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Der
Hietzener An,eiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
A>«mitie«vtL1ter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt_______Donnerstag den 27 Mai_____________________
Gießener Anzeig er
Kenerat-Unzeiger.
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Alle Annoncen-Burraux deS In- und Auslandes nehme» I Anzeigen für den „Gießene-r Anzeiger" entgege«.
Amtliche» Thell.
Bekanntmachung.
Nachdem der Ausbau des Riegelpfades vollendet und die Straße für den Verkehr freigegeben ist, wird die mit Bekanntmachung vom 9. April l. I. angeordnete Sperre aufgehoben.
Gießen, den 25. Mai 1897.
Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Die Kirchftraste vom Klrchenplatz dis zur Wetzstein- gaffe wird hierdurch vom nächsten Freitag den 28. l. MtS. bis auf Weiteres auch für den Fußgängerverkehr polizeilich «efperrt.
Gießen, den 26. Mai 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Deutsche* Reichstag.
282. Sitzung. Dienstag, den 25. Mai 1897.
Die Berathung der Handwerker-Vorlage wird fortgesetzt. Es wird zunächst die namentliche Abstimmung über den Antrag Auer zu 8 1001 wiederholt (auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage, also Schließung einer J"nung8 Krankenkasse, falls durch dieselbe die Leistungsfähigkeit einer OctS-Krankenkasse gefährdet wird).
Für den Antrag stimmen 65, dagegen 141 Abgeordnete, der Antrag ist also abgelehnt.
Bei § 100o hat die Commission die Bestimmung der Vorlage gestrichen, daß der Haushaltsplan der Zwangstnnungen der Genehmigung der Ausstcvtsbehörde oedarf und daß letztere event. Ausgaben in den Etat der Innung etnstellen kann, soweit ihr dies zur Erfüllung der Aufgaben der Innung erforderlich erscheint. Ein Antrag des Abg. Richter auf Wiederherstellung dieser Bestimmungen wird abgelehnt.
8 100s handelt davon, unter welchen Voraussetzungen sich die Innung auf eigenen Antrag wieder auflöfen kann oder muß. Nach der Vorlage: auf Antrag von mindestens drei Viertel der JnnungS- vlitglieder. Die Commission hat die Voraussetzungen noch mehr verschärft. Ein Antrag Richter, die Auflösung schon auf Antrag d.r Hälfte der JnnuvgSmitgltedrr etntreten zu lasten, event. wenigstens die Vorlage wieder herzustellen, wird abgelehnt.
Mit 8 103 beginnen die Vorschriften über die Handwerkskammern.
8 103 h, Bestellung eines Staatscommissars für jede Kammer, beantragt Abg. Richter zu stretchen. Die Bestimmung wird aufrecht erhalten.
Weiterhin beantragt Abg. Richter Einschaltung eines neuen Paragraphen analog der f. Z'. vom Reichstag in das Retchswahl- pffetz aufgenommenen Bestimmungen zum Schutze des Vereins- und Versammlungsrechts in der W-chlzeil. Es bedürfe solcher Kautelen um so mehr, als die Partikuiargesetzgebung sich anschicke, weitere Einschränkungen des Vereins- und Versammlungsrechtes zu schaffen.
Abg. Stadthagen stimmt dem durchaus zu. Die gewerblichen Fachvereine winden, sobald sie einmal gesetzgeberische Fragen behandelt hätten, von der Rechtsprechung als politische Vereine angesehen. Was nütze den Arbeitern das Wahlrecht zu den Gesellen- ausschüssen, wenn sie behindert würden, sich zur Besprechung und Vorbereitung der Wahlen zu vereinigen und zu versammeln.
Abg. Kropatschek (cons.) kann die Analogie mit den Retchs- togswahlen, wo doch über Alles solle gesprochen werden, nicht anerkennen.
Abg. Hitze (Ctr.) erklärt stck gleichfalls gegen den Antrag. Wenn man auf diesem begrenzten Gebiete dergestalt vorgehe, werde eine allgemeine Regelung des Vereins- und Versammlungsrechts nur hinausgeschoben. t
Unterstaatssecretär Lohmann glaubt nicht, daß die verbun- bdcn Regierungen geneigt sein werden, auf eine solche thetlweise Regelung des Vereins- und Versammlungsrechts, wie der Antrag sie fordere, einzugehen.
Der Antrag wird abgelehnt.
Bet 8 103i, Deckung der Kosten für die Handwerkskammern, ordnete die Vorlage die Verthetlung der Kosten auf die Handwerksbetriebe an. Die Commission Hal dies gestrichen, die Gemeinden als Träger der Kosten bezeichnet und event. auch die H ranztehung des Staates als zuläss g erklärt.
Abg Richter beantragt Wiederherstellung der Regierungsvorlage. WaS seien das für Selbstoerwaltungsorgane, die nicht einmal ihre eigenen Kosten aufbrächten? Es fehle doch auch nicht an hinlänglich bemittelten Handwerkern! Und wie würden die Kammern wirthschaften, Secreläre anstellen rc., wenn eoerrt. der Staat die Kosten trage!
Abg. Hitze (Ctr) erklärt sich mit dem Anträge einverstanden.
Der Antrag Richter wird sodann fast einstimmig angenommen.
Angenommen wird auch ein Antrag Richter auf Wiederherstellung deS von der Commission gestrichenen Satzes in 8 100n, wonach die Handwerkskammern die Kosten zu erstatten haben, welche eitwa durch ein von ihnen an andere Handwerkskammern oder an Behörden ergangene Ersuchen diesen erwachsen sind.
Mit 8 126 beginnen die Bestimmungen über Lehrlingsver- h ältnisse.
Ein vom Abg. Stadthagen beantragter Zusatz: volljährige Lehrlinge haben das gleiche Vereins- und Versammlungsrecht, ivte volljährige Gesellen, wird abgelehnt.
Ein fernerer Antrag Stadthagen will untersagen, daß Lehr- [fcnge innerhalb der regelmäßigen Betriebszeit zu häuslichen Dienst- jitstungen herangezogen würden.
Abg. Hitze gibt dem Antragsteller zu bedenken, daß der Lehrling dann um so mehr Abends, nach der BetriebSzeit, zu solchen Diensten verwendet werden würde.
Abg. Zu bei 1 (Soc.) weist darauf hin, wie schwer etz ihm selber geworden sei, das, was er in seiner Lehrzeit wegen zu ausgedehnter häuslicher Dienste versäumt habe, nachzuholen. ES handle sich hier um einen nothwendigen Schutz des Lehrlings gegen den Meister.
Der Antrag, gegen den sich noch Abg. Osann (nat.-lib) äußert, wird abgelehnt.
Beim 8 127a beantragt Stadthagen Einschränkung des in der Vorlage vorgesehenen Züchtigungsrechts des Lehrherrn.
Abg. Kropatschek (cons.) erklärt, seine Freunde würden dem Antragsteller wenigstens insoweit entgegenkommen, als sie dem Verbot „übermäßiger Züchtigungen, sowie jeder die Gesundheit deS Lehrlings gefährdender B»Handlung" zustimmen würden.
Nach einer längeren Debatte, in der noch Abg. Zubeil für völlige Beseitigung des „väterlichen" Züchtigungsrechtes plädirt, während Abg. Ofann sich mit der von Kropatschek voraeschlagenen Fassung einverstanden erklärt, wird ein Zusatz in dieser Fassung mit großer Majorität angenommen, unter Ablehnung der wettergehenden Stadthagen'fchen Anträge.
Beim 8 127d wird ebenfalls unter Ablehnung wettergehender Anträge auf Antrag Stadthagen hinzugefügt, daß rin polizeiliches Zurückführen des Lehrlings in die von ihm eigenmächtig verlassene Lehre auch dann zu unterbleiben hat, wenn dem Lehrling daS Fortbleiben aus der Lehre durch einstweilige Verfügung des^Gertchts gestattet ist.
Bei 8 129 hat die Commission einen Absatz hinzugefügt, wonach vom 1. Januar 1905 die Befugntß zur Anleitung von Lehrlingen nur solchen Personen zustehen soll, welche die Berechtigung zur Führung des Meistertitels haben.
StaatSsecretSr v. Bötticher bemerkt sofort, mit diesem Zusatz habe die Commission mittelbar den Befähigungsnachweis binnen einer absehbaren Zett eingeführi. Er glaube nicht, daß das für die Regierungen annehmbar sein würde, da dieselben an ihrem bisherigen Standpunkte htnsichtl'ch des Befähigungsnachweises festhielten. Stimme das Haus diesem Absätze zu, so würde das also eine große Gefahr für das ganze Gesetz fein.
Abg. Bassermann -notl.) beantragt, den Absatz wieder zu streichen.
2!bg. Hitze (Ctr) erklärt, seine Freunde seien hiernach in einer Zwangslage und würden lieber auf den Absatz verzichten, als daS ganze Gesetz scheitern sehen. Prtnclplell hielten seine Freunde an dem Befähigungsnachweis fest und sie würden deshalb noch eine entsprechende Resolution einbringen.
Die Abgg. Garnp (Rp.) und Kropatschek (cons.) geben ähnliche Erklärungen ab.
Abg. Richter will den ganzen Paragraph streichen.
Abg. Euler (Ctr.) bedauert, daß die Mehrheit deS Hauses sich jetzt auf eine Resolution zurückziehen wolle und den Absatz 2 des Paragraph fallen -'affe. Von ihm könne man das nicht verlangen.
StaatSsecretSr v. Bötticher erklärt, daß der BundeSrath das Gesetz mit diesem Absatz nicht annehmen werde.
Abs. 2 wird sodann gestrichen. Für die Aufrechterhaltung stimmen nur die Antisemiten und die Mehrheit der Conservativen, außerdem Euler.
Ein Antrag Auer und Gen., das Maximum der Lehrzeit von 5 auf 4 Jahre Helabzusetzen, wird angenommen.
Bet den Uebergangsbestimmungen hat die Commission einen Absatz hinzugefügt, daß bestehende Innungen auch ohne Vorliegen der im 8 100 bezeichneten Voraussetzungen (Zustimmung einer Mehrheit usw.) sich in Zwangsinnungen umroanDeln können, wenn sie schon j-tzt im Besitz von Privilegien gemäß 8 100 e oder 100 f des bestehenden Gesetzes sind.
Abg. Richier beantragt, diesen Zusatz wieder zu streichen.
Abgg. Hitze, Gamp und Kropatschek bekämpfen entschieden den Antrag Richter. Abg. Kropatschek erklärt, wenn der Zusatz wieder gestrichen werde, sei ihm das ganze Gesetz sogar unannehmbar.
Die Abstimmung über den Antrag Richter ist eine namentliche. Für den Antrag stimmen 83, gegen ihn 125 Abgeordnete. Der Antrag ist also abgelehnt.
Damit ist die zweite Lesung der Handwerkervorlage beendet.
Morgen 12 Uhr: Besoldungsoorlage und Rachtragsetats.
Schluß 6 Uhr.
MriffS trle-raphischeS Lt>rreil.'»vde»p^rLa».
Berlin, 25. Mai. Einem parlamentarischen Berichterstatter zufolge beschloß der Sentoren Convent deS Reichstages, den verbündeten Regierungen die Vertagung des Reichstages vom 26. Mai Abends bis zum 22. Juni zu empfehlen und von da ab den Reichstag nach etwa achttägiger Sitzung za schließen.
Berlin, 25. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet: Der Saatenftand im Deutschen Reiche betrug in der Mitte drS Monats Mai für W-nterweizen 2,4, Sommerweizen 2,5, Wintrrspelz 2,5, Sommerspelz 2, Winter- roggen 2,5, Sommerroggen 2,4, Sommergerste 2,5, Hafer 2,6, Klee (auch Luzerne) 2,3, Wiesen 2,4, wobei 1 sehr gut, 2 gut bedeutet. Bemerkt wird, daß in allen Theilen Deutschlands von Mitte April bis Mitte Mai naßkalte Witterung die Vegetation schädigte. Thetlweise traten Hagelschläge und Schneefälle, sowie Nachtfröste auf; letztere scheinen jedoch nicht sehr belangreich geschadet zu haben.
Wien, 25. Mai. Die deutschnationalen Studenten wachten gestern Abend den Versuch, trotz deS von der Polizei ergangenen Verbotes eine Protestversammlung gegen die Sprachenverordnung abzuhalten. Bon der Polizei
daran gehindert, zogen die Studenten vor das Parlaments- gebäude. Die Polizei verwehrte ihnen indeffen das Eindringen in daS Gebäude. Die Studenten zogen nunmehr vor die Universität, wo sie eine Stunde lang johlten und pfiffen. Späterhin gingen sie auseinander.
Vern, 25. Mai. Der König von Siam traf heute Mittag mittels Sonderzuges, von zahlreichem Gefolge begleitet, zum offiziellen Besuche deS BundeSratheS hier ein. Der König wurde von dem Bundespräsidenten und den Übrigen BundeSräthen, sowie von den Vertretern verschiedener Behörden empfangen. Nach dem ihm za Ehren gegebenen Diner empfing der König das diplomatische CorpS, worauf er eine Spazierfahrt durch die Stadt Bern unternahm. Um 6 Uhr reiste der König nach Genf zurück.
Westerland Sylt, 25. Mai. Mit dem heutigen Tage ist der telephonische Betrieb mit Hamburg und Berlin eröffnet.
Alessandria (Piemont), 25. Mai. Im Schlafraum eines Armenasyls fand man heute früh 4 Männer tobt und 17 in Lebensgefahr infolge der Einathwung von Kohl en- oxydgaS, daS aus einem Ofen im Waschhause entströmt war. ____________
Depeschen deS Bureau »Herold/
Berlin, 25. Mai. Im Abgeordneteuhaufe wurde heute mit der zweiten Berathung der Handelskammer-Novelle begonnen. Morgen Fortsetzung und kleine Vorlagen. — Im Herrenhause wurde der Etat beratheu. Morgen Weiterberathung.
Wien, 25. Mai. In hiefigen diplomatischen Kreisen ist man über die geringen Fortschritte, welche die griechisch- türkifchen Friedensverhandlungen machen, sowie über die in Athen immer stärker zu Tage tretende antidynastische Strömung äußerst beunruhigt. Man befürchtet allen Ernstes den neuen Ausbruch größerer Ereignisse, die gefährlicher sein würden als alle- bisher Dagewesene.
Budapest, 25. Mai. Dem „Pester Lloyd" wird auS Berlin telegraphirt, die deutsche Regierung vertrete die Auffaffung, daß die Mächte, ehe fie der Pforte die von ihnen gutgeheißenen Friedensbedingungen mittheilen, sich darüber vergewiffern, daß die Griechen diese Bedingungen auch annehmen. Man gehe in Berlin sogar so weit, die weitere Theilnahme Deutschlands an der Action der Vermittelung von der vorherigen Erfüllung dieser Bedingungen abhängig zu machen.
Rom, 25. Mai. Bei der Revision der Stadtkasse von Foggia hat sich ein Fehlbetrag von 354,000 Lire herauSgestellt. Der gesammte Gemeinderath wurde von der Regierung dafür haftbar gemacht.
Paris, 25. Mai. In einem Souterrain des Boulevard Polffomiöre, wo Kmematographen« Vorrichtungen gezeigt wurden, fand infolge unsicherer Handhabung der ProjecttonS- lampe eine Explosion statt. Die zwanzig anwesenden Personen konnten sich trotz der schwierigen Ortsverhältniffe retten.
Konstantinopel, 25. Mai. Infolge starker Meinungsverschiedenheiten , welche wegen der FriedenSbedingungeu zwischen der Pforte und dem Sultan entstanden find, wird eine Ministerkrisis als unmittelbar bevorstehend angesehen.
Konstantinopel, 25. Mai. Dem Wunsche Griechenland- auf. Beschleunigung der FrtedenSverhand-
l ungen Rechnung tragend, hat, wie verlautet, die deutsche Regierung dem Collectivschritt der Mächte, durch welchen die Mittheilung über die von Europa genehmigten Friedensbedingungen an die Pforte erfolgt, vorbehaltlos zugestimmt. Die diesbezügliche Collectivnote dürfte noch heute überreicht werden.
Kanea, 25. Mat. Die kretenfifchen Anführer theilten der griechischen Regierung mit, daß fie auch nach Abzug der Truppen von Kreta fortfahren würden, mit allen Mitteln für die Vereinigung der Insel mit Griechenland zu agiiiren.
Berlin, 26. Mai. Der Colonialrath berieth gestern Nachmittag die Vorlage betreffend Einführung einer Häuser- und Hütten st euer weiter. Auf Vorschlag der Commission wurde beschlossen, sich damit einverftauden zu erklären, mit der directen Besteuerung vorzugehen; darauf wurden die einzelnen Bestimmungen der Vorlage erörtert.
Berlin, 26. Mai. Nach einem Petersburger Telegramm deS „Berl. Localanz." wurde im Park von Zarskoje-Selo seit einiger Zeit vom Wächter ein junger Handwerker bemerkt, der angeblich den Zaren scheu wollte. AlS sich der junge Mensch verdächtig machte, wurde er verhaftet und man fand bei ihm Revolver und Dolch. Wie er später auSsagte, wollte er den Zaren ermorden, um berühmt zu


