Nr. 122
Der -itßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Wamikienvlälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt.
Mittwoch den 26. Mai
1897
Kenerat-Anzerger.
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Redaction, Expedition und Druckerei:
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Amts- und Anzeigeblutt für den Tiveis Gieren.
Hraiisbeikage: Gießener Kamikienölätier
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen^
Feuilleton.
Es wär |o schön gewesen.....
Humoreske von Georg Perstch.
(Fortsetzung.)
Die lautlose Stille, die um diese Zeit tu den geweihten RedactionSräumen herrschte, war so rewt zum Nachdevken und Grübeln geeignet- er empfand diese Ruhe heute doppelt wohl, da er in der verflossenen Nacht mit dem Rechtsanwalt und dem neuen Medicinmann, zwei neuen Bekannten, etwas stark im «Goldenen Löwen" gebechert batte.
Da wurde die Thür zaghaft geöffnet und eine junge Dame trat über die Schwelle.
«Verzeihen Sie, wenn ich störe. Ist der Herr Chef» redacteur vielleicht anwesend?"
Melzer blickte in ein hübsches, erröthendeS Gesicht. Sollte gar dieses reizende Kind —
„Der Chefredakteur ist augenblicklich nicht zugegen, aber vielleicht bin ich in der Lage, Ihnen dienen zu cköuuen "
„Oh, — ich sollte mir Bescheid holen wegen eines Gedichtes —"
„Gerechter Himmel! Sie ist es wirklich!" dachte Melzer.
„Wegen des Gedichtes „Liebe und Entsagung!" bemerkte er dann mit rascher Faffung.
„Deßwegen!"
Sie sah ihn fragend an.
„Hm —" kam es verlegen über seine Lippen, „ja, mein gnädiges Fräulein — " hier stockte er.
„Ist es für die Sonntagsbeilage nicht geeignet?" frug ste hastig.
„Aufrichtig gesagt, nein!"
Er sagte es mit einer gewissen Erleichterung, denn sie schien ja auf das Schlimmste gefotzt zu sein
Doch welche Täuschung! Die klaren Augensterne zeigten
plötzlich einen trüben Hauch und um die Mundwinkel zuckte es seltsam
„Aber, mein Fräulein," beeilte er sich tröstend hinzu- zufügen, „der Gedankt, den Sie in Ihrem Gedichte zum Ausdruck bringen, ist ein vortrefflicher, ein sehr sinniger- nur die Form bedarf noch der Feile."
O, diese Dichterinnen! Da blickte sie schon wieder ganz freundlich und zuversichtlich in die Welt.
„Und wenn ich diese Feilung vornehmen würde, könnte das Gedicht dann Ausnahme finden?"
Jetzt war er wirklich in eine fatale Enge getrieben. Ec war ja innerlich felsenfest überzeugt, datz auch ein die Form königlich beherrschender Platen aus dem Poem nichts Brauchbares machen konnte.
„Gewiß," log er indessen weiter, „aber Ste unter, schätzen doch wohl die Schwierigkeit. Und dann — waS kann Ihnen ernsthaft daran liegen, in einem Localblatt Ihre dichterische Begabung durch den Druck anerkannt zu sehen ?"
Sie lachte — ein helles, herzliches Lachen.
„Halten Sie mich für ehrgeizig? Das bin ich ganz und gar nicht. Ich dichte aus geschäftlichen Gründen."
„Wegen des Honorars?"
Melzer mutzte seinen ganzen männlichen Ernst zu Hilfe rufen, um nicht in Lachkrämpfe zu verfallen.
„Aber wissen Sie denn nicht, daß die Lyrik heute mehr denn je eine brodlose Kunst ist?"
Er dachte an seine „Lyrischen Momente", die ihn für Druck, Papier und Ausstattung baare dreihundert Mark ge- kostet hatten.
„(ötc mißverstehen mich," entgegnete sie belustigt. „Ge. schäftlich, das heißt in diesem Falle, — aber die Erklärung dürfte Sie kaum intereffiren."
„Ganz außerordentlich. Doch wollen Sie nicht Platz nehmen?"
Doctor Melzer stellte sich vor.
Sie nickte dankend.
„Gertrud Reinhold. Also," plauderte sie, sich setzend,
„ich habe zwei Schwestern- die eine ist zweiundzwanztg, die andere balo zwanzig Jahre. Beide sind sehr talentvoll. Lieschen, da» ist die älteste, spielt Clavier wie LiSzt und Haunchen malt auf Leinwand und auf Porzellan wie na, wie Holbein oder Makart. Ich dagegen bta weder musikalisch, noch male ich, ich habe" — sie seufzte schmerzvoll — „nicht ein Fünkchen Talent."
„DaS kann in den Augen vernünftiger Leute nur als Vorzug gelten,“ warf der Doctor kühn dazwischen.
„Etwa weil die Dummen das meiste Glück haben?" fragte sie schelmisch.
„Nein, weil Jedermann heute malt und Clavier spielt, weil diese Talente von jedem in Anspruch genommen werden."
„Wenn Papa doch auch so dächte," klagte sie. „Aber der ist ungehalten, weil ich nun schon achtzehn Jahre alt geworden bin, ohne mich in den schönen Künsten versucht zu haben. Und nun hat er jeder von unS Schwestern ein neues Ballkleid versprochen, wenn wir ihm zu seinem GrburtStage /twaS Schönes componiren, malen oder dichten würden. WaS sollte ich da anfangen? Ich glaubte, das Dichten fei am leichtesten, und da habe ich e» denn versucht. Ich war wirklich der Meinung, das Gedicht fei gar nicht so schlecht geworden."
Der junge Zeitungsmann war vollständig verblüfft. Am liebsten hätte er mit einem kräftigen Wörtlein den Stab über dielen Rabenvater gebrochen, der so Unerhörte« von seinen Kindern verlangte.
„Ja, aber waS nun?" sagte er schließlich und sah die unglückliche Dichterin fragend an.
„Nun wird wohl au» dem Ballkleid nichts werden," lautete die wehleidige Antwort.
Dann aber erhob sie sich rasch und bemühte sich zu lächeln.
„War müssen Sie von mir denken? Verzeihen Ste, daß ich Ste mit meinem kindischen Geschwätz so lange be- hrlligt habe. Adieu!"
(Schluß folgt.)
Grassamen.
Aus den Communalwaldungen von Gießen, Alten-Buseck, Rödgen, Ruttershausen und Wieseck wird die diesjährige Grassamenernte im Wege schriftlichen Angebots vergeben gegen Vorauszahlung unter den seither üblichen Bedingungen, welche von den Bietern als rechtsverbindlich anzuerkennen sind. — Die Anerbietungen sind mit der Aufschrift „Angebot auf Grassamen" getrennt an die einzelnen Bürgermeistereien bis längstens Mittwoch den 2. Juni schriftlich einzureichen, woraufhin am 3. Juni, Vormittags 11 Uhr, die Eröffnung erfolgt.
Gießen, den 21. Mai 1897.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
______________ Gn auth.___5050
Peru-Guano
4462
der Anglo - Continentale -Werke.
Bester organischer Dung für Halm- und Hackfrüchte, für Gemüse- und Blumenzucht empfiehlt
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Verdingung.
Die Arbeiten zur laufenden Unter« Haltung nachstehender städtischer Gebäude sollen
Dienstag den 1. Juni d. I.,
Vormittags 11 Uhr, öffentlich verdungen werden:
1) Bürgermeistereigebäude:
Schreiner« u. Weißbinderarbeit.
2) Realgymnasium und Realschule: Weißbinderarbeit.
3) Stadtkuabeuschule: Schreiner- und Weißbinderarbeit.
4) Rathhaus: Schreiner« und Weißbinderarbeit.
Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen während der Dienststunden zur Einsicht auf Zimmer Nr. 6 bei uns offen. Angebote auf Vordruck, der daselbst erhältlich, sind bis zum genannten Termin einzureichen.
Zuschlagssrist 3 Wochen.
Gießen, den 22. Mai 1897.
Das Stadtbauamt: Schmandt. 5131
Die Theilnehmerkarten zum 200» jähr. Jubiläum des 3. Groß- herzoglich Hessischen Jusaut- Regiments (Leib-Regiments) Nr. 117 am 10. und 11. Juni d. I. können bis spätestens 3. Juni er. einschließlich bei den Bezirks- Commandos bezw. Meldeämtern, bei welchen seiner Zeit die Anmeldung zum Feste erfolgte, in Empfang genommen werden. 5109
Mainz, Mai 1897.
3. Großherzogl. Hessisches Infanterie- Regiment (Leib Regiment) Nr. 117.
Submission.
Für die psychiatrische Klinik soll die Lieferung von Bett-, Leib- uud Tischwäsche re. für das Rechnungsjahr 1897/98 auf dem öffentlichen Submissionswege vergeben werden. Die Lieferungsbedingungen liegen auf dem Verwaltungsbureau, Nachmittags von 3 bis 5 Uhr, offen.
Offerten sind versiegelt und mit entsprechender Aufschrift versehen bis zum 15. Juui 1897, Vormittags 11 Uhr, einzureichen.
Der Zuschlag erfolgt innerhalb 8 Tagen.
Gießen, den 21. Mai 1897.
Großh. Verwaltungs-Direction der psychiatrischen Klinik.
Sommer. 5092
Versteigerungen.*!
Mittwoch den 9. Ium l. I.,
Nachmittags 2 Uhr,
soll auf dem hiesigen Ortsgericht die den Marti« Lämmer Eheleuten in Gießen, an nachstehender Hofraithe gehörige ideelle Hälfte
Flur 1 Nr. 4l/io — 231 qm in der Neustadt öffentlich meistbietend versteigert werden.
Gießen, den 27. April 1897.
Großh. OrtSgericht Gießen.
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