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26.9.1897 Viertes Blatt
 
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m. 226 Viertes Blatt. Sonntag den 26. September 1897

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Die Geschwindigkeit der Dinge.

Plauderei von Kurt Eickel

(Nachdruck verboten.)

Der Rennsport gehört beutzutage zu den beliebtesten Vergnügungen, Radfahrer«, Pferde- und andere Wettrennen, Distanzrennen und Wettlaufen sind an der Tagesordnung. Um unseren Lesern den Unterschied in der Geschwindigkeit der einzelnen Erdenkörper vorzuführen, dürfte daher ein Wett­rennen die geeignetste Gelegenheit bieten. Natürlich nur ein ideales, wozu wir der Phantasie des Lesers folgende Hand­haben bieten. Distanz: Berlin bis Hamburg. Die Ent- feinung wollen wir einmal rund auf 260 Kilometer an­nehmen. Die Theilnehmer stellen sich Unter den Linden in Berlin auf und beginnen auf ein gegebenes Zeichen ihren Abmarsch nach Hamburg. Nehmen wir nun an, es bethei- lialen sich an unserer Veranstaltung die nachstehend genannten 17 Factoren: eine Schnecke, ein Lastwagen, ein Fußgänger, ein Schlittschuhläufer, eine Fliege, der Amazonenstrom, ein Schnellzug, ein Pferd, ein Walfisch, ein Dampfschiff, ein Windhund, eine Hausschwalbe, ein Orkan, eine Kanonenkugel, em Fahrrad, das Licht und d e Electricität. Wir brauchen gar nicht zu fragen, welcher von allen den ersten Preis ge ro innen würde, aber es ist doch intereffant zu erfahren, wie lange jeder von ihnen zur Zurücklegung der Strecke brauchen würde, um aus dem Resultat die verschidene Schnelligkeit derselben kennen zu lernen. Wir schicken voraus, daß wir die Ergebniffe unserer Berechnung nur in runden Zahlen an« geben, wer Zeit und Lust übrig hat, und das Ergebniß noch genauer kennen lernen will, mag selbst den Rechenstift in die Hand nehmen.

Die Schnecke braucht selbstverständlich von den Theil- nehmenden am längsten Zeit. Nehmen wir an, daß es ein Exemplar unserer Landschneckcn sei, das sich zu dem wag­halsigen Unternehmen bereit finden lasse, und daß dieses Exemplar in dec Minute 10 Centimetr »urücklege und wäh­rend der ganzen Dauer ihres Laufes Tag und Nacht mit unverminderter Kraft forteile, ohne sich auch nur einen Augenblick Ruhe zu gönnen, so würde das ausdauernde Thier zur Zurücklegung einer Strecke von 1000 Metern (1 Kilom.) 166 Stunden bedürfin, das sind im Ganzen 43 200 Stun­den, also rund 1800 Tage resp. 5 Jahre. Rechnet man aber, daß das Geschöpf sich unterwegs ausruht und nur 12 Stunden täglich zum Kriechen verwendet, so erhält man natürlich die doppelte Zeit. Em Lastwagen würde in der Stunde etwa 3 Kilometer zurücklegen, das ergiebt für 260 Kilometer 86 Stunden, also etwa 31/, Tag. Ein Fuß ganger, der in der Stunde 5 Kilometer geht, braucht 52 Stunden, immer natürlich vorausgesetzt, daß er die Ent­fernung in einem Stücke und mit sich gleich bleibender Schnelligkeit zurücklegt. Von den übrigen Theilnehmern würden bedürfen:

der Schlittschuhläuferin der Sekunde 10 Met.) V/2 Stund, die Fliege (bei mittlerer Schnelligkeit von ca.

5 Met. in der Secunde).....= 15

dec Amazonenstrom (2 Met. in der Secunde) ----- 36

der Schnellzug (bei 75 Kilom. in der Stunde) = 3y2 das Pferd (bei 10 Met. in der Secunde) ----- 7% der Walfisch (31/, Met. in der Secunde) . . = 42

das Dampfschiff (10 Met. in der Secunde) . 7J/2 der Windhund (25 Met. in der Secunde) . . = 3

die Haurschwalbe (50 Met. in der Secunde) P/2 der Orkan (40 Met. in der Secunde) . . .= l8/10 das Fahrrad (12 Met. in der Secunde) . . = 6

die Kanonenkugel (700 Met. in der Secunde) ---- 6 Min.

Bei der Electricität und dem Licht lassen sich die Er­gebnisse schon kaum mehr verständlich und begreiflich aus drücken. Das Licht legt 311000 Kilometer in der Secunde zurück, braucht also nur etwa den zwölfhundertsten Theil einer Secunde, während die noch schnellere Electricität gar nur etwa den achlzehnhundectsten Theil einer solchen bedarf.

Setzen wir nun einmal als Ziel des Wettrennens die Entfernung von der Erde bis zur Sonne, die wir für unseren Zweck auf rund 150 Mill. Kilometer annehmen wollen. Die von uns aufgeführten Theilnehmer würden diese ungeheure Stricke (rund) in folgenden Zeiträumen zurücklegen:

die Schnecke ....

3 Mill.

Jahre

der Lastwagen ....

5707

//

der Fußgänger . . .

3424

ii

der Schlittschuhläufer

475

H

die Fliege.....

950

rt

der Amazonenstrom . .

2375

it

der Schnellzug ....

228

n

das Pferd.....

475

n

der Walfisch ....

1350

//

das Dampfschiff . . .

475

//

der Windhund ....

190

ii

die Hausschroalbe . . .

95

ii

der Orkan.....

116

//

das Fahrrad ...

390

die Kanonenkug l . . .

63/<

H

das Licht ...

8 Minuten

die Electricität . . .

5

H

Für die Schnecke ergaben sich im Ganzen 24900000000 (vierundzwanzigtausendneunhundert Millionen Stunden), das sind 1037500000 Tage gleich rund 3 Millionen Jahre.

Manchem mag das als Zahlenspielerei erscheinen, in­dessen ist nichts so geeignet, als ein Beispiel dieser Art, den Begriff der Geschwindigkeit zu verdeutüchen. Für gewöhn­lich wird dieselbe nach Secunden berechnet, wenn es also heißt, ein Körper besitzt eine Geschwindigkeit vou 10 Meter, so ist damit gemeint, daß er in der Zeit von einer Secunde 10 Meter zurücklegt. Gesetzt, wir wollten die Geschroindig- feit eines Baches messen, so nehm n wir einen schwimmen­den Gegenstand, ein Holzstück oder etwas Aehnliches, werfen ihn so hinein, daß er sich in der Mitte des Wassers befindet und zählen dann an dem Secundenzeiger unserer Taschenuhr die Secunden ab, die derselbe braucht, um b S zu einer ge­wissen, im Voraus bestimmten und genau gemessenen Stelle zu schwimmen. Weiß ich nun, daß die von mir ausgemessene Strecke 100 Meter lang war, der Schwimmer aber 50 Se­cunden zu ihrer Zurücklegung nöthig hatte, so habe ich damit 2 Meter in der Secunde als die Geschwind gkeit des Baches gefunden. Versuchen wir nun aber die Geschwindigkeit zum Beispiel eines Eisenbahnzuges zu berechnen, so entdecken wir, daß derselbe während der ersten Sekunden langsam vorwärts kommt, bann aber immer rascher und zuletzt mit rasender Schnelligkeit dahingleitet. Wie sollen wir nun die Geschwin­digkeit eines solchen Objects bestimmen, das keine gleichförmige Bewegung besitzt? Bei unzähligen Thieren, bet Menschen u. s. w. geraden ro'.r in diese'.be Sage. Es gilt in diesem Falle Die mittlere Geschwindigkeit herauszurechnen, und di se liegt auch in Den meisten Fällen den nachfolgenden Angab n zu Grunde, nach welchen (um noch eine Anzahl Beispiele zu geben) die Geschwindigkeit in der Secunde beträgt:

einer Fliege bei ruhigem Fluge . . 1,6 Meter

einer Fli ge bei außerordentlich schnellem

Fluge........10

der Donau........ lVa2

eines trabenden Pferdes .... 22,2

der schnellsten Ströme.....3,79

eines galopp renden Pferdes ... 45

eines Wettläufers......6,95

eines Rennthi.rs mit Schlitten . . 7,90

eines Schnellzuges......14

eines Fallens.......25

einer Brieftaube ......2844

des Schalls (in der Luft) .... 333 einer 24pfünbigen Kanonenkugel . 726

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Der Monb läuft um bie Erde mit einer Geschwindigkeit von 1049 Meter in ber Secunbe, bie Erbe um bie Sonne mit ber rasenben Schnelligkeit von 30700 Meter in ber gleich.n Zeit. Was finb dagegen unsere schnellsten Eisen- bahnzüge rote z. B. ber Blitzzug zwischen B.rlin unb Ham­burg, ber bie 286 Kilometer lange Strecke einschließlich bes Alt'enthaltes in 3 Stunben 38 Minuten zurücklegt; also mit einer Schnelligkeit von 78 Kilometer in ber Stunde. Ein­zelne amerikanische Züge erreichen eine Schnelligkeit von 84 Kilometer in ber Stunbe, ja in einzelnen Fällen, wo es sich um Probe- ober Extrafahrten hanbelte, haben Eisenbahn- züge schon bis 148 Kilometer zurückgelegt. Im Allgemein-n fahren aber bie amerikanischen Bahnen durchaus nicht schneller als bie unseren, sondern sogar erheblich langsamer, auch die engl scheu werden teilweise noch von unfern Blitzzügen über- troffen. Von den Staaten des europäischen Festlandes besitzt Deutschland die größte Fahrgeschwindigkeit von 52,1 Kilo­meter die Stunde, dann folgt Holland mit 49,6, Frankreich mit 48,7, Belgien mit 48,3 u. s. w. Am langsamsten fährt man in Norwegen, wo die mittlere Fahrgeschwindigkeit nur 31,3 Kilometer in der Stunde beträgt. Und doch! Was würden schon zu unseren mäßig fahrenden Eisenbahnzügen die guten Leute sagen, welche damals, als die Eilposten vor 70 Jahren die Meile in einer Stunde zurücklegten, ,die feste Ueberzeugung aussprachen, daß das schnelle Fahren einem den Äthern versetzen müsse, ja wohl gar die Auszehrung bringen könne. So ändern sich Zeiten und Menschen, wir schreiten unaufhaltsam fort, um wie viel geistige Meilen in ber Stunde vermögen wir freilich nicht herauszurechnen.

* Aus dem Kreise Ufingen, 21. September. Die Ber- jünguvg in der Armee hat rasch eine Nachahmung ge­funden. Demnächst sollen alle über 70 Jahre zählenden Bolksschnllehrer von höherer Stelle die Weisung er­halten, vom 1. October ab um ihre Pensionirung einzu­kommen. (Wir meinen auch, daß ein 70jähriger Volkß- schullehrer der Rahe bedürftig ist.)

* Düsseldorf, 21. September. Der Inhaber einer größeren Bictualienhandlung hier, Julius Schneider, hatte Kochbutter zu 80 Pfg., versüßtes Apfelgelee zu 25 Pfg. pro Pfund angezeigt. Ein Käufer, der von diesen Maaren ver­langte, erhielt als Kochbutter Margarine, als versüßtes Apfelgelee sogen, geäpfelten Stärkeshrup (ein Gemisch von 60 bis 70 pCt. Stärkeshrup und etwas Apfrlsaft). Schneider wurde deshalb wegen Vergehens gegen baß Nahrungö- mittelge setz angeklagt und vom Schöffengericht zu 150 Mk. Geldbuße verurtheilt.

* Altenburg, 21. September. Nach einemEingesandt" in derAltenb. Ztg." ist die Angelegenheit deß Scat- Den kmalß in htestger Stadt nunmehr so weit gediehen, daß die von dem verstorbenen Apotheker A. Steudemann der Stadt zu diesem Zwecke vermachte Summe von 15,000 Mk, als Grundfonds übernommen und verwaltet wird, bis das Capital die zur Errichtung eines den Absichten d«S Schenk­gebers entsprechenden Denkmals erforderliche Höhe erreicht Hit. Da es hierzu keiner unerschwinglichen Summen mehr bedarf, so ist die Verwirklichung des Planes in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten.

* Braunschweig, 20. September. Häßliche Concurrenz- Manöver kamen bet einer Beleidigungsklage vor dem hiesigen Schöffengericht zur Sprache. Es handelte sich um eine Privatklage des Kaufmanns Schendel gegen den Kauf­mann Abramson, beide hier, wegen verläumdertscher Be­leidigung und Vergehen gegen § 7 des Gesetzes zur Be­kämpfung der unlauteren Wettbewerbs. Kläger und Be­klagter haben zwei gleichartige Geschäfte in zwei nebenein* ander liegenden Häusern. Der Beklagte hatte nach Angabe des Klägers sein Personal angewiesen, das Geschält seines Concurrenten zu überwachen, und ihm über die Vorgänge darin und dergleichen zu berichten. Als ihm von seinem Hausdiener mehrmals mitgetheilt wurde, daß ein Gerichts- Vollzieher den Laden seines Nachbars betreten habe, benutzte er das, um dessen Credit bet den Lieferanten zu schädigen. Zwei Gerichtsvollzieher sagten auß, daß sie nie bei dcm Privatkläger dienstlich zu thun gehabt und daß sie bie gleiche Auskunft von ihren übrigen Collegen erhalten haben. Das Urtheil lautete auf 300 Mk. Geldstrafe event. 30 Tage Ge- fängniß und 300 Mk. an den Kläger zu zahlende Buße,

* Mädcheugymuasium Karlsruhe. Wie vorn Verein Frauenbildung" mitgetheilt wird, ist in den Verhältnissen des Karlsruher MädchengymnafiumS eine Aenderung ein­getreten, indem ber Stabrrath beschlossen hat, ba8 Gym­nasium vorläufig in seine Verwaltung zu nehmen und sofort in Verhandlung behufs neuer Organisation ber Schule einzutreten.

Sulz (Main), 21. September. Den Helbentob hat hier ein zwölfjähriges Mädchen bei einem ausgebrochenen Brande gefunden. Als das Hau-und bie Oeconomiegebäube bes LandwirthS Heinzelrnann in vollen Flammen stauben, eilte bie Tochter des Hausbesitzers, weil sie ihre jüngeren Geschwister vermißte, in bie Flammen zurück, um biefelben zu retten. DaS heldenmüthige Mädchen kam nicht mehr zurück, unb sein Geschick ist um so tragischer, als sich nachher herausstellte, baß bie Kinber schon geborgen unb anberweitig untergebracht waren.

* Die Zählkarte deS Zareu. In Petersburg tagt jetzt der dritte der großen wissenschaftlichen Congresse, die in diesem Sommer in Rußland abgehalten werden. Den Aerzten und Geologen find die Statistiker gefolgt. Als die Mit­glieder des statistischen Congressrs bie VolkSzählutigSbureauS besuchten, wurde ihnen bie Zählkarte gezeigt, bie ber Kaiser für sich eigenhänbig ausgesüllt hatte. Die einzelnen Rubriken ber Karte lauten:NtcolauS Romanow: Stanb: Zar aller Reussen. Welcher Beruf bilbet bie Hauptbeschäftigung? Herr aller Länber im russischen Reiche. Welcher Beruf bilbet eine Nebenbeschäftigung? Grundbesitzer und Landwirth." Für die Kaiserin hat ber Kaiser diese Fragen folgender­maßen beantwortet:Zarin aller Reussen,' Herrin aller zum russischen Reiche gehörigen Länder; oberste Schutzfrau aller FrauenbeschäftigungS-Vereine."

* Zur Geschichte derspäten Mädchen". Bisher hegten kurzsichtige Beurtheiler die Meinung, die sogenannte alte Jungfer entstehe dadurch, daß sie in ber Jugend keinen