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Nr. 227
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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener A«mikienötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.
Zweites Blatt. Dienstag den 28. September
1897
Gießener Anzeiger
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Dir Regimrntstochtrr.
Cin ErinnerungSblatt aus Donizetti» Leben. Zn seinem hnndertsten Geburtstage.
25. September.
Don C. Gerhardt.
(Nachdruck verboten.)
Hell loderten die Wachtfeuer in einer warmen Herbst« «acht zum italienischen Himmel empor und beleuchteten mit ihrem rothen Lichte die auf dem Boden gelagerten Mannschaften eine» österreichischen Regiments. Hier leerten einige Osstziere ein Fäßchen Falerner Wein, dort kreiste der Würfelbecher unter den Gemeinen, in der Ferne erklang zuweilen da» Wiehern der Roste, daS kurze Bellen eine» Hundes. Etwas abseits von den Kameraden lag ein junger Bolontair uno flaute mit düsteren Augen in die zuckenden Flammen. Unwillkürlich schreckte er au» seinem Brüten empor, al» laute» Gelächter in seiner Nähe ertönte. Eine grauhaarige Zigeunerin stand bet einer Gruppe von Offizieren und Freiwilligen, breitete auf einer Tonne ihre schmutzigen Karten au» und verkündete au» denselben den lustigen Jüngern de» Mar» ihre Zukunft. Man überschüttete fie mit Spottreden, die fie aber nicht aus ihrer Ruhe brachten.
Endlich wandte fie fich an den Einsamen.
„Nun, mein junger Herr, wollt Ihr nicht auch Euer Schicksal wissen?"
„DaS bereite ich mir selbst, alte Hexe!"
„Nur nicht zu ÜbermÜthtg! Auch Eures Leben» Faden halten die Unterirdischen in ihren Händen. Laßt mich die Linien Eurer Linken sehen."
Halb widerwillig reichte Govians Donizetti der Alten die wohlgepflegte Hand.
„O!" rief fie entzückt. „Ich kam zu rechter Stunde! Just heute vor zwanzig Jahren erblicktet Ihr da» Licht der Welt und vor Euch liegt da» Leben im Sounenglanz. Hier diese lange Linie deutet auf efnen Weg, auf dem Euch Ruhm unb Ehre, Gold und Lorbeer« zu Theil werden wird. Ihr werdet über Menschenherzen fiegen durch der Töne Zauber, darum vertauscht den Degen mit der Liyrr."
„Dank Euch, Alte!" rief Donizetti mit aufleuchtende« Blick, „Besseres könntet Ihr mir nicht prophezetheu —R
„Halt, halt," wehrte fie, während fie ihren von wirren Haaren umgebenen Kopf schüttelte, „ich sehe noch eine dunkle Linie. Ah — Eures Dasein» Ende ist tu Nacht getaucht. Ihr werdet tobt sein, ob Ihr auch lebet!"
„Geht mir mit Euren Orakelsprüchen," schalt et; seine Stimme klang rauh und sein Geficht war aschfahl geworden. ^Jch will mich nur an den ersten Theil Eurer Rede halten. E» lebe der Ruhm!"
„Und die Liebe!" fielen jauchzend die Kameraden ein.
„(sie ist Euch nahe!" flüsterte die Zigeuuerm Doni- zetii zu.
„Rataplan, rataplan, Mutter voran!" klang e« plötzlich melodisch au» der Ferne.
„Welch schöne frische Stimme!" rief der Volontär leb- haft. „Wer ist die Sängerin?"
„Wie? Sie kennen nicht unsere kleine Marketenderin, die seit ihrer Geburt, welche ihrer Mutter, einer braven EorporalSfran, da» Leben kostete, dem Regiment angehört?"
Donizetti antwortete nicht; wohlgefällig betrachtete er da» fich nähernde Mädchen. ES trug das kleidsame Eostüm der italienischen Bäuerinnen, den rothen Rock, da» blaue, mit Silberstickereien versehene Mieder, die glänzenden fchwarzen Zöpfe, von Korallen durchwunden. Aber röther -als diese Perlen des Meeres war ihr Mund, aus dem blendend weiß die Zähne schimmerten, und mit der Farbe de» südlichen Himmel» wetteiferten ihre strahlenden blauen Augen. Man rief ihr von allen Seiten heittre Grüße zu, die fie freundlich nickend erwiderte; oft schüttelte fie auch einem der Offiziere die Hand, aber Niemand erlaubte fich eine Vertraulichkeit gegen fie.
„Kommt einmal her, Marietta," rief Roberto Dolmiro, ein Kamerad Donizetti», „mein Freund hier wünscht Eure Vrkanntschaft zu machen. Ihr schwärmt ja sür die schönen Künste, und dieser Signor ist Maler, Musiker und Held dazu."
Brschriden trat da- Mädchen heran, aber als nun ein bewundernder Blick DonizettiS fie traf, übergoß ein helle» Moth ihr Antlitz.
„Singt mir ein Liedchen," bat Gaetano, „Ihr kennt doch gewiß all die heiteren Melodien, welche da» Volk in dieser Gegend liebt."
Sie gehorchte, und während ihre klare Stimme durch die nächtliche Stille ertönte und sie den geschmeidigen Ober
körper nach dem Tacte ihrer Lieder anmuthig bewegte, brachte des jungen Volontärs gewandte Hand ihr reizendes Bild schnell auf ein Blatt seines Nottzbuche».
„Das behalte ich -um Andenken an Euch und diese seltsame Nacht," sagte er, nachdem fie mit Hellem Staunen ihr Porträt betrachtet.
„O, Signor, Sie müssen ein Maler werden!" rief fie begeistert. Er schüttelte den Kopf. „Nein, Kind, das würde mich nicht befriedigen. Ein anderes Ziel schwebt mir schon seit meiner Kindheit vor; ich wollte der Musik mein Leben weihen, doch meine Eltern waren dagegen, obgleich meine Lehrer, der Padre Mattei und der gute Piloti «ein Talent rühmten. Die trockene Rechtswissenschaft sollte ich studiren; da entfloh ich, trat aus Trotz in dieses Regiment."
„Und gelang e» Ihnen denn, die Liebe zur Mufik zu ertödten?"
„Ich glaubte, es wäre mir gelungen," murmelte er, „aber jetzt fühl ich'S, fie lebt noch, ein Strom von Melodien schläft in meinem Innern —"
„O, wecken Sie ihn, lassen Sie ihn klingen!"
„Du hast Recht, Mädchen; von jetzt an will ich nicht mehr mit dem Schicksale hadern, sondern mir mein Glück zu erringen suchen. Hab Dank für Deine Mahnung!" — Am nächsten Tage setzte daS Regiment seinen Marsch fort. Donizetti war bisher kein tüchtiger Soldat gewesen, widerwillig nur hatte er seine Pflicht erfüllt, weil er fich über seine zerstörten Hoffnungen gegrämt. Seit jener Nacht war er verwandelt; während des einförmigen Dienstes umtönten reizvolle Melodien seine Ohren, Abends beim Wachtfeuer schrieb er fie nieder. Und dann stahl fich eine blühende Gestalt in seine Nähe, ein holdes Mädchenantlitz beugte fich zu ihm nieder, zwei sonnige Augen strahlten ihm entgegen.
In Marietta» bisher unberührte» Herz war die Liebe mit siegender Gewalt eingezogen, die Liebe zu Gaetano, die er leidenschaftlich erwiderte. Da» einfache Mädchen au» dem Volke verstand sein Fühlen und Denken besser als seine Angehörigen.
Selbst musikalisch beanlagt, entzückte fie seine Schaffenskraft; aber fie wollte nichts davon wissen, daß er, wie bisher, für die Kirche componire. Seitdem fie einmal in ihrem Leben eine Oper gehört, schwärmte fie für da» Theater und suchte den Geliebten für dasselbe zu begeistern. Bald empfand er es auch lebhaft, daß seine Begabung ihren Wünschen entsprach, und da er wohl wußte, daß ihm noch eine gründliche Kenntniß de» Theaters fehlte, ftubirte er in jeder Stadt, in welcher das Regiment rastete, die Bühnenverhältniffe und näherte fich den dort ansässigen Musikern. Und immer feuriger wurde sein Wunsch, sein Streben, selbst etwas zu leisten. Ward er zuweilen mnthlos, verzagte er an seinem Können, so war Marietta da, die ihn tröstete und anregte, die zuerst seine Melodien sang. In kurzer Zeit entstand seine erste Oper: Enrico di Borgogna. Zitternd und zagend schickte er die Partitur dem Dirigenten des Theater» San Luca in Venedig, und siehe da, fie wurde angenommen!
Während der junge Componift seine Freude scheu vor den Kameraden verbarg, jubelte und sang Marietta den ganzen Tag und war stolz auf Gaetano. Am Tage der ersten Ausführung legte sie ihre besten Kleider, ihren reichsten Schmuck an. Zwar durfte fie nicht neben dem Geliebten in der Directorialloge fitzen, sondern oben im zweiten Rang, aber keiner iw ganzen Theater folgte der Aufführung mit solchem gespannten Jntereffe, wie fie, keiner jauchzte am Schluffe, al- allgemeiner Beifall erfolgte, so hell, wie die junge Schöne mit den purpurnen Wangen. Sie sah ihren Gaetano auf der ersten Staffel der Leiter, die zum Ruhm führt, und obwohl fie wußte, daß er fich nun bald von ihr trennen würde, theilte fie, sich selbst vergeffend, als echtes Weib feine Freude.
Nach diesem Erfolge erschien Donizetti der Dienst äußerst lästig; fest entschlossen, der Musik fortan sein Leben zu weihen, trat er aus dem Regiment und ging nach Venedig, um für die Lagunenstadt zwei Opern zu schreiben. In Thranen aufgelöst lag Marietta in der TrennungSstunde in den Armen des Geliebten. „Ich werde Dich niemals vergessen," gelobte er. „Du bist die holdeste Blume, die mein LebenSfrühling mir gebracht, Du hast mich mir selbst, meinem Berufe wieder- gegeben, und ewig werde ich Dir'S danken!
Manch ein Sommer und Winter schwand dahin, der Jüngling ward zum Maune, der Anfänger zum Meister. Weit über die Grenzen Italiens hinaus erklang der Name Donizettis mit vollen RuhmeSaccorden. Nach dem Verstummen Rossinis und dem Tode Bellinis war er der gefeierte Liebling seiner Land-lente, geworden, und alle Bühnen wetteiferten
darin, die Werke des außerordentlich fruchtbaren und un- ermüdlich schaffenden Eomponisten zur Aufführung zu bringen.
Auch als Lehrer und Director de» Conservatorium» in Neapel hatte fich Donizetti hoher Ansehen erworben; im AuSlande schätzte man ihn gleichSfallS, aller Orten wurde er mit Gold und Lorbeeren überschüttet.
Im Jahre 1840 befand sich Donizetti in Pari». Müde von den Triumphen, die er auch hier gefeiert, von den Ovationen, die man ihm in verschwenderischer Weise dargebracht, lehnte er eines Abends tu einem Fauteuil am geöffneten Fenster. Plötzlich vernahm er die Klänge eine» Militärmarsches in der Ferne; fie verstummten, um gerade vor seinem Hotel wieder zu beginnen: „Rataplan, rataplan."
DaS Wort, der Ton fuhren wie ein Blitzstrahl durch feine Seele. Vor feinem geistigen Auge entstand ein warmer Herbstabend unter dem italienischen Himmel, er sah durch die Gruppen der Soldaten eine schlanke Mädchengestalt im rothen Röckchen fich drängen, er sah, wie fie fich zu ihm beugte, wie ihre strahlenden Augen ihn anlachelten; er hörte ihre warme Stimme flüstern: „Vergiß mich nicht, auch wenn Du einst berühmt geworden!"
Arme Marietta! Wie schnell war daS Andenken an sie in seiner Seele erloschen, wie selten hatte er ihrer in seinem arbeitsreichen Leben gedacht! Unb doch hatte ihn Niemano so selbstlos, so treu geliebt, wie diese wilde Blume, diese» reizende Naturkind. Jetzt durchlebte der Einsame in der Erinnerung wieder jede mit Marietta durchtändelte, verträumte Stunde, jetzt gaukelte fie vor ihm in all ihrem Liebreiz, ihrer Schönheit, ihrer bezaubernden Fröhlichkeit, jetzt versenkte er fich in den Anblick des kleinen Bildes, das er damals von ihr entworfen und noch in jenem alten Büchlein fand. Die Gedanken an fie verwandelten fich in Mufik, in glänzende, heitere Melodien. De» Meisters Stift flog Über das Papier, er schuf ein Werk rum Andenken an Marietta.
Die neue Oper wurde zum ersten Male im Herbste de» Jahres 1841 in Paris aufgeführt. Sie trug den Titel: „La fille du rägiment“, errang in der franzöfischen Haupt- stabt einen unbestrittenen Erfolg unb machte von dort einen SiegeSzug durch ganz Europa. Dem Componisten wuchs dieses Kind feiner Muse am innigsten ans Herz, und er war häufig bet der Aufführung feines Lieblingswerkes anwesend; aber seltsam! so oft er die graziöse Gestalt der Regiment», tochter über die Bühne schreiten sah, so oft er fie ihre Liedchen fingen hörte, so oft glaubte er neben ihr eine andere Gestalt zu erblicken, die hagere Gestalt eines alten Weibes, dessen Kopf von wirren grauen Haaren umgeben war, glaubte er die heisere Stimme der Zigeunerin zu vernehmen, die ihm sein Schicksal verkündet. Und j-de-mal fühlte er bann einen kalten Schauer über seinen Rücken gleiten; Ruhm unb Ehre, welche ihm die Alte verheißen, waren ihm zu Theil gewordensollte ihn nun auch noch ein düsteres Berhängniß ereilen? Mit Gewalt schüttelte er die bangen Gedanken von sich ab, und Niemand erzählte er von der sonderbaren Erscheinung, die ihn marterte.
Jedoch wenige Jahre danach traf ihn wirklich ein tragisches Schicksal. Uebermäßige Anstrengungen, verbunden mit einer ungeregelten Lebensweise beraubten ihn schon 1844 des Verstandes. In geistiger Nacht verlebte er noch vier Jahre theil» in Pari», theiis in Nizza, bann in Serh bei Paris unb zuletzt in seiner Heimathstadt Bergamo.
Da in seinem schönen Hause saß er, ein vor der Zeit gealterter Mann, in büsterem Brüten. Wenn ihn theil- nehmende Freunde nach seinem Ergehen fragten, antwortete er traurig: „Der arme Donizetti ist tobt!" Zuweilen nur blitzte ein Strahl beS Verständnisses in seinen äugen auf, wenn ein Leierkasten die Melodien aus seiner Regimentstochter spielte. Dann umzog ein geisterhafte» Lächeln seine blassen Lippen unb er sang leise: „Rataplan, rataplan,
Munter voran!"
Deutsches Reich.
Darmstadt, 23. September. Wegen bes Ablebens Seiner Hoheit beSHerzogs Friedrich Wilhelm zu Mecklenburg ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer bis zum 30. 1. M. einschließlich angeorbet worden.
Duisburg, 25. September. Ein 63jährigeS Fräulein von hier wurde von Verwandten in Gemeinschaft mit einem Agenten gewaltsam auS ihrer Wohnung geschleppt unb tn ber Richtung nach Mülheim an der Ruhr entführt. Da» Motiv soll in Gelbangelegenheiten zu suchen sein. Die Nachbarn Haden zwar die Hilferufe ber Entführten gehört, fie wagten aber nicht, bazwischenzutreten. Die Staatsanwalt« schäft hat bie Verfolgung ber Betreffenden bereits in die Hand genommen.


