Ausgabe 
25.6.1897 Zweites Blatt
 
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1897

Freitag den 25. Juni

Nr. 14« Zweites Blatt

Gießener Anzeig er

Kenerat-Ztnzeiger.

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235. Sitzung. Mittwoch, den 23. Juni 1897.

Die Beralhung der Gewerbenovelle, Organisation deS Handwerks, wird fortgesetzt bet S 82. Ein Compromiß-Antrag Bassermann, Gitmp, Hitze, Kropaisch, welcher hierzu angenommen wirb, gibt dem Paragraph lediglich eine redactionell etwas veränderte Fassung. Auch weiterhin finden einige Anträge derselben Antragsteller auf anderweite redactionelle Formultrung Annahme.

Bei S 91, der von den Innungs-Schiedsgerichten handelt, beantragen Auer und Gen. einen Zusatz dahin, die Entscheidung über rtngereichte Klagen habe innerhalb 14 Tagen zu erfolgen, widrigen­falls der Kläger die Gewerbegerichte oder, wo solche nicht bestehen, die ordentlichen Gerichte solle anrufen dürfen.

Abg. Stadthagen führt zur Begründung an, daß bet den JnnunasschiedSgertchten die Sachen zu sehr verschleppt würden.

Abg. Gamp: Der Tendenz deS Antrages stimmen wir zu, die Frist ist aber mit 14 Tagen zu kurz bemesten. Um eine Vereinbarung mit den Antragstellern hierüber zu ermöglichen, bitte tch die Berathung dieses Paragraphen einstweilen auszusetzen.

Das Haus stimmt diesem Vorschläge zu.

S 91b gewährt gegen Entscheidungen einer Innung oder eines Jllnungsschtedsgertchtes die Klage bet dem ordentlichen Gericht binnen einer Nachfrist von 10 Tagen.

Ein Antrag Auer will diese Nothsrtst auf einen Monat aus­dehnen.

Ein Antrag Richter und Gen. will die Klage auch bet dem Gewerbegericht zulaffen, wo ein solches besteht.

Abg. Fischbeck befürwortet diesen Antrag im Interesse der Arbeitnehmer und der Autorität der Gewerbegerichte.

Abg. Gamp bekämpft den Antrag, erklärt fich dagegen mit dem Anträge Auer einverstanden.

Der Antrag Auer, der noch von Stadthagen empfohlen wird, wird angenommen, der Antrag Richter abgelehnt.

S 94c erklärt die Innungen für befugt, die zur Innung ge­hörigen Betriebe in Bezug auf Befolgung der gesetzlichen und statu­tarischen Bestimmungen zu überwachen.

Ein Antrag Hitze und Gen. (Rechte und Centrum) will hiervon die Räume ausnehmen, welche Bestandtheile landwirthschaftlicher oder fabrikmäßiger Betriebe sind.

Ein Antrag Richter will diese Ausnahme nicht nur auf die betr.Räume" erstrecken, sondern überhaupt auf dieBetriebe" von Handwerkern, welche in landwirthschaftlichen oder gewerblichen Be­trieben beschäftigt sind.

Der Antrag Richter wird abgelehnt, der Antrag Hitze an­genommen. ,

Mit $ 100 beginnen die Bestimmungen über die Zwangs­innungen. n ,

Abg. Richter beantragt, die Bestimmung zu streichen, wonach die Voraussetzung für Bildung einer leistungsfähigen Innung schon dann als vorhanden gelten soll, wenn 20 Handwerker bettritts- pflichtig.

Minister Brefeld hält ebenfalls diese in der Regierungs­vorlage nicht enthalten gewesene Vorschrift für zu schablonen^äßig. GS sei besser, diese Vorschrift fallen zu lassen.

Abg. Bassermann tritt gleichfalls für den Antrag Richter ein.

Nachdem auch Abg. Hitze erklärt hatte, nichts gegen den Antrag einzuwenden, wird-der Antrag Richter einstimmig angenommen.

Dagegen wird ein Antrag Richter abgelehnt, die Einladungen gur Theilnahme an der Abstimmung über Errichtung einer Zwangs-

dazu ihre Zustimmung geben. Bepacke man das Fahrzeug diese» Gesetzes jetzt noch mit dieser Bestimmung, so werde eS untergehen.

Der Antrag wird abgelehnt. Dafür stimmen nur kleine Bruchthetle der Conservativen, des EentrumS und die Antisemiten

Alsdann wird zu $ 91 zurückgegriffen und der Antrag Auer in der Fassung angenommen, daß die Klage bei Gewerbegerichten oder ordentlichen Gerichten statthaft sein soll, falls die Innung oder das JnnungSschtedsgericht den ersten Termin nicht innerhalb acht Tagen nach Eingang der Klage anberaumt.

Bet den Uebergangsbestimmungen, Art. 6, beantragen Richter und Genosien, die in der Vorlage nicht enthaltene, erst bei der zweiten Lesung beschlossene Bestimmung wieder zu streichen, wo­nach bestehende priotlegirte Innungen sich auch ohne die Vor­aussetzungen des S 100, also auch ohne Abstimmung über den Willen der Mehrheit der Interessenten, sich in Zwangsinnungm sollen um­wandeln können.

Der Antrag wird in namentlicher Abstimmung mit 170 gegen 126 Stimmen abgelehnt. Für denselben stimmten vom Centrum v. Hertling, Hug, Lieber, Moritz, Schmitt-Mainz, ferner die Polen und die geschlossene Linke.

Morgen 12 Uhr: Rest der Gewerbenovelle (von der noch die Gesammtabsttmmung, die Resolutionen und ein von den Social- demokraten angekündigter Artikel 10 zu erledigen sind), ServtStartf und Nachtragsetat.

Schluß 58/« Uhr.

Innung nur durch besondere Mittheilung an jeden Betheiligten und nicht auch durch ortsübliche Bekanntmachung erfolgen zu lasten.

Ebenso wird ein zweiter Antrag Richter abgelehnt, daß die Bilduna der ZwangStnnung schon als abgelehnt gelten solle, wenn sich nicht die Mehrheit der zur Abstimmung Aufgeforderten (statt der zur Abstimmung Erschienenen) dafür ausgesprochen habe. Für beide Anträge stimmten die ganze Linke, Polen und Prinz Alexander Hohenlohe.

8 100k Abs. 2 handelt davon, inwieweit der Zwangsinnung auch Handwerker beizutreten haben, weiche in landwirthschaftlichen oder gewerblichen Betrieben gegen Entgelt beschäftigt sind dezw. Haus­gewerbetreibende.

Abg. Richter beantragt, diesen Absatz zu streichen.

Ein Antrag Gamp will den bezeichneten Personen, ehe sie der Beitragspflichl unterworfen werden können, Gelegenheit zur Aeußerung hierüber geben.

Dieser Antrag wird zunächst, als Zusatz zum Absatz 2, an­genommen.

lieber den Antrag Richter, der den so erweiterten Absatz 2 ganz streichen will, wird Zählung nothwendtg. Der Antrag, für den die Linke, Palm, Welfen, vereinzelte vom Centium und Prinz Hohenlohe stimmten, wird mit 143 gegen 110 Stimmen abgelehnt. Die Antisemiten enthielten sich der Abstimmung.

Ein weiterer Antrag Richter will die Bestimmung der Re­gierungsvorlage wiederherstellen, daß eine Innungs-Krankenkasse auch geschlossen werden könne, wenn durch sie das Bestehen einer Orts­krankenkasse gefährdet werde.

Abg. Richter zieht diesen Antrag nach kurzer Debatte zuruck, da am Bundetzrathtztische Schweigen herrsche, der Regierung also nicht einmal an Wiederherstellung ihrer eigenen Vorschläge etwas gelegen zu sein scheine. c

Mit 8 103 beginnen die Vorschriften über die Handwerker- kammern. Ein Antrag Slugtt gu § 103a, allen zur Kostdeckung berangezogenen Handwerkern das Wahlrecht zu geben, auch wenn sie weder einer Innung noch einem Gewerbeverein angehören, wird abgelehnt, ebenso ein Antrag Augst, auch die nicht mehr acttven Handwerker wählbar zu machen.

8 103i wird auf Antrag Hitze (Centrum und Rechte) in etwas veränderter Form angenommen. Dana» sollen die Kosten der Hand- werkerkarnrnern von den Gemeinden getragen werdennach näherer Bestimmung der höheren Verwaltungsbehörde", also nicht unbedingt nach Verhältniß der Zahl der den Gemeindedezirken angehörenden selbstständigen Handwerksbetriebe.

Mit 8 126 beginnen die allgemeinen Vorschriften über die Lehrlingsverhältnisse. Der Paragraph besagt: Für Personen unter 17 Jahren, die mtt technischen Hilfsleistungen nicht blos vorüber­gehend beschäftigt werden, gilt die Vermuthung des LehrverhältnisseS.

Ein Antrag Richter will den Paragraph hier streichen, um ihn als 8 128a unter die besonderen Bestimmungen für Handwerker einzureihen, so daß er also thatsächlich nur für das Handwerk Geltung haben solle.

Abg. v. Stumm stimmt diesem Anträge ausdrücklich zu.

Nach kurzer Debatte wird auf Vorschlag Richters und unter Zustimmung v. StummS 8 126 ganz gestrichen.

Bei den besonderen Bestimmungen für Handwerker nehmen die Abgg. v. Liebermann, v. Bernstorff-Uelzen und Genossen den Antrag wieder auf, daß von 1905 ab nur die.zur Führung des Meistertitels Berechtigten sollen Lehrlinge falten dürfen.

Minister Brefeld erklärt, daß die verbündeten Regierungen dabei verbleiben, eine solche Bestimmung schließe bm Befähigungs­nachweis in sich. Die verbündeten Regierungen würden niemals

Citeratur und Ariußt»

Geschichte btt Weltliteratur nebst einer Geschichte de» Theater» aller Zetten tmb Völker. HerauSgegeben von Julius Hart. Erscheint in 40 Lieferungen zum Preise von je 30 Pfg. und umfaßt ca. 120 Druckbogen mit 825 Abbildungen und 16 Tafeln in feinstem Farbendruck. Auch zu beziehen in zwei hoch­feinen Leinenbänden zum Preise von 15 Mk. Verlag von I. Neu­mann in Neudamm. DieJllustrirte Geschichte der Weltliteratur^ ist kein schwerfälliges Gelehrtenwerk, sondern eine anregende und fesselnde Lectüre für die weitesten Volkskreise; sie gibt ein farbiges und lebensvolles Bild von der Entwickelung des menschlichen Denken» und Empfindend, so weit sich dieses in den Schriftwerken und vor allem in den poetischen Erzeugnissen aller Zeiten und Völker ge­äußert hat. UeberaH beruhend auf dem eigenen Studium der Dichter und Denker, bringt das Werk keine dürre Aufzählung von Namen und Daten, sondern es sucht durch künstlerisch abgerundete, anregende Darstellungen in das innerste Verständniß der Literatur einer jeden irgendwie wichtigen Culturperiode einzuführen und den Zusammen­hang zwischen dem materiellen Leben wie dem ideellm Dichten und Denken darzulegen und dieses aus jenem verstehen zu lehren. Selbst­verständlich ist ein besonderrs Gewicht auf die Darstellung der Neu­zeit und die Geschichte der deutschen Literatur gelegt worden; von den ersten Anfängen an führt unser Werk bis in die jüngste Gegen­wart hinein, um so auch den modernen Bestrebungen völlig gerecht werden zu können. Es bietet ferner im steten Anschluß an die Ge­schichte des Dramas eine lichtvolle Ueberstcht über die Entwickelung deS Bühnenwesens und der Schauspielkunst. Ein besonders wichtiger und interessanter Bestandtheil derWeltliteratur und Bühnengeschichte" ist ihr außerordentlich reicher Bilderschmuck, welcher ausschließlich nach authentischen Originalen hergestellt ist. Die vorliegende erste Lieferung, welche ungemein reichhaltig ausgestattet und mit drei Farbentafeln geziert ist, wird von der Verlagsbuchhandlung umsonst und postfrei versandt, so daß Jedermann in der Lage ist, fich ein Urthell zu bilden.

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Vulkanische Eruptionen.

Von Dr. Fritz Gustavus. (Fortsetzung.)

Das ist leider nicht daS einz'ge Mal, daß der Vesuv volkreiche Ortschaften und Städte der Erde gleich gemacht hat. Im Jahre 512 erfolgte ein so heftiger Ausbruch, daß die Asch: die Konstantinopel und Tripolis getragen wurde. Lange Jahrhunderte herrschte sodann Ruhe im Krater de» Berges, himmelanftrebende Eichen ragten daraus hervor und die wenig geschichtskundigen Anwohner hatten längst jede Sour von Besorguiß verloren. Schwer sollte diese Sicher- hett am 16. December 1631 sich rächen. Unter Donner, Blitz und Erdbeben entlud fich von Neuem der gefährliche Vulkan, ein metlenweiter Lavastrom brach verheerend aus dem geborstenen Berge hervor, in wenigen Stunden alle Ortschaften, die ihm auf seinem Wege begegneten, begrabend. Die Lava setzte sich an der Küste an, diese bedeutend ver- läugernd. 3000 Menschen kamen um, darunter eine ganze, 400 Theilnehmer zählende Prozession. Ein dritter ge­waltiger Ausbruch im Jahre 1794 zerstörte Torre del Greco gerade in dem Augenblicke, als die Bewohnerschaft eben in den Kirchen dem Himmel dafür dankte, daß der Strom der Lava nicht auf ihren Ort zufließe. Die letzte große Eruption geschah in den Tagen vom 24. bis 27. April 1872. Fünf Lavaströme brachen au» den Oeffuungeu de» Berges hervor, die fich mit reißender Eile in die Tiefe stürzten, alles ver­sengend, was ihnen entgegentrat, Oelbänme, Pinien, Wein­reben. Die Häuser stürzten wie Kartenhäuser zusammen. Die fast zwei Stunden von der Krateröffaung entfernte Stadt San Sebastiano wurde völlig vernichtet. Bon den

Neugierigen, welche fich, um den furchtbar-schönen Anblick der Lavaselder zu genießen, näherten, wurden über hundert von der Gluth verzehrt, ja, theilweise geradezu von der Erde verschlungen. Der entstandene Schaden wurde auf Millionen geschätzt.

Ebenso bekannt wie der Vesuv ist der Aetna, auf dem, wie auch auf dem weiter unten erwähnten Stromboli, in der letzten Zeit ebenfalls eine wesentlich erhöhte vulkanische Thätigkett beobachtet wurde. Fast dreimal so hoch als der Vesuv (3300 Meter) bietet dieser Feuerberg hohe landschast- liche Reize. Schon die Alten verzeichnen 23 Ausbrüche in 300 Jahren. Berhängnißvoll wirkte besonders die Kata­strophe von 1669, wo ein Lavastrom von stellenweise 4000 Meter Brette 14 Ortschaften begrub. Dieser Riesen- ström, der z. B. stundenlang einen ganzen Weinberg mit fich forttrug, war nach Jahren noch nicht völlig erkaltet. Die letzte der häufigen Eruptionen fand 1886 statt. So schön deßhalb auch da» Land, so fruchtbar der Boden ist, so köstliche Erzeugnisie eS hervorbringt, so ist doch der Auf­enthalt in der Nähe eines solchen Teufelsberges naturgemäß mit ewiger Unruhe und Sorge verknüpft. An gemüthltche» Wohnen ist nicht zu denken, so daß der Dichter Recht behält, wenn er singt:

Am Aetna wächst die Frucht der Hesperiden

Und Oel und golbner Wein,

Allein man wohnt am Aetna nicht zufrieden Und kann nicht ruhig sein.

Der Feuerberg stürzt aus dem Höllenschlunde Ost seine Fluth herab, m .

Und wälzt die Stadt mit Oel und Frucht zu Grunde, Und macht ein großes Grab." (Seume.)

Da ist schon befier sein in unserem stillen Vaterlande. Einen Vulkan, welcher seit Jahrtausenden ununterbrochen bei der Arbeit ist, ohne tndeffeu direct Schaden anzurichten, haben wir im Stromboli vor un», einemJnselvulkan, auf

welchen die Alten den Wohnsitz des AioloS auS der Odyssee verlegten. Seit dreitausend Jahren sendet der Krater deS Stromboli alle Viertelstunde unter gewaltigem Donner einen Dampfstrahl nebst Lava, Schlacken und Steinen einige hundert Fuß hoch empor, und zwar in so gerader Richtung, daß man sich ohne Gefahr am Rande oufstellen und dem Spiele des Vulkan» zusehen kann. Dabei gewährt der Wunderberg den Schiffern noch einen bemerkenSwerthen Nutzen, indem er die Rolle eines untrüglichen Wetterpropheten spielt. Er Pflegt nämlich, wenn Stürme im Anzuge find, heftiger als gewöhn­lich zu qualmen, und wenn Sciroccowind herrscht, so donnert er mächtiger, als er sonst seine Art ist.

Ihm ähnlich ist der Sangai in Südamerika. Wie Bölsche berichtet, donnert und leuchtet er seit anderthalb Jahrhunderten unausgesetzt. Wiffe beobachtete 1849 inner­halb einer Stunde 267 Eruptionen, und das Getöse drang zu Anfang der 40er Jahre bis in eine Ferne, die dem vollen Abstande etwa der Stadt Berlin von Basel entspricht.

Der Jökul auf Island vernichtete im Jahre 1783 trotz der Haus- und Menschenarmuth jener Gegend zwanzig Dörfer und über 9000 Menschen. Mehrere tausend Personen kamen auch bei dem Ausbruche des Gunung Gelungung auf Java vom 8. bis 12. October 1822 umS Leben. Die Einwohner hatten sich auf eine Anzahl^ Hügel in der Nähe ihrer Dörfer geflüchtet,- zu ihrem unsäglichen Schrecken stieg die glühende Lava, welche die Gegend ringS umher in einen See verwandelte, aber höher und höher, die Unglücklichen drängten fich auf einem immer kleineren Platze zusammen unb endlich erhob fich der Strom über die Hügel unb damit über die Köpfe der Armen, welche unter entsetz, lichem Geschrei unb Gejammer in der Fluth versanken.

(Schluß folgt.)