Nr. 12l Zweites Blatt
Dienstag den 25. Mai
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Deutsches Reich-
Darmstadt, 22. Mai. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich nebst Ihren König!. Hoheiten dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen trafen heute Mittag 12 Uhr 8 Mtn., von FriedrichShof kommend, zum Besuch Ihrer König!. Hoheiten deS Großherzog- und der Großherzogin ein, Allerhöchstweiche mit Sr. Durch!, dem Prinzen und Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Ludwig v. Battenberg von Schloß Hetltgenberg hierhergekommen waren. Der hohe Besuch nahm am Luncheon theil und reiste im Laufe des Nachmittags wieder ab.
Darmstadt, 22. Mat. Ihre König!. Hoheiten der Groß« Herzog und die Großherzogin wohnten heute Bormittag auf dem Griesheimer UebungSplatz der Besichtigung der zwei Bataillone des 5. Großh. Infanterie-Regiments Nr. 168 und mehrerer Batterien des Hessischen Feld-Artillerie Regiments Nr. 11 durch den commandtrendev Genera! des 11. ArmeecorpS Genera! der Infanterie v. Wittich bet.
Berlin, 22. Mat. Dem „ReichSanz." zufolge ist der Generalmajor Haberltng, beauftragt mit Führung der sechsten Jnfauterte-Brigade, tu den Adelstand erhoben worden.
Berlin, 22. Mai. DaS Diner, welches der Gesammt« Vorstand deS Reichstages gestern zu Ehren des Präsidenten, Frhrn. von Buol gab, nahm einen anregenden Verlauf. Der erste V cepräfident, Abg. Schmidt, brachte den Trink- fpruch auf den Präsidenten aus.
Berlin, 22. Mat. Am nächsten Montag wird vor dem Landgericht I der Proceß gegen den früheren Criminal- cowm'ffar v. Tausch beginnen. Man nimmt an, daß die Verhandlungen etwa acht Tage dauern werden.
Berlin, 22. Mai. Die Tagung 'des Reichstages wird, wie verlautet, am nächsten Freitag geschloffen. Die Mtlitärstrafproceßorbnung soll nicht mehr an den Reichstag gelangen. Es werden nur noch die zweiten bezw. dritten Brrathungen der Handwerkervorlage, des.ServiStarifS, deS EcganzungSetatS und deS Nachtragsetats erledigt. Die dritte Berathuug der Juftiznovelle wird nicht mehr beantragt werden.
Berlin, 22. Mai. Ein parlamentarischer Berichterstatter schreibt: Sicherem Vernehmen nach werden von den Freunden der Regierungsvorlage zur zweiten Berathuug der Novelle zum Vereinsgesetz im Abgeordnetenhause neue Anträge vorbereitet, welche der Vorlage eine präcifere Faffung mit der ausschließlichen Wendung gegen die umstürzlerischen Bestrebungen der Socialdemokratie (eine Art von Soctaltften- gesetz) geben soll.
Görlitz, 22. Mai. Ein über Greiffenberg, Krumm OelS und Lrebenthal ntedergegangenes Unwetter hat, wie der „Neue Gvclitzer Anz." berichtet, große Waffermengen gebracht.
In Folge dessen sind der Queisfluß und die Oelsa in raschem Steigen begriffen. Viele Häuser stehen bereits unter Wasser.
Wirschkowiy, 22. Mat. Se. Maj. der Kaiser begab sich heute früh wiederum auf die Pirsch.
Mindelheim (Bayern), 22. Mai. DaS Befinden deS Pfarrers Kneipp, welches gestern sehr schlecht war, hat sich im Laufe deS heutigen Vormittags wieder erheblich gebessert.
Anstand.
Wien, 22. Mai. Ein österreichisches Torpedoboot legte zwei Segelboote, die mit Munition und Lebensmitteln angefülll waren, mit Beschlag.
Paris, 22. Mat. Die Regierung beabsichtigt, der Nothlage der durch den letzten Frost so sehr geschädigten Winzer dadurch zu steuern, daß ihnen die Grundsteuer gänzlich erlassen und eine Unterstützung von 5 Millionen Francs an sie vertheilt wird.
Parts, 22. Mat. Der „Gauloiß" veröffentlicht daS Testament des Herzogs von Auma le. Der Herzog von Chartres wird darin zum Testamentsvollstrecker ernannt. DaS ,,Institut von Frankreich" erhält die Domänen, daS Schloß und die Sammlung von Chantilly, der Herzog von Orleans erhält Domänen und Schloß von Eu, Aumale, Palermo, Zacco und Norton, Prinz Johann von Orleans erhält das Gut von Nouvion, der Fürst von Bulgarien soll 66 Millionen Francs erhalten.
Laudon, 22. Mai. Der „Standard" meldet, Edhem Pascha werde den Sultan bet der Jubtläumsfeter der Königin Victoria vertreten.
Athen, 22. Mai. Die Kronprinzessin Sophie spendete 25000 Drachmen zur Unterstützung Verwundeter.
Athen, 22. Mat. Der russische Gesandte, unterstützt von den Vertretern anderer Mächte, warnte die Regierung, falls sie nicht fest zur Dynastie steht, vor den Folgen ihres Verhaltens.
Athen, 22. Mai. Sobald die Frtedeusbeding- un gen der Großmächte festgestellt find, wird die Kammer einberufen. Die Verhandlungen über die neutrale Zone sollten heute Mittag 1 Uhr beginnen. Die Zeitungen melden, daß die Verwüstungen, welche die Türken in den Städten und Dörfern Thessaliens angerichtet haben, einen Schaden von über 50 Millionen ausmachen.
Universitats - Nachrichten.
Halle, 21. Mai. Professor Dr. med. Fehling, der Director der Universitäts-Frauenklinik hier, erhielt einen Ruf als Nachfolger deS verstorvenen Prof. Säxinger in Tübingen.
Zürich, 22. Mai. Der Regierungsrath wählte den Privat- docenten Ernst Neumann-Leipzig zum außerordentlichensProfeffor der Philosophie und Pädagogik an der hiesigen Unioerstlät.
— Der Lehrkörper der Berliner Universität umfaßt augenblicklich 370 Personen, darunter 90 Ordinarien, 13 ordentliche Honorarprofessoren, 87 außerordentliche Professoren, 175 Privat» docenten, 4 Sprachlehrer und 1 Lehrer der Zahnhetlkunde. Die stärkste Facultät. die philosophische, setzt sich bei einem Bestände von 190 Lehrkräften zusammen aus 50 Ordinarien, 5 Honorar-, 41 außerordentlichen Professoren, 90 Priva docenten und 4 Sprachlehrern. Zur medicinischen Facultätzählen 127Lehrer: 14ordent- liche, 4 Honorar-, 35 außerordentliche Professoren, 73 Privatdocmten und 1 Lehrer der Zahnheilkunde. Die juristische Facultät mtt 33 Lehrkräften besteht im Einzelnen aus 17 ordentlichen, 3 Honorar- und 4 außerordentlichen Professoren, sowie auS 9 Prioaldocentm. Die theologische Facultät, die kleinste an Zahl, hat 9Ordinarien, 1 Honorarprofessor, 7 Extraordinarien und 3 Privatdocenten, tnS- gesammt also 20 Lehrkräfte.
Ipitlpln ter nrtiii|tni Irakerin totttyrdn.
Opernhaus.
Dienstag den 25. Mai. Die lustigen Weiber. Mittwoch den 26. Mai: Die Meistersinger. Donnerstag den 27. Mai: Fra Diavolo. Freitag dm 28. Mai aeschloffen. Samstag den 29. Mai: Martha. Sonntaa den 30. Mat: Ezaar und Zimmermann. Montag dm 31. Mai geschlossen. Dienstag ben 1. Juni: Tannhäuser.
Scha«fptelha«s.
Dienstag dm 25.Mai: Minna von Barnhelm. Mittwoch den 26 Mai: Schule der Frauen. Der eingebildete Kranke. Donnerstag ben 27. Mai: Die osfictelle Frau. Freitag den 28. Mai: FieSco. Samstag dm 29.Mai: Gebildete Menschen. Sonntag den 30. Mat: Die versunkene Glocke. Montag dm 31. Mai: Der Fechter von Ravenna.
Unterhaltungen in Bad-Nauheim.
Die Kurcapelle spielt täglich Morgens von 7 bis 8 Uhr am Kurbrunnen, Nachmittags und Abends stehe unten, bet weniger als 10° R. Wärme tm großen Speisesaale des Kurhauses.
DtenStag den 25. Mat, Nachmittag« von 3 bi« 93/< Uhr auf der Terraste zur Feier der Anwesenheit deS Bezirks-EisenbahnrathS: Doppel^Eoncert von der Capelle deS 2. Nass Jns.-Regts. Nr. 88 aus Mainz und der Kurcapelle. Mittwoch den 26. Mai, Nachmittags von 4 bis 7 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Renaissance. Donnerstag den 27. Mai, Nachmittags von 41/? bis 7 und von 8 bis 9 Uhr auf der Terrasse: Concert von der Capelle des «Thüring. Ulanen- Regiments Nr. 6 aus Hanau. Freitag den 28. Mai, Nachmittags von 3>/, bis 6' - Ubr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurcapelle. Gastspiel der Solotänzerinnen Frl. Josefine Weiß und Rostna Samsa vom Stadttheater in Frankfurt a. M. Beckers Geschichte. Hierauf: Ballet: Grand pas de denx. Dann: Papa hat's erlaubt. Zum Schluß: Ballet: Ungarischer Tanz. SamStag dm 29. Mai, Nachmittags von 4 bis 7 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse Abends: Sinfonie C-moll Nr. 5 von Beethoven. Abends 8 Uhr im Saale: Zaubervorstellung des Herrn Joachim- Belachini auS Frankfurt a. M. Vorläufige Anzeige: Sonntag dm 30. Mai, Nachmittags von 4»/, bis 7 und von 8 bis gegen 9 Uhr auf der Terrasse: Concert von der Capelle des Brandend. Fußart.- Regiments Nr. 3 (G. F. M.) aus Mainz.
Feuilleton.
Es wär so schön gewesen.....
Humoreske von Georg Persich.
(Nachdruck verbot«.)
Der Herr Chefredacteur hatte bereits seinen Ueberrock angezogen und den Stock aus dem Garderobenständer genommen, um zu Tisch zu gehen, al- ihm einfiel, daß er beinahe wieder etwas vergessen hätte.
Er schritt zu seinem Schreibtisch, wühlte hastig in den bergweise dort ausgehäuften Manuscripten und Zeitung». aus>chnitten herum und hatte endlich in einem zierlichen Briefbogen gefunden, was er suchte.
„Herr Doctor Melzer!"
AuS dem anstoßenden Zimmer, in welchem die internen Mitarbeiter der Redaction ihre Plätze hatten, ertönte ein „Ja" und gleich darauf trat ein junger Mann in daS Aller- hcrltgste, in welchem der oberste Schriftleiter thronte.
„Ich habe hier vor längerer Zett ein Gedicht erhalten, — eines von den vielen —"
Dvctor Melzer machte eine verftändnißinntge Gebärde.
M®ei flüchtiger Durchsicht," fuhr der Gestrenge fort, „ist es mir als ein miserables Machwerk erschienen. Aber lesen Sie selbst. Hätte die Verfasserin nicht inständig gebeten, da- Manuscrtpt nicht in den Papterkorb zu werfen, es wäre diesen Weg gewandert. So will sie es im Falle der Nichtannahme persönlich wieder abholen. Ich habe sie tm Briefkasten benachrichtigt, daß da- Geretwsel zu ihrer Verfügung stände nnb heute in der Mittagsstunde von ihr entgegengenommen werden könne. In der Mittagsstunde," wiederholte der Sprecher milden, erläuternden Tones, „da ich dann nicht hier bin. Sie hat nämlich das Ding an
mich persönlich adressirt und ich müßte ihr vielleicht noch Rede stehen, weßhalb es nicht gedruckt werden kann. Na, Sie wissen nun ja Bescheid. Mahlzeit!"
Damit stelzte der Herr Chefredacteur zur Thür hinaus.
Er war schon draußen, als über Melzers Lippen das Wort „Mahlzeit" kam.
„Schöne Mahlzeit," sagte er dann zu sich, und sein Gesicht zeigte tiefe Schmerzensfalten. „Wäre das nur erst überstanden!M
Dann legte er daS Manuscript mit einem Seufzer auf seinen Schreibtisch und bald saß er wieder über seine Kritik deS neuen Lustspiels von gestern Abend gebeugt und laS der monierten Naiven, die eine der Hauptrollen vollständig verpfuscht hatte, gehörig den Text.
Doctor Melzer war noch jung in der Journalistik, wie er überhaupt noch jung an Jahren war — eben achtundzwanzig. Bei den „Nachrichten", dem ersten Blatte der aufstrebenden westdeutschen Provinzialstadt, war er seit einem halben Jahre als Feuilletou-Redacteur und Mädchen — Pardon! — Mitarbeiter für alles engagirt. Die Verhältnisse brachten daS so mit sich, aber man konnte dabei etwas lernen, konnte vielseitig werden, und daS war für die journalistische Zukunft, wie der Herr Chefredacteur nicht müde wurde, zu versichern, von allerhöchster Bedeutung.
DaS Schrecklichste der Schrecken war die Prüfung und Bearbeitung der von freundlichen Lesern und noch mehr Leserinnen eingesandten Gedichte. Er hatte sich da» leichter gedacht- er hatte kaum geahnt, daß so viel in der Welt gedichtet wurde.
Als er, aus der Hauptstadt kommend, in feinem Junggesellenheim in dem neuen Wohnort unter anderen Büchern auch „sein" Buch, feine hübsch eingebundenen „Lyrischen Momente" auf das Regal stellte, da geschah e» mit dem
। Hochgefühl, daß er ia dieser Stadt wohl der einzige Dichter I sein würde.
Er wurde bald eineß anderen belehrt. Daß liebe 3E. hatte zahlreiche Dichter und Dichterinnen in seinen Mauern, und der Altar, auf dem sie alle die Kinder ihrer Muse opfern wollten, war die Sonntags Beilage der „Nachrichten". In jeder Nummer fand man hier drei Gedichte von neuzeitlichen Poeten von X. und Umgegend. Gegen ein Mehr sträubte sich sogar der Herr Chefredacteur, der sonst sehr prosaisch dachte und mit der Aufnahme der Dichtungen nur den Zweck verfolgte, zarte Bande um daß Blatt und feinen Lefeik.eiß zu schlingen.
Doctor Melzer hatte seine Kritik mit einer feinen ironischen Wendung, einem wahren journalistischen Damaßcener- Schwertstreich vollendet.
Nun nahm er beklommen daß neben ihm liegende Gedicht zur Hand- er mußte sich ja auf eine Motivirung bei ablehnenden Urtheilß gefaßt machen. Er laß und wiederholte da» Gelesene — das war ja baarer Unsinn! Aber weiter. Der kritische Leser schnitt fürchterliche Grimaffen. Welch eine Verirrung war doch dieses Gedicht, welch eine horrende Geschmacklosigkeit! Wie überspannt mußte die Verfasserin sein! Nach dem Grade der Schwärmerei zu urtheilen, natürlich eine höhere Tochter, ein junges, unreife» Ding.
Melzer stützte den Kopf in die Hand und gähnte. Er würde ein guteß Werk thun, wenn er der Dichterin mit eindringlichen Worten ihre Talentlofigkeit bedeutete. Schließlich war baß eine Gewissenspflicht. Er erwog reiflich die geringen AuSfichten einer derartigen menschenfreundlichen That.
(Fortsetzung folgt.)


