, und dann hat fie eS gleich das Recept. Ich bitte doch sehr dringend, wenn Sie eS mir bis morgen abf rretben könnten, ich möchte eS sonst vergeffen."

Gewiß, Herr Doctor, wie Sie wünschen, ich schreibe eS heute Abend noch ab und Max bringt e- Ihnen morgen hinüber *

Damit war die Frage endlich erledigt zu Gründlich» Erleichrerung. ES war ihm schrecklich, er hatte gelogen. ES war ihm herzlich schwer geworden, aberber Zweck heiligt die Mittel". ES handelt fich um sein Lebensglück. O, du dummer Doctor Gründlich! Da fitzt eS vor dir in leibhaftiger Gestalt, dein Glück da- holde, frische Mädchen mit dem herzerquickenden Frohfiou greif doch -u und frag nicht lang! . . So ähnlich spricht wohl eine Stimme in ihm, aber er wehrt fie ab. Nein, erst die Schriftprobe, denn eine oberflächliche Frau, die kann er nicht gebrauchen.

Am Montag Mittag kommt der Quintaner Max und bringt auf einem Briefblatt, sauber gefaltet und in einem Umschlag verwahrt, da- Recept. ES dauert Gründlich zu lange, btS der Junge fich entfernt und doch geschieht die- mit affenartiger Geschwindigkeit, denn die vielen Bücherregale und Hefte find ihm unbeimlich. Mit zitternden Händen entfaltet der Doctor da- Blatt. Ein Blick und er weiß genug! Flüchtige, unregelmäßige Schriftzüge fast kein Grund­strich o, er verstand fich darauf, er brauchte ja keinen profesfionSmäßigen Graphologen dazu.

Nimm ein Pfund Mehl" so begann daS Schriftstück und, o Schrecken, o Grau-, gleich da» erste Wort bestätigte feine schlimmsten Befürchtungen. Da- Tüpfelchen, welches auf das i gehörte, eS stand nicht über dem i, sondern über dem ersten Grundstrich de« zweiten m, gleichsam als wäre es dahingepflogen k Weiter brauchte er eigentlich gar nichts zu sehen. Es zeugte von ganz außergewöhnlicher Flüchtigkeit und Mangel an Tiefe. Da» Tüpfelchen auf dem i. Gründlich seufzte tief auf. Nun hatte erS schwarz auf weiß.Unb was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Haufe tragen!"

Und wa» ein vernichtete» LebenSglück wäre! Mit schwerem Herzen studirt er weiter, sucht er noch dem fosgenden

CsceUt rrnL> protrittjietto,

* Kirchliche Dienstnachrichten. Ueber den Besitz der nach Art. 1 und 4 des Gesetzes vom 5. Juli 1887, die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen betreffend, zur Uebernahme eines Kirchenamtes notwendigen Eigen­schaften ist der Nachweis erbracht worden bezüglich der Can- didaten der ebongtl. Theologie Emil Fachs aus Arbeilgeu, Ernst Kuntz aus Richen, Ludw. Schuchmann aus Zell t. O. und Joh. Wolf au- Alzey.

Erledigte Lehrerstellen. Erledigt find: Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle au der Gemeindeschule zu Freimersheim, Kreis Alzey, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mir der Stelle ist Organisten- dtenst verbunden. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Landenhausen, KreiS Lauterbach, mit einem jährlichen Gehalt von 900 Mk. Mit der Stelle kann Organtstendienst verbunden werden. Die mit einem evanqel. Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ruppertsburg, Kreis Schotten, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienft verbunden. Dem Herrn Grafen zu SolmS-Laubach steht daS Präsentationsrecht zu derselben zu. Die mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu EckartSborn, Kreis Büdingen, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Lcctoren- dienst verbunden. Die Lehrerftelle an der katholischen Schule zu Engelthal, Kreis Büdingen, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst ver­bunden. Eine mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gerneindeschnle zu Ober Mörlen, Kret» Friedberg, mit einem nach dem Dienstalter fich bemeffenden jährlichen Gehalte von 1000 bis 1500 Mk. Mit der Stelle kann Organistendienst verbunden werden. Die Lehrerstelle an der katholischen Schule zu Köngernheim, Kreis Oppen­heim, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mtt der Stelle ist Organistendienft verbunden.

Einheitlicher Eigarrenpreis. Bei einer Mainzer Militär- Cantine ist von Berlm aus ein Circular mit dem Ersuchen eingelaufen, den Cigarrenbedarf von einer Berliner Firma zu beziehen, welche unter der Leitung eines höheren OfstzterS a. D. stehe. ES wurde weiter mitgetheilt, daß man wünsche,

i, da heißt e»vier Eier". Da- Tüpfelchen ist inEier" auf daö r geflogen, und in denvier" hat eS zwischen dem e und dem r Halt gemacht. Und so geht- weiter bis zum letzten Wortbäckt ihn bei mäßiger Hitze." In dem Wort Hitze" hat daS t allerdings den weitern Flug aufgehalten, aber man fieht deutlich, wie daS Tüpfelchen fich gegen den Zwang aufgelehnt hat und widerwillig ganz oben an der Spitze de» t hängt. Und auch sonst, soviel er forschen mag, keine Spur von Festigkeit, von Ernsthaftigkeit in der Schrift. Ja, er weiß genug, aber wie die bedeutendsten Aerzte ihrer eigenen Diagnose mißtrauen, wenn e» fich um eine Krankheit ihrer nächsten Angehörigen handelt, so mißtraut Gründlich in diesem Fall seiner Kenntoiß der Schriftdeutung. Einen weh- müthigeu Blick noch wirft er auf das Recept, dann schreibt er ein paar Zeilen an den ihm bereit» bekannten Grapho- logen, einer Autorität in seinem Fach, fügt da» Recept bei, zwei, drei Mark in Briefmarken (eS gibt welche, die thun» schon für 50 Pfennige, aber dieAutorität" ist theurer), bittet um möglichst baldige Erledigung und verläßt mit dem Schreiben daS HauS, e» der Post zu übergeben.

Nun ist» gethan. Aber eS ist ihm nicht wohl zu Muthe. Er weiß ja, was er zu erwarten hat da» TodeSurtheil feiner Liebe! Er rechnet aus, bi» wann er Antwort haben kann, vor Mittwoch Abend ketnenfalls. Und immerfort fieht er da» Tüpfelchen auf dem i vor fich bei Tag und bei Nacht. Im Traum erscheint es ihm al» ein riesiger Punkt, schließlich al» Luftballon, weit in der Ferne schwebend. ES ist ein schrecklicher Zustand.

Am Donnerstag Morgen hat Gründlich den Brief be» Graphologen in bet Hand. Da» Resultat ist ein traurige». ÄI« hervorstechendste Eigenschaft: Oberflächlichkeit, Flüchtig- keit stehe da» Tüpfelchen auf dem i bei allelding» großer geistiger Begabung (o, wie Gründlich biefe Zusammen­stellung haßt!), dann eine Heiterkeit, bie fast an Leichtsinn grenzt, aber allenfalls auch in großer Herzensgute wurzeln kann. Dem steht allerdings entgegen, daß gew'ffe Eigen- thümlichkeiten der Schrift auf einen Hang zur Grausamkeit deuten u. s. w. u. s. w. Gründlich war außer sich.

(Schluß folgt.)