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Anrtticher Theil.
Bekanntmachung.
Wir bringen zur öffentlichen ftenntmfc, datz der Versicherungs-Gesellschaft Hamburg in Hamburg die Grlaubniß -um Geschäftsbetrieb im Großherzogthum für Transport- und Unfallversicherung unter den üblichen Bedingungen durch Großh. Ministerium der Innern erthetlt worden ist.
Gießen, den 23. October 1897.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Mr bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß der Vieh- »ersicherungsgesellschaft a. G. zu Plau i. M. die Grlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum unter den üblichen Bedingungen und mit der Maßgabe durch Großh. Ministerium des Innern ertheilt worden ist, daß in Hessen keine Rindvtehoerficherungen abgeschloffen werden dürfen.
Gießen, den 23. October 1897.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Im Zeichen des Verkehrs.
Die „gute alte Zeit" nennt man bekanntlich die längst entschwundenen Jahre, wo ei noch keine Eisenbahnen, Telegraphen und Dampfschiffe gab, wo die Kräfte der Sleetricität noch nicht erschloffeu waren und eS noch kein Telephon gab, welches die Menschheit nervös machte. Die Postkutsche fuhr durchs Land, langsam und schwerfällig- und man mußte schon recht tief in den Beutel greife», wollte man sich die Segnungen dieses damals einzigen BerkehrSiustitutS zu nutze machen. ES gab auch zu jener Zeit, die wir hier im Auge haben, schon Postanstalten, wo man Briese aufliefern und in Empfang nehmen konnte. Aber wie primitiv waren die Einrichtungen! Richt selten wohnte der Herr „Posthalter" eine oder mehrere Treppen hoch- dann mußte er durch einen Klingelzug avertirt werden, wenn Jemand seine Dienste in Anspruch nehmen wollte. Welche Mühe machte ei nicht, um den Portobetrag für einen Brief auszurechnen ! Denn von Berlin bis Potsdam war eine andere Taxe in Geltung, als von Berlin bis Brandenburg. Wie schwierig war eS erst, wenn ein Brief mehrere Postgebiete zu pa siren hatte, für welche sämmtlich Zuschlaggebühren erhoben werden wußten! Und trotzdem gab
Feuilleton.
Hnmsth.
Novelle von H. Reut.
(4. Fortsetzung.)
Der Alte seufzte.
„Daß ist eine traurige, sehr traurige Geschichte. Weiß gar nicht, wie ich auf einmal heute darauf komme. Ueber alles ist ja längst GraS gewachsen. Also die Herrschaft hatte ein einziges Kind, den Robert, einen Prachtbuben, des BaterS Stolz, der Mutter Herzblatt." — Wieder ein Seufzer. — „Der Liefe muß doch die Last zu schwer werden. Ja, wenn man nur ein einzig Kind besitzt, Herr, so setzt man alles auf eine Karte, und diese verlor. Später, in der großen Stadt, auf der Lateinschule, wollte der Bub nicht gut thun. Die Lehrer klagten über schlechte Arbeiten, Kneipereien, Schulden, allerlei unsaubere Liebschaften- eS war kein Ende. Der Herr ging mit einem Gesicht umher wie eine Gewitterwolke, und die Fran hatte schon am frühen Morgen rothgeweinte Augen. Da endlich tarn der Krach. Der Robert wurde von der Anstalt verwiesen, abgejagt, wie wir geringen Leute in Schlesien zu sagen pflegen. Ich glaubte, der stolze Bater würde die Schande kaum überleben- weiß wie die Kalkwand war er, als er die Nachricht erhielt, und am Abend ließ er im Löwen die Dhistpartie absagen; er schämte sich wohl, über die Straße zu geheu- nach dem Sohne fragte ihn schon lange Niemand mehr.
Hätte dieser Reue gezeigt, es wäre wohl alles anders gekommen- doch als er heimkehreod, die Hände in den Taschen, trotzig einen Gaffenhauer pfeifend, vor die Eltern trat, da überkam den stolzen, heftigen Mann -er Zorn, er | riß die Reitpeitsche von der Wand «nd that, was er sein
es vamals mchr >o viel Murren und Uuzufriedenheit, nicht so viele Beschwerden und Wünsche wie heutzutage.
Die großartigsten BerkehrSeinrichtuugeu find getroffen worden - die Post hat sich die Eisenbahnen dienstbar gemacht, und wo zur Beförderung eine» Briefes ftüher zehn Tage oöthig waren, genügen heute vierundzwanzig Stunden, um denselben an den Bestimmungsort zu bringen. Stau der primitiven Posthäuser find heute prächtige Gebäude errichtet - das Publikum wickelt feine Geschäfte nicht mehr auf zugigen Hausfluren, sondern in wohldurchwärmten, geräumigen Borräumen ab. Die Taxen find ganz erheblich herabgesetzt worden, üver die ganze cmilifirte Erde hat der Welipostverein sich ausgebreitet, und nicht auf die Beförderung von Briefen allein beschränkt sich die Thätigkeit der modernen Post, sondern fie genügt jetzt einer ganzen Reihe von Bedürfniffen. Btei» leicht weil die Post von allen anderen BerkehrSinstituten der Neuzeit am meisten Gemeingut des großen Publikums geworden ist, deßhalb werden auch an dieselbe sich immer er» weiternde Anforderungen gestellt. Der Organisator der deutschen ReichSpost, der verstorbene Stephan, wurde seiner Zeit gepriesen und gefeiert, weil derselbe den Wünschen der Allgemeinheit in vieler Hinficht entgegengekommen war, weil er Einrichtungen getroffen hat, die als mustergiltig angesehen wurden. Und heute? Die postalischen Einrichtungen genügen nicht mehr den Anforderungen, welche an fie gestellt werden müffen.
Schon Mitte dieses Monats hatten bekanntlich Confe- renzen im ReichSpoftamte stattgesundeu über eine Tarifreform - und jetzt find eingehende Verhandlungen gepflogen worden zwischen dem StaatSsecretär v. PodbielSki und Vertretern von Handel und Industrie nicht nur über jene Tariffragen, sondern auch über technische Einrichtungen im Betriebe -eS Post- und Telegraphenwesens. Wir hatten schon gemeldet, daß eS sich bei der Tarifreform nm Heraufsetzung der Gewichtsgrenze für einfache Briefe, nm Ermäßigung der Gebühren für kleinere Postanweisungsbeträge und für Localsendungen handelte. Ueber alle zur Berathung gestellten Gegenstände soll ein Einverständniß erzielt worden sein, und die Vertreter des HandelSstandeS sollen die Eonferenz mit der vollen Ueber- zeugung verlaffeu haben, daß die Postverwaltung geneigt ist, allen berechtigten Wünschen entgegenzukommen.
Man hatte im großen Publikum der Berufung de- „Husarengenerals" zum StaatSsecretär deS Reichspostamts nicht mit sehr großem Vertrauen entgegengefehen- aber nach dem, was bisher über feine neue Thätigkeit in die Oeffent- lichkeit gedrungen ist, müssen wir gestehen, daß der Kaiser einen glücklichen Griff gethan hat, als er Herrn v. PodbielSki zum Nachfolger Stephans machte. DaS Bestreben des neuen Postchefs, die Wünsche des Publikums kennen zu lernen, ist
ganzes Leben hindurch so bitter bedauerte. Die Frau warf fich freilich dazwischen, fie bat und weinte so laut, daß wir drüben in der Kanzlei eS hörten. Doch was halfS? Der Herr war in dem Höchsten, was er besaß, in seiner fleckenlosen Ehre, zu tief verletzt.
Spät, am Abend, schlich ich heimlich hinauf an seine Thür, vergebens bat ich um Einlaß- am Morgen war -a- Giebelstübcheo leer, der Sohu drS Hause- verschwunden auf Nimmerwiedersehen.
DaS soll ich von der schrecklichen Zeit sagen, die nun folgte. In einer Woche hatte der Herr schneeweiße Haare bekommen, und die arme Mutter! Sin Jammerbild, bei dessen Anblick fich Einem da- Herz tm Leibe umwandte. Noch nie ist auf Erden ein Mensch so gesucht worden, wie unser Robert. Ein Vermögen ging bei den Zeitung-aufrufen dahin, und der Herr ist selbst in allen großen Hafenstädten, bis nach England hinauf gewesen, doch vergebens. In Amerika drüben, habe ich mir sagen lassen, unter dem vielen fremden, zusarnmengelaufeuen Volke sieht man fich nach dem einzelnen Strolch nicht so genau nm, wie bei nuS zu Lande."
„Und dann?"
Der Alte wiegte traurig den kahlen Kopf.
„Ja, dann kam es so, wie wir alle eß gefürchtet. So lange noch die bloße Hoffnung auf ein Wiedersehen fie auf» recht erhielt, ging eß, als aber Jahr auf Jahr verrann nnb der letzte Schimmer erlosch, da brach fie zusammen. Sie wollte nicht weiterlebeu, nicht gesunden. Wenn »an ihr von Aerzten, Badereisen sprach, schüttelte fie nur den Kops mit solch einem eigenen Blick, den vergeß ich mein Lebtag nicht, Herr. Und dann ist fie eingeschlafen und wir haben fie hierher gebracht."
„Der Ehegatte hat fie nicht lange überlebt, nicht wahr?" Der Fremde fragte eß mit heiserer Stimme.
nur zu loben- vielleicht ließe fich auch für den Bereich der Post- und Telegrapheuverwaltung eine dauernde Einrichtung nach der Art des LandeSeisenbahnrathS schaffen? Dann würde die Verwaltung fortlaufend davon in Kenntniß gesetzt werden können, welche Mängel am Betriebe empfunden werden und welche Anforderungen man an unser volksthüm- lichsteS VerkehrSinstitut stellt. (XX)
Deutsches Reich
Darmstadt, 23. October. Fürst NieolauS von Montenegro ist heute Vormittag 11 Uhr 25 Min. in Begleitung seine- Schwiegersöhne-, de- Prinzen Franz Joseph von Battenberg und Gemahlin, von Baden- Baden kommend, hier eingetroffen. Erbgraf Erbach-Schönberg war am Bahnhof zum Empfang anwesend. Die fürstlichen Gäste find im Alexander-Palais abgestiegen. Bald nach seiner Ankunft hatte der Fürst von Montenegro eine längere Audienz beim Zaren.
Darmstadt, 23. October. Der Fürst von Montenegro wurde heute vom Großherzog zur Frühstückstafel zugezogen und reiste um 6 Uhr nach Baden-Baden zurück.
Berlin, 23. Oktober. Wie der „Post" mitgetheilt wird, find nicht nur von preußischer militärischer Seite, sondern auch von der Regierung eine- anoeren Bundesstaate- starke Bedenken gegen die Oeffentlichkeit de- Verfahren- bei der Reform der Militär - Strafproceß - Ordnung geltend gemacht worden.
Berit», 23. Oktober. Die französische Vogelschutzgesellschaft in Aix (Provence) hat die Einberufung eineß internationalen Eongresseß zum Zweck des SchutzeS ber insektenfressenden Vögel beschlossen und vom Gemeivderath den Ständesaal de- RathhauseS der Stadt Aix zur Verfügung gestellt erhalten. Der Eongreß, zu dessen Beschickung alle europäischen Regierungen sowie alle landwirth- schastlichen und ornithologischen Gesellschaften eingelaben find, soll am 9. November eröffnet werden. Al- Programm desselben wird bezeichnet: 1. Die ziffermäßige Nachweisung deS der europäischen Landwirthschast durch die zunehmende Ausrottung der insektenfressenden Begehrten erwachsenen bezw. erwachsenden Schadens. 2. DaS mit strengsten Strafandrohungen zu verschärfende absolute Verbot deS massenhaften Erlegen- oder SBegfangenß laudwirthfchaftlich nützlicher Vögel auf ihren Strich- und WauderzÜgeu. 3. Die Einreichung von motivirteu Gesuchen an alle europäischen Regierungen behufs Anordnung von Maßregeln und Erlasse- vou Gesetzen gegen da- Wegfaugen und Tödteu aller Arten insectenvertilgender Vögel.
„O doch, drei ganze Jahre, und die find dem einsamen, alten, vergrämten Manne doch gar zu lang geworden. Jeden Tag, Sommer und Winter, ist er hinan-gewandert, begleitet von dem treuen Pudel, seinem einzigen Gefährten. Alder Mucki blind geworden und den Weg nicht mehr finden konnte, trug er ihn auf seinen Armen hinauf. Und so haben die Beiden hier auf dem Bävkleiu gesessen, bis der Abend hinabsank und der Todtengräber, der zusperren mußte, mit seinen Schlüsseln klapperte . . . Doch in Ihnen, Herr," unterbrach er fich plötzlich, „muß doch eine Krankheit stecken, Sie find ja aschfahl tm Gesicht."
„Ich vertrage die Hitze schlecht, ich bin die Nacht hindurch gefahren- so etwa- geht vorüber. Doch erzählen Sie weiter."
„Ich bin bald am Ende. Auch der Mucki verließ ihn- sterbend hat er ihm noch die Hand geleckt, al- ob er ihn wolle um Verzeihung bitten, daß er ihn nun so ganz allein zurücklasse. Roch finsterer und menschenscheuer ist nun der Herr geworden, seine hohe Gestalt brach zusammen, der starke, eiseufeste Mann kränkelte, obgleich er es selbst nicht glaubte. Und so fanden wir ihn einmal tobt im Sessel vor feinem Arbeitstisch, ohne daß eine liebende Hand ihm die Augen zugedrückt."
„Ein sonderbare- Testament hat er hinterlassen," fuhr der Alte fort. „Mau sah so recht daran-, daß er die Sache mit dem Sohne nie verwunden und biß zum letzten Augenblicke auf dessen Rückkehr gehofft. Der gesummte Nachlaß, Han-, Hof u. s. »., wird für den Verschollenen verwaltet, biß die Urkunde seine- Tode- hier bei Gericht etntrifft. Und der Herr Rath hatte eine große Praxis und brauchte so wenig für fich- eß ist viel geblieben, ich glaube ganze achttausend Thaler."
(Fortsetzung folgt.)


