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Der Kietze*er Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme deS Montag«.
Die Gießener AamikienSkälter »erden dem Anzeiger wüchmtlich dreimal brigelcgt.
1891
Mittwoch de» 28. IM
Zweites Blatt.
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Meßener Anzeiger
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2lmilid?er Tyeil.
Zugeflogeu: Ein Kanarienvogel.
Gießen, den 27. Juli 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
• Berlin, 26. Juli. Der Kunstschütze Krüger, der vor einiger Zeit tm BergnügungSlocale Schloß Wetßevsee durch einen verunglückten, sogenannten Fehlschuß seine Braut, die 19 jährige Marie Witte umS Leben brachte, wurde heute von der Strafkammer wegen fahrlässiger Tödtung zu sechs Monaten Gefängniß verurthetlt. In der Be- gründung des Urtheilö wird gesagt, daß eS als ein Unfug anzusehen fei, wenn Kunstschützen einen Menschen als Zielobject bevutzten und daß es durchaus verurtheilenSwerth sei, wenn Kunstschützen derartige Vorstellungen geben, um daS Publikum zu kitzeln.
* Karlsruhe, 26. Juli. In Ried-Böhringen find gestern während des BormittagS-GotteSdiensteS 16 Häuser abgebrannt.
* lieber eine neue unsichtbare vtrahlenart, durch deren Vorführung W. I. Ruffel vor der königlichen Gesellschaft der Wtffeuschaften in London großes Aufsehen erregte, ist bereit- eine kurze Notiz zu uns herüber gekommen, deren In- halt weitere Nachrichten mit Neugierde erwarten ließ. Der eigenthürnlichck Character dieser Strahlen besteht darin, daß sie von allen möglichen Gegenständen ausgehen, Metallen und Nichtmetallen, die tagelang in völliger Dunkelheit gelegen haben und dennoch auf die photographische Platte zu wirken im Stande find. DaS Experiment, von dem die Entdeckung auSging, war folgendes: Ein Stück polirteS Zinn wurde in eine Pillenschachtel gelegt und in dieser in einem völlig dunklen Raum auf eine photographische Platte gesetzt. DaS Metall- stück bildete sich mit allen seinen Unebenheiten genau auf der photographischen Platte ab. Man kommt selbstverständlich zunächst auf den Gedanken, daß diese Erscheinung durch den Druck hervorgerufen wird, den daS Metall auf die Platte ausübt, davon kann aber gar keine Rede sein. Wenn man auf die poltrte Fläche einer dünnen Ziunplatte vor dem Der- suche irgend welche Zeichnungen oder Zahlen hinein kratzte, so erschienen diese ebenfalls auf der photographischen Platte. Auch die directe Berührung des ObjectS mit der Platte kann
nicht die Ursache des Bildes 'sein, da da« letztere auch em- | steht, wenn man zwischen daS Object und die Platte ein Stück Celluloid oder Gelatine legt, im Gegentheil wurde die Wirkung auf die Platte dadurch verstärkt. Sehr bald wurde auch beobachtet, daß die Wirkung auf die Platte eine stärkere war, wenn das Metallstück in der Pillenschachtel lag, als wenn eS ohne diese heraufgelegt wurde. Daraus schloß der Experimentator, daß auch die Ptllenschachtel allein eine ähnliche Wirkung auSüben würde, und thatsächlich bestätigte fich diese Bermuthung. Man müßte eß nach diesen unerwarteten Beobachtungen eigentlich für ein Wunder ansehen, daß es bisher überhaupt möglich gewesen ist, eine fleckenlose Photographie herzustellen, da nach dieser neuen Entdeckung sogar die Pappschachtel, in der die photographischen Platten verwahrt werden, unfichtbare Lichtstrahlen, wenn man fich so auSdrücken darf, auSfendet. Die Zahl der Gegenstände, welche diese eigenthümliche Lichtwirkung auSstrahlen, ist eine sehr große, bisher wurde diese festgestellt von Queckfilber, Zink, Magnefium, Cadmium, Aluminium, Nickel, Zinn, WiSmuth, Blei, Cobalt, Antimon, außerdem von organischen Stoffen: Stroh, Holz, Holzkohle und ge- wiffen Arten von Druckschwärze. Man muß fich dabei immer vergegenwärtigen, daß es fich um die Lichtwirkung von Gegenständen handelt, die mindestens seit acht Tagen in vollkommener Dunkelheit gelegen hatten. Merkwürdiger Weise wirken die Metalle Gold, Platin und Eisen wenig oder gar nicht auf die photographische Platte ein. Auch die Holzkohle verliert ihre Wirkung, wenn fie vorher in einem Schmelz- tigel erhitzt wird. Erwähnt wurde bereits die vorzügliche Wirkung von einem Stücke Fichtenholz, das fich mit allen Jahresringen und Eigenschaften der Borke und der Holzfasern abbtldete. Man darf nun wirkich gespannt fein, wie fich daß Gewirr neuentdeckter Strahlenarten schließlich gestalten und erklären wird.
» Die Telegraphie ohne Draht. Die deutsche Wissenschaft hat eß in erster Linie dem Geh. Regiernngßrath Slabh zu verdanken, wenn ihre Vertreter heute im Stande sind, den hochwichtigen Marcont'fchen Versuchen deß Telegraphirenß mit Benutzung natürlicher Leitung zu folgen und halbstündige Experimente anzustellen. Professor Slaby hatte Gelegenheit erhalten, den in England angestellten Versuchen deß Signor Marcont und deß Professors Peare im Mat diese- Jahre- persönlich betzuwohnen. Die Liebenswürdigkeit dieser beiden Herren ging so weit, daß der deutsche Gelehrte auf alle feine Fragen die bereitwilligste Auskunft erhielt und fich mit allen Einzelheiten des Apparates vertraut zu machen vermochte. Professor Slaby war im Stande, einen Apparat von genau
der gleichen Empfindlichkeit, den ersten diefer Art in Deutsch- land, zu constrniren. Die ersten öffentlichen Versuche mit diesem Apparat haben nunmehr »vor einigen Tagen von 7 bis 9 Uhr Morgens in einem der Hörfäle der Technischen Hochschule in Charlottenburg stattgefunden. DaS Princip des TelegraphirenS ohne Draht beruht nach den Aufführungen des Professors auf der Fortpflanzung electrifcher Stromwellen, die in einem besonder- construirten Raum entwickelt werden. Sie verbreiten fich über eine bestimmte Fläche und erzeugen in einem zweiten in gewisser Entfernung aufgestellten Empfang-apparat electrische Funken. Diese letzteren werden durch da- Morse-Jnstrument gewissermaßen übersetzt und so entsteht, je nachdem man die Wirkung de- Funken- durch längeren oder kürzeren Druck regulirt, ein Strich oder ein Punkt. Man bat fich bi-her ausschließlich des englischen (Standard) Relais mit zwölf Trockeu-Elementen bedient - doch besitzt dasselbe lange nicht die Empfindlichkeit des Relais der deutschen Reichspost. Es erscheint allerdings wahrscheinlich, daß gerade diese übergroße Empfindlichkeit deS letzteren seine Verwendung in diesem Falle ausschließt. Die bisher practisch erreichte Fernwirkung der electrodynamischen und JnductionSvorgänge beträgt über zwei deutsche Meilen und zwar werden diese „elektrischen Wellen" weder durch Bäume, Mauerwerk oder sonstige Objecte aufgehalteu. Nachdem der Vortragende in einem kleineren wohlgelungeuen Versuche, bei dem fich der Apparat des Operateur-, bezw. der Empfaugsapparat an den entgegengesetzten Enden deS Hörsaales befanden, mit Zuhilfenahme deS Morse'schen Instrument- den Namen „Marconi" telegraphirt hatte, ging er zu einem anderen mit Spannung erwarteten Experiment über. Ein Asfistent deS Professor- hatte fich schon früher nach einem Hause der über 100 Meter entfernten Sophien- straße begeben, um von dort an- zu einer vorher bestimmten Zeit dem im Hörsaal aufgestellten Apparat ein Telegramm auf dem Luftwege zu übermitteln. . . . „Der Morse ist aufgezogen," kündigte Professor Slaby, die Uhr in der Hand, dem Auditorium an, da- mit größter Spannung der Dinge harrte, die da kommen sollten. Lange wurde die Geduld nicht auf die Probe gestellt. Pünktlich zur festgesetzten Minute, um 8‘/4 Uhr, ertönte die Alarmglocke. DaS Zeichen „Achtung" folgte und dann klickte eS Punkt, Punkt, Punkt. . . . „ES lebe der Kaiser," so buchstabirte man nach geraumer Weile heran-, und beifälliges Füßescharren, ein Ausdruck studentischer Loyalität, erdröhnte durch den Saal.
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FeuiUeton.
Modernr Itsdtrbilder.
München.
II.
Museen und Theater.
Reisebrief für ben „Gießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.)
M. Wenn durch ein nicht glaubliches Verhäogniß mit einem Schlage alle Kunstfchätze DeutfchlandS vernichtet würden und nur die Inhalte der Münchener Museen und Galerien vor dem Untergange verschont blieben, der Kunst- und Alter- thum-forscher wäre doch im Stande, fich nach ihnen ein klare- und ziemlich lückenlose« Bild vom Entwickelungsgange der Künste, vom grauen Altrrthum an bis hinauf in die jüngste Gegenwart, zu verschaffen. Ein Lehrer der Kunstgeschichte aber, welcher da- Glück hat, in München zu leben, wird niemals in Verlegenheit um daS Anschauungsmaterial für seine Schüler sein, denn für jedes Jahrhundert und für jede Richtung finden fich hier die Belege in Echtheit und Fülle. Zunächst mag er seine Wanderung aufnehmen bri der an der Nordfeite der Arkaden gelegenen Glyptothek, einer die Entwickelung der griechifcheu und römischen Plastik vorführenden Sammlung von Gyp-abgüffen, und fich dann von hier aus sofort zu der Sammlung von Originalwerken antiker Skulptur wenden, wie fie die Glyptothek beherbergt, ein Bau, der schon seinem äußeren Character nach, in seiner Mischung griechischer Formen mit römischer LonstructionSweise al- ein JdealhanS dasteht, als ein heiliger Tempelraum, in deffen Giebelfeld Minerva als Beschützerin der plastischen Künste thront, während die Statuen in den Nischen die großen irdischen Meister selbst zeigen, welche durch ihre Werke die Entwickelung der Skulptur bestimmt haben. Da sehen wir neben den genialen Bildhauern der Früh-
renaisiance: Ghiberti und Donatello den Heroß Michel Angelo, den deutschen Peter Vischer, den Schöpfer des SebaldnSgrabeS, von Neueren: Canova, Thorwaldfen, Schwanthaler. Also vorbereitet betreten wir daß Innere, wo uuß die historische Anordnung der Antiken sofort in die Stimmung der Zeiten versetzt, welche durch fie repräseu- tirt werden. Wo könnte man fich wohl bester über die archaische Kunst informtreu, jene älteren, noch strengen Versuche griechischer Bildhauer, die den Gesichtern ein streng stereotype- Lächeln geben, als in dem Aeginetensaal, der jene höchst wichtigen Skulpturen vom Giebelfelde de- Tempels in Aegina enthält, welche 1811 aufgefunden und von Thorwaldfen restanrirt worden find. Welch herrliche- Exemplar hochentwickelter Plastik befitzt sodann die Münchener Glyptothek in dem „schlafenden Satyr", welcher fich im „Bacchussaal" befindet, und wie erweitert fich unser Ver- ständntß hinsichtlich der Frage der Polychromie, wenn wir den „Saal der farbigen Bildwerke" betreten.
Wenn die Glyptothek in ihrem äußeren Stil an ein griechisch römische- TempelhauS erinnert , so war eS eine durchaus richtige Empfindung, die den nämlichen Architecten (Klenze) leitete, als er der großen Gemäldegalerie, der alten Pinakothek, das Gepräge eines römischen Hochrenaissance- Palastes aufdrückte, denn in der Renaissance, in der italienischen, sowie in der deutschen, hat die Malerei ihre Blüthe erreicht.
In der alten Pinakothek können wir unß nun ver- senken in die verschiedenen Schulen und Stile. Da geht es von den Gemälden der altköluischen und altniederländischen Schule auswärts bis zu Rafael und den Nachfolgern. Trefflich au-gefüllt ist u. a. auch die Rubrik „spanische" (Murillo, — Riberoe) und »franzöfische" Maler.
Den Künstlern der neuen Zeit ist bekanntlich die „Nene Pinakothek" erbaut, welche die ergiebigste Quelle für unsere Kenutniß der „Münchener Schule" heiße» darf.
Eine werthvolle Ergänzung hierzu gibt daun noch die Gemäldegalerie des Grafen Schack, die „Schackothrt" ge
nannt, mit ihren Moritz v. Schwind-, Lenbach- und Böcklin- Sälen.
Wenn uns hier beim Anblick von SchwindS „Erlkönig" — „DeS Knaben Wunderhsrn" — „Berggeist Rübezahl" u. f. w. die süße Traumwelt der Romantik umfängt, so werden wir in daS Helle Tageslicht der Geschichte geführt, wenn wir tm Königsbau die Kaiferfäle durchwandern, in welchen Julius Schnorr v. CaroISfeld die Thaten der größten und mächtigsten Kaiser des alten deutschen Reiche- dargestellt hat, ober, wenn wir tm Maximiltaneum die Gemälde befichttgen, in welchen berühmte Historienmaler, wie Andrea- Müller, Wtlh. v. Kaulbach, Piloth rc., die bedeutendsten Wendungen in der Culturgeschichte coveret zu veranschaulichen suchten.
Eine reiche und werthvolle Gemälde- und Skulpturen- sammluvg ist weiter im Fretherrlich v. Lotzb eck'schen PalaiS, wo wir z. B., unter anderen guten modernen Bildern, des franzöfischen Ary Scheffer- „Faust und Gretchen" begrüßen können, da- in der Maleret unseren Goethe etwa so in- Franzöfische übersetzt, wie ihn Gounod in seiner Oper musikalisch verdolmetscht hat.
Erschöpft ist die Kunststadt München mit diesem allen noch nicht. Erst wenn wir durch die Nibelungeusäle im KönigSbau gewandert find, wo uns Schnorr v. CarolS- feld unser NattonalepoS in monumentalem Stil verkündigt, in einer Auffassung, welche an die cvngeniale Poefie Friedrich Hebbels gemahnt, wenn wir vor den landschaftlichen Fresken ans Italien gestanden haben, mit welchen Carl Rottmann die Arkaden des HofgartenS geschmückt hat, und wenn unser Blick auch die Marmorbüsten in der RuhmeShalle vetz der Coloffalstatne der Schwanthaler'scheu „Bavaria gestretft ha», ___ „st dann haben wir einen Gesammteindruck von dem, waS fürstliches Macenatenthum und ein Kreis auserlesener Künstler in einem verhältnißmäßig kurzen Zeiträume -n schaffen vermochte.


