Ausgabe 
26.6.1897 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 147

Der Gtttzexr erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Die Gießener A««i5ie»ßtL1ter werden dem An-nger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt. Samstag den 26. Juni

1897

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Mnzeigcr.

vierteljährig« Aösnoeme»ts preis t 2 Mari 20 Pfg- ** Brrngerlohu. Durch die Potz b^egat 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Expeditis« und Druckerei:

-chntßrst-M.7. Fernsprecher 51.

Aints- und Anzeigebl^tt für den Ureis Gieren.

| Hratisöeitage: Gießener KamMenktätter.

Annahme von Anzetgen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinende« Nuonoer bi» Borm. 10 Uhr.

Alle Lnnorrcen.lSureaux de» In- «nd Auslandes nehm« Anzeigen ftr denGießener Anzeiger" «ndgege«.

Anntllchen Lyeit.

Bekanntmachung.

Die laudwieihschsftttche tzauShaltungdschule zu Lindhei» beginnt ihren zweiten 1897er fünfmonatlichen LehrcursuS Donnerstag deu 1. Juli 1897.

Die Schule hat die Aufgabe, junge Mädchen zur Füh­rung einer wohlgeordnete», einfachen bäuerlich . bürgerliche» Haubhaltmig vorzubereiten. Sie erhalten hierzu Unterricht und practtsche Anleitung in der Hauswirthschaft, Milchwirth- schaft, Gesundheit-- und Ernährungslehre, Krankenpflege, sowie Fortbildung im Rechnen, in der Abfassung von Auf­sätzen und Briefen und Anleitung in der Buchführung. Auch ist für gute Lectüre gesorgt und wird der Gesang gepflegt.

Die Schule besitzt einen Garten beim Hause, eigene Molkerei und Geflügelhaltung.

Die unmittelbare Leitung der Anstalt untersteht einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Assistentin (Industrie- lehrerin). Sowohl diese als die Mädchen wohnen im An- staltsgebäude.

Für Unterricht und Logis sind 20 Mk. pro Kursus und für Kost und Verpflegung 1 Mk. pro Tag zu entrichten- außerdem sind nur noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.

Ausführliche Programme, aus denen das Nähere über die Anmeldungen, die möglichst frühzeitig erbeten werden, zu ersehen ist, sind von dem Unterzeichneten, sowie von Herrn Oberamtmann Westernacher zu Lindheim erhältlich.

Büdingen, den 24. Juni 1897.

Der Vorsitzende des landwirthschaftlichen B^irkrvereins. Klietsch.

Sitzung der Stadtverordneten

am 24. Juni 1897.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Bei- geordneten Grüneberg und Wolff, von Seiten der Stadtver- ordneten die Herren Adami, Brück, EmmeltuS, Faber, Flett, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Heyligeu- staedt, Homberger, Jughardt, Keller, Kirch, Loos, Löber, Orbtg, Scheel, Schmall, Dr. Thaer und Wallenfels.

Herr Stadtverordneter Vogt hat an die Versammlung die Mittheilung gelangen taffen, daß er auf ärztliches An- rathen genöthigt sei, für die nächste Zeit den Sitzungen fern zu bleiben. Das Fernbleiben des Herrn Bogt wird als hinreichend entschuldigt erachtet.

Herrn Bäckermeister Karl Spam er soll ein Holzlager­

platz am Lutherberg gegeu die übliche Pacht von 5 Pfg. per LZ Mir. und Jahr überlassen werden.

Der Männer bad ev erein hat sich infolge stetiger Zunahme seiner Mitgliederzahl veranlaßt gesehen, um pacht­weise Ueberlafsuug eines TheileS der Wiese neben der Bade­anstalt behufs Anlage weiterer Trockeneinrichtungen nachzu­suchen. Dem Gesuch wird stattgegebeu und der Pachtpreis auf jährlich 30 Mk. festgesetzt.

Auf Widerruf und gegen Entrichtung einer monatlichen Abgabe von 1 Mk. wird Herrn L. Hellmold die Er« laubutß ertheilt, auf dem städtischen Gelände vor seinem Hause an der Weserstraße Stangen zu lagern.

Herr Gottlieb Nauheimer beabsichtigt auderMoltke- straße ein ZwilltngShauS zu errichten, die vorgeschrtebeve Durchfahrt nach der Hofseite aber nur an einem Theile fretzulassev, bzw. einen Thorweg herzustellen. Die Ver­sammlung sprach sich für Ertheiluog des DiSpenseS unter der Bedingung aus, daß Gesuchsteller der Stadt für eine Durchfahrt tu der anderen Hälfte ein Servitut einräumt.

Herr Jakob Kahl will neben seinem Hause au der äußeren Frankfurter Straße eine Lagerhalle errichten. Die Versammlung sprach sich für widerrufliche Genehmigung au*.

Zu der im Laufe des Rechnungsjahres 1896/97 frei­händig erfolgten Abgabe von Holz aus dem Stadtwalde wurde nachträglich Genehmigung ertheilt.

Da der für Beihülfe zu den Obliegenheiten de* Pedells am Realgymnasium und an der Realschule bisher mit 150 Mk. bemessene Eredit nicht auSreicht, so wird, nachdem auch der Staatszuschuß zu deu persönlichen Aus­gaben um 50 Mk. erhöht worden, ist beschlossen, durch Be­willigung eines gleich hohen städtischen Zuschusses den Credit auf Mk. 270 zu erhöhen. Die Obliegenheiten des Pedell- gehülfeu bestehen vorwiegend in Bethülfe beim Heizen und Reinigen der Oefeo.

Die Einrichtung einer Kühlanlage im hiesigen Schlachthause, die leider, wie Herr Oberbürgermeister Gnauth in seinem Referat bemerkte, bei Erbauung de* Schlachthauses nicht mit auSgeführt wurde, ist in einer Ein­gabe der Schlachtvieh-Versicherungs-Gesellschaft wieder an­geregt worden. In der Eingabe wird u. A. auf die Nach- theile hingewiesen, welche sowohl den Metzgern wie den Vieh­händlern aus dem Mangel einer Kühlanlage entstehen. In der Eingabe wird schließlich betont, daß die Petenten die Anlage selbst einrichten wollten, salls die Stadt sich dazu nicht entschließen könne, sie bitten in diesem Falle um Unter­stützung in ihrem Vorhaben und Errhetlung von Rathschlägeu bei der Bauausführung. Ausschlaggebend für den s. Z. ge­faßten Beschluß, von Anlage einer Kühleinrichtung abzusehen, waren die hohen Kosten der Anlage, die auf 77,000 Mark

berechnet wurden, wozu noch die auf 10- bis 11,000 Mark berechneten jährlichen Betriebskosten kommen würden. Die verschiedenen Vorschläge, auf welche Weise die Kosten zu decken, bezw. eine angemessene Verzinsung der Anlage und des BetriebScapitalS zu ermöglichen sei, haben bisher noch zu keinem Resultat geführt- eine Verpachtung der einzelnen Kühlzellen z. B. würde, vorausgesetzt, daß sämmtliche Zellen verpachtet würden, ca 50,000 Mk. ergeben, so daß mindesten* ein gleich großer Betrag auf andere Weise gedeckt werden müßte, wobei an eine mäßige Erhöhung der Schlachtgebühreu gedacht werden und man sich mit dem ebenfalls vorgebrachten Gedanken, daß die Stadt den Fehlbetrag zuschießeu solle, um deswillen nicht befreunden konnte, weil darin gewiffer- maßen die Begünstigung eines Gewerbes vor den anderen erblickt worden könnte. Die Fleischertvnung, welcher die Angelegenheit nach Berathuog in der Schlachthaus-Deputation unterbreitet worden, hat dazu entsprechende Beschlüsse gefaßt, dieselben konnten aber der Stadtverordneten-Versammlung noch nicht unterbreitet werden, weshalb die Verhandlung auf eine spätere Sitzung verlegt wurde.

Zu dem Gesuche der Frau Ernestine Heldmauu um Ertheilung der Erlaubniß zum Bierausschank in der Eautine der Heyligenstaedt'schen Maschinenfabrik beschloß die der» sammlung, das Gesuch nicht zu beanstanden.

Desgleichen verzichtete die Versammlung auf einen Ein­spruch gegen das Gesuch des Herrn Carl Seipel um Erlaubniß zum WirthschaftSbetrieb an der Militärschwimm- anstatt, nachdem das Gesuch von dem Herrn Commaudeur de* Regiment* befürwortet worden.

Dagegen wurde abgelehnt daS Gesuch des Herrn Joseph Stein um pachtweise Ueberlassung von Gelände am Freibad- Gesuchsteller beabsichtigt darauf einen Ausschank von Bier zu errichten.

Zu dem Gesuch de* Herrn Wtlh. Gerhardt um Er­laubniß zum WirthschaftSbetrieb im Hause Bleichstraße 31 beschloß die Versammlung Verneinung der Bedürfutßfrage, mit Rücksicht auf die geringe Bebauung der dortigen Gegend.

Bier Religionen. Deu Briefen des sehr ewpfehleuS- werthen WitzblattsDeutscher Michel" entnehmen wir folgenden BerS" :

Des RheingouS goldner Wein, die edelste der Gaben Mutz, wie Erfahrung lehrt, vier Religionen haben: Lutherisch muß er sein, rein, lauter von dem Faß, Ealvinisch aufgeklärt in einem reinen GlaS, Katholisch, daß er lehrt in Wundern seine Stärke, An unserm Leibe üb' recht gute, fromme Werke, Doch auch ben Juden gleich mutz ungetauft er fein. So schließt ein guter Wein vier Religionen ein.

Feuilleton.

Vslkanischr Eruptionen.

Von Dr. Fritz Gustavus.

(Schluß.)

Noch verheerender und gräßlicher gestaltete sich die Katastrophe des Temboro auf Sumbava 1815. Die Eruption erschütterte den ganzen indischen Archipel, bedeckte einen großen Theil desselben mit Asche. Der Donner wurde auf 260 Meilen in der Runde gehört, er war so stark, daß man ihn in dieser Entfernung noch für Kanonendonner hielt. Die Erschütterungen wurden in einer Entfernung wahr­genommen, die etwa derjenigen des Vesuv vom Nordcap gleichkommt. Erdbeben und Detonationen währten tagelang, daS Meer erhob sich, warf Schiffe auf da* Land und spülte Hauser uvd Bäume weg. Infolge der Erhitzung der Luft wurde auch daS Gleichgewicht der Atmosphäre gestört, und ein Wirbelsturm erhob sich, der ganze Dörfer und Wälder umblies, die stärksten Bäume entwurzelte, Häuser, Menschen, Vieh, kurz, alles, was er antraf, emporhob und wie Stroh- Halme in der Luft herumwirbelte. Nach Jahren sah man noch Baumstämme im Meere Herumtreiben. Die Katastrophe forderte im Ganzen gegen 60,000 Menschenopfer, die Per- sonen mitgerechnet, welche durch die infolge der Verheerungen auSgebrochene HungerSnoth zu Grunde gingen.

Selbst die geschilderte Katastrophe sollte aber noch über­troffen werden. Ein unbedeutender Krater, der Krakatau, der seit 1680 nicht* wieder von sich hatte hören lassen, lieferte 1883 den Beweis, daß eine vulkanische Eruption den ganzen Erdball in Mitleidenschaft ziehen könne. Zwar war Krakatau, eine vulkanische Insel in der Sundastraße, un- bewohnt, trotzdem sollte der Ausbruch bewußtes Leben genug verschlingen. Am 20. Mai bereit* erhob sich eine riesige Pinteowolke au* dem Krater 11,000 Meter hoch in die

Luft. Der eigentliche Ausbruch erfolgte jedoch erst am 26. August. Der Aschenregen siel so dicht, daß Asche und Steine auf dem Verdeck eines Schiffes fast einen Meter hoch tagen. Undurchdringliche Finflerniß herrschte,, der Berg donnerte fürchterlich, unaufhörlich zuckten Blitze. Am Morgen des 27. trat wieder undurchdringliche Finsterniß ein, die 18 Stunden avhtelt. Um 10 Uhr brandete da* Meer infolge einer furchtbaren Explosion rasend auf- eine, einem Berge vergleichbare, etwa 30 Meter hohe Meereöwoge eilte, wie wir der von Bomrneli in seiner Erdgeschichte nach Neumayr gegebenen Darstellung entnehmen, landeinwärts, einige weitere folgten. Städte, Dörfer, Wälder, Dämme der benach­barten Küsten wurden vernichtet, an manchen Orten, wie z. B. auf der Insel Sebefin und Seramy, ging die ganze Bevölkerung zu Grunde. In Batavia ging an diesem Morgen die Sonne in blutiger Farbe auf, ein Regen von Asche, Schwefel und Staub fiel, die 20 geographische Meilen entfernte Stadt blieb 36 Stunden in dichte Dunkelheit ge­hüllt. Am anderen Tage hatten die nächstgelegenen Stoffen* strecken von Java und Sumatra ihr Aussehen so völlig ver­ändert, daß man sie nicht wiedererkannte, die tropische Vege­tation war verschwunden, der kahle Boden mit Schlamm, Lava, Leichen und Trümmern bedeckt. Die Zahl der Opfer betrug 40,000 nach dem amtlichen Bericht. Der größte Theil der Insel Krakatau selbst aber war verschwunden, nur 101/» Quadratkilometer waren übrig. Wo früher feste* Land war, befanden sich Meerestiefen von 200 bis 300 Meter. Die Masse der AuSwurföffoffe bedeckte den Boden in zwölf Kilometer Umkreis in einer Höhe bis zu 40 Meter, die lose Asche verbreitete sich über einen Bezirk, erheblich größer al* ganz Deutschland, ^der Donner war in einem Umkreis zu vernehmen, der ein Fünfzehntel der gesammten Erdoberfläche bildete. Die Erregung der Luftschichten war so groß, daß die durch den gewaltigen Stoß erzeugte Luftwelle, welche in 36 Stunden die ganze Erde umkreiste, noch an den ent­

legensten Orten der Erde meßbar war. Selbst die im Herbst und Winter 1883 beobachteten wunderbaren Lichterscheinuvgen am Abendhimmel werden auf die Eruption des Krakatau zurückgeführt, und zwar ebenso wie die in den daraus folgenden Jahren wahrgenommenen sogenanntenleuchtenden Nachtwolken" auf eine jahrelange Jnfiziruog der gesammten Erdatmosphäre mit Krakatanasche.

Wenn wir unS nach alledem freuen, nicht in der Nähe so gefährlicher Berge zu wohnen, so müssen wir unS doch gesagt sein lassen, daß die Entstehung vulkanischer Eruptionen nicht ausschließlich an die Anwesenheit von Vulkanen ge­knüpft ist. Mitten aus der Ebene heraus kann sich plötzlich ein Krater erheben und Tod und Verderben rund um sich her speien. Frappante Beispiele dieser Art bieten die Ent­stehung deS Monte Nuovo bei Neapel, des Jorullo in Mexico und der Insel Fernanden zwischen Sizilien und Afrika. Der Monte Nuovo bildete sich 1538 plötzlich an ganz ebener Stelle und erreichte in kurzer Zeit eine Höhe von 139 Meter, seit 1539 ist der Krater jedoch völlig er­loschen. Der Jorullo (1759 entstanden) verdankt seine Ent­stehung dem gleichen Vorgänge, nur schütteten die Auswurf*- massen in diesem Falle einen Bergriesen von 4000 Fuß Höhe auf. Die Insel Fernanden bildete sich 1831 durch einen Ausbruch mitten im Meere, sie erreichte einen Durch­messer von 800 Fuß und war an der höchsten Stelle etwa 250 Fuß hoch. Leider ward die nur au* lockerem Saude aufgeschichtete Insel durch da* Wasser bald wieder abge­tragen. Schon Ende November desselben Jahre* war sie dem Wasserspiegel wieder gleich zum großen Aerger der Engländer, welche die Insel bereit* in Besitz genommen hatten. Im Ganzen find, wie wir noch bemerken wollen, zur Zeit circa 300 Vulkane thätig und von etwa 600 find in geschichtlicher Zeit Eruptionen zu verzeichnen.