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28.2.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 50 Zweites Blatt. Sonntag den 28 Februar

Der Hirtzener Auzciger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

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Berlin, 22. Februar. Am Schlüsse de» Jahre» 1896 waren tu Berlin vorhanden 115 Ausschankstellen für Selterswasser mit Ausschluß aller anderer Getränke, 3074 Kleinhandlungen mit Branntwein oder Spiritus (Kaufläden) und zwar 79 mehr als im Borjahre; 417 Gastwirrhschaften, davon 181 für wohlhabendere, 236 für weniger wohl­habende Stände, im Ganzen 36 mehr als im Borjahre/ 9481 Schankwirthschasten, davon 274 für Wein, 7557 für Bier (363 mehr als im Borjahre), davon 963 für wohl­habendere» und 6594 für weniger wohlhabenderes Publikum berechnet. Ferner 57 AuSschankstellen ausschließlich für Kaffee, Thee und Chocolade. 827, die außer Kaffee rc. auch Bier auSschänken dürsen. 211 Londitoreien, deren Zahl fich Liegen das Borjahr um 20 gemehrt hat. 555 Brauerei- (Schnaps -Schänken, 61 weniger als im Borjahre. Bon den 9481 Schankwirthschasten waren 1591 nicht zum Spirituosen­schank berechtigt und ist ihre Zahl um 240 gegen dar Vor­jahr zurückgegangen.

Breslau, 24. Februar. Ein schwerer Justiz- irrthum ist durch das Geständntß eines Sterbenden auf' gedeckt worden. Im Kreis Osterode (Ostpreußen) starb ver­gangenen Freitag, lautBrest. Ztg.", der Besitzer Scharetna, nachdem er dem Geistlichen gebeichtet hatte, vor über 20 Jahren an einem Schulmädchen einen Lustmord begangen zu haben, wegen deffen der damalige OrtSlrhrer zu 15 Jahren Zucht- hau» verurtheilt worden ist. Der unschuldig Berurtheilte hat die Strafe ganz verbüßen müffen.

* Trier, 23. Februar. Der weingesegnete Braune­berg bei Dusemoud an der Mosel ist durch einen gewaltigen Bergsturz in der Breite von 20 Mtr. zerstört worden. Der Schaden an werthvollen Rebstöcken ist sehr bedeutend.

* Barmen, 23. Februar. Heute Mittag stürzten zwei Dachdecker von der äußersten Thurmspttze des Neubaues der hiesigen Stadthalle herunter und waren sofort tobt.

Bon einer Hochzeit mit Hindernissen weiß diePf. Pr." zu erzählen: In einem, Neustadt benachbarten Orte sollte die Trauung eines jungen Brautpaares am letzten SamStag stattfinden. Eine Stunde vor festgesetzter Trauung erklärte der Bräutigam, daß die Verlobung gelöst sei. All- gemeiner Schrecken, doch mit Hülse guter Freunde wurde daS Verhältniß wieder hergestellt und sollte die Trauung mit Verspätung stattfinden. Nun erklärte aber die Braut, daß sie die Ehe nicht eingehe. Friedlich, schiedlich wurde nun der HochzeitSschmauS gemeinsam verzehrt, der HochzeitSkuchen gethetlt und dann auseinander gegangen fürs Leben. Doch nein, dennMit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund za flechten". Ob die guten Kuchen oder etwas an- dcres die Schuld waren, ist unbekannt- kurz, eS kam während deS Abends noch zur Einigung, und am anderen Tag fand d>e Trauung dann wirklich statt.

Batterien und Bucher. Bon vornherein fei darauf hingewtefen, daß wir von dem Glauben Abstand nehmen

müssen, als würden uns auf den verschiedensten Papieren so ziemlich die sämmtlichen Kleinwefeu begegnen. Es ist von Wichtigkeit, Betrachtungen darüber anzustellen, inwieweit Krank- heitskeime überhaupt einen günstigen Nährboden auf Papier finden und inwieweit fie fich aus und in demselben virulent ober ansteckungsfähig zu erhalten vermögen. Alles auf diesen Gegenstand Bezügliche, der gerade jetzt bei den Berichten über daS Bordringen der indischen Pest von actuellstem Jntereffe sein dürfte, behandelt ein fesselnd geschriebener Aussatz im neuesten Hefte der weitverbreiteten illustrirten Familien-Zeit- schriftZur guten Stunde" (Berlin W. 57, Deutsches VerlagShaus Bong & Co. Preis deS VierzehntagS - Hefte» 40 Pfg.). Ueberhaupt erweist auch dieses Heft durch die Fülle seiner Artikel und den Glanz seiner Illustrationen wiederum, daßZur guten Stunde" ihre höchste Stelle in der deutschen Journalliteratur zu behaupten weiß.

Zerstreuung von Hagelwolken durch Schießen. Die k. k. meteorologische Centralanstalt in Wien veröffentlicht einen ihr zugegangenen Bericht Über Versuche, die von einem Besitzer ausgedehnter Weingärten an der südlichen Abdachung des Bachergebirges über die Wirkung von Böllerschüssen aus Hagel- und Gewitterwolken angestcllt worden sind. Derselbe errichtete auf seine Kosten an sechs hochgelegenen Punkten in einer Ausdehnung von etwa 2 Km. Schießstationen. Jede derselben besteht aus einem hölzernen Gebäude, in welchem 10 Stück schwere Böller aufbewahrt werden, wozu die Munition sich in einer etwas abseits liegenden Pulverhütte befindet. Ein Corps von umwohnenden Winzern besorgt freiwillig bei herannahendem Gewitter daS Abschießen der Böller. Jede Hütte wird von 6 Mann bedient, sodaß mit 60 Böllern, deren jeder eine Pulverladung von 120 Gr. erhält, ununterbrochen geschossen wird. Die Wirkung dieses Schießens ist im Verlaus des vorigen Sommers von vielen Bewohnern der benachbarten Stadt Windisch Feistriz beoachtet und festgestellt worden.Drohend schwarz drängten die Wolkenmaffen von den Höhen beß Bachergebirges heran- aus einen Signalschuß begann gleichzeitig daß Schießen und nach wenigen Minuten kam Stillstand in die Wolkenbewegung, dann öffnete fich wie ein Trichter die Wolkenwand, die Ränder des Trichters begannen zu kreisen, bildeten immer weitere Kreise, bis sich dos ganze Wolkengebilde zerstreute, nicht nur kein Hagelschlag, auch kein Platzregen fiel nieder. Sechsmal im Laufe beß Sommers 1896 fonb boß Ereigniß statt, stets mit gleich gutem Erfolge/ die Wirkungsweise erstreckte sich auf ungefähr eine Quadratmeile." Die Wiener meteoro­logische Centralanstalt veröffentlicht diesen merkwürdigen Be­richt ohne Comentac, womit fie ausspricht, daß die behaup­teten Erfahrungen wenigstens nicht dem Bereich des Unmög­lichen angehören und einer Prüfung an anderen Orten würdig find.

* Straßburg, 14. Februar. Ein weitblickender Mann stand in der Person eines Steindruck-ArbeiterS vor der Straf­kammer zu Zabern i. E. Ihm war am 4. Mai ein Kind geboren worden, auf dem Standesamt aber hatte er als Tag

der Geburt den 30. April an gemeldet. Der Grund war, daß das Kind auf diese Weise ein Jahr früher aus der Schule entlassen werden könne. Daß Gericht verurtheilte den vor- sorglichen Vater dasür zu einem Monat Gefänguiß.

Bermuthlich abgereist. DieDeutsche Wochenzeitung­in den Niederlanden schreibt:Vergangene Woche stand in unserem Blatte eine Anzeige desDeutsch Evangelischen Ver­eins", worin der Vortrag deS Prof. Bölter Über Philipp Melanchthon angezeigt wurde. Ein junger Angestellter der Druckerei, der die Belagnummern zu versenden hat, sah tu der Anzeige nur die großgedruckten Worte Philipp Melanchthon und adresfirte die Belagnummer anHerrn PH. Melanch- thon, WeeSperzijde, Amsterdam". Nach einer Rundreise von zwei Tagen durch Amsterdam kam die Zeitung, mit Post­stempeln bedeckt, an unS zurück. Aus der Adresse stand: Vermoedelijk abgereisd (Bermuthlich abgereist).

* New-York, 20. Februar. Der Kaufmann Ferdinand May aus Straßburg i. Els. ist hier aus Veranlassung der Allgemeinen Elsässischen Bankgesellschast" verhaftet worden. Sein Gesuch, ihn auf freien Fuß zu setzen, wurde abgelehnt, da er die geforderte Caution von 100000 Dollars nicht zu stellen vermochte. Die Gründe der Verhaftung find noch nicht genau festzustellen; mau spricht von gefälschten Schrift­stücken und Betrügereien beß May.

Oberförster nnb Eichhörnchen. DerDeutschen Volks- wacht" vom 27. Januar wird aus dem nordwestlichen Vogels­berg geschrieben:Neben den Obersörstern richten bekanntlich die Eichhörnchen im Forste bedeutenden Schaden an, indem sie die jungen Schößlinge der Baumkronen abbeißen." Thun daß so fragt hierzu derKladderadatsch" etwa die Oberförster auch? Wie kommt dieBolkßwacht" dazu, Oberförster und Eichhörnchen in einen Tops zu thun?

» Ganz Unrecht hat er nicht. Bei der Reichßtagßersatz- wähl im 2. badischen Wahlkreis verlieh einer der Wähler seinen Gedanken poetischen Ausdruck, indem er folgende- Vers lein auf seinen Zettel schrieb:

Ich wähle nicht den Liberalen;

Auch für das Centrum stimm' ich nicht, Der Sozz, dec ist gewiß von Allen, Der allergrößte Bösewicht!

Drum last' ick heut das Wählm fein, Denn mir ist's schließlich ganz egal, Ob bet den Sitzungen bleibt daheim Centrum, Sozz ober Liberal!

* Dtr Börsevhnmor hat fich der griechischen Frage in einer neuen Variante angenommen. Man müsse fich nun­mehr so heißt es an der Berliner Börse auf Grund der neuesten Nachrichten aus Kreta griechische Papiere kaufen, denn die Griechen hätten endlich wieder einmal etwa» vorgeschossen bekommen. _____________

Kunst-Ausstellung, geöttn^"täglich, mit Au^ nähme des SamStagS, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch auch noch von 3 bis 5 Uhr. Sonntag» unnntervroche« von M Ml 8 Uhr. Eintrittspreis für Nichtmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.

Die neuesten Limesuntersuchungen in Meehessen.

Ueber den Vortrag, welchen Herr Geh. Oberschulrath Sold an am 18. Februar im Oberhesfischen GeschichtSoerein hielt, haben wir bereits kurz berichtet. Nachstehend lassen wir eine ausführliche Wiedergabe des Vortrages folgen:

Als Einleitung gab der Vortragende eine Ueberficht über die allgemeinen Resultate der LimeSforschung in den letzten Jahren. Die Untersuchungen der Reichs - Limes- Commisston haben erwiesen, daß der Ratische LimeS TenselSmaner mit seinen Begleitanlagen zu verschiedenen Zetten gebaut worden ist. Der ältesten Zeit gehören an die sogen. Begleithügel und ein meist vor der TenfelSmauer sich hinziehendeS Gräbchen, jünger find die in Mörtelmauer, werk aufgesührten Thürme, und erst der letzten Zeit ge­hört die eigentliche Teuselsmauer an. Daß Gleiche gilt für den Ober-German. Limes Pfahlgraben denn auch hier find die Begleithügel mit Gräbchen, die Steinthürme und der Wall mit davorliegendem Graben zu verschiedenen Zeiten entstanden. Bel der sogen. Hinteren LimeS-Ltnie Main- Neckar-Ltnie gehören btc sogen. Begleithügel nebst Gräbchen gleichfalls einer früheren Zett an, als die Steinthürme. Das wichtigste Ergebniß der Untersuchung des LimeS tm engeren Sinne mit Ausschluß der Kastelle tm Jahre 1894 war die Auffindung und Untersuchung eines die ganze ötmesanlage vom Rheine biß zur Donau begleitenden Gräbchen». Baumeister Jakobi in Homburg say in ihm

eine unterirdisch sestgelegte Markirung der Grenze beß Römer- reiches. Diese Erklärung fand im Anfang allgemeinen Bei­fall, wurde aber bald bekämpft, als Kohl in Weißenburg in diesem Gräbchen bedeutende Reste von Paliffaden fand. Gegenwärtig ist die Mehrzahl der mit Untersuchung beß Limes Beschäftigten der Ansicht, daß hieß der älteren Zeit angehörende Gräbchen eine Grenzsperre in Gestalt von Paliffaden enthalten habe und daß die in ihm vorkommenden Kohlennester durch allmähliches Verwesen der unten an­gekohlten Pfähle entstanden seien. Im Jahre 1895 trat die Untersuchung der Begleithügel in den Vordergrund, die ganz besonders eingehend auSgefÜhrt wurde von Pro-, fessor Löschke in Bonn am Rheinischen LimeS, von Jakobi im TaunuS und von dem Vortragenden in Gemeinschaft mit Dr. Anthes an der Hinteren Linie im Odenwalde. Sämmt- liche Hügel enthalten eine künstlich hergestellte, von einem Spitz- graben umgebene Plattform, in welche vier nahezu die Ecken eines Quadrats bildende viereckige, ca. 0,30 biß 0,40 Meter breite Löcher etwa 1,50 Meter tief eingesenkt find. Jakobi steht in diesen Hügeln die Fixpunkte der römischen Landeß- Vermessung- die Mehrzahl der Übrigen Limeßforscher Der» tritt die Ansicht, daß auf den Plattformen Holzthürme ge- standen haben, die in der älteren Zeit denselben Zwecken zu dienen hatten, wie in der späteren Zeit die den Limes be­gleitenden Steinthürme. Der Vortragende hatte im vorigen Winter Über die Untersuchungen tm Odenwald ein­gehender berichtet. Dort tragen die Plattformen, wie fich baß überwiegend auch an einzelnen anderen Stellen findet, alß Unterbau des HolzthurmeS noch einen in Trockenmauer.

werk ansgeführten Steinbau mit ausgesparten Ecken Über den Pfostenlöchern. Das Gräbchen liegt ca. 30 Meter vor der vorderen Flucht der Pfostenlöcher nach bei German. Seite hin und zeigt an vielen Stellen deutliche Spuren von 25 biß 30 Ctm. starken Paliffaden, die in Abständen von 5 biß 8 Ctm. ca. 1,25 Meter tief in den Boden ein­gesetzt waren. Die schön erhaltenen Mörtelquaderthürme des Odenwaldeß find, wie vier Juschristen aus den Jahren 145 und 146 beweisen, unter Antoninus PiuS erbaut worden- die Errichtung der Holzthürme dürste ganz in den Ansaug beß zweiten oder in daß Ende des ersten Jahrhunderts zurück- sollen. Das Ergebniß der damaligen Untersuchung war der Nachweis einer auS Paliffaden und Holzthürmen be­stehenden Grenzsperre, bei welcher später unter Antoninus PiuS die Holzthürme durch Steinthürme ersetzt worden waren. Die von dem Vortragenden im vorigen Jahre in Ge­meinschaft mit Dr. Antheß in Oderheffen auf der Strecke KaperßburgKloster Arnßburg außgeführten Untersuchungen galten gleichfalls einer solchen älteren Anlage. Dr. AntheS hatte die Strecke KapersburgUfa bearbeitet, Geh. Ober­schulrath Soldan die Strecke UsaArnsburg. Der Letztere erstattete über die von ihm ausgeführten Untersuchungen eingehenden Bericht, indem er habet auf die Arbeiten von AntheS Bezug nahm. Unterstützt wurde die Berichterstattung durch eine im Maßstabe 1:12500 entworfene Karte und im Maßstabe < 100 außgeführte Pläne und Profile.

(Fortsetzung folgt.)