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Zweites Blatt. Samstag dm 25 September
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Die Einfuhr gefrorener Nahrungsmittel in Europa.
Unter allen ConservtrungSmethoden sür Nahrung-mittel, besonder« für Fletsch, ist entschieden diejenige mittelst Kälte insofern die Vortheilhafteste, alS die Nahrungsmittel dadurch absolut keine Beräuderung erfahren, wogegen bekanntlich alle anderen Methoden, wie Trocknen, EinpVkeln, Räuchern u. s. w. nicht nur den Geschmack der betr. Nahrungsmittel verändern, sondern auch mehr oder weniger den Nährwerth derselben beeinträchtigen. Allgemein ist bekannt, daß Hasen, Geflügel oder au-geschlachtetrS Fleisch im Winter wochenlang frisch bleiben, wenn die Temperatur den Nullpunkt nicht überschreitet, und als extremste- Beispiel der conservirenden Macht der Kälte mögen die iu Sibirien gefundenen (Sabotier von Mamutheu gelten, welche, obgleich Jahrtausende im Eis ein- gkschloffen, theilweise noch mit Fleisch bedeckt waren.
Allerdings würde die Methode der Lonservirung durch Kälte, wenn fie zur warmen Jahreszeit, besonders im kleineren Haushalt oder vom Kleinhändler angewendet werden sollte, die theuerste von allen werden, wenn dieselben eben nur mit nntürlichem EiS geschehe» müßte, wenn eben nicht auch hier durch die Erfindung der Eismaschine und die Anlage von Kälte-Eentralen, gerade wie beim Ga-, Dampf und der Aectricität, eine Verbilligung dieses nunmehr ganz rment- behrlichen Lonservirung-mittelS erzielt worden wäre, die selbst dem kleinsten Hau-Halt die Beschaffung von billigem Eis zur Sommerszeit ermöglicht. Unsere Schlachthäuser und Markthallen besitzen jetzt alle solche künstlich kalt gehaltenen Kellerräume, welche Fleischern, Gemüsehändlern, Butter« und Eier- HLudlern zur Aufbewahrung ihrer Vorräthe zu Gebote stehende modernen Lagerbierbrauereien find ohne Kältemaschinen, dir fie von der Laune der Witterung ganz unabhängig machen, jetzt ganz undenkbar, und es giebt wohl kaum eine Industrie, M< mit der Herstellung oder Verarbeitung von NahrungS- und Gknußmitteln zu thuu hat, welche die künstliche Kälte entbehren könnte.
Wenn nun schon die Erfindung der Eismaschine zweifellos insofern eine Verbilligung der Nahrungsmittel verursacht hat, alS dem Verderben der Vorräthe dadurch vorgebeugt ist, so ist der Nutzen derselben insofern noch ein viel größerer, alS dieselbe auch den Bezug des Uebetfluffes heißer Länder ermöglicht, wobei alsdann die Länge der Reise gar keinen Einfluß au-übt- und so erblicken wir auf den englischen Märkten denn heute in der Thar frisches Fleisch von Schlacht« lhieren, welche- auf besonder- dazu eingerichteten Dampfern von Australien ober aus Südamerika hergebracht wurde, ebenso Fische, Butter, Gemüse, Blumen und andere aus fremden Erdtheilen herbeigebrachte Produkte, welche während
der laugen Reise durch die jede Zersetzung hemmende Kälte der Gefrierkammern couservirt wurden. Wirklich muß man England für sein Vorgehen loben und anderseits bedauern, daß Deutschland in dieser Beziehung so lau und unthätig darin bleibt, seiner Bevölkerung nicht auch das ausländische Fletsch zu verschaffen, welches trotz der weiten Seereise uud trotz der großen Kosten der Unterhaltung der Gefrier- temperatur während derselben sich um die Hälfte billiger stellt als wie da- treuere Fleisch der mitteleuropäischen Länder.
Welchen Umfang der englische Import an gefrorenem Fleisch zur Zeit hat, darüber dürften die meisten Leser dieser Zeilen wohl kaum unterrichtet und jedenfalls einige Angaben darüber von Interesse sein. Der Haupthafen für die Einfuhr gefrorenen australischen Fleisches ist Liverpool, wo für den Zweck der Aufbewahrung de- angekommenen frischen Fleische- Gesrierkammern zur Aufnahme von 2620 Rindern vorhanden sind. Diese Magazine, in denen fich auch ein große- Schlachthaus für das tu Liverpool ebenfalls in enormen Mengen vom Auslande ankommende lebende Schlachtvieh befindet, hat directe Schienenverbindung mit den Haupt- eiseobahnlinien; im Jahre 1896 belief fich die Einfuhr an gefrorenem Fleisch in Liverpool auf 198,000 Rinder uud 493,000 Hämmel, wahrend der Gesammtimport England« an geschlachtetem australischem Vieh sich auf 1,056,017 Schafe uud 411,847 Rinder bezifferte. England besitzt für diese Zwecke deon auch eine ganze Flotte solcher, mit Kältekammern ausgerüsteter, dem Fleischtransport dienender Schiffe, deren Zahl auf 123] und deren Ladefähigkeit zusammen auf 4,530,000 Hämmel angegeben wird! Außer Liverpool haben natürlich auch die anderen englischen Hafen« und Großstädte solche Fletschmagazine, von denen das zu London allein 1,890,000 Stück Hämmel auf einmal aufnehmen kann- auch Manchester besitzt ein solche- für 120,000 Stück ufw.
Wie wenig die Transportkosten zur Preiserhöhu»g des Fleisches beitragen, dürfte aus nachstehenden Beispielen erhellen: Ein Pfund Hammelfleisch kostet in Sidney etwa 10 Pfg., die Transportkosten belaufen sich auf etwa 7 Pfg., uud wird da- Pfund in London zu etwa 25 Pfg. im Einzelnen verkauft; bei Rindfleisch, welche- im Einkauf 15 Pfg. kommt, find die Transportkosten etwa 8 Pfg., der Verkaufspreis ist 30 Pfg., ebenso stellt fich die importirte australische Butter um 50 pCt. billiger, wie die in England sonst käufliche. —
Selbstverständlich besitzen die Hauptstellen des australischen Exports ebensolche Gefrierhäuser, um den ankommenden Schiffen feinen unnötigen Zeitverlust zu verursachen und denselben sofort die ganze Ladung versandtfähig und schon gefroren übergeben zu können.
Was die Einrichtung dieser Kälte-Dampfer betrifft, so unterscheidet fich diefelbe nur wenig von jener der stationären
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Landmagazine- der ganze Laderaum ist der Länge nach in recht- uod links befindliche, au-doppelten Holzwänden gebaute Gefrierkammern getheilt, deren Doppelwäude mit Torf oder Sägespähnen gegen Wärmedurchlaß isolirt find; der Preis der Herstellungskosten der Kammern beläuft fich auf etwa 2000 Mark für 1000 Kilo zu lagernden Fleisches. AlS EiS« rnafchtnen find fast allgemein Ammoniak Maschinen in Gebrauch, welche die Temperatur in den Kammern auf —6 bis 7® erhalten; über —5® zu gehen, empfiehlt fich nach gemachten Erfahrungen nicht. Zum Aufthauen de« Fleisches benutzt man iu England einfach einen warmen Luftstrom, welchem die Rinder 2—3 Minuten zum Aufthauen eingehangen werden.
Wie aus dielen Angaben hervorgehen dürfte, bildet jene Einfuhr frischen Fleische- in England bereit- einen wichtigen wirthschaftlichen Factor, der eineStheils den weniger Bemittelten die Ernährung mit gutem billigen Fleisch ermöglicht, anderseits aber auch entschieden auf die Preise des inländischen Fleische- einen regulirenden Einfluß auSübt. Auch Frankreich hat die Wichtigkeit diese- Import- recht wohl erkannt, indem das KriegSministerium den Bezug solchen Fleische- zur Beköstigung der Armee angeordnet hat, seinen Bedarf allerdings nicht birect, sondern au- England beziehend, wie auch alle franzöfischen Festungen in den Proviant-Magazinen Ab- theilnngen mit Geiriereinrichtung haben, um im Falle eine« Krieges große Mengen frischon Fleische- aufspeichern zu können.
Daß man in Deutschland den Vortheil diese- Fleisch- bezngeS gar nicht auSnutzt, muß jedenfalls sehr befremden, doch mögen allerdings die bei un- so häufig und plötzlich eintretenden Verbote der Einfuhr fremden Fleische« vielleicht davon adschrecken, der Sache näher zu treten.
(Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Earl Fr. Reichelt, Berlin NW. 6).
* Radfahren. Der „Große Preis von Berlin" wandert nach Frankreich. Aus Berlin, 20. September, wird berichtet: Der franzöfische Meisterfahrer Paul Bourrillon fiegte überlegen über alle seine Concurrenten. Willy Arend, der Weltmeistersahrer, ließ fich von August Lehr auf den dritten Platz verweisen, und der berühmte Engländer Parlby endete al- Fünfter hinter Käier Basel. Dies ist das Resultat des EntscheidungSlaufe-, welcher gestern auf der Halenseeer Rennbahn zum AuStrag gelangte. Daß Arend von Bourrilloa geschlagen würde, stand allgemein schon ziemlich fest, aber daß der junge Weltmeisterfahrer fich auch noch vor Lehr beugen mußte, ging doch gegen alle Prophezeiungen. Der Sieger deS „Großen Preise-" gewann 7000 Mk., Lehr
Hruilleton.
Fünftig Jahre am Große» Satter.
Von Friedrich Thieme.
(Schluß.)
Die feindlichen Indianer wurden tn den ersten Jahren tefiegt- zu den Vereinigten Staaten unterhielt der neue Prophet, der an Energie und diplomatischer Einficht seinem Vorgänger nicht« nachgab, obwohl auch er nur ein schlichter otmmermann gewesen war, ein leidliches Verhältniß. So lerwandelte fich unter den fleißigen Händen der Mormonen He Wildniß in einen blühenden Garten. Mit Recht nannten sie ihren Start (mit einem angeblich wiederum oeuäghptischeu Wort) Deseret, d. b. die Honigbiene, denn fie thaten es wirklich den emsigen Bienen an Arbeit gleich. Ihre Prediger wirkten mit gutem Erfolg, ihnen immer neue Rekruten ^führend. In Amerika, England, Frankreich, Überall tauften fe Gläubige. In London besitzen fie sogar ihre eigenen Tempel. Man schätzt ihre Gesammtzahl zur Zeit auf etwa ine halbe Million, wovon die Hälfte auf Utah kommt. Die xroße Salzseestadt zählte 1890 etwa 45,000 Einwohner, öngham Uoung behauptete fich bi« an sein Lebensende in l'.icier Würde. Er starb am 29. August 1877 in Galt« Lake-City. Unstreitig erwarb er fich um den Mormonen- ftaat große Verdienste, doch leistete er fie nicht ohne Ent« lkltt, denn ursprünglich arm wie eine Kirchenmaus, hinterließ tt bei seinem Tode ein schönes Verwögen. 17 Frauen und 34 Kinder beweinten seinen Heimgang
Nen-Jerusalern ober Salt-Lake-Cith liegt malerisch am ftjfe des Wahsatchgebtrge« an dem den Großen Salzsee mit dem Utahsee verbindenden Jordanfluß. Der Große
Salzsee besitzt so starken Salzgehalt, daß kein Fisch tu seinem Wasser leben kann und die Mormonen in der ersten Zeit ihrer Anwesenheit daselbst au« drei Eimern Wasser einen Eimer Salz gewannen. Badende sanken nur bi« an die Schultern ein, und Fleisch, das man einen halben Tag in sein Wasser legte, war gepökelt. Die Berge und Thäler hatten Ueberflnß an Wild, nur an Holz herrschte anfangs großer Mangel, dem die Culturarbeit der Ansiedler indessen mit der Zeit abhalf.
D-e heilige Stadt steht jetzt vollkommen auf der Höhe der Zett. Mit ihren breiten Straßen, den hübschen, gärten« umschlossenen Häusern macht fie einen äußerst freundlichen Eindruck. Electrische Bahnen durchsausen ihre Straßen. Ihr Tabernakel, ein ovale» RiesenbethauS, umfaßt achttausend Sitzplätze. Neberall herrscht Ordnung, Ruhe und Sauberkeit, die Bevölkerung erscheint still, arbeitsam und friedlich, nur die Frauen zeigen infolge der Vielweiberei und ihrer untergeordneten Stellung ein gedrücktes Wesen.
Der Mormoncnstaat stellt eine Theodemokratie dar, wenigstens will er fie darstellen. In Wahrheit besitzt er nur wenig Drmokratisches, der Präfident und Prophet übt eine fast absolute Gewalt an«. Er und seine Würdenträger schwelgen, während die große M»sse de« Volkes die Mitiel hierzu und für die mannigfachen Bauten und Staatslasteu erwirbt. Das GlaubenSbekenntniß verbindet eine Anzahl ganz vernünftiger Ideen mtt den unsinnigsten Phantasien und Erfindungen, Die Bibel, buchstäblich auSgelegt, das Buch Mormon und einige Schriften de« Propheten dienen als Grundlagen. Gott ist eine Art idealifirter Person, er ist nicht allgegenwärtig, trägt Menschengestalt, ist aber ein Muster oder Urbild der Vollkommenheit. Christus herrscht als sein Sohn, der heilige Geist ist „der einig gehende Will- von Vater und Sohn". Daneben existiren Götter,
Engel und Geister. Beim Gottesdienst findet da- Reden in Zungen statt. Ist die Zett erfüllt, d. h. allen Menschen da- Mormonen Evangelium verkündet, so hebt eine Zeit der Wunder und Schrecken an, Johanne« der Jünger und drei mormonische Heilige erscheinen auf der Erde, die verlorenen zehn Stämme Israel kommen zu Besuch zu den Mormonen, die Indianer werden bekehrt, zwischen den Gläubigen und den noch übrigen Ungläubigen wird ein furchtbarer Kampf stattfinden, worin die letzteren au-gerottet werden. Aehn- licheS vollzieht fich auf dem östliren Kontinent. Dann werden die Erdtheile fich vereinen, die Auferstehung wird beginnen, das jüngste Gericht findet statt. Die Erde aber wird, durch Feuer geläutert und zu himmlischer Schönheit verk'.ärt, eine Wohnung der Edlen werden. Auf fie senkt fich das himmlische Jerusalem herab und Friede und Freude herrschen in Ewigkeit.
Da immer eine Offenbarung die andere nmstößt, so ist diese Lehre in beständigem Wandel begriffen. Ebenso ist eS mit den anderen Gebräuchen, von denen die Polygamie der bekannteste tft. Wenig r bekannt dürste sein, daß fich die Heiligen besondere Gatten für baS Leben und für die Ewigkeit antrauen (anfiegeln) lassen und fich sogar mit Todten vermählen können. Gegen die Vielweiberei hat die Union 1882 und 1887 strenge Gesetze erlassen, so daß man dieselbe gegenwärtig wohl als beseitigt ansehen kann.
Heber die Zukunft de« Mormonenstaates läßt fich ein sicheres Urtheil nicht abgeben. Zur Zeit darf man vom Verfall wohl noch kaum sprechen. Daß da« wunderliche Staatsgebilde jedoch einst an seinen inneren Widersprüchen und dem Uebergewicht der äußeren total verschiedenen Verhältnisse zu Grunde gehen wird, daran ist wohl kaum zu zweifeln.


